Rems-Murr-Sport

Therapieboxen in der Paulinenpflege

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Vorbilder I: Leistungsboxer Eric Zimmermann (rotes Shirt) und der ehemalige Deutsche Kadetten-Vizemeister Dominik Braun trainieren im Boxprojekt mit. Priorität hat für den Leiter und A-Lizenz-Coach Oliver Dentz (rechts) aber nicht der sportliche Erfolg, sondern die pädagogische Arbeit mit jenen Jugendlichen, die Probleme haben und anderen Probleme machen. © Ralph Steinemann
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Vorbilder II: Dominik Allmendinger (rechts) hat es dank des Boxprojekts zum Vizeeuropameister bei den Kadetten gebracht. Inzwischen hilft er im Training. Vom Projekt profitiert auch Heimbewohner Marcel Taus, der hier Dentz’ Bratzen bearbeitet: „Ich habe viel gelernt, was Disziplin und Respekt angeht.“ © Ralph Steinemann

Kriminellen Jugendlichen das Boxen beibringen? Was ist das für eine kranke Idee? Als Oliver Dentz im Jahr 1998 das Boxprojekt im Landesjugendheim Schönbühl in Weinstadt begann, stieß er auf Widerstand. Inzwischen ist es das älteste in der Jugendhilfe verankerte Projekt dieser Art in Deutschland. Seit der Schönbühl-Schließung Ende 2002 führt es Dentz in der Winnender Paulinenpflege weiter. Verändert hat sich die Klientel. Betreut werden heute vor allem Jugendliche, die psychisch schwach sind und Probleme haben mit Eltern, Schule und Mitschülern.

Oliver Dentz sitzt im Kabuff der Bodenwald-Schulturnhalle und erinnert sich mit einem Schmunzeln an die Anfänge. Zu Projektbeginn im Schönbühl 1998 hatte er noch nicht mal eine Übungsgleiter-Lizenz besessen. „Es gab einen einzigen Sandsack von mir privat und wir haben in einer uralten Turnhalle mit Steinboden trainiert.“ Das Ziel sei damals das gleiche gewesen wie heute: Jugendlichen Respekt und Disziplin beizubringen, ihnen aber auch Selbstbewusstsein einzuimpfen und Erfolgserlebnisse zu ermöglichen.

Es habe vor den Schönbühlern schon Versuche in Deutschland gegeben, mit Boxprojekten Kriminalität und Langeweile entgegenzuwirken. In Zusammenarbeit mit seinem Abteilungsleiter Johannes Funk griff der gelernte Heimerzieher Dentz diesen Ansatz auf. „Doch das Projekt hat Fragezeichen aufgeworfen.“ Züchtet man mit einem Boxtraining für zum Teil aggressive Jugendliche nicht erst recht gefährliche Schläger?

Wahrscheinlich wäre das Projekt schon früh versandet, doch einer sprang Dentz und seinen Mitstreitern zur Seite: der letzte Schönbühl-Heimleiter Hans-Peter Bauer. „Er war ein ganz großer Fürsprecher.“ Dieses Vertrauen zahlte sich aus. Laut Dentz hat es seit den Anfängen im Jahr 1998 nie den Fall gegeben, dass ein Jugendlicher wegen des Boxens straffällig geworden wäre. Ein Grund ist laut Trainer, dass Straßenschläger sogenannte bedingte Partnerübungen – die Jugendlichen tun nur exakt das, was der Leiter vorgibt – ablehnen. Deshalb dürfen Rabauken auch die Techniken des Boxens nicht lernen.

Der Hauptgrund dafür, dass das Projekt funktioniert, ist aber Dentz selbst. Er ist der richtige Mann am richtigen Ort. „Ich war ein etwas schwieriger Jugendlicher“, hat der heute 50-Jährige einmal über sich gesagt. „Das Boxen hat mich geerdet.“ Als 15-Jähriger wurde Dentz im Trikot der Spvgg 07 Ludwigsburg Württembergischer Jugend-Vizemeister. Trainiert hat er unter dem dreifachen Deutschen Amateurmeister Kurt Morwinsky. Und nach seiner aktiven Karriere unter Conny Mittermeier, der drei DM-Titel bei den Profis geholt hatte und später ein international erfolgreicher Coach wurde. Diese Zeit hat Dentz geprägt.

Und schließlich auch seinen beruflichen Weg mit entschieden. Nach seiner Ausbildung zum Heimerzieher begann er im Landesjugendheim in Weinstadt, in dem er auf zahlreiche jugendliche Intensivstraftäter stieß. Dentz leitete eine Schülergruppe. Doch das allein genügte ihm nicht. „Ich wollte schon immer etwas selber machen und nicht nur Dienst nach Vorschrift.“ Der Beginn des Boxprojekts.

Damals im Schönbühl sei das Training viel härter gewesen als heute, sagt der Leiter. Weil auch die Klientel eine andere gewesen sei. Den Jugendlichen, „der 100 Autos geknackt hat“, gebe es inzwischen so gut wie nicht mehr.

