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Schorndorfer Rad-Profi Jannik Steimle: Ein Pechvogel im Glück

Deutsche Meisterschaft im Einzelzeitfahren
Beim Einzelzeitfahren der deutschen Meisterschaft im Juni belegte Jannik Steimle hinter Lennard Kämna den zweiten Platz. © David Inderlied

Vor Frust würde Jannik Steimle wohl am liebsten in den Rennradlenker beißen. Bei der Burgos-Rundfahrt in Spanien vergangene Woche wurde der Schorndorfer Radprofi in einen üblen Massensturz verwickelt und hat sich dabei das Schlüsselbein gebrochen. Großes vorgehabt hat der 26-Jährige in den kommenden Wochen, nun wird er bei der Europameisterschaft in München und Deutschland-Tour nur Zuschauer sein. Das Pech klebt ihm weiter an den Clickpedalen.

Natürlich gibt’s im digitalen Zeitalter den fürchterlichen Crash in diversen Mediatheken zu sehen. Der Clip könnte einerseits die Voyeure bedienen. Er könnte aber auch – endlich – die Verantwortlichen wachrütteln, die mit unsinnigen Streckenführungen die Gesundheit der Radprofis gefährden.

Fahrer krachen in Streckenbegrenzung

Bei der zweiten Etappe der Vuelta a Burgos positionierte sich das Team Jumbo-Visma rund 600 Meter vor dem Ziel mit vier Fahrern an der Spitze, darunter David Dekker. Mit 70 Stundenkilometern raste das Feld dem Ziel entgegen. „Ich war an Position fünf oder sechs“, erinnert sich Jannik Steimle, der für das belgische Top-Team Quick-Step Alpha Vinyl fährt.

„Es war eigentlich die perfekte Ausgangsposition.“ Zur gemeinsamen Sprintankunft kam’s allerdings nicht: Dekker verlor an einer Bodenwelle die Kontrolle über sein Rad und stürzte kopfüber. Steimle und einige andere Fahrer dahinter hatten keine Chance auszuweichen. Der Massensturz war so heftig, dass einige Fahrer in die stählerne Streckenbegrenzung krachten.

„Sprintankünfte sind oft gefährlich und Stürze bei hohen Geschwindigkeiten sehen immer schlimm aus“, sagt Steimle. „Aber wenn ein Sturz nur durch einen Straßenbelag oder eine Bodenwelle ausgelöst wird, dann ist das noch mal etwas anderes.“ Gerade auf den finalen Metern einer Etappe hätten Bodenwellen, die in Spanien häufig zur Verkehrsberuhigung verbaut werden, nichts zu suchen. Selbst wenn sie vorab im Roadbook angekündigt worden seien. „Auf den letzten Kilometern gibt’s Positionskämpfe, da siehst du nichts mehr links und rechts, da bist du in deinem Tunnel.“

Teamkollege im Koma

Für Steimle ist's ein grundsätzliches Problem. „Es ist ein Spiegelbild unserer heutigen Gesellschaft, es muss immer spektakulärer und gefährlicher werden.“ Diejenigen, die den Sport ausübten, würden nicht gefragt. „Ich finde es einfach traurig, dass immer erst was passieren muss, bevor etwas geändert wird“, sagt er und erinnert an den Horror-Sturz seines Teamkollegen Fabio Jakobsen vor zwei Jahren bei einem Massensprint in Polen, als das Feld in einem ähnlichen Tempo unterwegs war.

„Fabio war eine Woche im Koma und wäre fast gestorben.“ Knapp zwei Monate lag Jakobsen auf der Intensivstation. „Man kann von Glück sagen, dass jetzt in Spanien nichts Schlimmeres passiert ist. Es sind alles Knochenbrüche, die operiert werden können und die heilen.“

Gutes Heilfleisch brauchte Jannik Steimle schon öfter in seiner Karriere. 2019 kollidierte er im Training mit einer Ziege, eine Hüftprellung zwang ihn zu einer vierwöchigen Pause. Im Jahr darauf musste er sich einer sechsstündigen Herzoperation unterziehen, die er bestens überstand.

Horror-Sturz 2021

Schlimmer erwischte es Steimle im März 2021: Beim belgischen Eintagesrennen Nokere Koerse brach er sich das Schulterdach, die Schulterpfanne und vier Rippen. Dazu kamen eine Schultereckgelenksprengung, eine Lungenverletzung und eine Gehirnerschütterung.

