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Marcel Fehr fliegt aus dem Bundeskader

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Der Saisonhöhepunkt: Im deutschen Nationaltrikot trug Marcel Fehr mit einer starken Leistung zum Gewinn der Team-EM 2017 in Frankreich bei. Und jetzt? Ist der Läufer von der SG Schorndorf aus dem Bundeskader gestrichen worden. © Laura Edenberger

Marcel Fehr ist geschockt. Gerade hat der Läufer der SG Schorndorf das beste Jahr seiner Karriere absolviert, das im DM-Bronzemedaille über 1500 Meter gipfelte. In der nationalen Rangliste steht er über 5000 und 3000 Meter auf Rang zwei. Und der Dank? Fehr ist aus dem Bundeskader geflogen. Den Verlust an Fördergeldern im kommenden Jahr beziffert der Student auf bis zu 14 000 Euro.

Lesen Sie hier den Kommentar des Sportredakteurs Mathias Schwardt zum Kader-Rauswurf von Marcel Fehr.

„Das ist ein Schlag ins Gesicht, ich bin sauer“, sagt Fehr. Eigentlich sind solche emotionalen Ausbrüche seine Sache nicht, aber in diesem Fall kann er nicht anders. Die vom Deutschen Leichtathletik-Verband verkündete Entscheidung hat Spuren beim 25-Jährigen hinterlassen. Fast zehn Jahre lang war er im Kader und in der Nationalmannschaft gewesen, auch in der Zeit, als er mit Verletzungen zu kämpfen gehabt hatte. „Das war auch eine Wertschätzung.“ Und jetzt, wo es so gut läuft wie noch nie, wird ihm die Förderung gestrichen.

Nur noch "Top-Top-Athleten" werden gefördert

Ausgangspunkt ist die oft kritisierte deutsche Leistungssportreform. Diese soll dafür sorgen, dass Athleten künftig für Deutschland mehr Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften gewinnen. „Es werden deshalb nur noch Top-Top-Athleten gefördert.“ In den vergangenen beiden Jahren war Fehr im B-Kader gewesen, dessen Mitglieder keine direkten Fördergelder bekommen hatten. Inzwischen ist aus dem B-Kader der Perspektivkader geworden, über dem es nur noch den Olympia-Kader gibt. Und Perspektivkader-Mitglieder bekommen sehr wohl Fördergeld ausgezahlt. Als Student (Magisterstudium Management) wäre er mit bis zu 800 Euro monatlich von der Stiftung Deutsche Sporthilfe gefördert worden, rechnet Fehr vor. Hinzugekommen wären zweckgebundene Fördermittel für Trainingslager in Höhe von 4000 bis 4800 Euro pro Jahr.

Undurchsichtige Kriterien

Und jetzt geht Fehr völlig leer aus. Warum aber ist er aus dem Kader geflogen? Der Schorndorfer formuliert seine Antwort so diplomatisch wie möglich: „Die Entscheidung ist nicht ganz fair und nachvollziehbar.“ Die Kriterien seien undurchsichtig. Um das zu belegen, schildert Fehr den genauen Ablauf aus seiner Sicht. Akribisch, wortgewandt, ruhig.

Der Weg zum Rauswurf

Eigentlich wäre es ganz einfach. Der Verband legt eine Norm fest, wer die nicht erreicht, wird aus dem Kader gestrichen. Für die 5000-Meter-Strecke forderte der DLV von den Männern eine Zeit von 13:16 Minuten. „Das ist irrsinnig schnell“, sagt Marcel Fehr. Denn die Olympia-Norm liege nur bei 13:25, die EM-Norm bei 13:35 Minuten. Geknackt hat die Kader-Norm in dieser Saison lediglich der Ranglistenerste Richard Ringer vom VfB LC Friedrichshafen. Er ist also naturgemäß gesetzt. Fehr dagegen hat seine persönliche Bestzeit im Jahr 2017 zwar um sieben Sekunden gesteigert, doch mit 13:31 Minuten ist er ein deutliches Stück von der Normerfüllung entfernt. Zunächst geht der Schorndorfer deshalb davon aus, nicht im Kader zu sein.

Dabei, nicht dabei

Jetzt aber wird es knifflig: Trotz der kaum zu erreichenden Norm stehen drei Kaderplätze zur Verfügung, es liegt „im Ermessen des Bundestrainers, Sonderanträge für Athleten zu stellen“. Von diesem Zeitpunkt an „gibt es keine harten Faktoren mehr“. Umso erfreuter ist Fehr, als er von André Höhne, beim DLV zuständiger Coach für den Bereich Langstrecke, am 16. Oktober schriftlich bestätigt bekommt, „dass ich noch im Bundeskader bin“. Voraussetzung sei aber die Teilnahme an einer Leistungsdiagnostik am 21. Oktober in Leipzig. Auch der Leitende DLV-Bundestrainer Thomas Dreißigacker habe sich ihm gegenüber positiv in Sachen Kader geäußert, so Fehr. Der Athlet fährt also nach Leipzig – und erhält drei Tage später „aus dem Nichts“ die Nachricht, „dass alles falsch ist und ich doch aus dem Kader geschmissen werde“. Fast betrogen habe er sich da gefühlt.

