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Mit 62 noch im Hochgebirge: Die beeindruckenden Expeditionen von Fritz Hoffmann

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Schöne Aussichten auf 6188 Metern Höhe: Fritz Hoffmann zusammen mit Michel Henostroza am Gipfelgrat des Nevado Copa. © Hoffmann

Fritz Hoffmann steigt auf die höchsten Berge, hin und wieder nimmt er für den Rückweg den Gleitschirm. 24 Jahre ist es her, als sein spektakulärer Flug vom höchsten Berg Perus für Aufsehen sorgte. Im Hochgebirge ist der Strümpfelbacher auch mit 62 Jahren noch unterwegs, oft bei Freunden in Peru und Nepal. Außergewöhnliche Erlebnisse und spannende Geschichten bringt er mit ins Remstal – wie von der jüngsten Expedition in den Anden. Der Gleitschirm war nicht mit im Gepäck. Aus gutem Grund.

Seit 1992 Gleitschirmfluglehrer

Auf Berge geklettert, gewandert und geradelt ist Fritz Hoffmann eigentlich schon immer. Seit 1992 ist er zudem Gleitschirmfluglehrer. Da lag’s nahe, das Bergsteigen und Fliegen zu kombinieren. Der Mönch in den Berner Alpen war 1996 der erste „Hike-and-Fly“-Berg der 4000er- Kategorie, es folgte der Mont Blanc. In den Newsticker des Fachmagazins „Fly and Glide“ schaffte es Hoffmann 1996 mit einem ganz besonderen Flug: In Sillian (Osttirol) war der Strümpfelbacher auf einer Bergwiese in 1540 Metern Höhe gestartet. Am Abend erwischte er optimale Bedingungen, die Thermik pustete ihn auf über sagenhafte 4800 Meter.

Eine Höhe, die offensichtlich Lust machte auf Berge der nächsten Kategorie. Hoffmann blätterte in einem Buch über die schönsten Berge Amerikas und stieß auf den Huascarán in der Cordillera Blanca, ein Berg in den peruanischen Anden. Mit einem Gipfelplateau, das fast so groß ist wie ein Fußballfeld. „Ich dachte mir, da könnte ich bestimmt auch mit dem Gleitschirm starten“, sagt Hoffmann und lacht. „Die Höhe hat mich fasziniert.“ Mit 6768 Metern ist das vergletscherte Bergmassiv die höchste Erhebung Perus.

Bei der Planung für die Gleitschirm-Expedition stieß Fritz Hoffmann 1998 auf Maximo Henostroza, wohnte beim peruanischen Bergführer. Zwischen den beiden entwickelte sich eine Freundschaft, die bis heute hält. Der spektakuläre Flug mit dem Schirm vom Huascarán war eine Weltpremiere – zumindest eine halbe: Vor Hoffmann hatte ein französischer Profi mit dem Drachen eine ähnliche Idee gehabt.

Sturz in Gletscherspalte

Ein bisschen höher hinauf wollte Fritz Hoffmann drei Jahre später. Bei seiner Tibet-Expedition suchte er sich den Cho Oyu aus, den mit 8200 Meter sechsthöchsten der 14 Achttausender auf diesem Planeten. Die Bedingungen am Berg waren allerdings alles andere als perfekt. Die Sicht war schlecht. Hoffmann kehrte am Beginn des weitläufigen Gipfelplateaus um, übernachtete im Lager auf 7400 Metern und stieg ins nächste Lager weitere 400 Meter hinab. Nach insgesamt vier Nächten schien das Wetter am nächsten Morgen zu passen – ein Trugschluss. „Ich bereitete den Start vor, spürte aber leichten Rückenwind“, erinnert sich Hoffmann. Der Fehlstart war nicht mehr zu verhindern. Hoffmann stürzte, fand auf dem harten Schnee und ohne Steigeisen keinen Halt mehr – und stürzte in eine Gletscherspalte. Der Schirm verhängte sich am Spaltenrand, die Leinen waren größtenteils durchgerissen. „Ein paar wenige blieben übrig, ich war so gut wie erledigt.“

