Rems-Murr-Sport

Rommelshausener fährt Rennen mit dem Motorboot

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Max Stilz vor seinem Boot. © ZVW/Sarah Utz
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Max Stilz in seinem Katamaran bei einem Rennen in Portugal.
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Grand Prix von London.

In futuristisch anmutenden Booten im höchsten Tempo übers Wasser zu rasen, scheint mit dem Rems-Murr-Kreis nichts zu tun zu haben. Hat es aber. Max Stilz aus Rommelshausen ist Motorbootrennfahrer und erfolgreich noch dazu. Meistens fährt er der Konkurrenz davon. Manchmal aber fliegt er auch. Und dann wird’s brenzlig.

Es gibt Momente, die man lieber nicht erlebt. Du rast mit Tempo 120 übers Wasser, die Konkurrenz im Nacken, die Boje, um die du möglichst schnell herumfahren willst, vor dir. Und dann merkst du, spürst es im Bauch, im Hintern, wie es leicht wird unter dir. Wie die Kabine, mit der du eins bist, den Weg nach vorne verlässt und – an der Spitze zuerst – nach oben strebt. Erst leicht dann immer stärker, und du weißt: Aus Fahren wird gleich Fliegen.

Max Stilz ist das 2017 in Portugal passiert. „Da kam ‘ne Welle von vorne, dann noch eine Böe. Ich bin schön nach oben geflogen, so zehn bis 15 Meter hoch.“ Okay, das sehe von außen spektakulär aus, er jedoch habe lediglich gedacht: „Gleich bist du unter Wasser. Aber da weißt du ja, was du zu tun hast.“

Richtiges Untergehen wird im Schwimmbad geübt

Tatsächlich muss jeder Motorbootrennfahrer zu Beginn des Jahres in den Überschlagsimulator. „Man wird in ein Cockpit gesetzt und im Schwimmbad umgedreht, atmet eine Minute unter Wasser und muss sich dann selbst befreien.“ So lerne man den Ablauf Schritt für Schritt. „Wenn’s dich im Rennen überschlägt, läuft das dann alles automatisch ab.“

Angst? Nein, habe er nicht.

„Wenn ich Angst hätte“, sagt auch sein Vater Michael Scheerer, „würde ich meinen Sohn nicht in so ein Boot setzen.“ Der sei bestens geschützt. Außerdem: „Max weiß genau, was er wann machen muss. Er fährt sehr überlegt, kann das Rennen lesen und macht keine Harakiri-Aktionen.“

Lieber mal zurückstecken, aber dafür punkten, meint Max Stilz. Wer zu viel riskiert – und abfliegt –, geht nämlich leer aus. Das passiert dem Rommelshausener selten. Anderen schon. Erst vor kurzem gab es beim Rennen auf der Themse in London gleich zwei Abflüge von Konkurrenten, Stilz gewann beide Rennen und führt nun die Formel 4 World Series an.

Europameister, Weltmeister – dann wird’s langweilig

Dabei ist es sein erstes Jahr in dieser internationalen Klasse, der dritthöchsten weltweit. Angefangen hat alles mit seinem Großvater und dessen Boot. Der Opa hatte ein Sportboot auf dem Neckar, der Enkel fing Feuer und begann als Achtjähriger Motorboot-Slalom-Wettbewerbe zu fahren. Er wurde Landesmeister, Deutscher Meister, Europa- und Weltmeister bis es ihm schließlich doch zu langweilig wurde, alleine im Schlauchboot um die Bojen zu fahren. „2013 hat’s mich gereizt, was im Rennsport zu tun.“

Es folgten drei Jahre Formel 5. Durchaus erfolgreich, oder wie Max Stilz es ausdrückt: „Es war ganz in Ordnung.“ Er gewann 26 der 28 Rennen.

2016 stieg er in die deutsche Formel 4 um und gewann auch dort auf Anhieb. Seit einem Jahr ist er nun international unterwegs. Das ist um einiges anspruchsvoller, hat aber auch Vorteile. „In der F4 World Series ist alles viel professioneller. Die Leute überlegen, was sie machen“, sagt Stilz.