Steimle muss nun den zweiten schweren Rückschlag binnen zwei Jahren verdauen. „Von Glück kann man da nicht sprechen“, sagt er. „Es ist schon seltsam, dass es mich zweimal hintereinander erwischt hat.“ In einer Klinik im belgischen Herentals, wo die Quick-Step-Fahrer behandelt werden, wurde das gebrochene rechte Schlüsselbein mit einer Platte fixiert. Die Operation ist gut verlaufen, Steimle fühlte sich in guten Händen. Seit Montag kommt er ohne Schmerztabletten aus. Den dicken Bluterguss in der Hüfte, sein zweites Andenken aus Spanien, spürt er mehr als das malträtierte Schlüsselbein. „Es geht mir jetzt den Umständen entsprechend gut – außer, dass ich nicht aufs Rad kann.“

Höhentraining für die Katz'

Doppelt bitter ist die Zwangspause für den 26-Jährigen, weil er sich hervorragend in Form fühlte. „Mental ist es schwer, die ganze Arbeit der vergangenen beiden Monate ist von heute auf morgen hinüber.“ Steimle verzichtete auf diverse Rennen, um sich im Höhentrainingslager in der Sierra Nevada und in Livigno bestmöglich auf die Saisonhöhepunkte vorzubereiten. „Wenn du alles dafür tust, um jetzt abzuliefern, ist das schon bitter.“ Auf der anderen Seite habe er großes Glück gehabt, dass er vom Sturz „nur“ den Schlüsselbeinbruch mitgenommen habe. „Das ist momentan das Einzige, was mich ein bisschen aufmuntert.“

Die Saisonplanung war auf Steimles starke Monate August und September ausgerichtet. „Ich hatte große Ziele.“ Bei der Europameisterschaft in München kommende Woche hätte er sich aufs Zeitfahren konzentriert. Auch beim Eröffnungszeitfahren der Deutschland-Tour hatte sich Steimle Chancen ausgerechnet. Besonders gefreut hatte er sich auf die Schlussetappe der Tour in Stuttgart. „Vor der eigenen Haustür und in guter Form: Das wäre eine große Sache gewesen. Ich glaube, bei anderen Rennen wäre es nicht so schlimm gewesen für den Kopf.“

Den muss Jannik Steimle nun wieder schnellstmöglich frei bekommen, damit er seinen steilen Weg an die Weltspitze fortsetzen kann. Den ersten großen Schritt machte er im Jahr 2019. Als sogenannter Staigiaire, also Praktikant, fuhr Steimle beim belgischen Top-Team Quick-Step, gewann vom Fleck weg zwei Rennen und bekam einen regulären Vertrag. 2020 holte er sich bei der Slowakei-Rundfahrt einen Etappensieg und die Gesamtwertung, im vergangenen Jahr gewann er erneut eine Etappe bei dieser Rundfahrt und wurde Zweiter in der Endabrechnung. „2022 könnte das erste Jahr werden ohne einen Sieg“, sagt Steimle. „Davor habe ich ehrlich gesagt ein bisschen Angst.“

Mit Cavendish und Alaphilippe im Team

28 Fahrer gehören zum Team Quick-Step Alpha Vinyl. Es zählt seit Jahren zu den erfolgreichsten überhaupt in der Profi-Szene. Wie stark es besetzt ist, zeigt die Nominierung für die jüngste Tour de France: Die Top-Stars Mark Cavendish und Julian Alaphilippe schafften es nicht ins achtköpfige Aufgebot.

Der Leistungsdruck und die Leistungsdichte seien immens, so Steimle. Selbst Helfer hätten im ausgeglichen besetzten Team die Chance, Rennen zu gewinnen. „Ich muss mir in jedem Training auf gut Deutsch den Arsch aufreißen.“ Entsprechend wirft ihn jede Auszeit zurück. Während Steimle auf Eis liegt, können seine Teamkollegen ihre Position verbessern.

Der Schorndorfer selbst machte in diesem Frühjahr „nach harter Arbeit über den Winter“ einen großen Sprung. Steimle wurde für drei der bekanntesten Klassiker-Rennen nominiert: die Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix und das Amstel Gold Race. Das schaffen nicht viele. „Bei anderen Teams wäre ich bei diesen Rennen wohl Kapitän gewesen“, sagt er. „Ich bin aber froh, dass ich bei Quick-Step ein Teil des Teams sein durfte.“

Wie auf dem Volksfest

Denkt Steimle an die Flandern-Rundfahrt, bekommt er immer noch eine Gänsehaut. „Das ist mein Traumrennen.“ Zwischenzeitlich fuhr er in der Spitzengruppe mit, musste dann aber für sein Team arbeiten. Die Atmosphäre beim Rennen sei „sensationell“ gewesen, der Medienauflauf unglaublich. „Das war ungefähr so, wie wenn du sechs Stunden lang übers Volksfest fährst.“ Er habe Probleme gehabt, den Funk zu verstehen. Der Lärmpegel sei immens gewesen, an den Kopfsteinpflaster-Anstiegen seien riesige Partys gefeiert worden. „Du bist gefahren wie in einem Rausch.“