Aufgrund jüngerer Altersklasse spielt Normzeit keine Rolle

Stattdessen in der Liste stehen außer Richard Ringer die Namen Amanal Petros und Martin Sperlich. Ersterer ist ein Sonderfall, weil er noch der Altersklasse U 23 angehört. Petros’ 5000-Meter-Bestzeit liegt bei 13:38 Minuten, damit liegt er hinter Fehr in der deutschen Männer-Rangliste auf Platz drei. Doch aufgrund der jüngeren Altersklasse spielt die Normzeit der Aktiven beim Bielefelder (SV Brackwede) keine Rolle. Und er hat 2017 Topleistungen gezeigt: Wie Fehr wurde er Team-Europameister, außerdem holte er Silber bei den Junioren-Europameisterschaften über 10 000 Meter. Deshalb sei Petros selbstverständlich zu Recht im Kader, betont Fehr.

Warum Sperlich statt Fehr?

Sperlich dagegen hat in dieser Bahnsaison verletzungsbedingt überhaupt keine Wettkämpfe absolviert. Seine Bestzeit liegt bei 13:29,5 Minuten, stammt aber aus dem Jahr 2015. Wie kann es sein, dass er statt Fehr im Kader ist „und ich keine Perspektive habe“? Zumal der Schorndorfer in diesem Jahr gleich zweimal die Norm für die EM im kommenden Jahr in Berlin erfüllt hat. Um sich zu qualifizieren, muss er die Zeit im kommenden Jahr noch einmal bestätigen. Doch die aktuelle Leistung sollte dem DLV auch was wert sein, denkt der Laie. Falsch gedacht.

Entscheider: Ein Ausschuss legt den Kader fest

Wer hat eigentlich über Marcel Fehrs Rauswurf entschieden? Und spielen andere Faktoren als die Leistung eine Rolle? Ein Blick ins Internet zeigt: Martin Sperlich ist Trainingspartner von Richard Ringer. Beide werden von Sperlichs Vater Eckhardt trainiert – und der war früher Hindernis-Bundestrainer. War Martin Sperlich deshalb bei der Kader-Besetzung im Vorteil?

Einzelfallentscheidung in Abstimmung mit dem DOSB

Über den Bundestrainern gibt es eine weitere – und letzte – Instanz, die über den endgültigen Kader bestimmt: den Bundesausschuss Leistungssport (BLA). Eine gewichtige Stimme in diesem Gremium hat der Leitende Sportdirektor des DLV, Cheick-Idriss Gonschinska. Ihn bat Fehr, wütend und enttäuscht, um eine Begründung der Entscheidung. Er habe Gonschinska, etwas überspitzt, auch geschrieben, er sei ohne Kader-Mitgliedschaft jetzt nur noch Hobbysportler.

Die Antwort befriedigte Marcel Fehr nicht. Es sei eine Einzelfallentscheidung in Abstimmung mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) getroffen worden, habe Gonschinska geschrieben. Die Prognose für andere Athleten sei besser als bei Fehr. „Und dann hat er mir noch seine hohe Wertschätzung versichert. Die hilft mir viel nach dem Kader-Rauswurf.“


Telefonisch meldet sich Bundestrainer André Höhne in der ZVW-Sportredaktion. Er sagt, er bedaure Fehrs Rauswurf. „Das ist eine sportpolitische Geschichte. Als Trainer bin ich enttäuscht. Ich habe gesehen, wie Marcel sich reinkniet und wie er sich verbessert hat.“ Mit seiner Leistung bei der Team-EM habe Fehr zum Gewinn der Goldmedaille beigetragen. Der Coach bescheinigt dem Schorndorfer ein großes Potenzial. Deshalb sei er von ihm, Höhne, ja für den Bundeskader vorgeschlagen worden. Wie auch Martin Sperlich. Der ist zwar derzeit verletzt. „Aber nicht nur das letzte Jahr ist für den Kader entscheidend, sondern auch die Vordaten.“

Höhne: Entscheidung für Sperlich nachvollziehbar

Anders als Ringer und Petros hätten Fehr und Sperlich die Kaderrichtlinien, gemeint ist die Norm über 5000 Meter, nicht erfüllt. Deshalb seien diese beiden Athleten Wackelkandidaten gewesen. Der Bundesausschuss Leistungssport habe sich schließlich trotz Verletzung für Sperlich entschieden. Für Höhne ist das nachvollziehbar: „Im direkten Vergleich ist Martin in den letzten Jahren sportlich von den Leistungsdaten her immer stärker gewesen als Marcel.“

