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Redakteur, 59, will ohne Training das Sportabzeichen schaffen...

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Das Gold lockt, der Körper zickt © Jamuna Siehler
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Das Gold lockt, der Körper zickt © Jamuna Siehler

Über eine halbe Million Menschen legen jährlich das Deutsche Sportabzeichen ab. Sie trainieren mehrere Wochen lang Rennen, Springen, Werfen und treten schließlich zur Prüfung an. Das, denke ich, wäre doch auch etwas für mich. Allerdings: Das lange Training spare ich mir, trete lieber gleich zur Prüfung an. Ich hatte schon bessere Ideen.

Video: Gisbert Niederführ beim Sportabzeichen.

Der Abend beim VfL Winterbach fängt eigentlich gut an. Gunild Kreb, die das Sportabzeichentraining leitet, ist sich ganz sicher: „Du schaffst das.“ Was kann da noch schiefgehen?

Zwischen zehn und 20 Frauen und Männer treffen sich immer freitagabends zum Training auf dem VfL-Gelände; sogar im Winter in der Halle. Grundlagentraining. Brauche ich das? Nein. Schließlich habe ich Sport studiert. Wenn auch vor 35 Jahren. Aber auf der faulen Haut bin ich danach nicht gelegen.

Spannend ist das Ganze dennoch: Weil ich seitdem weder auf der Bahn gesprintet noch in eine Sandgrube gesprungen bin, habe ich keine Ahnung, was mein Körper noch zu bieten hat. Und wie soll ich mir nur den 3000-Meter-Lauf einteilen? Gleichmäßig laufen oder erst mal Luft sparen und am Ende noch was drauflegen? Aber wie so viele Fragen erledigt sich auch diese schließlich ganz von alleine.

Der 3000-Meter-Lauf zählt zur Gruppe Ausdauer. Vorher muss ich erst Ergebnisse in den Bereichen Koordination, Kraft und Schnelligkeit liefern. Genau genommen auch noch im Schwimmen. Aber das bleibt erst mal außen vor.

Jetzt stehe ich inmitten meiner Sportabzeichenkollegen und einiger Winterbacher Leichtathleten vor der Liste mit den geforderten Leistungen. Welche Zeit, welche Höhe, welche Weite reicht für das Sporttabzeichen in Bronze, Silber oder Gold? Ich habe keine Ahnung, wie ich diese Zahlen einschätzen soll. Allerdings macht mich ein Satz etwas unruhig, der mir viel zu oft fällt: „Das ist ganz schön happig.“

Inge Rieger, eine der VfL-Trainerinnen, gibt mir zudem den Rat: „Weitsprung würd’ ich nicht machen. Wenn du da falsch abspringst, fährt dir’s so ins Kreuz, dass du dich vier Wochen lang nicht bewegen kannst.“ Ich denke: „Ganz schön happig.“

50 Meter – die Zeitnehmer sind verdammt weit weg

Aber ich hab’ ja noch Gunild Kreb. „Du schaffst das“, hat sie schließlich gesagt. Sie wärmt uns zunächst gründlich auf, dann geht’s zur ersten Disziplin: 50-Meter- Sprint. Als ich sehe, wie weit die Zeitnehmer von der Startlinie entfernt stehen, bin ich gottfroh, dass ich keine 100 Meter laufen muss. Endlich ist das Alter auch mal ein Vorteil.

Allerdings haben es auch die 50 Meter in sich. Das beginnt schon beim Start: mit oder ohne Startanlage? Ich entscheide mich für die Anlage. Wenn schon, denn schon. Als aber das Startsignal fällt, geht es mir fast genauso. Irgendwie schaffe ich es jedoch, nicht schon nach drei Schritten auf der Nase zu liegen.

Danach allerdings drehe ich richtig auf. Völlig überraschend nämlich liege ich in Führung. Ich wusste doch, ich bin gut. Das Ziel rauscht mir entgegen – okay, es kommt langsam näher, der Sieg ist mir dennoch gewiss. Zehn Meter noch, da erhalte ich eine Nachricht von meinem linken Oberschenkel: Langsamer wäre jetzt besser.

Was für ein Schwachsinn! Stoppt etwa Usain Bolt kurz vorm Ziel ab und lässt die Konkurrenz vorbei? Ich zieh’ das durch!

Mein Oberschenkel reagiert ungehalten auf die Zurückweisung. Leicht zu beleidigen, der Kerl. Und rachsüchtig.

