Rems-Murr-Sport

Klein und Fehr blicken auf erfolgreiche Saison zurück

6df4e86d-b37b-44c1-a182-646d8c14621d.jpg_0
Bilanz: Hanna Klein (von links), Marcel Fehr und Trainer Uwe Schneider zu Besuch beim Zeitungsverlag Waiblingen. © Ralph Steinemann Pressefoto

Hanna Klein und Marcel Fehr blicken auf eine erfolgreiche Leichtathletik-Freiluftsaison zurück. Vor allem Hanna Klein hat Außergewöhnliches erreicht. zusammen mit Fehr der Team-Europameisterschaft. Im Redaktionsgespräch reden sie und Trainer Uwe Schneider über Training und Erfolg, wie er erreicht – und manchmal auch verhindert wird.

Video: Die beiden Leichtathleten sprechen im Interview über ihr Jahr 2017.

Die Leichtathletik-WM

„Als sie zu uns gekommen ist“, sagt Trainer Uwe Schneider über seinen Schützling Hanna Klein (24), „hat sie gesagt: Ich lauf’ nie länger als 800 Meter.“ Gut, dass sie es sich anders überlegt hat. Anfang August überraschte die Psychologiestudentin die Leichtathletik-Welt über 1500 Meter. In Australien standen morgens um 6 Uhr Menschen auf, um sie laufen zu sehen, internationale Fernsehsender baten sie vor die Kamera, Autogrammanfragen kamen sogar aus den USA. Die unbekannte Läuferin aus Schorndorf stieß in London in die Weltspitze vor, erreichte gegen alle Vorhersagen das WM-Finale. Und auch wenn hier lediglich Platz elf heraussprang, sie ließ gleich zweimal Weltrekordlerin Genzebe Dibaba aus Äthiopien hinter sich.

„Ich bin superdankbar, dass ich das erleben durfte“, sagt Hanna Klein zwei Monate später. „Wer weiß, ob das noch einmal kommt.“

"Erstmal stabilisieren"

Der Rummel um sie war groß gewesen in diesen Tagen, doch Hanna Klein kommentiert auch das ganz nüchtern. „Ich nehme das als Motivation für die Zukunft.“ Das Ziel laute nun auch nicht, bei der nächsten Weltmeisterschaft das Ergebnis zu verbessern. „Ich muss mich erst mal stabilisieren.“

Klein holt Gold bei Universiade

Viel Zeit, von der Begeisterung um sie mitgerissen zu werden, hatte sie ohnehin nicht gehabt. Schon zwei Wochen nach dem WM-Finale stand sie in Taipeh im Stadion an der Startlinie zum 5000-Meter-Lauf. Dabei hatte sie bei der Universiade, den Weltsportspielen der Studenten, eigentlich über 1500 Meter laufen wollen. Doch als sie erfuhr, dass die Vorläufe über 5000 Meter entfallen, rief sie Trainer Uwe Schneider an. „Wir haben zwar auf 1500 Meter trainiert, aber dann innerhalb von fünf Minuten entschieden, dass sie die 5000 laufen soll“, sagt Schneider. Eine gute Entscheidung: Hanna Klein gewann das Rennen. Die britischen Reporter überschlugen sich fast in ihren Kommentaren, als die Deutsche 200 Meter vor Schluss die Konkurrenz – fast im wahrsten Sinne des Wortes – stehen ließ.

Neue Philosophie: Flexibleres Training

Den Plan nicht sklavisch zu verfolgen, sondern flexibel, der Situation angepasst zu reagieren – das hat sich nicht nur in Taipeh ausgezahlt. Uwe Schneider, Hanna Klein und genauso Marcel Fehr haben ihre Trainingsphilosophie geändert. „Ein paar Sachen umgestellt“ nennt Schneider das. Zum einen: weniger Wettkämpfe bestritten. Zum anderen: „Wir trainieren jetzt in Blöcken. Wir intensivieren eine Woche die Sprinteinheiten, dann zwei Wochen Ausdauer und eine Woche Regeneration und dann wieder ein Woche Sprint. Das hat bei allen super funktioniert.“

Hallenmeisterschaft war kein festes Ziel

Schließlich noch die dritte Veränderung: „Wir haben keine Ziele mehr gesetzt.“ Früher habe das Ziel Olympia alles überlagert; für Hanna Klein und genauso Marcel Fehr. Die olympische Norm um zwei Sekunden zu verpassen – wie Hanna Klein –, sei schließlich nicht schlecht, sagt Schneider. Gemessen am Ziel Olympiateilnahme aber bleibe letztlich doch nur Enttäuschung.

Die deutsche Hallenmeisterschaft beispielsweise sei diesmal kein festes Ziel für Hanna Klein gewesen. Einen Tag vorher hätten sie dann doch den Start beschlossen. Schneider: „Und dann läuft sie die Qualizeit für die Hallen-EM. Dann haben wir gesagt: Gehen wir halt dort auch hin.“

Aufbaumonat Juli

Und so kam es, dass Hanna Klein schon Ende Mai die Norm für die Weltmeisterschaft über 5000 m und 1500 m erfüllt hatte. „So blieb mir der ganze Juli, um einen Aufbaumonat einzuschieben. Ich konnte meine Leistung stabilisieren und sogar noch aufbauen.“ Während sie sich den Luxus erlaubte, drei Wochen lang keinen Wettkampf zu bestreiten, rannte die Konkurrenz noch der Norm hinterher.

