Rems-Murr-Sport

Trainingsbesuch bei den Rope-Skipperinnen der SV Remshalden

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Souveräner Vortänzer: Sportredakteur Gisbert Niederführ wertet die Übung der Remshaldener Rope-Skipperinnen auf. © Eva Hopfgarten (Online-Praktikant)
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Souveräner Vortänzer: Sportredakteur Gisbert Niederführ wertet die Übung der Remshaldener Rope-Skipperinnen auf. © Steinemann / ZVW
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Souveräner Vortänzer: Sportredakteur Gisbert Niederführ wertet die Übung der Remshaldener Rope-Skipperinnen auf. © Eva Hopfgarten (Online-Praktikant)

Manche Mädchen der SV Remshalden erleben zuweilen folgende Situation: Junge: Treibst du Sport? Mädchen: Ja, Rope-Skipping. Großes Fragezeichen im Gesicht des Jungen. Mädchen: Das ist Seilspringen. Damit ist das Gespräch auch schon am Tiefpunkt angekommen. Seilspringen? Gähn, wie langweilig. Wie man sich doch irren kann. Ich hab’s ausprobiert.

In der Wilhelm-Enßle-Halle in Geradstetten tummeln sich rund 20 Mädchen – und ein Junge. Rope-Skipping scheint ein reiner Mädchensport zu sein. „Das ist nur bei uns in Deutschland so“, erklärt mir Petra Trübenbach, Trainerin bei der SVR. In anderen Ländern sei es umgekehrt. Dann bin ich hier mit meinem Selbstversuch ja richtig.

Und ich kann auch sofort loslegen. „Einfach mal springen“, sagt Petra Trübenbach und drückt mir ein Sprungseil in die Hand.

Nichts leichter als das. Die Trainerin erkennt auch sofort mein Talent. „Nächster Schritt: die Arme kreuzen.“

Okay. Ich konzentriere mich. Ein paarmal springen, Seil sauber durchziehen, jetzt die Arme kreuzen ... Okay, kann ja nicht schon beim ersten Mal klappen. Noch einmal: ein paarmal springen, Seil sauber durchziehen, Arme kreuzen ...

„Früher, am Anfang“, erzählt Petra Trübenbach, „haben wir zwei Trainingsstunden gebraucht, um eine Übung zu lernen.“ Das war 1996. Heute allerdings ginge die Ausbildung doch weitaus flotter voran. Nicht bei jedem natürlich. „Aber wenn einer geschickt ist ...“

Das überhöre ich jetzt mal und setze meine Übung fort. Ein paarmal springen, Seil sauber durchziehen, Arme kreuzen ...

Neben mir springen nun auch die Mädchen der Wettkampfgruppe 1. Zwischen 18 und 22 Jahre sind sie alt. Das Seil fliegt um sie herum, bleibt nirgends hängen und ist so schnell, dass ich schon beim Zuschauen Probleme kriege.

Ich bin begeistert – die Mädchen auch

Sie verfolgen interessiert meine Bemühungen und geben mir Tipps. Erfolglos zunächst, doch dann: Es klappt! Endlich mal bleibt das Seil nicht hängen oder kringelt sich um ein Bein. Ich bin begeistert, die Mädchen auch. Daumen hoch.

Trainerin Trübenbach nicht. „Sie täuschen nur an.“ Ich, hat sie erkannt, kreuze zwar die Arme vor mir, aber nur kurz, und beim Durchziehen sind sie schon wieder in Normalstellung.

Da sieht man mal, wie schnell ich bin.

Aber aufgeben gilt nicht. Ein paarmal springen, Seil sauber durchziehen, Arme kreuzen ... Wie war das früher: eine Übung in zwei Stunden? Ich habe also noch Zeit.

Petra Trübenbach jedoch treibt mich voran. „Jetzt schwingen Sie das Seil mal rückwärts“, sagt sie. „Sie werden sehen, das ist schwerer.“

Ich probier’s aus. Sie hat recht. Ich denke aber, ich sollte zunächst erst mal das festigen, was ich bisher gelernt habe; oder versucht habe zu lernen. Also: Ein paarmal springen, Seil sauber durchziehen, Arme kreuzen ...