Ich weiß nicht, woher er so schnell das Messer organisiert hat, aber er rammt es mir in die Adduktoren. Was mich auf der Ziellinie zu einem Gesichtsausdruck zwingt, der irgendwo zwischen Triumph und Schmerz liegt.

Und Frust. Denn mein Plan ist damit bereits gescheitert. Meine Oberschenkel-Adduktoren links sind gezerrt. Mindestens. Laufen hat sich damit erledigt. Das hat zumindest ein Gutes: Rückenprobleme durchs Weitspringen drohen nicht mehr. Mehr als Humpeln ist nicht mehr drin.

Aber was nun? Abbruch?

So leicht lassen mich die Winterbacher nicht davonkommen. Zum Kugelstoßen braucht’s ja hauptsächlich die Arme. Allerdings auch ein bisschen Schmackes darin. Sechs Kilo ist die Eisenkugel schwer. Sechs Kilo!

Wie soll ich das Ding auf 7,50 m wuchten? Die zumindest sind für Gold nötig. Ich entscheide mich für die Variante: Bronze ist doch auch nicht schlecht und kriege das – trotz aller Bemühungen der VfL-Trainer, mir ein Mindestmaß an Technik beizubringen – auch gerade mal so hin. Nach kurzer Einweisung reichen danach auch drei Schritte zu Silber im Hochsprung.

Außer dem Bereich Ausdauer (und Schwimmen) hätte ich dann alles. Aber! Da gibt’s doch noch Möglichkeiten, die Punktzahlen zu verbessern. Selbst für Einbeinige. Also hole ich mir noch schnell Gold im Standweitsprung und Medizinballwerfen, dann geht endgültig nichts mehr. Mittlerweile schmerzt der rechte Fuß mehr als der linke Oberschenkel.

Fazit: Das Sportabzeichen ist eine gute Sache, aber ...

Zeit, ein Fazit zu ziehen: Sportabzeichen? Ja, gute Sache. Ohne Vorbereitung? Nein, miserable Idee. Gunild Kreb hat sich zwar, was meine Erfolgsaussichten angeht, verschätzt. Aber sie sorgt dafür, dass ich deshalb nicht in Depressionen verfalle. Weil sie in einer Orthopädie-Praxis arbeitet, steht mein Arzttermin praktisch schon fest. Und um die Zeit bis dahin nicht unnütz verstreichen zu lassen: Ouzo soll auch Wunder vollbringen. Und den gibt’s im VfL-Vereinsheim, auch humpelnd leicht erreichbar.

Das deutsche Sportabzeichen

Das Deutsche Sportabzeichen wurde am 10. November 1912 von der Hauptversammlung des Deutschen Reichsausschusses für Olympische Spiele unter dem Namen Auszeichnung für vielfältige Leistung auf dem Gebiet der Leibesübungen geschaffen.

Zu Beginn konnten es nur Männer in Sportvereinen ablegen, seit 1921 ist das auch Frauen möglich.

Bis 2012 gab es eine Bronzemedaille, wenn man die Bedingungen einmal erfüllt hatte, Silber bei dreimal und Gold bei fünf Durchgängen. Mittlerweile ist es jedes Mal möglich, Bronze, Silber oder Gold zu erreichen, je nachdem, welche Ergebnisse in den Einzeldisziplinen erzielt wurden. Zudem muss jeder nachweisen, dass er schwimmen kann.

Für die Polizei in Baden-Württemberg dient das Sportabzeichen sogar als Vorlage für die sportliche Eingangsvoraussetzung. Wer nicht in allen Disziplinen mindestens Silber erreicht, wird nicht zur Bewerbung zugelassen. Allerdings genügt ersatzweise auch ein 3000-Meter-Lauf im Rahmen des generellen Auswahltests.

Geprüft werden beim Deutschen Sportabzeichen Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit und Koordination. Innerhalb der Disziplinen können die Anwärter wählen, in welcher Weise sie geprüft werden möchten. Die Schwimmfähigkeit muss nachgewiesen werden.

Das Ergebnis im Selbstversuch (Altersbereich 55 bis 59 Jahre): 50 Meter: 7,8 Sekunden (Gold); Kugelstoßen: 6,32 m (Bronze); Standweitsprung: 2,20 m (Gold); Hochsprung 1,10 m (Silber); Medizinballwerfen: 11,80 m (Gold). Das alles aber nützt nichts, weil der Ausdauerteil fehlt. Ergebnis also: durchgefallen.