Rems-Murr-Sport

Trainer von Klein und Fehr contra Gesamtverein

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Alles für seine Athleten: Uwe Schneider und die Läufer (von Links) Hanna Klein, Marcel Fehr, Max Berner (in Grün) und Ludwig Sämann. © Ralph Steinemann Pressefoto
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Vorsitzender des Gesamtvereins: Matthias Römer. © Ralph Steinemann Pressefoto
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Geschäftsführer der SG: Benjamin Wahl. © Ralph Steinemann Pressefoto
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Als Abteilungsleiter zurückgetreten, aber noch im Gesamtvorstand: Ralf Brügel. © Benjamin Büttner
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Neuer Abteilungsleiter: Tobias Pfeffer. © Ralph Steinemann Pressefoto
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ZVW-Sportredakteur Mathias Schwardt.

Wie viel Spitzensport verträgt ein Sportverein mit 19 Abteilungen und 4000 Mitgliedern? Diese Frage hat bei den Leichtathleten der SG Schorndorf zur Krise geführt. Uwe Schneider, Coach der Topläufer Hanna Klein und Marcel Fehr, wirft dem Gesamtvorstand zu große Einflussnahme vor und ist – wie auch die vom Konflikt zermürbte Abteilungsführung – zurückgetreten. Der Vorstand wiederum kritisiert, Schneider habe vor allem seinen Bereich im Sinn und zeige nicht zuletzt beim Thema Sponsoring zu wenig Interesse für die Belange des Hauptvereins.

Nein, ein Hauen und Stechen ist es nicht bei der SG. Doch es gibt, man kennt das von Ehescheidungen bei Promis, „unüberbrückbare Differenzen“. Auf der einen Seite steht Uwe Schneider, unermüdlicher, aber auch sehr streitbarer Erfolgstrainer der Team-Europameister Hanna Klein und Marcel Fehr. Seit dem Verkauf seiner Firma vor vielen Jahren kann sich Schneider ehrenamtlich ausschließlich auf seine Arbeit als Laufsporttrainer konzentrieren. Fühlt er seine Athleten oder sich ungerecht – schlimmer noch: respektlos – behandelt, zeigt er die Zähne.

Auf der anderen Seite steht der Vorstand des Gesamtvereins, insbesondere dessen Vorsitzender Dr. Matthias Römer. Der ehemalige Geschäftsführer der Remshaldener Papierwerke Klingele ist seit November 2017 im Amt und versucht als akribischer Planer, mit seinem Team Spitzen-, Leistungs- und Breitensport unter einen Hut zu bringen und „die SG als Gesamtmarke“ aufzubauen. „Über allem steht: ,Die SG bewegt Schorndorf.‘ Das ist unser Claim.“

Klar, dass ein Emotionsvulkan wie Uwe Schneider, der für den Leistungssport glüht, mit dieser kühlen Managersprache und der Aufwertung des Breitensports Probleme hat. Ebenso klar aber, dass Römer nicht klein beigibt, wenn ein Einzelner sich nicht ins Gesamtgefüge einbinden lassen will. Ein Knackpunkt ist, wie so oft, das Geld: Es geht um Prämien für sportliche Leistungen, vor allem aber um unterschiedliche Interessen im Bereich Sponsoring und das auf eine Finanzspritze angewiesene Schorndorfer Meeting. Irgendwann musste es krachen.

Status quo: Die Leichtathletik-Abteilung

Im Zuge des Konflikts zwischen Uwe Schneider und dem Gesamtvorstand traten zum 30. April 2019 bei den Leichtathleten der SG Schorndorf zurück: Schneider als Trainer und stellvertretender Abteilungsleiter, der entnervte Vermittler Dr. Ralf Brügel als Abteilungsleiter (bleibt Mitglied des Gesamtvorstands), Schneiders Sohn Sebastian als Stellvertreter und Ursula Feuerbacher als Sportliche Leiterin. Neuer Abteilungsleiter ist seit Mai Tobias Pfeffer, für die Jüngeren in der Laufgruppe sind nun Sebastian Schneider und Bianca Börsken verantwortlich. Und Uwe Schneider coacht nur noch als Privatmann die zehn Älteren im Laufteam bis zum Saisonende im August weiter. Mit Hanna Klein (zweifache Deutsche Meisterin, WM- und EM-Teilnehmerin) und Marcel Fehr (zweifacher DM-Dritter, EM-Teilnehmer) wird der B-Lizenz-Inhaber mindestens bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio arbeiten.

