Rems-Murr-Sport

Sportkreis Rems-Murr feiert 75. Geburtstag - Präsident Hägele auf Abschiedstour

Sportkreis Rems-Murr
Der Sportkreis Rems-Murr feiert in diesem Jahr sein 75-jähriges Bestehen. Dazu ein Gespräch mit dem Präsidenten Erich Hägele. © ALEXANDRA PALMIZI

Der Sportkreis Rems-Murr ohne Erich Hägele? Das ist schwer vorstellbar nach fast 30 Jahren, in denen der gebürtige Backnanger als Präsident eine Vielzahl von Projekten auf den Weg gebracht hat und unzählige Menschen für ihren ehrenamtlichen Einsatz geehrt hat. Im November wird der 78-Jährige beim Sportkreistag verabschiedet, dann wird es Hägele ruhiger angehen lassen. Ein bisschen. Der nimmermüde schwäbische Schaffer hat – mindestens – zwei Herzenswünsche, wie er im Gespräch mit Thomas Wagner verrät.

Herr Hägele, der Sportkreis feiert in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag, sein Präsident ist 78 Jahre alt. Wer ist frischer?

(Lacht) Ich glaube, es sind beide gleich frisch. Aber bald werden jüngere Leute am Ruder sein.

Heißt das, Sie werden das Präsidentenamt abgeben?

Ja, am 19. November wird Feierabend sein. Nach dem Sportkreistag im Waiblinger Bürgerzentrum werde ich verabschiedet.

Wann ist der Entschluss gereift?

Etwa um die Weihnachtszeit. Ich habe mir gesagt, dass nach 29 Jahren die Zeit gekommen ist, dass andere, junge Leute ran müssen, die neue Ideen haben. Wir schlagen jetzt fünf Präsidenten vor. Ich werde noch selektive Aufgaben übernehmen, bei denen ich aber nicht mehr unter Zeitdruck stehe. Ich werde helfen, wenn ich gebraucht oder um Rat gefragt werde.

Wenn Sie in ein paar Sätzen erklären müssten, welche Aufgaben ein Sportkreis hat, dann . . .

. . . würde ich sagen, dass die Hauptaufgabe des Sportkreises ist, die Vereine zu unterstützen und ihre Fragen zu beantworten. Außerdem soll der Sportkreis die Politik dazu animieren, die Vereine finanziell zu unterstützen – wie jetzt in der Pandemie mit der Soforthilfe oder wenn beispielsweise ein Vereinsheim abbrennt. Außerdem fördert der Sportkreis das Ehrenamt und pflegt die Partnerschaften. Ein weiteres wichtiges Thema ist das Sportabzeichen.

Wie schwierig ist es, junge Menschen für den Sportkreis zu begeistern?

Nun, das habe ich in den fast 30 Jahren kaum versucht, weil fast alle immer weitergemacht haben in ihren Ämtern. Ich glaube, dass die Menschen mit mir gut klargekommen sind und wir ein gutes Verhältnis hatten. Warum hätte ich da etwas verändern sollen? Entscheidend ist, dass Ideen entwickelt werden und unterstützt werden. Ich finde, das hat weitgehend funktioniert.

Sie kämpfen nicht nur fürs Ehrenamt, sondern stehen auch für Werte wie Teamgeist, Respekt und Fair-Play ein. Wie schwierig ist es, diese in unserer oft oberflächlichen Zeit noch zu vermitteln, in der viele Menschen vornehmlich auf ihren eigenen Vorteil blicken?

Das ist ein schwieriges Thema, mit dem sich der WLSB beschäftigen muss. Insgesamt hat, wie in der gesamten Gesellschaft, der Respekt schon nachgelassen. Ich selbst kann diesbezüglich nicht klagen, ich habe ein faires Verhältnis mit den Vereinen. Das Problem ist, dass im großen Sport die Vorbilder weitgehend fehlen. Oder sie sind schlechte.

Die Vereine, der Sport und die Sportler haben unter der Corona-Pandemie sehr gelitten. Waren Sie mit der Unterstützung der Politik zufrieden?

Was die finanzielle Unterstützung betrifft, bin ich zufrieden. Die Vereine, die Geld brauchten und einen Antrag stellten, haben es bekommen. Nicht so gut jedoch fand ich die fast täglichen Änderungen der Corona-Verordnungen. Das war für einen Ehrenamtlichen fast nicht zu leisten. Man wusste ja gar nicht mehr, was gerade gilt.

Für sein Jubiläumsjahr hat der Sportkreis ein riesiges Programm auf die Beine gestellt mit einer Menge Veranstaltungen. Die Jubiläumsschrift ist fast 300 Seiten dick. Wie lange hat die Vorbereitung gedauert?