Drei Sekunden - Weniger ist manchmal mehr

Wie es ist, die Norm zu verfehlen, weiß auch Marcel Fehr nur allzu gut. Hinzu kommt: Der Erfolg seiner Freundin Hanna drängte ihn in den Hintergrund. So mancher hatte den Eindruck, als könne er nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen.

Falsch, sagt Trainer Uwe Schneider. „Marcel ist eigentlich fantastisch, aber wegen drei Sekunden fehlt das Highlight“, die Qualifikation über 5000 m für die Universiade. Obwohl er mit 13:31 die beste Zeit aller Starter vorweisen konnte, nominierte ihn der Deutsche Hochschulverband nicht, sondern hielt an der extrem hochgesteckten 13:28er-Qualifikationszeit fest. So musste Marcel Fehr aus der Ferne mitansehen, wie sich der Franzose Francois Barrer 14:00:86 Minuten für seinen Sieg Zeit lassen konnte.

Leistungsstärke und Glück zählen

Qualifikationszeiten sind generell nicht leicht zu erreichen. Zuweilen aber brauchte es dazu nicht nur Leistungsstärke, sondern genauso Glück. Ein Kugelstoßer, sagt Schneider, „hat dazu 70, 80 Versuche und einer muss passen.“ Die Gelegenheiten für Läufer sind rar. „Ich bin mal extra nach Dessau gefahren“, erzählt Fehr. Dort wartete ein gutes Feld, die Bedingung für eine gute Zeit. Drei Tage habe er sich um die Ohren geschlagen. Doch im Rennen blies der Wind mit 50 Stundenkilometern – keine Chance auf eine Bestzeit.

Fehr aber hat sich über 5000 Meter auf 13:31:29 Minuten verbessert, ist damit die Nummer zwei in Deutschland (genauso wie mit 8:00,52 über 3000 m, Dritter ist er mit 3:40,49 über 1500 m). Er ist zusammen mit seiner Freundin Team-Europameister geworden – und steht doch in ihrem Schatten. Ärgert ihn das? „Nein“, sagt er. „Ich bin stolz auf sie. Ihre guten Leistungen haben mich in diesem Jahr motiviert.“

Fehr: 110 Kilometer in der Woche

Er selbst blickt zurück auf „die beste Saison, die ich je hatte“. Auch er hat von der neuen Flexibilität profitiert. Bei den deutschen Meisterschaften war ein Start über 5000 m geplant gewesen. Kurzfristig wählten er und Schneider die 1500 Meter. Auch hier war es die richtige Entscheidung. Fehr wurde Dritter.

„Marcel hat sich über 5000 m um über sieben Sekunden verbessert“, sagt Schneider. „Das ist auf Weltniveau ein Riesensprung.“ Und das, obwohl er deutlich weniger trainiert als die Konkurrenz. Er müsse eigentlich, so Schneider, 160 Kilometer in der Woche laufen. „Aber wenn er mehr als 120 läuft, dann zwickt sofort etwas.“ Also lässt ihn Schneider nur 110 Kilometer pro Woche laufen, „und die müssen dann sehr konzentriert sein“.

Ausblick: Eine neue Herausforderung

Das neue System hat sowohl bei Marcel Fehr als auch bei Hanna Klein Früchte getragen. Im Training von Fehr wird sich auch künftig nichts ändern. Bei Hanna Klein dagegen schon: Sie beginnt ihr Masterstudium in Köln. Dort wird sie zwar bestens betreut, und doch: „Ein Ferntraining, das ist für mich neu“, sagt Schneider. Allerdings wird Klein alle zwei Wochen für ein verlängertes Wochenende in Schorndorf sein. „Ich hoffe, dass wir das so gut wie möglich ausbalancieren“, sagt sie.

Und dass am Ende herauskommt, was in Taipeh nicht geklappt hat: ein gemeinsamer Start mit Marcel Fehr bei der Europameisterschaft 2018 in Berlin.


Die Erfolge 2017

Hanna Klein

  • Erfolge international: Siegerin bei der Universiade (5000 m), Neunte der Hallen-EM (3000 m), Elfte der WM (1500 m), Team-Europameister.
  • National: DM-Zweite (5000 m), Hallen-DM-Dritte (3000 m).

Marcel Fehr

  • Erfolge international: Team-Europameister.
  • National: DM-Dritter (1500 m)

Marcel Fehr ist mit dem Jahr 2017 auch deshalb sehr zufrieden, weil das Schorndorfer Leichtathletik-Meeting, das er maßgeblich mitorganisiert hat, gut gelaufen ist. Unter anderem wurde dabei ein Weltrekord der Gehörlosen aufgestellt. Uwe Schneider: „Wenn man die europäische Bestenliste für die Meile aufruft, dann steht da London, Eugene, Oslo und dann kommt schon Schorndorf.“

Wie schwer es ist, seine Bestzeit zu steigern, beschreibt Marcel Fehr für seine 1500-Meter-Zeit anschaulich: „Seit fünf, sechs Jahren laufe ich 3:42, 3:41, 3:40,05, 3:40,04. Es wär so schön, die 3:39,99 da stehen zu haben.“