Gegenwart - Training in der Bodenwald-Turnhalle

Schon am Eingang zur Turnhalle der Bodenwaldschule sind quietschende Turnschuhe zu hören. Das klingt nach Sport, doch ein gewöhnlicher ist es nicht. Wie an jedem Donnerstagabend trainieren hier, nichtöffentlich, überwiegend sozial benachteiligte Jugendliche, vor allem Jungs. Sie haben Probleme und machen anderen Probleme: Eltern, Lehrern, Mitschülern. Hier setzt die Jugendhilfe an, ein Baustein in der Paulinenpflege ist das Boxprojekt.

Das kennt zwar keinen Leistungsdruck. Dennoch ist das Training schwer für viele Jugendliche. „Stopp! Vorsicht!“, mahnt Oliver Dentz einen jungen Kerl, der allzu unkoordiniert schlägt. Der Ton ist freundlich, aber bestimmt. Alle nennen den Leiter hier „Olli“, aber keiner stellt seine Chefrolle infrage. Wer sich etwa in einer Übung nicht an die Vorgaben hält, wird zurechtgewiesen und darf erst wieder teilnehmen, wenn er daraus gelernt hat.

Jeder, der hier freiwillig mitmacht oder von Erziehern beziehungsweise Richtern dazu verdonnert worden ist, hat andere Voraussetzungen. Der eine ist aggressiv, der nächste über die Maßen schüchtern oder gar leicht autistisch, der Dritte völlig unsportlich und ohne Selbstbewusstsein. Da ist es gut, dass Oliver Dentz so viel Erfahrung mitbringt. Er hat immer einen Blick aufs Ganze, ohne den Einzelnen aus den Augen zu verlieren. Zur pädagogischen Kompetenz ist längst auch die sportliche Ausbildung hinzugekommen. Dentz ist Boxtrainer mit der höchsten, der A-Lizenz.

Er hat schon Athleten zu Titeln geführt und in der Bundesliga gecoacht, Kooperationspartner sind die Vereine Spvgg 07 Ludwigsburg und VfK Germania Stuttgart. „Doch Priorität hat beim Boxprojekt nicht der Baden-Württembergische Meister, das ist nur die Kür.“ Im Vordergrund stehe stets die pädagogische Arbeit. „Es geht um den Transport von Erlerntem ins berufliche und soziale Umfeld.“ Die Jugendlichen sollen fit gemacht werden fürs normale Leben. Und sie brauchen Vorbilder. Vor allem deshalb sind dem Projektleiter auch sportliche Erfolge willkommen.

Belastung - Pädagogik und Leistungssport

Der erste große Erfolg hatte sich noch im Schönbühl quasi nebenbei ergeben. Der ehemalige Intensivstraftäter Patrick Schramek wurde Württembergischer Jugendmeister im Halbschwergewicht. Nach der Schließung des Weinstädter Landesjugendheims Ende 2002 führte Oliver Dentz das Boxprojekt nahtlos im Jugendhilfeverbund der Paulinenpflege in Winnenden weiter. Er sorgte dafür, dass die ehemaligen Schönbühl-Jugendlichen auch dort am Training teilnehmen konnten.

Das Boxprojekt wurde nach und nach ausgebaut, mittwochs etwa finden inzwischen wesentlich intensivere Einheiten statt. Daran nehmen auch Jugendliche von außen teil, für die das Training keine Jugendhilfemaßnahme oder rein pädagogisch sinnvoll ist. Sie wollen boxen lernen oder betreiben erfolgreich Leistungssport. Dentz sagt allerdings, dass er diesen Bereich aufgrund der immer größer werdenden Belastung derzeit deutlich reduziere.

Kein Training mit einem Leistungssportler sei für ihn selbst so anstrengend wie jenes hier donnerstags in dieser kleinen Turnhalle. Das Boxprojekt macht 25 Prozent seiner Arbeit aus, in der Hauptzeit leitet er eine betreute Wohngemeinschaft in Waiblingen. Aufgrund der großen Nachfrage von Ämtern, Sozialarbeitern und Verbänden am Boxprojekt – eigentlich gäbe es nur sieben Plätze, momentan betreut Dentz aber zwölf Jugendliche – sei er bereits mehrfach gefragt worden, ob er nicht diesen Bereich aufstocken wolle. Zumal verstärkt auch jugendliche Flüchtlinge ins Projekt integriert werden. „Aber ich möchte nicht mehr machen als die 25 Prozent“, sagt Dentz. „Sonst brenne ich aus.“

Unterstützt wird Dentz von den ehrenamtlichen Mitarbeitern Mustafa Ciftci, einem aktiven Boxer, sowie dem ehemaligen Schönbühl-Jugendlichen Michele Lisson. Auch Leistungssportler und Ex-Titelträger schauen regelmäßig donnerstags in der Turnhalle vorbei und helfen Dentz. Er betont: „Ganz wichtig ist mir, dass wir hier alle gleich sind. Es darf keine Hierarchien geben, nur weil einer Spitzenboxer ist und der andere Probleme hat. Jeder muss jeden respektieren, sonst kann er bei uns nicht mittrainieren.“

