Rems-Murr-Sport

Remstal-Biker beim Hero Südtirol Dolomites

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Remstal-Biker Ralf Siegle. © Ramona Adolf

Der Hero Südtirol Dolomites rund um den Sellastock zählt zu den Klassikern unter den Mountainbike-Marathons, seit ein paar Tagen gehört er auch zur Sammlung der erfahrenen Remstal-Biker Ralf Siegle und Michael Joos (45). „Der bleibt dir im Kopf“, sagt Siegle nach 86 Kilometern und 4500 Höhenmetern. Und nicht nur, weil’s zwischendurch geschneit hat.

Bald kommt der Tag, an dem dein Leben als Biker nicht mehr dasselbe sein wird

Ist dieser Satz als Drohung oder eher als Anreiz zu verstehen? Jedenfalls sind so die Besucher der Hero-Website begrüßt worden, die sich im Vorfeld über den Marathon informieren wollten. „Das ist schon ein bösartiger Satz“, sagt der Grunbacher Ralf Siegle und lächelt. Für ihn und seinen Weinstädter Kumpel Michael Joos habe sich durch die Teilnahme das Biker-Leben nicht grundlegend geändert, „weil wir ja öfter extreme Dinge machen“. Diejenigen jedoch, die ohne entsprechende Verfassung angereist seien, hätten sicherlich gelitten. Wobei: Auch für die alten Biker-Haudegen Siegle und Joos war das Rennen keine Kaffeefahrt. Immerhin wirbt der Veranstalter damit, der Hero sei der härteste, schönste und zudem spektakulärste Mountainbike-Marathon der Welt. Mit derlei Superlativen tut sich Siegle zwar grundsätzlich schwer. Während der Vorbereitung sei ihm jedoch klargeworden, dass es der Hero durchaus in sich haben müsse. „Zugegeben, ein bisschen ehrfürchtig waren wir schon.“

Zunächst einmal erinnert das Höhenprofil der Strecke an die Zahnreihe eines gefräßigen Haies. Eindruck hinterlassen hat bei den Hero-Novizen auch der 3-D-Flug über die Strecke mit der entsprechend dramatischen Hintergrundmusik. Also hieß es, die Vorbereitung exakt auf die Topografie und die Länge des Rennens abzustimmen – was sich als gar nicht so einfach herausstellte.

Nach Trainingslagern auf Mallorca und am Gardasee versuchten die beiden, in Tagesetappen im heimischen Remstal annähernd so viele Höhenmeter zu sammeln, wie sie in den Dolomiten erwarten. „Wir hatten uns vorgenommen, nicht nach Hause zu gehen, bevor wir nicht 3000 Höhenmeter beisammen haben.“ Sie suchten sich die steilsten Rampen, strampelten den halben Tag durch die Gegend. Mehr als 97 Kilometer und 3065 Höhenmeter kamen bei den Tagestouren allerdings nie zusammen. „Da wurde uns erst bewusst, wie wahnsinnig steil die Strecke sein musste.“

Siegle und Joos buchten ein zweites Trainingslager am Gardasee, die angepeilten 4500 Höhenmeter schafften sie aber auch im Biker-Mekka Tremalzo nicht. „Spätestens da wussten wir, warum offensichtlich rund ein Drittel der Fahrer aus dem Hero aussteigt“, sagt Siegle. „Uns blieb nichts anderes übrig, als auf die Motivation im Rennen zu setzen.“

Ein bisschen im Keller freilich war die Stimmung bereits am Abend vor dem Rennen: Es graupelte im Startort Wolkenstein. Die Rennbesprechung machte die Teilnehmer zudem andächtig: Die Verantwortlichen wiesen unmissverständlich darauf hin, dass die drei Karrenzzeiten strikt eingehalten werden müssten. Selbst bei einer winzigen Sekunde Verspätung werde die Startnummer abgeschnitten. „Die sagten allen Ernstes, das sollten die Fahrer nicht als Bestrafung sehen, sondern als Motivation, im darauffolgenden Jahr mit besseren Beinen wiederzukommen“, sagt Siegle. „Wir haben schier durchgedreht.“

Polster am Passo

Mit guten Beinen klar im Zeitlimit

Überhaupt nichts gedreht hat sich bei rund 1000 Bikern, die sich zwar angemeldet hatten, aber angesichts der nicht gerade berauschenden Wetterprognose ihre Räder erst gar nicht auspackten. Mit diesem Gedanken spielten Siegle und Joos nicht. „Nur wenn es schon beim Start geregnet hätte, hätten wir uns nicht in den Sattel gesetzt.“

Sorgen, wegen Überschreitung des Zeitlimits aus dem Rennen genommen zu werden, mussten sie sich nicht machen: Am ersten Kontrollpunkt am Passo Campolongo nach rund 25 Kilometern waren die beiden rund 40 Minuten im Soll. „Da war uns eigentlich klar, dass es klappen müsste.“

