Rems-Murr-Sport

Sportvereine müssen sich auf neue Trends einstellen

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Der Sportverein der Zukunft muss sich um Trends kümmern, beispielsweise um die Sportart Parkour (hier bei einer Demonstration vor dem Bürgerzentrum in Waiblingen). © Ralph Steinemann

Wie sieht der Sportverein im Jahr 2030 aus, wollte der Schwäbische Turnerbund im vergangenen Jahr wissen. Trendforscherin Anja Kirig vom Zukunftsinstitut in Frankfurt hat dazu beim Sportkongress in Stuttgart Antworten gegeben.

Die Sportvereine müssen sich auf neue Trends einstellen, konkret: auf Megatrends. Das sind keine kurzfristigen Moden, sie wirken vielmehr über Jahrzehnte hinweg und verändern dabei global Werte. Aktuelle Megatrends sind:

  • Mobilität. „Die Menschen kommen nicht mehr zum Sport, sondern der Sport muss zu ihnen kommen“, heißt es in der Studie. Zudem müssen sich die Sportvereine stärker um
  • Kooperationen kümmern. „Neben Schulen und Kindergärten sollten sich die Vereine Partner in Unternehmen suchen.“ Die altbekannten Vereinsstrukturen werden zumindest teilweise ersetzt werden durch
  • Communitys. „Man trifft sich über soziale Netzwerke in einer informellen Gruppe, um Sport zu treiben. Das zeigt, dass die

Digitalisierung große Herausforderungen mit sich bringt. „Vereinsvertreter müssen sich für das Thema öffnen. Wer sich dagegen sträubt, wird in den kommenden Jahren negative Konsequenzen erleben – bis hin zur Vereinsauflösung.“ Das heißt, die Vereine müssen sich auseinandersetzen mit digitalem Gerätetraining, Virtual-Reality-Brillen und sogenannten Wearables wie Fitness-Armbändern.

„Das Interesse am Sport wächst gesamtgesellschaftlich“

Weitere Megatrends sind Individualisierung (das schließt eine feste Mitgliedschaft oft aus), Sicherheit (wo, in welcher Umgebung oder Atmosphäre fühle ich mich wohl?), New Work (die Art, wie wir arbeiten, verändert sich: Heimarbeit und Maschinen verschaffen uns mehr Zeit, wir wechseln auch öfter den Wohnort) und immer noch Gesundheit.

Anja Kirig machte den Zuhörern ihres Vortrags beim Symposion in Stuttgart Mut. „Das Interesse am Sport wächst gesamtgesellschaftlich.“ Eine Umfrage des Zukunftsinstituts kam zu dem Ergebnis:

  • 47 Prozent tun etwas für ihre Gesundheit,
  • 36 Prozent treiben Sport,
  • 33 Prozent fahren Fahrrad,
  • elf Prozent joggen oder betreiben Nordic Walking und
  • elf Prozent besuchen ein Fitnessstudio.

Woran muss sich der Verein orientieren? Drei Thesen

Allerdings profitiert der Verein davon nur, wenn er selbst aktiv wird. Er muss dabei drei Thesen im Blick haben.

  • These 1: Sport ist künftig mehr denn je eine Frage von Ort und Zeit. Der Verein muss Angebote möglichst rund um die Uhr im Programm haben und nicht nur in einer Halle oder auf einem Sportplatz. Und er (oder der Trainer) muss zu den Menschen gehen, ob in die Schule oder an den Arbeitsplatz, ins Hotel oder an den Flughafen und sogar in die virtuellen Räume im Internet (Homepages, Facebook etc). Zudem muss er sich von der festen Bindung über mindestens ein Jahr verabschieden.
  • These 2: Technische Evolutionen revolutionieren das Training. Immer mehr Menschen haben eine Fitness-App auf dem Handy, die ihre sportlichen Aktivitäten misst, auswertet und gegebenenfalls vorgibt. In Fitnessstudios sind elektronische Geräte gang und gäbe. Die Technik bringt den Verein weiter, er muss ihr gegenüber jedoch auch offen sein.
  • These 3: Die Sehnsucht nach Gemeinschaft und die Kulturtechnik des Teilens bereiten den Boden für neue Gemeinschaftsstrukturen im Sport. Die Menschen suchen weiterhin – trotz des Trends zur Individualisierung – die Gemeinschaft, aber anders als früher. Sie suchen keine feste Bindung. Der Breitensport ist deshalb attraktiv für Menschen, die einerseits soziale Kontakte suchen und andererseits Lebensqualität jenseits des Leistungsgedankens.

Der Verein müsse sich auf jeden Fall, so Kirig, Gedanken darüber machen: Was ist meine Vision der Zukunft, beispielsweise fürs Jahr 2030? Jeder Verein müsse dazu seine ganz eigene Antwort finden, sich aber darüber im Klaren sein, dass seine neue Kundschaft anders denkt als die bisherige. Die sogenannten Millenials, also die zu Beginn des Jahrtausends Geborenen, haben einen globalen Anspruch, wollen schnell Ergebnisse sehen, sind im Internet zu Hause, unterstützen soziale Unternehmen und schätzen gemeinsames/geteiltes Wissen und Handeln.

