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Olympionikin Ricarda Lisk beendet ihre Karriere

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Waiblinger Triathlon 2014 Frauenliga, Ricarda Lisk hat ihre Schwimmstrecke hinter sich und verlaesst das Becken, um zur Radstrec
Schluss mit Triathlon: Schwimmen wird Ricarda Lisk von nun an nur noch zum Vergnügen. © Ralph Steinemann
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Waiblinger Triathlon 2015.

Als Profi-Triathletin ist die Korberin Ricarda Lisk 17 Jahre durch die Welt gereist und hat es dabei in die internationale Spitze geschafft. Zu Ende ging die Karriere mit dem Inferno-Rennen in der Schweiz, wo die 36-Jährige nun in einen neuen Lebensabschnitt startet. Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Thomas Wagner blickt sie zurück – und ermutigt den Triathlon-Nachwuchs: „Es lohnt sich, kompromisslosen Profisport zu machen.“

Frau Lisk, Ziel des Inferno-Triathlons war das 2970 Meter hohe Schilthorn in den Berner Alpen. Hier ließ der Bösewicht Blofeld im James-Bond-Streifen „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ einst hübsche junge Frauen hypnotisieren, die auf ein Funksignal hin die Welt mit Krankheitserregern verseuchen sollten. Waren auch Sie nach drei Kilometern Schwimmen im Thunersee, 95 auf dem Rennrad, 30 auf dem Mountainbike, dem 25-Kilometer-Berglauf und 10:08:07 Stunden Wettkampf in einem Trance-Zustand?

Eigentlich nicht. Es ist erstaunlich, wie schnell dann doch alles vorbeigeht. 500 Meter vor dem Ziel habe ich gedacht, ich schaff’ es nicht mehr. Aber, ich meine, 500 Meter vor dem Ziel kann man ja nicht einfach stehen bleiben. Also ging’s weiter und siehe da, das Ziel war da und der Körper wurde mit Endorphinen durchflutet. Da ging es mir wieder gut.

Der Inferno war zugleich der finale Wettkampf in Ihrer 17-jährigen Profi-Karriere. Kam da nicht ein bisschen Wehmut auf oder überwog im Ziel die Erleichterung?

Es überwog ganz klar die Erleichterung. Erst mal darüber, dass ich diese letzte Herausforderung geschafft habe. Zweitens, dass ich es gesund und glücklich überhaupt so weit geschafft habe. Von jetzt an kann ich das erste Mal seit meiner Kindheit Sport machen ohne irgendwelche Pläne, Vorgaben oder Zielstellungen, sondern nach Lust und Laune, um meine Gesundheit zu erhalten.

Das hört sich ja gerade so an, als ob Sie die ganzen Jahre über gelitten hätten.

Nein, natürlich nicht. Der Sport hat mir immer sehr viel Spaß gemacht, sonst hätte ich ihn ja nicht betrieben. Es ist nur so, dass bei allem, was ich getan habe, das Ziel dahinterstand, mich zu verbessern. Jeder hat von mir erwartet, dass ich in den Wettkämpfen vorne mit dabei bin, da musste alles passen. Ich musste mir sogar bei einem Frühstückslauf überlegen, ob ich alles richtig mache. Wenn ich künftig nach drei Kilometern Schwimmen keine Lust mehr habe, höre ich einfach auf.

Vor 25 Jahren absolvierten Sie Ihren ersten Triathlon. Wäre das jetzt, da für Sie ein neuer Lebensabschnitt beginnt, nicht ein prima Zeitpunkt, die Unmengen von Erlebnissen in einem Buch niederzuschreiben?

Ich denke, ich habe definitiv so einige Geschichten zu erzählen. Aber ob die auch jemand liest, bezweifle ich (lacht).

Sie haben in den vielen Jahren nicht nur an den hochkarätigsten Wettbewerben teilgenommen, sondern sind mehrfach um die ganze Welt gereist. USA, Mexiko, Neuseeland, Australien, Südafrika, Japan, China, Südkorea, Katar, Kolumbien: Was fehlt noch in der Sammlung?

Ja, gerade Wettkämpfe an Orten, wo man normalerweise nie hinkommen würde, machen das Leben eines Profi-Sportlers wirklich interessant. Wer fliegt schon in den Urlaub nach Tongyeong in Südkorea, ins japanische Ishigaki, nach Otepää in Estland oder Guatapé? Nun bin ich aber froh, nicht mehr alle zwei bis drei Wochen in den Flieger steigen zu müssen. Hoffentlich kann ich endlich mal nach Berlin, Tirol oder Italien reisen. Das fehlt noch in meiner Sammlung.

Wie wichtig war’s für Sie, abseits der Wettkämpfe etwas von der Umgebung und den Menschen mitzubekommen?

Das Tolle am Triathlon ist, dass man immer sein Rad mit dabei hat. Man kann also, egal wo, mit dem Rad sehr gut die Umgebung erkunden. Von den Menschen oder der Kultur bekommt man schon auch was mit. Wenn man sich anpasst, höflich ist und nicht den überheblichen Touristen rauslässt, reagieren Einheimische natürlich viel offener. Letztendlich lerne ich aber jedes Mal wieder zu schätzen, wie unglaublich gut es uns Deutschen doch geht.


