Rems-Murr-Sport

Kleiner Vereinstrainer mit internationalem Erfolg

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Der Chef und seine Truppe: Uwe Schneider (Mitte) bittet bei jedem Wetter zum Training. © Ralph Steinemann Pressefoto
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Mit Marcel Fehr im Trainingslager im kenianischen Busch. © uwe schneider

Uwe Schneider ist der erfolgreichste Leichtathletiktrainer im Rems-Murr-Kreis – und ein gutes Stück darüber hinaus. Er eckt aber auch immer wieder an, nimmt kein Blatt vor den Mund. Für seine Athleten tut er alles, lebt mit ihnen im Busch in Kenia oder spielt für sie den Rock ‘n’ Roller mit Sonnenbrille. Und wehe, sie werden nicht so respektiert, wie er es für angemessen hält.

Erst vor kurzem ist sein Blutdruck wieder mächtig nach oben geschossen. Sein Schützling Gründen, die nicht nur der Trainer für fadenscheinig hält. Beim hohen Blutdruck aber lässt es Schneider nicht bewenden. Er will von Trainern und Funktionären Auskunft. Und als die behaupten, der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und seine Vorgaben seien schuld, schreibt er eben Dirk Schimmelpfennig (Vorstand Leistungssport beim DOSB) und Thomas Kurschilgen (Ressortleiter Verbandsmanagement) einen Brief mit der Frage, „ob wirklich der DOSB an allem schuld ist“. Er bitte „um eine ehrliche Antwort“, fügt er noch hinzu.

Keine zufriedenstellende Antwort

Ehrlich ist für den Schorndorfer eine wichtige Vokabel. Er hasst Unehrlichkeit, mehr noch allerdings Ungerechtigkeit, und in diesem Fall scheint es um beides zu gehen. Eine zufriedenstellende Antwort hat Uwe Schneider nicht bekommen, der Rauswurf bleibt bestehen. Das beeinträchtigt zwar Schneiders Blutdruck, ändert jedoch nichts an dem Plan, der schnell Gestalt angenommen hat: jetzt erst recht.

Erfolge mit Klein und Fehr

Er war nicht so weit gekommen, hatte nicht Marcel Fehr auf Platz drei der deutschen Meisterschaften über 1500 m geführt, um sich jetzt schmollend zurückzuziehen. Schneider liegt mehr die Abteilung Attacke. Das bringt ihm Feinde und Neider, aber auch Erfolge. Und Athleten, die hinter ihm stehen.

Die Anfänge - Eine WM als Starthilfe

Seine eigene„völlig mittelprächtige“ Laufbahn als Mittelstreckler muss der gebürtige Schorndorfer wegen einer Verletzung bereits mit 18 Jahren beenden. Er beginnt ein Wirtschaftsingenieur-Studium, gründet eine Firma für EDV-Beratung und -Schulung, erweitert sie im IT-Bereich und wird so erfolgreich, dass er sie 2000 lukrativ verkaufen kann. Er ist noch sieben Jahre lang als Geschäftsführer aktiv, seither muss er für seinen Lebensunterhalt nicht mehr arbeiten.

"Wenn ich was mache, mache ich's richtig"

Schon 1993 aber begeistert ihn die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Stuttgart so sehr, dass er zu seinen Wurzeln als Sportler zurückkehrt. Er wird Trainer beim VfL Winterbach. Das Terrain ist zwar Neuland für ihn, „aber wenn ich was mache, mache ich’s richtig“. Also kniet er sich in die Materie hinein, verschlingt Buch um Buch, probiert aus, besucht die Trainerlehrgänge des Verbandes. „Ich habe Fehler gemacht“, sagt er. „Aber ich war mir nie zu schade, dazuzulernen.“ Und er ist kreativ. 2011 zum Beispiel lässt er Marcel Fehr vier Wochen lang in Kenia mit den einheimischen Talenten leben und trainieren; nicht im schmucken Stadion, sondern mitten im Busch:

Zu dieser Zeit hat er den VfL Winterbach schon in Richtung LG Limes-Rems verlassen, wo er bessere Möglichkeiten sieht, seine Ziele umzusetzen. 2014 folgt der Wechsel zur SG Schorndorf. „Als ich von Winterbach nach Urbach bin, ist die ganze Laufgruppe mitgegangen“, sagt Schneider. „Von Urbach nach Schorndorf waren es auch 90 Prozent. Da kann der Trainer eigentlich nicht so viel falsch gemacht haben.“ Dabei setzt Schneider ausdrücklich auf Leistungssport. „Deshalb habe ich auch den Ruf als Schleifer – und unbequeme Person.“

Schleifer? - Mit dem Erfolg kommt der Spaß

„Leistung und Spaß schließen sich nicht aus“, setzt Schneider dem entgegen. Heutzutage würden Kinder nicht mehr gefordert, sondern für jede Kleinigkeit überschwänglich gelobt. Dabei suchten die die Herausforderung, wüchsen mit den Ergebnissen. „Wenn sie ihnen ermöglichen zu gewinnen, kommt der Spaß.“

"Mir sind alle wichtig"