Vorbilder - Allmendinger und Zimmermann

Der 16 Jahre alte Waiblinger Dominik Allmendinger ist nicht nur ein netter Kerl, sondern auch der erfolgreichste Boxer, den Dentz im Rahmen des Boxprojektes hervorgebracht hat. Im Jahr 2014 wurde er in der Klasse bis 58 Kilogramm nacheinander Baden-Württembergischer, Süddeutscher und Deutscher Meister bei den Kadetten. Es war seine erste DM und prompt wurde er zum besten Kämpfer des Turniers gewählt. Doch die Krönung folgte erst noch: der Vizeeuropameistertitel.

Begonnen hatte Allmendinger hobbymäßig im Waiblinger Jugendhaus Villa Roller. Doch er wollte mehr, also ging er nach Winnenden ins Boxprojekt. „Ich war wirklich sehr schlecht. Von Olli habe ich die ganze Technik gelernt.“ Daraus spricht Bewunderung. Und Vertrauen: Oliver Dentz war und ist nicht nur Allmendingers Trainer, sondern auch sein Mentor. Der junge Waiblinger hatte schulische Probleme. Deshalb sorgte der Boxprojekt-Leiter dafür, dass der Junge von der Waiblinger Salier- in die von der Paulinenpflege getragene Winnender Bodenwaldschule wechseln konnte. Inzwischen hat Allmendinger einen ordentlichen Hauptschulabschluss in der Tasche.

Zwar ist der Jugendliche seit einiger Zeit verletzt (siehe unten), ins Training kommt er trotzdem an jedem Donnerstag, um Dentz zu unterstützen. „Es macht voll Spaß zu helfen, damit sich die Leute hier verbessern.“ Wegen seiner Verletzung habe er erst gar nicht mehr in die Turnhalle kommen wollen. „Es tut weh im Herzen, wenn man selbst nicht boxen kann. Aber Olli hat mich überredet.“ Eine Entscheidung, die er nicht bereut und an der er gewachsen ist.

Ebenfalls aus Waiblingen ist der gleichaltrige Eric Zimmermann. Er ist wie Allmendinger Leistungsboxer. Kürzlich gewann er den Baden-Württemberg-Cup, zweimal nahm er an baden-württembergischen Meisterschaften teil und scheiterte jeweils im Viertelfinale. Er sagt: „Im Boxen bin ich relativ am Anfang. Wenn hier Training ist, komme ich an allen Tagen vorbei.“ Anfangs wollte der Realschüler nur boxen, inzwischen hilft auch er Dentz, der große Stücke auf ihn hält, im Training. Zimmermanns Motivation: „Wenn jemand zum Beispiel familiäre Probleme hat, ist es immer gut, wenn er etwas Sinnvolles macht. Es ist schön, dass die Jugendlichen hier die Möglichkeit dazu haben.“

Positivbeispiel - Heimbewohner Marcel Taus

Seit sieben Jahren wird Marcel Taus von der Jugendhilfe der Paulinenpflege betreut, seit dreien trainiert er im Boxprojekt mit. Der 15-jährige wohnt in einem intensivpädagogisch betreuten Haus und geht in die Bodenwaldschule. Fragen beantwortet er eloquent und stets mit einem verschmitzten Lächeln. „Der Grund, warum ich hierhergekommen bin, ist: Ich war damals nicht willig, meine Eltern hatten Probleme mit mir.“ In der Paulinenpflege gehe es ihm sehr gut, alle zwei Wochen und in den Ferien ist er zu Hause in Kaisersbach.

In seiner Wohngruppe und im Boxprojekt habe er viel gelernt, was Respekt und Disziplin angeht. „Mir wurden Grenzen beigebracht.“ Das Projekt findet er klasse. „Olli hat Ahnung und macht es leidenschaftlich.“ Auch Dentz freut sich darüber, dass Taus große Fortschritte gemacht hat. Ab 1. Juli wird der Jugendliche in die von Dentz betreute Jugendwohnwerkstatt nach Waiblingen wechseln. Dann soll ihm auch ein beruflicher Werdegang ermöglicht werden. Marcel Taus ist kein hochtalentierter Vorzeigesportler. Doch sein Erfolg im Leben ist wichtiger als jeder Titelgewinn.

Allmendingers Pech

Nach dem DM-Titel und der Vizeeuropameisterschaft bei den Kadetten vor zwei Jahren ist die Boxkarriere des Waiblingers Dominik Allmendinger ins Stocken geraten. Aufgrund eines Überbeins im Fuß, das bei Belastung eine Entzündung verursacht, kann er nur noch sehr eingeschränkt trainieren und nicht kämpfen. Ob eine OP das Problem lösen kann, ist umstritten.