Fußball in Rems-Murr

Jetzt mal ehrlich... Interview mit Julian Geldner, Spieler bei der TSG Backnang

Juli gegen SG
Julian Geldner (links), Identifikationsfigur bei der TSG Backnang, hier im Spiel gegen die SG Sonnenhof Großaspach. © Volker Müller

„Juli", spielt die TSG Backnang auch noch in der kommenden Saison in der Oberliga?

Davon bin ich überzeugt. Wir haben genug Qualität in der Mannschaft, die wir aber in jedem Spiel auf den Platz bringen müssen, damit wir am Ende über dem Strich stehen.

Glaubst du, wir spielen die Saison überhaupt regulär zu Ende oder wird es wieder einen vorzeitigen, coronabedingten Abbruch geben?

Das wird sich sicherlich in den kommenden Wochen zeigen. Es kommt darauf an, wie sich die Infektionszahlen und dementsprechend auch die Zahl der ausfallenden Spiele entwickeln. Viele Ausweichtermine gibt es bei dem straffen Terminplan dieses Jahr nicht.

Durchwachsener Saisonstart - doch der Blick geht nach vorne

Nach einem guten Saisonstart - mit achtbaren Leistungen gegen die Aufstiegsfavoriten und derzeit erstplatzierten SGV Freiberg und Stuttgarter Kickers - habt ihr abgebaut und etliche Spiele in Folge nicht gewonnen. Wie ordnest du den bisherigen Saisonverlauf ein?

Ich bin der Meinung, dass wir drei, vier Punkte zu wenig auf dem Konto haben, da wir uns in manchen Spielen einfach nicht für unseren Aufwand belohnt und defensiv zu viel zugelassen haben. Wir haben mit dem Sieg in Villingen einen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Jetzt zählt es, daran anzuknüpfen und die nächsten Begegnungen positiv zu gestalten.

Nachdem ihr letzte Saison souverän durch die Verbandsliga marschiert seid, kam für manche Beobachter der holprige Saisonstart in der Oberliga etwas überraschend. Sind die Qualitätsunterschiede zwischen Ober- und Verbandsliga so extrem?

Natürlich haben Mannschaften in der Oberliga eine höhere Qualität als Verbandsligateams. Aber das ist ja auch der Reiz an der Oberliga. Man möchte sich immer mit den Besten messen. In der Oberliga werden Fehler vom Gegner effektiver ausgenutzt. Also darf man deutlich weniger Fehler machen, um Zählbares mitzunehmen.

Wegen Corona: „schwer einen Rhythmus zu finden"

Mit Holger Ludwig habt ihr zudem einen neuen Trainer an der Seitenlinie [davor TSV Heimerdingen]. Auch ein Grund für den holprigen Start? 

Wenn man bedenkt, dass wir drei Monate komplett nicht miteinander trainiert hatten und dann während der Vorbereitung der Saisonstart sogar um ein paar Wochen nach vorne verlegt wurde, war das sicherlich nicht die optimale Vorbereitung. Aber das hat Holger mit dem gesamten Trainerteam sehr gut gemeistert und uns gut auf die Liga vorbereitet.

Durch die erhöhte Belastung und die insgesamt ungewohnte Situation mit Corona ist es schwer, einen Rhythmus zu finden. Mal haben wir Englische Wochen, dann mal zwei Wochen gar kein Spiel. Aber das müssen wir diese Saison einfach annehmen und das Beste daraus machen.

Neben Ludwig hat es in der jüngeren Vergangenheit etliche weitere Trainerwechsel bei euch gegeben. Welche Auswirkungen hatte das auf eure Mannschaft?

Die Mannschaft konnte dadurch viel Unterschiedliches von den verschiedenen Trainern lernen. Jeder Spieler konnte für sich das Positive herausziehen und sich weiterentwickeln.

Aufstiegsparty per Videokonferenz

Wie bereits erwähnt, standet ihr beim Abbruch der letzten Saison klar auf dem ersten Platz. Wie habt ihr in Zeiten von Corona den Aufstieg gefeiert?

An dem Tag, an dem die Entscheidung getroffen wurde, dass wir aufsteigen, hatten wir uns teilweise in Kleingruppen getroffen und per Videochat mit Verantwortlichen oder Mitspielern ein bisschen gefeiert. Die offizielle Feier gab es dann nach dem ersten Spieltag, an dem wir zufälligerweise gegen unseren Aufstiegstrainer [Evangelos Sbonias, jetzt Trainer bei SGV Freiberg] spielten.

Dass eine Mannschaft absteigt und dann direkt wieder aufsteigt, kommt nicht allzu oft vor. Was war der Schlüssel zum direkten Wiederaufstieg?

Wir hatten kaum Abgänge und waren daher ein bereits eingespieltes Team. Die Mannschaft hat in jedem Training mit extremer Intensität an der Mission Wiederaufstieg gearbeitet. Zudem hat „Laki" [Spitzname von Evangelos Sbonias]  uns auf jedes Spiel sehr gut eingestellt. Das alles führte zu einer überragenden Saison, an deren Ende der verdiente Wiederaufstieg stand.