Stück für Stück ist die Broschüre größer geworden. Auf der Geschäftsstelle waren zwei Personen und drei Mitglieder aus dem Präsidium beschäftigt, ich habe mit meinen Kontakte mitgeholfen. Die Bereitschaft der Stellen, bei denen wir nachfragen mussten, war groß. Man kann sagen, wir haben vier Monate Tag und Nacht an der Broschüre gearbeitet. Meine Frau war zwischendurch ein bisschen sauer. Sie fragte mich, ob mein ganzes Leben nur aus dem Sportkreis bestünde (lacht). So habe ich halt gelebt. Aber sie hat mich unterstützt und mir auch vertraut.

Welche Veranstaltungen sind die wichtigen auf der Sportkreis-Jubiläumstour?

Der Sportkreis hat ein Pflichtprogramm, darüber hinaus gibt es ein paar Hauptveranstaltungen. Die Traditionsmannschaften von Werder Bremen, Borussia Dortmund und des VfB Stuttgart kommen nach Fellbach, Backnang und Schorndorf. Im August spielen in Waiblingen die Handballteams aus Oppenweiler, Waiblingen und des TVB Stuttgart. Bei allen Veranstaltungen sind auch andere Sportarten dabei. Davor findet im Juni noch das Sportabzeichenfest in Weissach im Tal statt. Und natürlich im November der Sportkreistag.

Besonders am Herzen liegt Ihnen das Zeltlager Salbengehren am Ebnisee, das seit vielen Jahren in den Sommerferien stattfindet. Für manche ist es ein Relikt aus der Vergangenheit und nicht mehr zeitgemäß.

Als ich mein Amt beim Sportkreis übernahm, habe ich festgestellt, dass es in ganz Baden-Württemberg keinen Sportkreis gibt, der so ein Zeltlager hat. Ich sah es aber zunächst eher als Belastung und wollte es abreißen lassen. Doch da hat sich ein Widerstand formiert. Die Herren Seybold, Kristen und Gruber wollten die Sache in die Hand nehmen. Von da an ging’s aufwärts mit dem Zeltlager, es war aber stets eine Belastung. Mittlerweile haben wir fast alles saniert, bald können pro Jahr wieder 1200 Kinder aus Familien, die nicht so viel Geld haben, ein paar Tage da oben verbringen.

Warum ist es Ihnen so wichtig, das Zeltlager zu erhalten?

Viele der jungen Leute, die dabei gewesen sind, haben danach in ihren Vereinen oder auch in anderen Organisationen ehrenamtliche Funktionen übernommen. Und sie haben für ihr Berufsleben viel mitgenommen. Deshalb ist das Zeltlager ein wichtiges Element für die Zukunft.

Ihr größter Einsatz galt und gilt noch immer dem Sportabzeichen. Weshalb legen Sie so viel Wert darauf, dass möglichst viele Menschen diese Prüfung ablegen?

Das Sportabzeichen, bei dem uns die Sparkasse stets super unterstützt, ist mir immer wichtig gewesen. Damit trifft man die Breite der Gesellschaft, weil man nicht Mitglied in einem Verein sein muss. Unser Sportkreis war in Württemberg 27 Jahre lang auf Platz eins der abgelegten Sportabzeichen, in den vergangenen beiden Jahren sind wir auf den dritten Rang zurückgefallen. Wir haben die Schulen ein bisschen verloren, die hatten andere Probleme. Wir wollen darum kämpfen, dass wir wieder ein Stück nach vorne kommen. Mit den Sportabzeichen kommen auch neue Mitglieder in die Vereine. Stolz bin ich auch, dass unter der Federführung von Heinrich Ringelkamp 30 Jahre lang das Sportabzeichen in Ungarn abgelegt werden konnte. Wir haben jedes Jahr 2500 Sportabzeichen, die der Deutsche Olympische Sportbund bezahlt, im Komitat und darüber hinaus überreicht. Wir sind der einzige Sportkreis, der so etwas gemacht hat.

In den 30 Jahren als Sportkreis-Präsident haben Sie viele Projekte ins Leben gerufen und einiges bewegt. Worauf sind Sie besonders stolz?

Da gibt es einiges. Stolz bin ich zunächst einmal darauf, dass die Zusammenarbeit mit den Vereinen so wunderbar funktioniert. Stolz bin ich, außer auf die Ehrenamtsgeschichte, das Sportabzeichen und das Zeltlager, auch auf unser Engagement im sozialen Bereich. Wir haben dem Partnerkreis Meißen und im Ahrtal beim Hochwasser unter die Arme gegriffen, wir haben Flüchtlinge betreut. Wir haben soziale Einrichtungen eingeladen zum VfB und TVB Stuttgart. In der Pandemie haben wir Preise verliehen oder Geld gegeben für besondere Aktionen. Wir haben eine Frischwasseranlage nach Kapstadt geliefert. Neuestes Thema ist die Artenvielfalt, in Zusammenarbeit mit dem Nabu und dem Landkreis. Vereine haben sich bereiterklärt, entsprechend Bereiche an ihrem Sportgelände anzulegen. Wichtig sind uns natürlich auch unsere Städte-Partnerschaften.

