Rems-Murr-Sport

Hat der Spitzensport in Deutschland einen zu geringen Stellenwert?

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Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion in der Waiblinger Rundsporthalle (von links): Jürgen Schweikardt (Geschäftsführer TVB Stuttgart), Markus Frank (Präsident Schwäbischer Turnerbund), Tim Lamsfuß (Leiter Olympiastützpunkt Stuttgart), Moderator Mike Wagner, Ian Schölzel (Erster Bürgermeister der Stadt Waiblingen), Rolf Klingler (Vorstand VfL Waiblingen Handball), Patrick Spachmann (Marketing Kärcher), Bastian Spahlinger (Geschäftsführer SG BBM Bietigheim Männer). © Ralph Steinemann Pressefoto

Der Sport hat eine immense gesellschaftliche Bedeutung, dabei spielt der Breitensport eine ebenso wichtige Rolle wie der Leistungssport. Darin waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion in der Waiblinger Rundsporthalle anlässlich der Feierlichkeiten zum 75-jährigen Bestehen des Sportkreises Rems-Murr einig. Infrage gestellt wurde auch, ob der Spitzensport in Deutschland – im Vergleich zu vielen anderen Ländern – einen zu geringen Stellenwert hat.

Das Thema der Diskussionsrunde „Gesellschaftliche Bedeutung des Spitzensports“ passte hervorragend nach Waiblingen, hat die Stadt doch in der kommenden Saison mit dem TVB Stuttgart und den Frauen des VfL Waiblingen gleich zwei Handball-Erstligisten. Qualitativ und quantitativ gut besetzt war das Podium in der Rundsporthalle am Samstagvormittag: Jürgen Schweikardt (Geschäftsführer TVB Stuttgart), Markus Frank (Präsident des Schwäbischen Turnerbundes), Tim Lamsfuß (Leiter des Olympiastützpunkts Stuttgart), Ian Schölzel (Erster Bürgermeister der Stadt Waiblingen), Rolf Klingler (Vorstand des VfL Waiblingen Handball), Patrick Spachmann (Marketing Kärcher) und Bastian Spahlinger (Geschäftsführer der SG BBM Bietigheim, Männerhandball).

Geld kann nicht der einzige Anreiz sein

Der Breitensport bereitet dem Leistungssport den Boden. Also muss alles dafür getan werden, Ehrenamtliche zu rekrutieren. Doch davon gibt’s immer weniger. „Die Frage ist, wie man das Ehrenamt attraktiv und lukrativ macht“, sagte Rolf Klingler. Die 860 Euro Ehrenamtspauschale seien ein Nasenwasser. Jürgen Schweikardt sieht das Dilemma in der Entwicklung der Gesellschaft. „Früher musste man sich irgendwo engagieren, um Leute zu treffen.“ Heute könne sich jeder über die sozialen Medien mit der Welt verbinden, ohne sein Wohnzimmer zu verlassen. Geld könne und dürfe aber nicht der einzige Anreiz sein, die Menschen ins Ehrenamt zu locken.

Markus Frank, Präsident des Schwäbischen Turnerbundes, kritisierte, dass den Ehrenamtlichen die Lust genommen werde durch bürokratische Vorgaben. „Es kann doch nicht sein, dass sich die Sportvereine um Legionellen kümmern müssen.“ Auch der Datenschutz sei eine Spaßbremse für die Ehrenamtlichen, sagte Frank – und forderte eine „auskömmliche“ Förderung des Spitzensports. „Wir können nicht erwarten, dass unsere Halbprofis die Vollprofis aus anderen Ländern schlagen.“ Die Sportler müssten finanziell so unterstützt werden, dass sie sich keine Sorgen um ihren Lebensunterhalt machen müssten.

Identifikation mit Zuschauern wichtig

Glücklich schätzen kann sich der Sportler, der einen Sponsor im Rücken hat – wie den Winnender Reinigungsgerätehersteller Kärcher. „Wir sehen uns als Unternehmen der Region auch in der gesellschaftlichen Verantwortung“, sagte Patrick Spachmann, Vice President Marketing bei Kärcher. Mit den Volleyballerinnen des MTV Allianz Stuttgart, den Erstliga-Handballerinnen des VfL Waiblingen, den Erstliga-Handballern des TVB Stuttgart und dem VfB Stuttgart unterstützt Kärcher gleich vier Erstligateams. „Wir fördern auch den Breitensport, der die Basis für den Spitzensport ist.“

Das kommt auch den Profi-Vereinen zugute. So leben die Zweitliga-Handballer der SG BBM Bietigheim größtenteils von ihrer Jugendarbeit. „Wir haben im Bundesligakader 40 Prozent Eigengewächse, die Hälfte der Spieler ist unter 23 Jahre alt“, sagte Bastian Spahlinger, Geschäftsführer des Männer-Teams. Wichtig sei, im Verein den Weg authentisch vorzuleben.

Verbände müssen sich hinterfragen

Der lokale Aspekt sei auch für den TVB Stuttgart bedeutend, sagte Jürgen Schweikardt. „Wir möchten stets fünf Spieler aus der Region im Kader haben, was in der stärksten Liga allerdings nicht so leicht ist.“ Für die Identifikation mit den Zuschauern und Sponsoren sei das wichtig – und auch, um Vorbilder zu haben für die Jugendspieler. „Es ist unstrittig, dass der Breitensport den Spitzensport ebenso braucht wie der Spitzensport den Breitensport.“ Ein großes Problem indes sieht der TVB-Geschäftsführer in dem geringen Stellenwert des Spitzensports in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern. Anderswo würden die Erstligavereine von der Stadt und der Region viel mehr unterstützt. „Bei uns wird das in der Regel auf die Sponsoren abgewälzt.“

Für Tim Lamsfuß, Leiter des Olympiastützpunkts Stuttgart, stellt sich die grundsätzliche Frage: „Was wollen wir im Spitzensport? Wollen wir die Medaille bei den Olympischen Spielen oder reicht uns auch die Teilnahme an der Weltmeisterschaft?“ Auch dürfe der Spitzensport nicht immer nur auf andere zeigen und mehr Geld und flexiblere Strukturen fordern. „Er muss sich auch fragen, was verkörpert den Spitzensport, wenn es um Anerkennung in der Gesellschaft geht?“ Die Vergabe der Olympischen Spiele oder die Skandale im IOC seien eher kontraproduktiv.

Gefordert seien, da war sich die Diskussionsrunde einig, auch die Verbände. Natürlich müssten die dafür sorgen, dass ihre Sportart attraktiv sei, sagte der STB-Präsident Markus Frank. „Die Verbände müssen darüber nachdenken, wie sie ihre Sportart medial interessant darstellen und vermarkten können.“ Und sie müssten sich hinterfragen, ob die Strukturen in den Verbänden noch zeitgemäß seien. „Es muss Geld ins System“, so Frank. „Dann ist es Aufgabe der Verbände, damit effizient zu arbeiten.“

Der Sport hat eine immense gesellschaftliche Bedeutung, dabei spielt der Breitensport eine ebenso wichtige Rolle wie der Leistungssport. Darin waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion in der Waiblinger Rundsporthalle anlässlich der Feierlichkeiten zum 75-jährigen Bestehen des Sportkreises Rems-Murr einig. Infrage gestellt wurde auch, ob der Spitzensport in Deutschland – im Vergleich zu vielen anderen Ländern – einen zu geringen Stellenwert hat.

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