Für seinen Rücktritt von den Vereinsämtern nennt Schneider zwei Gründe: den Führungsstil insbesondere von Matthias Römer und die Einmischung des Vorstands in die Leichtathletik.

Sponsoring: Der Hauptstreitpunkt

Für die Profisportler Hanna Klein und Marcel Fehr hat Uwe Schneider zahlreiche Sponsoren an Land gezogen und Privatverträge abgeschlossen. Es liegt nahe, dass auch der Verein von diesen Kontakten profitieren will. „Herr Schneider ist ein Fachmann im Sponsoring, wir wollten ihn deshalb stark mit einbinden“, erläutert Matthias Römer. Ganz wichtig ist dem Vorsitzenden: „Wir haben immer gesagt: Wenn es durch unsere Einflüsse bei Sponsoren finanzielle Einbußen bei Hanna und Marcel gäbe, ziehen wir uns zurück.“ Geschäftsführer Benjamin Wahl fügt hinzu, es gebe Sponsoren, die sowohl die Topläufer als auch den Gesamtverein unterstützen. Römers Beispiel: „Wir haben ein sehr gutes Einvernehmen mit den Schorndorfer Stadtwerken, was den Gesamtverein angeht.“ Die würden seines Wissens auch weiterhin Klein und Fehr sponsern.

Schneider indes habe im Hauptverein einen Konkurrenten gesehen. Dabei gebe es, streicht Wahl heraus, immer mehr Firmen, die sich im Verein eine zentrale Ansprechperson wünschen. „Aber Uwe war da anderer Meinung und wollte diese Dinge selbst weitertreiben“, sagt Römer.

Der ehemalige Abteilungsleiter Ralf Brügel bestätigt das. Die Tendenz der Sponsoren, sich an den Hauptverein zu wenden, der dann die Gelder verteilen solle, sei etwas, das Schneider „nicht so einsehen wollte“. Ein entsprechendes Gespräch habe es auch mit den Stadtwerken geben. „Und Uwe Schneider hat das so gesehen, dass es gegen ihn gerichtet ist.“ Natürlich aber sei der Vorstand – in dem auch Brügel sitzt – nicht traurig darüber, dass die Sponsorengelder nun mehr über den Hauptverein fließen.

Daran hat Uwe Schneider keinen Zweifel. So würde die SG nicht nur von seinen, Schneiders, Connections profitieren, sondern könne dann auch noch frei entscheiden, was mit dem Geld geschieht. „Deshalb habe ich meine Bereitschaft zur Mitarbeit zurückgezogen. Das mach’ ich nicht für den Hauptverein, sondern für Hanna und Marcel.“ Er habe sehr wohl den Eindruck gehabt, dass beim Sponsoring in die Belange der beiden eingegriffen wird. Zum Thema Stadtwerke sagt er: „Zum 30. November ziehen sie sich als Sponsor von Hanna und Marcel zurück. Eine Fortführung ist meines Wissens nicht vorgesehen, die Gründe dafür sind mir bis heute nicht klar.“

Und warum ist es problematisch, wenn der Hauptverein die Sponsorengelder an die Abteilungen verteilt? Als Argument führt Schneider das gescheiterte Laufmeeting in Schorndorf an.

Kein Etat: Verhindertes Laufmeeting

Zur Einweihung des neuen Schorndorfer Stadions mit blauer Laufbahn organisierten Uwe Schneider und Marcel Fehr im Jahr 2017 zum ersten Mal ein großes Laufmeeting. Am Start beim ungewöhnlichen Hauptrennen über eine Meile waren außer Fehr und Hanna Klein auch weitere Hochkaräter wie Martin Grau, Deutscher Meister über 3000 Meter Hindernis. Die Veranstaltung, nach dem Hauptsponsor „Sparkassen-Meeting“ benannt, spülte laut Schneider einen ordentlichen Betrag in die Vereinskasse. Nach einer kleineren zweiten Auflage 2018 planten der Coach und Fehr für das laufende Jahr wieder ein großes Meeting. Einige deutsche Spitzenathleten hätten schon ihr Interesse bekundet. Nur: Es kam kein Sponsorengeld.