Gibt es etwas, was Sie gerne auf den Weg gebracht hätten?

Ich bin der Meinung, dass ein Sportkreis anders gestaltet werden muss. Das wäre mein Herzenswunsch gewesen, der mir nicht erfüllt worden ist.

Und wie soll die Reform aussehen?

Wir bräuchten zunächst einmal einen einheitlichen Sportverband. Die vielen Gliederungen wie Turngau, Fußballbezirk und so weiter müssten sich im Sportkreis-Präsidium wiederfinden, damit man gemeinsam eine Strategie entwickeln kann im gesamten Landkreis. Dann könnte man auch beispielsweise nicht einfach sagen, man löst den Fußballbezirk auf. Man müsste zumindest darüber diskutieren. Von einer Reform sind wir aber noch weit entfernt.

Weit entfernt ist auch Ihr Herzensclub, der VfB Stuttgart, von – sagen wir mal – Kontinuität. Vor Jahren haben Sie mal den Wunsch geäußert, der VfB möge in naher Zukunft im ersten Drittel der ersten Liga mitspielen. Träumen Sie immer noch davon?

Ich bin jetzt fast 60 Jahre beim VfB, habe vor der Pandemie kein Heimspiel versäumt. Mein größter Wunsch ist, dass der Traditionsverein VfB Stuttgart in der Champions League spielt – und dass er auch Abteilungen außer dem Fußball hat. Beispielsweise eine große Leichtathletik-Abteilung. Und ein Leichtathletik-Stadion.

Wie sehr haben Sie in den vergangenen Jahren mit Ihrem Herzensclub gelitten?

Gewaltig. Bei anderen Vereinen, wie in Dortmund oder München, zu denen ich guten Kontakt habe, muss einer, der ein Amt an der Spitze übernimmt, eine Reifeprüfung machen. Er muss jahrelang dabei gewesen sein im Verein. Beim VfB brauchen Sie, ein bisschen überspitzt ausgedrückt, 50 Unterschriften und die richtigen Leute hinter sich – und schon stehen Sie zur Wahl ins Präsidium. Die Leute müssen im Verein wachsen und im richtigen Moment die richtigen Ämter übernehmen. Die Leute müssen dort eingesetzt werden, wo sie ihre Stärken haben. Das hat beim VfB in den vergangenen Jahren nicht so gut funktioniert. Ich vertraue jetzt der AG, den drei Herren und Alexander Wehrle an der Spitze.

Sie brennen nicht nur fürs Ehrenamt, sondern auch für den Spitzensport. Wie wichtig sind sportliche Aushängeschilder für die Region?

Sehr wichtig. Wir brauchen den Spitzensport, damit die jungen Leute Vorbilder haben. Das kommt dem Breitensport zugute. Beides hängt eng miteinander zusammen. Wenn es keine Vorbilder gibt in der Region, hilft das dem Breitensport im Rems-Murr-Kreis nichts.

Blicken wir noch ein paar Jahre weiter voraus: Wie wird sich die Sportlandschaft in den nächsten 20 Jahren entwickeln? Wird’s das Vereinsleben in der aktuellen Form noch geben?

Für mich ist ganz klar: Die Vereine müssen umdenken. Wenn sie sich nicht dazu entschließen, das Ehrenamt durch Hauptamtliche zu unterstützen, wird’s ganz schwierig in der Vereinslandschaft. Notfalls müssen Hauptamtliche in Verbindung mit Vereinszentren tätig sein oder es müssen ein paar Vereine zusammenarbeiten. Und natürlich müssen die wenigen Ehrenamtlichen, die man hat, weiterhin gefördert und unterstützt werden. Man muss sie hochleben lassen.

Der Sportkreis Rems-Murr ohne Erich Hägele? Das ist schwer vorstellbar nach fast 30 Jahren, in denen der gebürtige Backnanger als Präsident eine Vielzahl von Projekten auf den Weg gebracht hat und unzählige Menschen für ihren ehrenamtlichen Einsatz geehrt hat. Im November wird der 78-Jährige beim Sportkreistag verabschiedet, dann wird es Hägele ruhiger angehen lassen. Ein bisschen. Der nimmermüde schwäbische Schaffer hat – mindestens – zwei Herzenswünsche, wie er im Gespräch mit Thomas

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