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Interview: Marco Fritz über die EM

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Marco Fritz als Torrichter bei der EM 2016. © Jamuna Siehler
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Schiedsrichter Marco Fritz – zurück von der Fußball-Europameisterschaft und mittlerweile schon wieder beim Vorbereitungslehrgang zur Bundesligasaison. © Joachim Mogck

Noch bis Sonntag muss Marco Fritz durchhalten. „Dann bin ich froh, wenn ich zwei Wochen lang nichts von Fußball hör’“, sagt der Korber. Im Kopf aber wird er weiter die Erlebnisse seiner ersten Europameisterschaft behalten. Fritz war im Team von Felix Brych Torrichter. „Eine super Erfahrung“, sagt er.

Video: Schiedsrichter Marco Fritz im Interview

Die Saison 2015/16 ist für Marco Fritz optimal gelaufen. Zum Auftakt leitete er das DFB-Supercupfinale zwischen den Bayern und dem VfL Wolfsburg, zum Abschluss das DFB-Pokalfinale, das die Münchner gegen Dortmund gewannen. Und als Sahnehäubchen obendrauf kamen drei Einsätze als Torrichter bei der EM in Frankreich – und einer als vierter Offizieller.

Torrichter – das klingt ziemlich langweilig, vor allem weil die Entscheidung Tor oder nicht Tor ohnehin die Hawk-Eye-Technik fällt. Was tut dann ein Torrichter überhaupt noch? „Hauptaufgaben sind die Foulspiele oder Handspiele im Strafraum zu bewerten, um den Schiedsrichter zu unterstützen“, sagt Fritz. Und wahrscheinlich habe im Halbfinale der deutschen Mannschaft gegen Frankreich auch der Torrichter den Schiedsrichter auf Bastian Schweinsteigers Handspiel aufmerksam gemacht, das dann – völlig zu Recht für Fritz – mit Elfmeter geahndet wurde.

Ungewöhnlich für den Torrichter sei die Perspektive. „Im Normalfall begleitet man als Schiedsrichter das Spiel von hinten oder schaut von der Seite rein und ist gewohnt, so die Zweikämpfe zu beurteilen. Als Torrichter aber kommen die Spieler frontal auf einen zu.“ Ein Problem aber sei das nicht, er selbst kenne das als Mitglied im Team von Felix Brych bereits von internationalen Einsätzen.

Spezielle Vorbereitung auf jedes einzelne Spiel

Vor der EM gab es 95 neue Regeln zu lernen. „Das klingt viel, es sind zum Teil aber nur Formulierungsänderungen, oft nur Klarstellungen“, sagt Fritz. Eine Neuerung, die für die Zuschauer deutlich zu erkennen war, ist beispielsweise, dass man beim Anstoß den Ball nun direkt nach hinten spielen darf.

Vorbereitet wurden die Schiedsrichter vor ihren Einsätzen nicht nur im Bereich allgemeiner Regelkunde. „Wir sind speziell auf die beiden Mannschaften eingestellt worden, mit welchem Spielsystem sie antreten, welche Spieler die Standards ausführen und so weiter.“

Dreimal war Fritz im Team Brych im Einsatz: England – Wales („Sicher das emotionalste Spiel“), Schweden – Belgien und im Viertelfinale Portugal – Polen („von den Einzelszenen am schwierigsten zu leiten“). Mit den Leistungen des deutschen Teams ist der Korber sehr zufrieden. „Wir haben auch tolles Feedback bekommen.“ Direkt nach dem Spiel und am folgenden Tag im Hotel noch einmal intensiver wurden die Spiele mit den Beobachtern jeweils besprochen.

„Für mich persönlich war’s eine super Erfahrung, so ein großes Turnier miterleben zu dürfen“, sagt Fritz. „Ich habe tolle Kollegen aus anderen Ländern kennengelernt.“ Und als vierter Offizieller im Team des Slowenen Damir Skomina bei der Partie Schweiz – Frankreich eine andere Art von Konzentrationsphase vor dem Spiel. „Da gab’s auch Musik in der Kabine.“

Neu für Fritz war zudem: vier Wochen in einem Hotel bei Paris, umgeben nur von Schiedsrichtern. Langweilig sei’s aber nie gewesen. „Es gab einen strukturierten Ablauf. Morgens war Training, nachmittags Physiotherapie und dann hat man ja auch viele Spiele angeschaut. Da war der Tag schon ausgefüllt.“ An den spielfreien Tagen reichte die Zeit auch noch für die eine oder andere Fahrradtour.

Dennoch ist Fritz froh, dass sich an den DFB-Lehrgang (noch bis Sonntag) drei Wochen Urlaub anschließen. Zwei Wochen davon will er komplett abschalten. „Die Pause braucht’s, mental und körperlich.“ Aber dann „fiebert man schon wieder los“.

Marco Fritz

Marco Fritz (38) ist seit 2009 Bundesliga- und seit 2012 Fifa-Schiedsrichter. Der Korber pfeift für den SV Breuningsweiler. Im SVB ist er auch Sportvorstand.

Fritz arbeitet als Bankkaufmann. Er hat eine 80-Prozentstelle. Er hat ein Jahresarbeitszeitkonto, das er sehr flexibel abarbeiten kann „Für die EM gab es eine Sonderregelung.

Mit mehr internationalen Einsätzen als Schiedsrichter – außerhalb des Teams Brych – rechnet er nach seinem EM-Einsatz nicht. „Da muss man realistisch sein, die Plätze sind vergeben.“