Dreißigacker: Sperlich konnte direkte Duelle für sich entscheiden

So argumentiert auch der Leitende Bundestrainer Thomas Dreißigacker, der sich nur schriftlich zur Anfrage der Sportredaktion äußert: „Neben der fehlenden Kaderrichtwerterfüllung konnte sich Marcel Fehr im Gegensatz zu Martin Sperlich leider weder für die Olympischen Spiele 2016 oder die Europameisterschaften 2016 oder die Weltmeisterschaften 2017 qualifizieren. Darüber hinaus konnte Martin Sperlich die direkten Duelle bei nationalen Meisterschaften in den beiden vergangenen Jahren für sich entscheiden.“

Sperlichs Vater war Hindernis-Bundestrainer - Faktor für Entscheidung?

Berücksichtigt bei der Berufung in den Perspektivkader würden auch verletzungsbedingte Ausfälle in der jeweiligen Saison bei „vorangegangenen progressiven Leistungsentwicklungen“, so die sperrige Formulierung. Die nachgewiesenen Fähigkeiten von Sperlich hätten, wenn er nicht verletzt gewesen wäre, „eine weitere große Leistungssteigerung erwarten lassen“.

Unbeantwortet lässt Dreißigacker die sich aus der Internet-Recherche ergebende Frage, ob die Entscheidung für Sperlich auch damit zu tun hat, dass dessen Vater und Coach früher Hindernis-Bundestrainer beim DLV war. Der Leitende Sportdirektor Cheick-Idriss Gonschinska äußert sich überhaupt nicht zum Fall Fehr.


Konsequenzen:

Gemeinsame sportliche Planung mit Hanna Klein wird schwer

Machtlos fühle er sich nach seinem Rauswurf, sagt Marcel Fehr. Seine Freundin und Trainingspartnerin Hanna Klein, WM-Elfte über 1500 Meter, ist weiterhin im Bundeskader. Das erschwert die gemeinsame sportliche Planung mit Heimtrainer Uwe Schneider sehr. Schon weil Fehr keine Trainingslager mehr bezahlt bekommt. Dazu kommt die Ungewissheit: Was ist mit kostenloser medizinischer und physiotherapeutischer Betreuung? Fehr wird wohl Mitglied im Landeskader bleiben, dann hätte er voraussichtlich auch weiterhin Zugang zum Olympia-Stützpunkt in Stuttgart. Doch wie sieht’s mit Sponsoring aus? „Die regionalen Sponsoren sind weiterhin auf meiner Seite, aber gegenüber überregionalen bin ich jetzt in einer schlechteren Position.“

Höhne: Fehr kann sich für EM 2018 qualifizieren

Auch Bundestrainer André Höhne sieht die Probleme, Leistungssport auf diesem Niveau ohne Bundesförderung betreiben zu müssen: „Marcels Aufgabe wird jetzt nicht leichter werden.“ Höhne sagt, er hoffe, dass der Landesverband (WLV) den Athleten jetzt mit absichere. Und vielleicht könne ihn auch sein Verein, die SG Schorndorf, mit unterstützen. Höhne fügt hinzu, er hoffe, dass Fehr im kommenden Jahr seine Karriere fortsetzt. Er, der Bundestrainer, sei davon überzeugt, der Läufer könne sich trotz des Rückschlags für die EM 2018 in Berlin qualifizieren.

Fehr: „Der Rauswurf ändert nichts an meiner Motivation für den Sport“

Genau das ist das Ziel von Marcel Fehr. Er ist zu sehr Leistungssportler, um einfach alles hinzuschmeißen. „Der Rauswurf ändert nichts an meiner Motivation für den Sport.“ Im Hintergrund stehe dennoch nun immer die Angst, wie es für ihn sportlich weitergeht. Für Fehr ist die üble Geschichte die Bestätigung dafür, dass es richtig war, ein Studium anzutreten und sich ein zweites Standbein zu schaffen. Denn der Leistungssport, „er ist unplanbar“.


Ärger nach Gold bei der Team-EM: Kein Geld

Marcel Fehr kritisiert den DLV in einem weiteren Punkt. Wegen der deutschen Leistungssportreform seien die meisten Athleten „erstmals seit Jahrzehnten“ nicht am finanziellen Erfolg des Titelgewinns bei der Team-EM 2017 beteiligt worden. „Die Gewinne gehen nur an die A-Kader-Athleten. Ob sie dabei sind oder nicht.“

Der Läufer der SG Schorndorf kommentiert diesen Vorgang mit Sarkasmus: „Wenn sich jemand dazu entschlossen hätte, an dem Wochenende zu kellnern, hätte er mehr verdient als mit dem Gewinn der Team-EM.