In den Vorjahren hatte Schneider die Finanzspritze direkt von der Sparkasse erhalten. Inzwischen aber sponsort diese „auf eigenen Wunsch“ (Römer) nur noch die SG als Ganzes. Um planen zu können, fragte Schneider deshalb über den damaligen Abteilungsleiter Ralf Brügel beim Vorstand nach, mit welcher Summe er fürs Meeting rechnen könne und wann diese zur Verfügung stehe. Doch es habe bis Februar keine Rückmeldung gegeben. „Das war eine große Enttäuschung. Ich wollte nicht in Vorleistung gehen, ohne zu wissen, was an Geld kommt.“ Am 1. März reichte Uwe Schneider sein Rücktrittschreiben bei der SG ein, „weil ich gemerkt hab’: Ich fühl’ mich da nicht mehr wohl.“

Aus dem Laufmeeting wurde nach dem Rückzug Schneiders und Fehrs ein Kugelstoßmeeting. Allerdings ein ebenfalls hochkarätiges: Am Start waren an diesem Mittwoch Kaderathleten, darunter die Deutsche Hallenmeisterin von 2018 Alina Kenzel vom VfL Waiblingen und der Welzheimer Paralympics-Sieger und Weltrekordhalter Niko Kappel (Bericht folgt).

Ralf Brügel sagt, er habe wegen der Finanzierung des eigentlich geplanten Laufmeetings keine Bedenken gehabt. Schließlich sitze er ja auch im SG-Vorstand. Er fügt allerdings hinzu: „Für den Lauf Deutsche Meister nach Schorndorf zu holen, wäre übertrieben gewesen.“

Marcel Fehr stützt Schneiders Geschichte. Allerdings hat der Trainer einen Punkt unterschlagen: Der Läufer hatte wegen seiner Master-Arbeit bereits Anfang des Jahres signalisiert, „dass ich das mit der Hauptarbeit fürs Meeting organisatorisch nicht schaffe“. Es wäre also auch so schwierig geworden, eine Veranstaltung dieser Größe zu stemmen. Nichtsdestotrotz „war die Finanzierung unklar, und ich habe Uwes Argumentation verstanden“.

Und damit den Anlass für den Rücktritt des Trainers. Schneider nennt einen weiteren: das Verhalten des Vorstands, als es um Prämien für Hanna Klein ging.

Geld für Erfolg: Vorstand verschleppt Entscheidung

Im Jahr 2015 wurde Nicolaj Christ Deutscher Jugendmeister über die 1500 Meter der U 18. Der damalige SG-Vorsitzende Christoph Berger gratulierte, der Gesamtverein bedachte den Sportler rasch mit einer Prämie. Folglich ging Uwe Schneider von einem ähnlichen Ablauf aus, als Hanna Klein bei den Frauen im Juli 2018 Deutsche Meisterin über 5000 Meter und im Februar 2019 Deutsche Hallenmeisterin über 1500 Meter wurde. Aber: „Bis heute gibt es keine Prämie.“ Zumindest stehe die Höhe seit März nun endlich fest. Doch die Summe enttäuscht Schneider bitter: „Es ist erheblich weniger, als Nicolaj bekommen hat.“

Ralf Brügel stellt fest: „Inhaltlich ist das komplett richtig.“ Doch die Höhe der Prämie damals für Christ sei wohl eine Bauchentscheidung Bergers gewesen. Der neue SG-Vorstand habe nun eine Prämienregelung für alle Abteilungen ausgearbeitet. Als Klein Meisterin wurde „waren wir noch im Prozess“. Brügel räumt ein, das Prämienthema sei dadurch ein bisschen verschleppt worden. „Aber bei Uwe Schneider kam das als Maßnahme gegen ihn an.“

Bei der Prämiensumme habe sich die SG an dem orientiert, was die Stadt Schorndorf bei Sportlerehrungen auslobt, erklärt der SG-Vorsitzende Matthias Römer. „Ein Verein, der sich an vielen Stellen neu aufstellen will, kann nicht in den Himmel greifen. Ich glaube aber, Hanna Klein und Marcel Fehr sind ganz gut versorgt ringsum.“ Klein sei für ihre besonderen Leistungen bereits bei einer Ehren-Matinée gewürdigt und überdies mit dem SG-Ehrenpreis ausgezeichnet worden. Die Prämienverleihung solle beim Sportparkfest am 23. Juni stattfinden.