Doch Hoffmann hatte riesiges Glück: Ein paar Männer einer anderen Expedition hatten das Unglück beobachtet. Die Bergung via Flaschenzug dauerte lange. Hoffmann zog sich etliche Prellungen zu, die Finger waren teilweise schwarzgefroren. Ein Sherpa der Hoffmann-Expedition stieg von 5700 auf 7000 Meter am Stück auf und versorgte Hoffmann über Nacht. „Du darfst nicht einschlafen wegen der Kälte und dem Sauerstoffmangel, musst ständig essen und trinken. Er hat mir Suppe gekocht und mich gefüttert wie ein kleines Kind.“

Am nächsten Tag stieg Hoffmann, trotz diverser Prellungen, zusammen mit dem Sherpa ab. „Eigentlich war es Blödsinn, vom Lager zwei aus noch mal zu starten“, sagt er heute. Er habe aber seinen Sponsor Nova nicht enttäuschen wollen, der ihm einen Spezialschirm zur Verfügung gestellt hatte.

Ein paar Jahre ließ Fritz Hoffmann die Finger von Gleitschirm-Expeditionen. 2005 jedoch wurde er rückfällig. Angetan hatte es ihm die berühmte Lhotse-Südwand in Nepal. Hoffmanns Plan: Er wollte von den 5500 Meter hohen Grashügeln unterhalb des Lhotse starten und sich von der Thermik auf den 8516 Meter hohen Gipfel tragen lassen. Wie damals in Osttirol. So viel zur Theorie, die Praxis jedoch sah anders aus. Der Wind war so stark, dass sich Hoffmann nicht traute, den Rucksack mit dem Gleitschirm zu öffnen. „Wenn du bei dem Wind in der Luft bist, gibt’s kein Zurück mehr und auch keine Verletzten, dann ist’s vorbei.“

Es siegte die Vernunft.

Fritz Hoffmann ließ den Gleitschirm bei späteren Expeditionen im Rucksack und konzentrierte sich aufs Bergsteigen. Da gab’s schließlich noch jede Menge Aufgaben zu erledigen. Zunächst einmal wollte er die Freundschaft zu den Sherpas in Nepal wieder aufleben lassen. Die Verbindung war ein bisschen eingeschlafen.

Das verheerende Erdbeben im Frühjahr 2015 brachte die Freunde wieder zusammen. Einer der Sherpas wohnte in Katmandu. „Da war alles zerstört.“ Hoffmann unterstützte die Geschädigten. Er flog jedes Jahr nach Nepal, bis auf die Corona-Jahre 2020 und 2021. Und 2018. Da bekam Hoffmann eine neue Herzklappe eingesetzt. „Die funktioniert einwandfrei“, sagt er und lacht.

Vallunaraju an einem Tag erledigt

Stets Kontakt hatte der Strümpfelbacher zu seinem alten peruanischen Freund Maximo Henostroza. Vergangenes Weihnachten rief er ihn an. „Ich sagte, ich komme vorbei und wir drehen zusammen eine Runde.“ Die Destination war schnell herausgesucht – in der Heimat des Freundes. Maximo Henostroza wohnt in der 100.000-Einwohner-Stadt Huaraz in der Cordillera Blanca. Auf 3050 Metern, damit war der kurze Anmarsch zu den Expeditionen gewährleistet.

Zur Akklimatisation suchte sich das Team den Vallunaraju (5686 Meter) und Chequiaraju (5386) aus, anschließend standen der Nevado Copa (6188) und Nevado Chopiqualqui (6354) auf dem Plan. Zum Vallunaraju wurde Hoffmann von Maximos Sohn Michel begleitet. Ungefähr zehn Jahre alt war Michel, als sich Hoffmann und Maximo kennenlernten. Mittlerweile ist er knapp über 30 und auch Bergführer. Bei allen vier Expeditionen mit dabei war der Träger Hernan, von dem Hoffmann begeistert war. „Er macht Ultramarathonläufe in der Höhe und springt mit 40 Kilo auf dem Rücken wie ein Steinbock den Berg hoch.“ Erledigt war der Vallunaraju an einem Tag.