Trotz Leistungsdenken: Es geht Schneider nicht um die kurzfristige Leistung, der Athlet müsse langfristig gefördert werden. „Trainer setzen heute oft den Plan über den Athleten“, sagt Schneider. „Manches Supertalent trainiert zu viel und zu hart, nur für das Ego des Trainers.“ Schneider möchte seine Athleten für Erfolge bei den Aktiven entwickeln. „Das ist viel schwieriger als für kurzfristige Erfolge in der Jugend.“

Und so setze er sich für sie ein „von 7 Uhr am Morgen bis 22 Uhr abends“. Außer dem Training auf dem Platz erledigt er Schriftverkehr, schreibt Berichte, macht Trainingspläne (14 individuelle Pläne für jeden Monat mit einer Einheit für jeden Tag), steht für Gespräche zur Verfügung, begleitet die Athleten zu Wettkämpfen. „Mir sind alle wichtig.“ Selbst wenn einer nicht die Leistung für eine Meisterschaftsmedaille bieten kann. Außerdem: „Ich kann doch nicht zu einem mit 15 sagen, aus dir wird nichts.“

Von Anfang an ehrenamtlich tätig 

Ein guter Trainer könne sich vielmehr in seine Athleten einfühlen. „Ich stehe an der Laufbahn und die laufen entlang. Ich höre auf den Atem und guck’ denen in die Augen. Dann spüre ich, wie’s denen geht.“ Und ob sie weitermachen können oder jetzt besser aufhören. „Für mich ist auch nicht entscheidend, wie gut einer ist, sondern wie sehr er sich engagiert.“

Von Anfang an arbeitet Uwe Schneider ehrenamtlich. „Meine Belohnung sind die Erfolge. Wenn ein Athlet über sich hinauswächst, wenn Mauerblümchen zu einem blühenden Athleten werden, das ist meine Belohnung.“ Natürlich kritisiere er auch. „Aber die Kritik muss konstruktiv sein. Sie braucht Mitgefühl, Empathie. Und ich behandle alle gleich.“

Sehen das seine Sportler genauso?

Feine Antennen - Der singende Schneider

„Bei uns gibt es keine Stars und Sternchen. Deshalb fühlen sich auch alle so wohl in der Trainingsgruppe“, sagt Marcel Fehr. Und Hanna Klein: „Er ist immer für seine Athleten da, selbst wenn er eigentlich im langersehnten Urlaub in Australien ist und seine Athletin gerade in Taiwan Hilfe braucht.“

Ralf Brügel, Abteilungsleiter der SG Schorndorf, attestiert seinem Lauftrainer „sehr, sehr feine Antennen vor allem für Jugendliche. Er spürt oft ganz genau, ob einer eine Streicheleinheit braucht oder einen Tritt in den Hintern.“ Oder eine außergewöhnliche Motivationshilfe.

Schneider erstellt eigenhändig Videos

Zum Jahresende stellt Schneider für die Gruppe jeweils ein Video mit den Höhepunkten der Saison zusammen, mit großem Aufwand und viel Liebe zum Detail. Darin findet sich einmal zum Beispiel eine Drei-Minuten-Passage über Julia Hämmer, unterlegt mit Musik und Filmsequenzen von Huey Lewis und dem Lied „Hit me like a Hammer“. Schneider hat dazu eigens eine Blue-Screen-Wand gekauft und sich selbst als singender Huey-Lewis-Verschnitt mit Sonnenbrille ins Video eingebaut. „Allein das waren drei Tage Arbeit“, sagt er.

Ungerechtigkeit - „Da reagiere ich ganz heftig“

Für seine Athleten tut Uwe Schneider alles. „Aber wenn ich merke, jemand nutzt mich aus, dann kann ich auch ganz anders.“

„Ich hab’ schon einige rausgeschmissen“, sagt Schneider. „Und deswegen ist die Gruppe so gut.“

Wenn ihn ein Sportler enttäuscht, schmerzt das. Am schlimmsten aber: „Wenn ich Ungerechtigkeit feststelle, dann reagiere ich ganz heftig.“ Da reicht es, dass die Zeitung einem seiner Schützlinge trotz Spitzenleistung ein Foto verwehrt. Dann teilt Schneider der Redaktion umgehend mit, was er davon hält. Und leidet wiederum selbst „tagelang“ unter deren Antwort.

Vom Verband nicht respektiert

Genauso nimmt ihn mit, dass er vom Verband trotz aller Erfolge nicht akzeptiert, nicht respektiert werde. „Ich werde immer noch belächelt, fast gemobbt“, sagt er. Er sei – vor allem in den Augen der Verbandstrainer – der dumme Heimtrainer, der keine Ahnung hat. Selbst jetzt noch. „Es kann nicht sein, dass ein ehrenamtlicher Trainer einen Athleten ins WM-Finale bringt. Das ist ein Fehler im System.“

Ein System, das Schneider in vielen Dingen für falsch hält und das ihn gerade jetzt wieder durch die Ausbootung von Marcel Fehr (und weiteren Leichtathleten in Deutschland) um den Schlaf bringt. Es weckt aber auch seinen Kampfgeist.