Welches Land, welche Stadt hat Sie am meisten fasziniert?

Peking. Ich war außer den Olympischen Spielen noch öfters beim internationalen Beijing Triathlon am Start und hatte die Möglichkeit, danach noch ein paar Tage bei unseren chinesischen Bekannten Amy und Qiwei zu wohnen, die wir bei den Olympischen Spielen kennengelernt haben. Dort lernte ich viel über das Leben und die Gewohnheiten der Menschen in dieser Metropole. Wenn wir uns über chinesische Touristen aufregen, denke ich gerne an Momente, in denen ich ohne Amy völlig aufgeschmissen gewesen wäre. Außerdem legen Chinesen sehr viel Wert auf Sport, um gesund zu bleiben.

Gibt’s so etwas wie eine zweite Heimat oder heimliche Liebe?

Südafrika. Ich war öfters über den Winter in Stellenbosch. Der kleine Ort bei Kapstadt war super zum Trainieren und ich hatte dort viele Freunde.

Die Triathleten tingeln in der Regel alleine um die Welt. Haben sich über die Jahre hinweg eigentlich nachhaltige Freundschaften entwickelt?

Auch wenn wir oft alleine reisen, treffen wir uns ja wieder an den exotischsten Orten. So waren gerade in Stellenbosch viele Profi-Triathleten aus verschiedenen Nationen im Trainingslager. Nachhaltige Freundschaften sind tatsächlich schwierig, da jeder zu Hause sein eigenes Leben führt. So trainiert man teilweise wochenlang zusammen, reist wieder nach Hause und sieht und hört sich ein ganzes Jahr nicht mehr. Sobald man sich aber wieder trifft, ist es, als ob man sich erst gestern das letzte Mal gesehen hätte.

Haben Sie sich nie gewünscht, Mannschaftsportlerin zu sein und den Teamspirit zu erleben und zu leben?

Ich habe ja auch Teamwettkämpfe gemacht, bin unter anderem Team-Europameisterin geworden und war für ein französisches Team in deren Bundesliga am Start. Das war schön, aber letztendlich bin ich froh, die Möglichkeit gehabt zu haben, als Einzelsportlerin selbst meine Erfolge erkämpft zu haben.

Seit sieben Jahren sind Sie Ihre eigene Trainerin. Ist das ein Modell, das Sie anderen Athletinnen empfehlen können, oder ist es nicht für jede geeignet?

Bei mir hat es sich eher so ergeben. Da ich an verschiedenen Orten mit verschiedenen Athleten trainiert habe, musste ich mich anpassen und konnte nicht immer einem Plan folgen. Durch meine langjährige Erfahrung weiß ich, was ich trainieren muss, um schneller zu werden. Ich kann keine Trainingspläne selbst schreiben und auch mal etwas Neues ausprobieren.

Ihre größten Erfolge feierten Sie mit ihrem Coach Lubos Bilek. Haben Sie es schon mal bereut, die Zusammenarbeit nicht fortgesetzt zu haben?

Jein. Also ja, ich hätte gerne mit ihm weitergearbeitet und nein, weil es einfach nicht mehr möglich war. Das zu erklären, sprengt aber den Rahmen.

Wenn Sie auf die vielen, vielen Wettkämpfe zurückblicken und eine Top-3-Rangliste Ihrer größten Erfolge erstellen müssten, dann ...

... wäre auf Rang eins der fünfte Platz bei der WM in Hamburg 2007, auf Rang zwei der Weltcupsieg in Hamburg 2008 und auf Rang drei der achte Platz bei der 70.3 WM in Zell am See 2015.

Und wie sähe die Erlebnis-Rangliste aus?

Ganz oben stehen da natürlich die Olympischen Spiele in Peking 2008, gefolgt von sämtlichen Wettkämpfen in Hamburg. Dort war die Stimmung immer sensationell. Sydney würde ich auf Rang drei setzen. Mitten in den Touristenströmen neben der berühmten Oper springt man ins Wasser zu den Haien und radelt und läuft danach in der Innenstadt.

Den einen oder anderen Rückschlag in der Karriere gab’s auch. An welchem hatten Sie am meisten zu knabbern?

Dass ich es nicht geschafft habe, mich für die Olympischen Spiele in London 2012 zu qualifizieren.

Gab’s auch das eine oder andere Motivationsloch, in das Sie geplumpst sind?

Als ich mitten in der Saison 2011 erfahren habe, dass ich aus der Nationalmannschaft rausfliegen werde. Ich war verletzt und konnte meine Leistung nicht abrufen. Das war bitter.


Rund 20 Jahre hat der Triathlon Ihr Leben bestimmt. Was hätten Sie gerne mitgenommen, auf das Sie verzichten mussten?

Ich sehe es eher andersrum: Es gab etwas, worauf ich verzichten durfte. Ich war nie in der Situation, während meines Studiums arbeiten zu müssen, um über die Runden zu kommen. Ich bin aus der Schule raus und habe gleich Geld verdient. Bei Studenten-Partys war ich zwar nicht, aber die Weltcup-Partys waren auch nicht schlecht (lacht).