Klein selbst sieht die Frage nach der Prämie oder, allgemein, der Wertschätzung für ihre Erfolge entspannt. Zwar sei Römer nach ihren DM-Siegen nicht persönlich auf sie zugekommen. „Aber ich saß im April mit ihm zusammen, da hat er mir seine Glückwünsche ausgesprochen. Das kam halt ein bisschen später. Ich find es aber ausreichend, wenn man sich kennenlernt.“

Rückkehr? Schneider hält sich Türchen offen

Der Vorsitzende Matthias Römer sagt: „Uwe Schneider ist ein Topmann, er gibt 150 Prozent fürs Ehrenamt.“ Der neue Abteilungsleiter Tobias Pfeffer sagt: „Er nimmt andere mit seiner Begeisterung mit.“ Und Ralf Brügel sagt: „Seine Trainerqualität ist hervorragend.“ Doch es gebe eben auch eine andere Seite. „Er fordert die 150 Prozent, die er gibt, von allen. Deshalb haben wir uns ein bisschen überworfen, weil ich gesagt habe, das kann man nicht von allen verlangen.“

Zurückgetreten sei er, Brügel, als Abteilungsleiter, weil er gewusst habe, dass Uwe Schneider, wenn auch als Privatmann, weitermachen würde. „Es geht darum, wie die Aufteilung zwischen Breiten- und Leistungssport aussehen soll. Alles unter einen Hut zu bringen, schaff’ ich nicht mehr.“

Doch alle beteuern den hohen Respekt für die Arbeit von Uwe Schneider. Pfeffer sieht eine seiner Hauptaufgaben darin, zu versuchen, „dass Uwe Schneider aktiv dableibt“. Ob der Coach aber seine Entscheidung revidiert und wieder Ämter übernimmt? Schneider macht das davon abhängig, ob sich in seinem Sinne etwas bei der SG ändert. Die Hoffnung aufgegeben hat er nicht: „Es müsste für mich in so einem Verein auch Platz sein. Ich wär’ davon ausgegangen, man ist froh, so jemanden zu haben, der das macht zum Nulltarif.“



Ein Kommentar von ZVW-Sportredakteur Mathias Schwardt

Nicht viele Vereine können von sich sagen, deutsche Spitzenathleten in ihren Reihen zu haben. In Sachen Werbewirksamkeit sind Hanna Klein und Marcel Fehr für die gesamte SG Schorndorf Gold wert. Der strategisch planende Vorstand um Matthias Römer ist deshalb gut beraten, die Läufer wegen eines Prinzipienstreits mit Uwe Schneider nicht doch noch zu vergraulen. Dass der Leistungssport-Verfechter zur Dickköpfigkeit neigt und berufstätigen Vereinsmitarbeitern sehr viel abverlangt, ist nichts Neues. Doch er ist eben auch ein herausragender Trainer und aufgrund seines riesigen Arbeitspensums ein Glücksfall für die SG.

Dass der Hauptverein die Koordinierungsstelle für alle Abteilungen sein soll, ist sinnvoll. Doch dann muss Sponsorengeld auch fließen, wenn es gebraucht wird. Beim Thema Läufermeeting hat die SG durch zu lange Untätigkeit agiert wie ein Kleckerlesverein. Auch kann es nicht sein, dass Hanna Klein gleich zweimal Deutsche Meisterin wird, aber monatelang überhaupt keine finanzielle Anerkennung von der SG bekommt – nur, weil der Vorstand noch über der Prämienordnung brütet. Und wenn dann die Summe auch noch deutlich geringer ausfällt als 2015 bei Nicolaj Christ, der wohlgemerkt nur Deutscher U-18-Jugendmeister wurde, ist das schlicht kleinlich. Denn so viele Deutsche Meister hat die SG nicht. Zudem gehört es sich, dass ein Vorstand einer Sportlerin bei besonders großen Erfolgen sofort persönlich gratuliert und nicht erst Monate später.

Auf der anderen Seite ist es eine Überreaktion Uwe Schneiders, stets zu wittern, Aktionen des SG-Vorstands seien gegen ihn gerichtet. Es handelt sich eher – und das sollte der Trainer von sich selbst kennen – um mangelndes Fingerspitzengefühl. Römer und Co. versichern Schneider ihrer großen Wertschätzung. Stimmt das, und geht’s auf beiden Seiten nicht vielmehr um Eitelkeiten, ist es an der Zeit, den Konflikt zu beenden. Schließlich soll ja über allem der Verein SG Schorndorf stehen.

Ruhig: Klein und Fehr

Kalt gelassen haben die Topläufer Hanna Klein und Marcel Fehr die Rücktritte ihres Coachs Uwe Schneider und des Abteilungsleiters Ralf Brügel nicht. „Wir schätzen beide und halten sie für sehr kompetent“, sagt Fehr. Schade angesichts der stark gewachsenen Laufgruppe sei, dass Schneiders Arbeit im Verein wegfällt.

Am wichtigsten für die Läufer ist es aber, ruhig weitertrainieren zu können. Und in diesem Punkt hat sich für sie nichts verändert. Fehr: „Der Vereinsvorstand hat gesagt, wir sind weiter herzlich willkommen.“