Nicht vergessen wird Hoffmann den zweiten 5000er-Trainingsberg. Auf dem Weg zum Chequiaraju schloss die Gruppe eine enge, äußerst ungewöhnliche Freundschaft. Fast jeder Bauer dort hat einen Hund, der das Gehöft bewacht. Mit den Tieren sei nicht zu spaßen, so Hoffmann. Als die Expedition ihr Auto nahe einer Fischfarm abstellte und die Ausrüstung auspackte, legte sich eine Hündin daneben. „Als wir losliefen, folgte sie uns. Wir waren uns sicher, dass sie irgendwann umdrehen würde.“ Tat sie aber nicht. Auch nicht vor dem Urwald. Sie wich dem Team nicht mehr von der Seite. Selbst die glatte Felswand, an der sie keinen Halt fand und zurückrutschte, schreckte sie nicht. „Wir schoben sie am Hintern nach oben“, sagt Hoffmann und lacht. „Wir nannten sie Gina.“

Noch mehr beeindruckt war Hoffmann vom 77-jährigen Eseltreiber Hernan, der mit drei Eseln das Material zum Nevada Copa transportierte. „Er rannte die 1300 Höhenmeter zum Basislager in drei Stunden hoch, ich bin nicht hinterhergekommen.“ Der Weg zum Gipfelgrat sei nicht ganz so einfach gewesen. „Da ist’s schon ziemlich luftig.“ Probleme machten vor allem die verdeckten Spalten sowie der reichliche und lockere Neuschnee. „Das war schwierig zu spuren und extrem anstrengend.“ Hoffmann und Co. waren an beiden 6000ern die erste Expedition in der Saison, vier und fünf Tage waren sie unterwegs.

Was jetzt auf dem Plan steht

Auch der Chopiqualqui hatte seine Tücken. Der Gletscher sei viel schwieriger zu begehen gewesen als vor 20 Jahren, als Hoffmann zum ersten Mal aufgestiegen war. „Das war ein Gewühle durch den tiefen Schnee. Wenn einer gesagt hätte, wir drehen um, dann wäre von mir keine Widerrede gekommen.“ Für die Zelte mussten Plattformen aus dem Eis gehackt werden, verdeckte Spalten hätten höchste Aufmerksamkeit verlangt. „Und irgendwann kriegst du auf 6000 Metern auch nicht mehr richtig Luft.“ Letztlich ist alles gutgegangen. Wieder einmal.

Fritz Hoffmann schmiedet bereits die nächsten Pläne. Nepal wäre mal wieder an der Reihe. Ausgeguckt hat er sich, vielleicht schon im Oktober, die 7152 Meter hohe und formschöne Eispyramide des Baruntse. Der liegt trotz seiner Nähe zum Mt. Everest, etwas abgeschieden, in einer ruhigeren Ecke der Khumburegion. Sollte es nichts werden mit der Expedition, wäre Hoffmann auch nicht allzu traurig. Er genießt die Heimat und sein Strümpfelbach – und das optimale Trainingsgebiet. Per pedes oder mit dem Bike kann er, hoch auf den Schurwald, unzählige Kilometer und Höhenmeter schrubben. Damit ihm die Luft nicht ausgeht auf Nepals und Perus Gipfeln.

Fritz Hoffmann steigt auf die höchsten Berge, hin und wieder nimmt er für den Rückweg den Gleitschirm. 24 Jahre ist es her, als sein spektakulärer Flug vom höchsten Berg Perus für Aufsehen sorgte. Im Hochgebirge ist der Strümpfelbacher auch mit 62 Jahren noch unterwegs, oft bei Freunden in Peru und Nepal. Außergewöhnliche Erlebnisse und spannende Geschichten bringt er mit ins Remstal – wie von der jüngsten Expedition in den Anden. Der Gleitschirm war nicht mit im Gepäck. Aus gutem

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