Für Steimle haben die Eintagesrennen wie die Flandern-Rundfahrt oder Paris-Roubaix einen höheren Stellenwert als die Tour de France. „Dort hast du drei Wochen Zeit, eine Etappe zu gewinnen. Hier stehen nur Spezialisten am Start – und jeder hat das gleiche Ziel.“

Mächtig Eindruck hinterlassen hat bei Steimle auch Paris-Roubaix. Nach sechseinhalb Stunden im Sattel ins legendäre Velodrom reinzufahren, das erste Mal nach zwei Jahren Corona wieder mit Zuschauern, das sei ein besonderes Gefühl gewesen. Auch sportlich lief’s sehr gut für Steimle. „Das Frühjahr war ein Traum für mich, alle waren zufrieden mit mir.“

Vielleicht reicht's für die WM

So kann’s also weitergehen – wobei nun erst einmal Geduld angesagt ist. Einen detaillierten Plan, wann er das Training wieder aufnehmen wird, hat Jannik Steimle nicht. „Ich werde auf keinen Fall ein Risiko eingehen, dafür ist mir meine Gesundheit zu wichtig.“ Er stehe, anders als im vergangenen Jahr, nicht zu sehr unter Druck. Der Vertrag bei Quick-Step läuft noch ein Jahr.

„Ich kuriere mich aus und genieße dann meine ersten Trainingsfahrten.“ Mit einer „einigermaßen guten Moral und Form“ möchte Steimle in die Saisonpause im Oktober gehen. Und mit dem einen oder anderen Rennen in den Beinen. Besonders im Blick hat er dabei die Weltmeisterschaft Ende September in Australien. „Ich hoffe, ich bin bis dahin wieder fit.“ Dann steht die Vorbereitung auf die Frühjahrsklassiker an.

In seinem vierten Jahr bei Quick-Step will Jannik Steimle den nächsten Schritt machen. „Ich möchte in die erste Reihe im Team. Unter die ersten sieben Jungs, die für die Klassiker vorgesehen sind.“ Wenn er es nicht schaffe, ein Siegfahrer zu werden bei Quick-Step, müsse er darüber nachdenken, einen anderen Weg zu gehen in einer Mannschaft, in der die Leistungsdichte bei ähnlichen Fahrertypen nicht so extrem sei. Oder er lebe mit der Situation, dass er ein „sehr, sehr starker Helfer“ sei, fürs Ergebnis aber andere sorgten. „Ich denke, ich muss auch meinen Marktwert abchecken, ich darf nicht immer der brave Junge sein, der sich zufriedengibt mit dem, was er hat.“

Ziel: einen Klassiker abschießen

Aktuell macht sich Steimle aber keine Gedanken über einen Teamwechsel. Er möchte kämpfen, sich beweisen. „Wenn ich für einen großen Klassiker nominiert werde, habe ich auch das Potenzial, einen abzuschießen.“ Sprich: zu gewinnen.

Bei den Klassikern und Eintagesrennen hat Steimle seine Klasse schon oft bewiesen. Aber wie sieht’s mit den großen Rundfahrten aus? Auf den Giro d’Italia hat er verzichtet, weil er durch die vielen Eintagesrennen zu erschöpft gewesen ist. „Ich wollte mich nicht verheizen, es macht auch nur Spaß, wenn man in guter Form ist.“

Steimle hat noch einige Rennen auf dem Zettel. „Meine To-do-Liste ist mit der Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix abgehakt“, sagt er. „Natürlich ist die Tour de France ein Ritterschlag für jeden Radsportler.“ Die Chance auf die Teilnahme bestehe jedes Jahr. „Es kommt drauf an, wie die Kaderplanung des Teams aussieht. Und auf meine Leistungen.“

Vor Frust würde Jannik Steimle wohl am liebsten in den Rennradlenker beißen. Bei der Burgos-Rundfahrt in Spanien vergangene Woche wurde der Schorndorfer Radprofi in einen üblen Massensturz verwickelt und hat sich dabei das Schlüsselbein gebrochen. Großes vorgehabt hat der 26-Jährige in den kommenden Wochen, nun wird er bei der Europameisterschaft in München und Deutschland-Tour nur Zuschauer sein. Das Pech klebt ihm weiter an den Clickpedalen.

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