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Niko Kappel: ​​​​​​​Weltmeister mit Weltrekord

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Niko Kappel bejubelt im London Stadium seinen WM-Titel. © Danny Galm

Welzheim/London.
Weltmeister mit Weltrekord: Der große Traum des Welzheimers Niko Kappel, nach dem Gewinn der Goldmedaille bei den Paralympics in Rio jetzt auch den WM-Titel zu holen, hat sich erfüllt. Mit 13,81 Metern triumphierte der 22-Jährige in London spektakulär im Kugelstoßen der Kleinwüchsigen.Das war eine Demonstration einsamer Klasse: Mehr als anderthalb Meter Vorsprung hatte Niko Kappel am Ende auf Silbermedaillengewinner Kyron Duke (England, 12,28 Meter) und fast zwei Meter auf Zhiwai Xia (China, 11,86 Meter). Kappels größter Konkurrent Bartosz Tyszkowski stand überraschend nicht in der Startliste – der Pole war bei den Paralympics in Rio mit nur einem einzigen Zentimeter Rückstand auf Rang zwei gelandet.

Sein Trainer habe „die richtigen Worte gefunden“

„War super“, schwärmte Kappel am Freitag im Telefongespräch mit unserer Zeitung, „echt klasse“ – und dann analysierte er den Londoner Wettkampf so launig wie präzise. Ja, er habe „gewusst, dass ich in die Region des Weltrekords stoßen kann“, das sei sein Ziel gewesen für diesen Wettkampf.

Dass Tyszkowski nicht dabei war, sei für diesen Plan nicht unbedingt von Vorteil gewesen: „Konkurrenz belebt das Geschäft“, ein Gegner, der auf Augenhöhe agiert, helfe einem, die letzten Prozente aus sich herauszukitzeln. Aber es habe ja auch so „gut geklappt“, sein Trainer habe „die richtigen Worte gefunden“, um Spannung und Motivation hochzuhalten.

Warum nahm Tyszkowski nicht teil?

Bereits im zweiten Versuch flutschte es – „wobei sich der Stoß gar nicht so gut angefühlt hat. Aber wollen wir mal nicht meckern.“ Und warum nahm Tyszkowski nicht teil? Das Rätsel kann auch Kappel nicht lüften.

Die Gründe, warum Tyszkowski nicht antrat, sind unklar, es gab dazu keine Verlautbarungen. Aber egal, das Fehlen des großen Rivalen schmälert Kappels Triumph sowieso nicht im Mindesten – denn bei den Paralympics hatte der Welzheimer Gold mit 13,57 Metern geholt, und nun in London pfefferte er die Kugel auf die neue Weltrekordweite von 13,81 Metern.

„Es war noch nicht der perfekte Stoß“

Auch die alte Bestmarke hatte Kappel gehalten – im Juni in München erzielte er 13,78. „Es war noch nicht der perfekte Stoß“, sagte er seinerzeit, „da ist noch Potenzial vorhanden.“ Prophetische Worte: Anfang Juli haute Kappel in Biberach erstmals 13,81 raus – die Weite wurde damals aber noch nicht als Weltrekord anerkannt, weil die Veranstalter den Wettkampf nicht beim paralympischen Komitee angemeldet hatten.

„Weltmeister? Das hört sich schon super an, das hatte ich bis jetzt ja noch nicht“, witzelte Niko Kappel nach seinem Triumph in London. „Mir war es wichtig, dass ich meine Leistung zeigen kann. Das ist mir gut gelungen. Ich habe jetzt schon wieder Bock auf die nächste Saison.“

Ein weiterer Höhepunkt in einer beeindruckenden Karriere

Im Stadion feierte Kappel mit WM-Maskottchen „Whizbee“ und hüllte sich in die deutsche Flagge. Kappel ließ sich in London weder von der imposanten Kulisse aus 15 000 Zuschauern einschüchtern noch vom böigen Wind irritieren. Bereits im zweiten Versuch gelang dem Welzheimer die Weltbestleistung – er ballte die Faust im sicheren Wissen, dass ihm dieses Gold keiner nehmen konnte.

Der WM-Sieg ist ein weiterer Höhepunkt in der beeindruckenden Karriere des 22-Jährigen. Schon bei den Junioren war er im Kugelstoßen und Speerwerfen insgesamt siebenmal Weltmeister geworden, in seinem ersten Jahr bei den Männern folgten Silbermedaillen bei der WM und EM im Kugelstoßen.

Zusammenarbeit mit Landestrainer Peter Salzer

In beiden Fällen hatte damals noch Tyszkowski die Nase vorn. Das änderte sich sensationell im Jahr 2016 bei den Paralympics in Rio. Erstmals schlug Niko Kappel seinen bis dahin unantastbar scheinenden Konkurrenten. Es folgten zahlreiche Auftritte im Fernsehen und Radio, alle rissen sich um den eloquenten Sportler.

Der aber legte sich nicht auf die faule Haut, sondern konzentrierte sich auf sein nächstes Ziel: die Para-WM in London 2017. Die enormen Leistungssteigerungen des Kugelstoßers sind vor allem auf die Zusammenarbeit mit Landestrainer Peter Salzer zurückzuführen, der in seiner Trainingsgruppe unter anderem auch die U-20-Weltmeisterin und U-23-Bronzemedaillengewinnerin Alina Kenzel vom VfL Waiblingen coacht.

Salzer stellte Niko Kappel auf die Drehstoßtechnik um, zudem verbesserte sich der von den Kollegen „Bonsai“ genannte 1,40 Meter kleine Athlet in den Bereichen Kraft und Spritzigkeit Weil Kappel noch jung ist, wird das vermutlich nicht seine letzte sportliche Glanztat gewesen sein. Doch bevor die Zeit gekommen ist, sich neue Ziele zu stecken, darf „Bonsai“ nun erstmal sein Gold genießen.