Rems-Murr-Sport

Niko Kappel ist noch lange nicht satt

Niko Kappel_0
Niko Kappel mit seiner Goldmedaille. © Ramona Adolf

In Rio 2016 Paralympics-Sieger geworden, jetzt in London WM-Gold geholt und Weltrekord aufgestellt. Für den Welzheimer Kugelstoßer Niko Kappel sind das tolle Erfolge – aber satt ist er noch lange nicht. Der EM-Titel fehlt dem 22-Jährigen noch, zudem will er als erster Kleinwüchsiger über 14 Meter weit stoßen. Und 2020 in Tokio erneut bei den Paralympics triumphieren.

Video: Niko Kappel kritisiert die fehlende Berichterstattung über die Para-WM in den deutschen Medien.

Seine WM-Goldmedaille hat Kappel zum Gespräch mitgebracht. Hübsch, aber ist das auch echtes Gold? „Glaub’ ich nicht. Obwohl – bei den Londonern würde mich gar nichts mehr wundern.“ England, genauer Stoke Mandeville, ist der Geburtsort der großen Wettkämpfe im Behindertensport. Die jahrzehntelange Tradition und Erfahrung zeigte sich bei der Para-WM jetzt in der Hauptstadt auf eindrucksvolle Weise: „Es ist unfassbar, was die da auf die Beine stellen in England. Die sind unglaublich weit mit Strukturen und so weiter. 15 000 Zuschauer sind absoluter Rekord bei einer Para-WM“, schwärmt Kappel. Und lacht: „Das war in Doha ganz anders.“ In Katar hatte er im Jahr 2015 Silber im Kugelstoßen der Kleinwüchsigen gewonnen. Diesmal, in London, hat er sich die Krone aufgesetzt und nach den Paralympics 2016 auch den zweitwichtigsten Wettkampf für sich entschieden. Und das mit der Weltrekordweite von 13,81 Metern. Diese ist umso bemerkenswerter, weil der schärfste Rivale Bartosz Tyszkowski aus Polen, dessen Grund für den Verzicht nach wie vor unbekannt ist, überraschend nicht am Start war.

Die Favoritenrolle war eine neue und schwierige Situation

Da die restliche Konkurrenz Kappel weitenmäßig normalerweise nicht das Wasser reichen kann, stand der Athlet des VfL Sindelfingen plötzlich als alleiniger Favorit im Kugelstoßring. Wie ist das, wenn jeder von einem Gold erwartet – und eine herausragende Leistung? „Das war eine neue und schwierige Situation für mich.“ Dennoch schaffte es der Deutsche, die Spannung hochzuhalten. Dass er sich vorgenommen hatte, in London seine eigene Weltrekordweite von 13,78 Metern anzugreifen, sei eine große Motivationshilfe gewesen. Ein weiterer entscheidender Faktor war laut Kappel sein Trainer Peter Salzer, der ihn im Stadion betreute: „Er ist für mich eine wahnsinnig wichtige Vertrauensperson und findet immer die richtigen Worte, damit man das, was er sagt, in Schnelligkeit und Weite umsetzen kann.“

Gold mit riesigem Vorsprung

Prompt haute der Welzheimer schon im zweiten Versuch die Weltrekordweite von 13,81 Metern raus. Mit typischem Lausbubencharme kommentiert er die Leistung so: „Eigentlich wollte ich sogar ein bisschen weiter stoßen. Aber wir wollen die Kirche mal im Dorf lassen. Ich bin schon sehr zufrieden gewesen.“ Niko Kappel holte sich mit riesigem Vorsprung auf den Engländer Kyron Duke (12,28 Meter) sowie Zhiwai Xia aus China (11,86 Meter) Gold.

Die Erfolge haben Niko Kappel nicht hochnäsig werden lassen. Den Grund sieht er in seiner Heimatverbundenheit: „Ich hab’ noch nie groß den Standort verändert.“ Die Familie, die Freundin, der Wohnort und die Arbeitsstelle mit zehn Wochenstunden bei der Welzheimer Volksbank seien wichtig, um trotz des großen Rummels am Boden zu bleiben.

Der Europameistertitel fehlt noch in der Sammlung

Zum Saisonausklang wird Kappel an diesem Freitag beim Kugelstoß-Meeting in Böhmenkirch (Kreis Göppingen) starten. Danach will er erst einmal zwei Wochen Abstand vom Sport gewinnen. „Aber ich bin schon wieder motiviert fürs Wintertraining.“ Dann hat Niko Kappel vor, an seinen, ja, „Schwächen“, zu arbeiten, um sich für die nächsten Aufgaben fitzumachen.

Im nächsten Jahr peilt er beim Heimwettkampf in Berlin den Europameistertitel an, der ihm in seiner Sammlung noch fehlt. Das weitere Ziel lautet, möglichst als erster kleinwüchsiger Kugelstoßer die 14-Meter-Marke zu knacken. „Ich will herausfinden, wo bei einem 1,40 Meter großen Sportler die Grenze ist.“ Und auf das Jahr 2020 blickt der Welzheimer Sportler auch schon: „Es wäre schön, wenn ich in Tokio wieder Paralympics-Sieger werden würde.“ In der Tat.

Kappel im Fernsehen

Nach dem Gewinn der WM-Goldmedaille hat für Niko Kappel der Medienrummel wieder begonnen. Eine Bürde ist dieser für den Welzheimer nicht. Im Gegenteil: „Es macht mir großen Spaß.“ An diesem Sonntag, 30. Juli, ist der Kugelstoßer zu Gast im SWR-Fernsehen bei Sport im Dritten (22.15 Uhr bis 23 Uhr).