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Olympia-Siegerin Rothfuss: Ohne Interesse der Vereine keine Inklusion

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Engagiert: Paralympics-Goldmedaillengewinnerin Andrea Rothfuss. © Jamuna Siehler

Schorndorf. Die schönste Broschüre über Inklusion hilft nichts, wenn in einem Sportverein kein Interesse besteht, mit behinderten Menschen zu arbeiten und sie zusammen mit Nichtbehinderten trainieren zu lassen. Zudem müssen Clubs selbst die Initiative ergreifen, statt darauf zu warten, dass jemand mit einer körperlichen oder geistigen Einschränkung zu ihnen kommt. Das ist das Fazit einer Podiumsdiskussion zum Abschluss des Inklusionstags an der Reinhold-Maier-Schule in Schorndorf-Weiler.


Video: Andrea Rothfuss zur Inklusion im Verein.

Mitveranstalter waren der Württembergische Behinderten- und Rehabilitationssportverband (WBRS) und die Sport-Region Stuttgart. Auf dem Podium saß auch die Skifahrerin und Paralympics-Siegerin von Sotschi 2014, Andrea Rothfuss, die seit einigen Monaten in Kernen-Rommelshausen wohnt. Ihr fehlt seit der Geburt die linke Hand. Die heute 26-Jährige sagt, sie sei schon als Kind sportbegeistert und ehrgeizig gewesen. „Deshalb sind meine Eltern selbst aktiv geworden.“ So kam das Mädchen bereits mit sechs Jahren zu einem ganz normalen Sportverein, dem Skiclub Loßburg im Schwarzwald.

Was Inklusion angeht, ist Andrea Rothfuss aber eine Ausnahme. Normalerweise drängen Menschen mit Behinderungen nicht gerade in Sportclubs. Kristine Gramkow, stellvertretende Direktorin für Sportentwicklung beim Deutschen Behindertensportverband (DBS), stellt klar: „Man kann als Verein nicht einfach warten, bis jemand kommt, sondern muss selber aktiv werden.“ Etwa, indem bei der Präsentation des Vereinsangebots auch Behinderte explizit angesprochen werden. Sinnvoll seien Kooperationen mit Behindertenwerkstätten und Selbsthilfevereinen. Behinderten-Sportverbände unterstützen die Vereine zwar, doch die Grundvoraussetzung für Inklusion sind Personen in den Clubs, die sich dafür engagieren. „Man muss sich mit der Behinderung auseinandersetzen, dann ist differenziertes Training möglich“, betont Karl Weinmann, Vorsitzender des WBRS.

Nach wie vor gilt es, Vorurteile und Ängste abzubauen. Moderator Andreas Escher (WBRS) berichtet von einem Gespräch mit einem Trainer. „Er hat gesagt: ,Bei mir will ein Behinderter mitmachen. Was soll ich tun? Welche Ausbildung brauche ich?‘“ Die Antwort: keine. Sinnvoll ist es laut Weinmann, so einen Trainer mit einem anderen zusammenzubringen, der bereits Erfahrung im Bereich Inklusion hat. Thomas Nuss, WBRS-Geschäftsführer, ergänzt: „Wir sagen immer: ,Leute, seid kreativ.‘“ Als Positivbeispiel nennt er den kleinwüchsigen Kugelstoßer Niko Kappel von den TSF Welzheim. Als der mit der Leichtathletik angefangen habe, seien für ihn statt Hürden einfach Bananenkartons aufgebaut worden. „Und heute steht er kurz vor der Nominierung für die Paralympics.“

Und warum sollten Behinderte und Nichtbehinderte nicht auch in einem Team stehen? Karl Weinmann erinnert an den früheren deutschen Fußball-Nationalspieler Robert Schlienz, dem nach einem Unfall der linke Unterarm fehlte. „Der hätte im EM-Halbfinale kein Handspiel gemacht“, sagt Rothfuss. Alles lacht. Humor macht vieles leichter, auch Inklusion.