Und deshalb scheint der Rommelshausener hier bestens hinzupassen. Mit den beiden Siegen in London hat er die Führung in der Gesamtwertung auf jeden Fall schon mal übernommen. Entgegen kommt ihm dabei, dass er einen Vertrag mit dem Blaze Performance Team hat. Das italienische Team übernimmt die Reparaturen, da gibt man schon mal eine entscheidende Zehntelsekunde länger Gas, wenn einem bei einem Crash nicht Zigtausend Euro Kosten drohen.

80 000 Euro Sponsorengelder pro Saison

Ganz umsonst gibt es das Engagement allerdings nicht. Knapp zehntausend Euro habe er zahlen müssen, sagt Michael Scheerer. Fast ein Schnäppchen. Normalerweise koste der Einkauf in diese Klasse 30 000 bis 60 000 Euro. Das zeige, wie viel Teamchef Francesco Cantando von Max Stilz hält. Nach den ersten Erfolgen in der Formel 4 hat der dem Rommelshausener zudem eine Testfahrt in einem Formel-2-Boot versprochen; ohne die üblichen 25 000 bis 30 000 Euro Kaution zahlen zu müssen. Und Cantando habe ergänzt, sagt Michael Scheerer: Wenn’s nicht ganz schlecht läuft, baue er ein Boot, mit dem Max als Gast in der F2 mitfahren kann.

Damit käme er zum einen seinem Ziel Formel 1 näher und gleichzeitig auch den Preisgeldern. In der F 4 World Series nämlich gibt es für den Sieger – anders als zuvor bei den Rennen in Deutschland – nur einen Pokal, das war’s. Dabei ist Motorbootrennsport teuer. Etwa 80 000 Euro müsse er an Sponsorengeldern pro Saison auftreiben, sagt Michael Scheerer. Alleine ein Trainingswochenende koste mehrere Tausend Euro. Dann geht’s nach Italien an den Po. Ein Teilstück wird gesperrt, Taucher und Rettungsschwimmer müssen bei jedem Training vor Ort sein. Trainiert wird zwölf Stunden lang an jedem Tag.

Ein Riesenaufwand, den die Familie seit vielen Jahren gemeinsam treibt. Mutter und Vater sind stets dabei. Bisher zumindest. Die Rennen in China und Abu Dhabi, die als Nächstes anstehen, werden Vater und Sohn alleine antreten.

„Ich bin sehr froh, dass ich ein so verbundenes Verhältnis zu meinen Eltern habe.“ Gewinnen aber muss er alleine, und das auch bei widrigen Bedingungen. 2017 ist ihm ein Konkurrent in die Seite gefahren. Max Stilz hat sich bei dem Unfall die Schulter ausgekugelt. „Ich bin das Rennen mit einer Hand zu Ende gefahren.“

Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen ist der Sport gefährlich. „Das Schlimmste, was passieren kann“, sagt Stilz, „ist, sich seitlich zu überschlagen. Da weiß man nicht mehr, wo oben und unten ist.“ Über Risiken und mögliche Unfallfolgen seien sich er und seine Kollegen aber im Klaren. Beunruhigend seien sie jedoch nicht. „Sonst würden wir Schach spielen.“

Bis zu 250 Stundenkilometer auf dem Wasser

Max Stilz arbeitet als Industriemechaniker bei Stihl. Davon profitiert er auch als Rennfahrer. Er werkelt kräftig mit, hat das Lenkrad für sein Boot selbst konstruiert.

Beim Motorbootrennen fahren die Konkurrenten mit ihrn Rennkatamaranen auf einem Rundkurs um Bojen. Ein Rennen dauert etwa 25 bis 30 Minuten.

Ein Formel-4-Boot ist fünf Meter lang, hat 60 PS und ist bis zu 130 Stundenkilometer schnell. Ein Formel-2-Boot ist knapp sieben Meter lang und hat 200 PS, fährt bis zu 220 Stundenkilometern schnell. Die Formel 1 bringt es auf 350 PS und 250 km/h. Eine Formel 3 gibt es nicht.

Max Stilz hatte bereits 2015 das Angebot, Formel-4 zu fahren, schlug es aber aus, weil er erst seine Lehre beenden wollte.

Zum Training im Boot – möglichst alle drei, vier Wochen – kommen noch durchschnittlich drei Einheiten pro Woche im Fitnessstudio.