Andere Biker hatten da größere Probleme. Beispielsweise diejenigen, die den Marathon zu flott angegangen waren. Oder auch jene, die das falsche Kettenblatt aufgezogen hatten. Wer am Abend vor dem Rennen, wie Siegle und Joos, zu Testzwecken die erste knapp 20-prozentige Rampe kurz nach dem Start hochgefahren ist, dem dürfte es unter Umständen etwas flau im Magen geworden sein: Auf den ersten dreieinhalb Kilometern mussten 620 Höhenmeter überwunden werden. „Da willst du eigentlich nicht wissen, was am nächsten Tag im Rennen noch so auf dich zukommt.“

Am Ende des Test-Anstiegs indes lockte die Rettung. Clevere Firmen hatten dort ihre Trucks aufgestellt. Im Angebot: Kettenblätter jeglicher Größe und Form. „Da war eine Schlange wie vor dem Museum“, sagt Siegle und lacht. „Die haben bis in die Nacht um die Wette geschraubt und gefühlt 1000 Ketten verkauft.“ Viele Biker hatten offensichtlich befürchtet, dass sie mit ihrer Übersetzung das Ziel nie sehen würden.

Siegle und Joos hatten mit anderen Problemen zu kämpfen. Weil sie zum ersten Mal am Rennen teilnahmen, wurden sie in einen der hinteren Startblöcke gesteckt. Als geübte Abfahrer machten sie rasch Boden gut, was für zusätzliche Motivation sorgte. Die brauchten sie auch, denn nach rund drei Stunden kippte das Wetter: Am Pass begann es – bei heftigem Wind – zunächst zu tröpfeln. Daraus wurde heftiger Regen, der schließlich im Schneegestöber endete. Bei null Grad und glitschigen Trails war vor allem bei den Abfahrten äußerste Vorsicht und Konzentration geboten. „Wenn 2000 vor dir gefahren sind, ist das so, als ob eine Kuhherde über die Wiese gelaufen ist. Bei den Anstiegen kamen uns Bäche entgegen.“

Angesichts dieser widrigen Verhältnisse ging es für die beiden lediglich noch darum, ohne größere Defekte und Blessuren ins Ziel zu kommen. „Mental und körperlich waren wir in guter Verfassung, das hat uns beflügelt.“

Die rund 5500 Trainingskilometer und 67 500 Höhenmeter in der Vorbereitung hatten sich ausgezahlt, Aufgeben sei nie ein Thema gewesen. „Ehrlich gesagt, bleibt man im Rennen, wenn man die Karrenzzeiten schafft.“

Und wenn das Material zuverlässig ist. Auf der Strecke machten die von Bikes & Boards aufgebauten Specialized S Works keinerlei Probleme, am Ziel indes waren sie als solche nicht mehr zu identifizieren. „Funktionell ein Totalschaden“, sagt Joos und schüttelt den Kopf. Das Wetter hat den Lagern kräftig zugesetzt, die Bikes mussten komplett zerlegt werden.

Auch wenn die beschwerliche Runde um den Sellastock für Körper, Geist und Material eine besondere Herausforderung ist: Für Siegle und Joos dürfte der Hero wohl kein einmaliges Erlebnis bleiben. Die freundliche Atmosphäre, die perfekte Organisation und die großen Euphorie haben sie begeistert. „Da wird jeder Biker gefeiert wie ein Held, das ist einfach unglaublich.“

2017 planen die beiden Freunde, die kürzere 60-Kilometer-Runde in Angriff zu nehmen. „Da wollen wir mit Vollgas fahren und sehen, was zeitlich und von der Platzierung her drin ist.“

Außerdem möchten sie die fantastische Umgebung ausgiebig genießen. Von der haben sie bei der Premiere nicht besonders viel mitbekommen. „Der größte Teil der Landschaft steckte in unseren verdreckten Klamotten“, sagt Siegle und grinst.

Womöglich ist der Hero Südtirol Dolomites doch der, für den er sich hält: der härteste, spektakulärste und schönste Mountainbike-Marathon der Welt.

Rems-Murr-Fahrer

Außer Ralf Siegle und Michael Joos nahmen weitere sechs Biker aus dem Rems-Murr-Kreis am Bike-Marathon teil:

  • Daniel Funk (Waiblingen/Jahrgang 1985/8:47,32 Stunden).
  • Dusan Golob (Schwaikheim/Jahrgang 1968/8:37,53)
  • Stephen Hagenmayer (Waiblingen/Jahrgang 1968/9:16,42).
  • Heiko Henning (Kernen/Jahrgang 1967/ohne Wertung).
  • Jens Lindenmeier (Weinstadt/Jahrgang 1975/7:50,52).
  • Zoran Netopil (Waiblingen/Jahrgang 1979/8:10,12).

Das Rennen

Der Hero Südtirol Dolomites fand 2016 zum siebten Mal statt. Im vergangenen Jahr war die Veranstaltung zugleich UCI-Marathon-Weltmeisterschaft.

Über 4000 Bikerinnen und Biker aus 50 Nationen, Profis wie Amateure, gingen auf die beiden Strecken über 60 Kilometer und 3200 Höhenmeter sowie 86 Kilometer und 4500 Höhenmeter. Die Veranstaltung wurde auf Eurosport 2 International, Asia und Pacific in 67 Ländern und in mehr als 20 Sprachen übertragen.

Infos: www.mtb-dolomites.com, www.sellarondahero.com.