Von Ihnen stammen die Sätze „Profi-Triathletin – das ist der beste Job der Welt für mich“ und „Es ist ein Privileg, sein Hobby zum Beruf zu machen“. Reich indes dürfte kaum ein Triathlet werden, im Vergleich zu anderen Sportlern sind selbst die Top-Athleten arme Schlucker. Wie sehr ärgert es Sie, wenn Sie hören, dass für einen Fußballer mittlerweile irrsinnige 222 Millionen Ablöse bezahlt werden?

Das stimmt so nicht. Top-Triathleten haben auch ein Jahreseinkommen im sechsstelligen Bereich. Triathlon ist zwar aufwendiger, aber wesentlich lukrativer als Schwimmen oder Leichtathletik. Bei den Summen im Fußball rollt wahrscheinlich jeder mit den Augen. Das ist Entertainment und somit etwas ganz anderes.

Zu Ihren Profizeiten waren Sie mehr oder weniger autark. Welchen Stellenwert hat die Selbstständigkeit in Ihrer zweiten Karriere als Trainerin?

Ich bin sehr dankbar, weiterhin selbstständig sein zu können. Es würde mir schwerfallen, feste Arbeitszeiten zu haben. Allerdings wird es so wohl auch weiterhin kein freies Wochenende für mich geben. Aber das stört mich nicht.

Auch wenn die Trainingspläne nun in der Schublade verschwinden, werden Sie sich wohl kaum faul aufs Sofa legen. Haben Sie sich schon das eine oder andere Amateurrennen im Kalender angekreuzt oder sind Sie noch nicht im Hobbysportler-Modus?

Ich werde definitiv keine Triathlon-Wettkämpfe mehr machen. Aber das eine oder andere Mountainbike-Rennen oder auch mal einen Trail-Lauf, das reizt mich schon.

Beim Inferno-Triathlon haben Sie sich auf dem Mountainbike sehr gut geschlagen. Dem Start beim legendären Cape Epic in Australien oder einer Transalp steht also nichts mehr im Wege, oder?

Ja, irgendwann bin ich da bestimmt einmal dabei. Davor werde ich aber noch viel Technik üben müssen.

Sie werden von Korb zu Ihrem Lebenspartner in die Schweiz ziehen und regeln von dort Ihre Geschäfte. Wie muss man sich Ihren Berufsalltag als Trainerin vorstellen?

Der gliedert sich in verschiedene Bereiche. Ich leite weiterhin bei Hannes Hawaii die Trainingscamps auf Fuerteventura sowie Seminare beim baden-württembergischen Triathlon-Verband. Außerdem stelle ich die Trainingspläne für meine Athleten zusammen, die ich betreue. Und man kann mich individuell buchen für ein Schwimm-, Rad- oder Lauftraining. Ich habe auch noch ein paar andere Ideen, die sind aber noch nicht spruchreif.

Welche Tipps geben Sie den jungen Sportlern mit auf den Weg, die einen ähnlichen Weg einschlagen möchten?

Es lohnt sich definitiv, kompromisslosen Profisport zu machen. Es ist zwar ein spezielles Leben, für das man einiges zurückstellen muss. Die Disziplin, das Durchsetzungsvermögen, den Arbeitswillen und die Erfahrung, Grenzen überwinden zu können, sind jedoch sehr wertvoll und helfen einem ungemein im späteren Berufsleben. Auch wenn man sich während der Profi-Karriere voll und ganz auf den Sport konzentrieren muss, sollte man sich immer parallel Gedanken darüber machen, was danach kommt. Schließlich kann es ja von einem Tag auf den anderen vorbei sein mit dem Sport.


  • 1999: Deutsche Juniorenmeisterin
  • 2001: 2. Platz DM, 3. EM, 4. WM (Junioren)
  • 2003: 5. Platz DM (Elite)
  • 2004: Deutsche Meisterin U 23
  • 2006: Deutsche Meisterin Elite
  • 2007: Mannschafts-Europameisterin, 5. Platz WM in Hamburg und Qualifikation für die Olympischen Spiele in Peking
  • 2008: 15. Platz bei den Olympischen Spielen, 1. Platz Weltcup in Hamburg, 3. Platz Sprint-DM
  • 2010: Deutsche Meisterin
  • 2012: Deutsche Meisterin, 5. Platz Beijing Triathlon, 3. Platz African-Cup
  • 2013: 3. Platz Escape from Alcatraz in San Francisco
  • 2014: 2. Platz 51.50 Europameisterschaft, 1. Platz Frankfurt City Triathlon, 2. Platz Beijing Triathlon,
  • 2015: 8. Platz 70.3 Weltmeisterschaft
  • 2016: 1. Platz Chiemsee-Triathlon
  • 2017: 2. Platz Frankfurt City Triathlon, 3. Platz 51.50 Zürich, 3. Platz Inferno-Triathlon

Mehr Infos unter www.ricardalisk.de

Mehr zu Ricarda Lisk unter www.ricardalisk.de