Klar sei: Der Sport der Zukunft ist bunter, findet in den unterschiedlichsten, auch kleinen Nischen statt.

Beispiele: So können die neuen Anforderungen umgesetzt werden

Digitalisierung. Der TV Altenstadt ist den Weg in die digitale Zukunft schon einen Schritt weit gegangen. Er wurde ausgezeichnet für seine Vereins-App. Auf der können sich Mitglieder für Kurse anmelden. Mehr als 50 Prozent der Mitglieder, so der Verein, nutzten diese Möglichkeit, die auch für die Vereinsmitarbeiter Arbeitserleichterungen bringe.

Einen Preis bekam auch die Voralb-Kooperation der Vereine TSV Bad Boll, GSV Dürnau, TSV Eschenbach und TSV Heiningen. Über sie können Mitglieder Angebote in allen vier Vereinen wahrnehmen.

Ähnlich ist das Geschäftsprinzip des Urban Sports Club, einer Internetplattform, bei der eine monatlich kündbare Mitgliedschaft – mit drei unterschiedlichen Preismodellen – abgeschlossen werden kann. www.urbansportsclub.com wirbt mit: „Deutschlandweit unbegrenzt schwimmen, Fitness, Yoga, Klettern, Teamsport und mehr in einer Mitgliedschaft“.

Gym Entry wurde von Studenten aus Hamburg für Menschen entwickelt, die gemeinsam trainieren wollen, allerdings flexibel und ohne Vertragsbindung. In rund 50 deutschen Städten (auch in Stuttgart) stehen 350 Studios bereit, in denen man sich über die Plattform beispielsweise Tages- oder Monatstickets kaufen kann, ohne sich um weitere Verpflichtungen kümmern zu müssen.

Oder schließlich vielleicht sogar eine E-Sports-Abteilung gründen, wie das der VfL Herrenberg getan hat.

Mobilität. Ein Verein in Hannover, so Anja Kirig, stellt seine Anlage zu bestimmten Zeiten kostenlos zur Verfügung. Es gibt mittlerweile auch flexible, leicht wieder abbaubare Sportplätze.

Communitys. Der Verein muss Netzwerke aufbauen mit Partnern aus den verschiedensten Bereichen, beispielsweise über eine Kooperationsplattform im Internet. Er kann als Ausbilder auftreten, Geflüchtete oder schwer Vermittelbare zu Trainern ausbilden. Mit neuem Wissen und Selbstvertrauen steigen deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Der SV Breuningsweiler ist schon lange erfolgreich damit, seinen Jugendlichen bei der Praktikums- oder Ausbildungsplatzsuche zu helfen.



 

Sportverein 2030

  • Aus dem Vortrag beim Sportkongress entstand ein Buch, genauer gesagt ein Arbeitsbuch: Sportverein 2030.
  • Der Schwäbische Turnerbund hat es zusammen mit dem Niedersächsischen Turnerbund vor kurzem veröffentlicht. Es unterstützt Vereine, sich mit den Chancen und Herausforderungen der Zukunft auseinanderzusetzen und sich einen konkreten Fahrplan für die eigene Zukunft zu erarbeiten. Das Workbook und weitere Infos zur Initiative Sportverein 2030 gibt es unter: www.verein2030.de.

Vortrag in Althütte

  • Im Turngau Rems-Murr dreht sich am 8. März von 19 Uhr an im Sitzungssaal des Rathauses Althütte alles um die strategische Vereinsentwicklung. Welche aktuellen Entwicklungen gibt es? Welche sind wichtig für die Vereinsentwicklung? Wo soll unser Verein in Zukunft stehen? Die Zukunft im Verein gemeinsam gestalten heißt der Vortrag von Sportwissenschaftlerin Melanie Haag.
  • Sie studierte Wirtschaftspädadogik und Sport in Konstanz, ihre Diplomarbeit schrieb sie zum Thema „Fit in die Zukunft — Beratung und Steuerung eines geplanten Wandels im Sportverein“. Haag promovierte im Bereich Sportmanagement/Soziologie zum Thema Wissensmanagement im Sportverein. Seit fünf Jahren ist sie Geschäftsführerin des Hochschulsports an der Uni Stuttgart, seit 2008 ehrenamtliche Vereinsberaterin beim STB und seit 2012 Referentin in der Vereinsmanagerausbildung beim BSB Freiburg.
  • Anmeldungen sind möglich bis 28. Februar, schriftlich an den Turngau Rems-Murr, Geschäftsstelle, Biegelstraße 27, 73614 Schorndorf, Mailadresse: info@turngau-rm.de