Geldner, die Identifikationsfigur der TSG

Für dich war es bei Weitem nicht der einzige Aufstieg im Trikot der Roten. Mannschaftsübergreifend hast du bereits vier Aufstiege feiern können. Welcher blieb dir besonders in Erinnerung?

Ich erinnere mich an jeden der vier Aufstiege gerne zurück. Aufzusteigen ist immer etwas Besonderes. Egal, ob es der Aufstieg mit der A-Jugend in die Verbandsliga, mit der U23 in die Bezirksliga war, mit der Ersten in Freiburg in der Oberligarelegation oder die souveräne Meisterschaft im letzten Jahr war. Die Stimmung nach solchen Leistungen ist immer außergewöhnlich, man muss sie in vollen Zügen genießen.

Euer Garant für Tore heißt seit Jahren Mario Marinic. Mittlerweile ist er 36 Jahre alt. Wie steht es um die TSG in der Post-Marinic-Zeit?

Mario ist mit seiner Mentalität und seinen Toren ein wichtiger Faktor für den Erfolg unserer Mannschaft. Ihn komplett zu ersetzen, wäre schwer. In seiner Funktion als Co-Trainer, die er inzwischen inne hat, wird er uns aber hoffentlich noch länger erhalten bleiben - selbst wenn er irgendwann dann die Fußballschuhe an den Nagel hängen sollte. Aber hoffen wir, dass er sich noch ein bisschen Zeit lässt...

Ein weiterer Erfolgsfaktor bei der TSG Backnang bist du. Seit fünf Jahren ziehst du nun schon die Fäden im Mittelfeld der aktiven Mannschaft. Wie siehst du deine Rolle in der Mannschaft?

Ich versuche immer, die Rolle einzunehmen, die für die Mannschaft und für den Erfolg am wichtigsten ist. Die Verantwortung, die ich mittragen darf, wird mit jedem Jahr größer. Dadurch kann ich mich in den nächsten Jahren weiterentwickeln, um mit der Mannschaft weiterhin erfolgreich zu sein.

Herausforderung in einer anderen Liga durchaus denkbar

Könntest du dir persönlich vorstellen, eines Tages noch etwas höher zu spielen beziehungsweise generell die TSG zu verlassen?

Prinzipiell fühle ich mich in Backnang sehr wohl. Die TSG ist mir sehr ans Herz gewachsen. Trotzdem, wenn sich eventuell mal eine passende Herausforderung ergeben sollte, könnte ich mir schon vorstellen, mich auch mal noch in einer anderen Liga zu beweisen.

Die „Etzwiesengaasger“: Der Geldner-Fanclub aus Erbstetten

Nicht nur dir ist die TSG ans Herz gewachsen, sondern du auch der TSG: Es gibt sogar einen eigenen „Geldner-Fanclub". Erzähl uns mal, was es damit auf sich hat.

(Lacht) Stimmt. Schon seit ein paar Jahren kommen meine Eltern und Freunde aus meinem Heimatort [Erbstetten] immer wieder zu den Spielen der TSG. Durch die attraktiven Begegnungen im Etzwiesenstadion ist diese Gruppe dann immer größer geworden. So kamen sie auf die Idee, einheitlich im TSG-Trikot zu den Spielen zu gehen. Mittlerweile nennen sie sich die „Etzwiesengaasger“ [„Gaasger" wurden früher die Einwohner Erbstettens genannt].

Als einer der wenigen hast du den Sprung aus der TSG-Jugend zu den Aktiven geschafft und bist dort zu einer festen Größe gereift. Was fehlt deiner Meinung nach vielen Nachwuchsspielern, die den Sprung nicht schaffen?

Es ist auf jeden Fall kein leichter Schritt, aus der Jugend in den aktiven Bereich zu kommen. Vor allem wenn die Jugendmannschaft auf einer niedrigeren Ebene als die aktive Mannschaft spielt. Ich habe mich anfangs gedulden müssen, um meine Chancen zu bekommen. In den ersten Jahren muss man sich erstmal an den aktiven Fußball gewöhnen. Ich kann Nachwuchsspielern nur empfehlen, nach Rückschlägen nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern weiter an sich zu arbeiten und immer wieder einen neuen Anlauf zu wagen.

Auch neben dem Fußball beschäftigst du dich mit Sport und hast dich zum Physiotherapeuten ausbilden lassen. Was begeistert dich daran?  

Seit eineinhalb Jahren bin ich Physiotherapeut und es ist immer wieder schön, wenn man die positiven Effekte der Behandlungen sieht. Zusätzlich habe ich letztes Jahr noch ein Studium im Bereich der Bewegungswissenschaften begonnen, um meine Kenntnisse weiter zu vertiefen.