Von Marcel Fehr – und vielen anderen seiner Schützlingen – soll noch zu hören sein. Und von Uwe Schneider.


Marcel Fehr geht in sein mittlerweile 13. Jahr mit Uwe Schneider. Er ist davon überzeugt, dass der ihn auch jetzt noch besser machen kann. Es gibt aber auch Situationen, in denen sich Fehr über seinen Trainer wundert; zum Beispiel, wenn es um die Renntaktik geht. „Dann denke ich mir: Was hat er sich denn da wieder ausgedacht? Das ist so an den Haaren herbeigezogen, das wird auf jeden Fall schiefgehen.“ Und manchmal gehe er dann ins Rennen mit dem Gedanken: „Okay, mach ich’s halt. Er wird schon sehen, was er davon hat.“ Zu 90 Prozent aber gingen Schneiders Taktikideen auf. „Und ich kann dann nicht mal zu ihm gehen und sagen: Da siehst du mal, was du dir für einen Blödsinn überlegt hast.“

Fehr steht zu seinem Trainer. „Ich kann mich auf ihn verlassen. Er ist mit Leidenschaft bei der Sache und verlangt auch von den Athleten, dass sie sich anstrengen. Wir können auch kritisch miteinander streiten, ohne dass der andere beleidigt ist.“


Das sieht Ralf Brügel, Abteilungsleiter der SG Schorndorf, genauso. „Was zeichnet Uwe Schneider aus? 100-prozentige Verlässlichkeit, eine enorme Leidenschaft für seinen Sport und damit verbunden ein Engagement, wie es wahrscheinlich seinesgleichen sucht. Er bekommt bei uns die normale Übungsleiterpauschale plus Reisespesen bei größeren Wettkämpfen, der Rest geschieht ehrenamtlich.

Wenn er für eine Sache brennt, kann er wahnsinnige Energien freisetzen. Er verlangt absolute Offenheit von den Leuten, die mit ihm zusammenarbeiten. Wenn er sich zu Unrecht kritisiert oder hintergangen fühlt, kann er schnell sehr empfindlich reagieren. Ich würde ihm manchmal fünf Prozent mehr Gelassenheit wünschen.“


Hanna Klein arbeitet jetzt seit fünf Jahren mit Uwe Schneider zusammen. „Ich kann eigentlich nur Positives über meinen Trainer berichten: Er ist immer für seine Athleten da. Er hat nicht nur für mich ein offenes Ohr, eigentlich hat er das für jeden einzelnen Athleten meiner Trainingsgruppe, ob groß, klein, jung oder alt.

Im Training selbst gibt Uwe den richtigen Ton an, aber es kommt, glaube ich, nie vor, dass er nicht irgendeinen lustigen Spruch auspackt. Manchmal holt er Geschichten aus seiner Erfahrungsschatzkiste hervor, die mich dann oft zum Staunen bringen und ich mich frage: Was weiß der eigentlich alles? Und was hat er schon alles erlebt?

Uwe ist ein Trainer, der meistens perfekt vorbereitet ist und einen Plan hat. Er liebt den Sport, ist ein sehr ehrlicher und leidenschaftlicher Mensch. Außerdem ist er meistens gut aufgelegt und wenn nicht, dann hilft auch mal das eine oder andere Stückchen Schokolade weiter. Aber das ist bei diesem nervenaufreibenden ,Job’ ein sehr verständliches, kleines Laster.“


Schneider-Sprüche

Uwe Schneider liebt Weisheiten wie "Gewonnen oder verloren wird zwischen den Ohren". Und er steuert seine eigenen bei:

  • Ein guter Trainer kann aus Athleten gute Athleten machen, ein schlechter kriegt auch ein Talent kaputt.
  • Es gibt viele 15-, 16-, 17-jährige Überflieger, die man mit 20 nicht mehr sieht. Und das liegt nicht unbedingt am Athleten.
  • Wenn Sie eine Sache ernsthaft machen, können Sie sich verbessern. Wenn Sie alles machen, bleiben Sie Durchschnitt.
  • Leistung und Spaß, das widerspricht sich nicht.
  • Die Welt heute ist gierig, egoistisch, jeder will immer mehr. Und bevor sich einer engagiert, fragt er: Was bringt mir das?

Als seine größten Erfolge nennt Schneider selbst Erfolge von Marcel Fehr, Platz eins über 1500 m von Nicolai Christ bei der U-18-DM sowie den Aufbau der Laufgruppe in Schorndorf.

Mittlerweile hat Schneider die Trainer-A-Lizenz.

Doping

Uwe Schneider spricht sich klar gegen Doping aus. Beim WM-Finale sei Hanna Klein zudem die einzige Athletin gewesen, die keinerlei – zugelassene – Medikamente angegeben hatte.

Der Dopingskandal in Kenia habe ihn nicht überrascht: „Die haben dort ein völlig anderes Unrechtsbewusstsein.“ Zudem ist Laufen eine Möglichkeit, für sich und die Familie das Überleben zu sichern. Da nutze man eben jede Möglichkeit. Schneider war 2011 mit Marcel Fehr zum Trainieren in Kenia.