Doch ich komme nicht voran. Das normale Springen ist überhaupt kein Problem. In dem Moment aber, in dem ich die Arme kreuze, wird’s eines. Warum zum Henker klappt das nicht? Und warum zum Teufel verknotet sich das Seil jetzt nicht mehr nur um meinen Fuß, sondern knallt mir auch noch an den Hinterkopf?

„Die Kinder lernen am schnellsten“, erklärt derweil Petra Trübenbach. „Die schauen sich das an und machen’s einfach nach. Das ist phänomenal.“ Ältere Semester dagegen würden die Bewegung analysieren, sezieren und – scheitern. So wie ich.

Deshalb probiere ich jetzt die Beobachtungsmethode. Doch das geht mir alles viel zu schnell. Vor allem, als Marie Rossa anfängt, wie ein Derwisch herumzuhüpfen und dabei auch noch das Seil unfallfrei um sich herumwedelt. Aber sie ist Deutsche Meisterin und ich – ich bräuchte eine Zeitlupe. Superzeitlupe.

Was jedoch bleibt mir jetzt noch, um wenigstens ein kleines Erfolgserlebnis mitzunehmen? Ein Taktikwechsel. Wenn das Kreuzen aus der Sprungbewegung heraus nicht funktioniert, dann eben direkt aus dem Stand. Ich lege los, bin überrascht - und begeistert. Von mir. Es klappt. Super. Okay, meistens, oder doch ziemlich oft. Immerhin: Daumen hoch bei den Mädchen.

Letztlich aber muss ich doch zugeben: Viel dazugelernt habe ich nicht. Ein bisschen Seilspringen – das konnte ich vorher schon. Aber Rope-Skipping, das ist doch eine andere Liga. Und anstrengend noch dazu.

Aber ich bekomme schließlich doch noch die Chance, mein überragendes Talent zu beweisen. Die Mädels üben in der Gruppe – mittendrin ich als Stargast. Ein Erlebnis – nicht für mich, aber für alle Zuschauer.

Rope-Skipping bei der SV Remshalden

Woher das Rope-Skipping ursprünglich kommt, ist nicht vollständig geklärt. Vermutlich, so schreibt Wikipedia, wurde das Seilspringen im 17. Jahrhundert durch holländische Auswanderer nach Amerika exportiert. Wettkämpfe gibt es erst seit 2001.

Im Rope-Skipping gibt es Einzel- und Gruppenwettbewerbe. Die Disziplinen haben englische Bezeichnungen wie Wheel, Single oder Doubledutch. Bei der Pflicht geht es zum Beispiel darum, in 30 Sekunden so viele Sprünge beziehungsweise Bodenberührungen wie möglich unterzubringen (Speed), in der Kür werden viele verschiedene Sprungkombinationen, Seilwürfe und auch turnerische Elemente eingebaut.

Der Europarekord im Speedspringen liegt bei 104 Bodenberührungen des rechten Fußes innerhalb von 30 Sekunden.

Gewertet wird sehr streng. Beispiel im Team/Vierergruppe: Nur völlig synchrone Aktionen werden gewertet. Macht ein Gruppenmitglied einen Fehler, werden alle Aktionen der anderen so lange nicht berücksichtigt, bis alle wieder synchron sind.

Die SV Remshalden begann mit Rope-Skipping 1996. Turnerin Petra Trübenbach lernte es in Hamburg kennen und dachte: „Das wäre doch etwas für uns.“ Allerdings gab es noch keine Schulungen, das hieß Sprünge selber erarbeiten.

Mittlerweile gibt es in Remshalden knapp 90 Rope-Skipper, hauptsächlich Mädchen. Zwei Anfängergruppen und vier Wettkampfgruppen trainieren von Montag bis Freitag in der Grundschulhalle in Grunbach oder der Wilhelm-Enßle-Halle in Geradstetten.

Die SVR mischt in Württemberg an vorderster Front mit. Marie Rossa wurde gemeinsam mit drei Springern aus Zuffenhausen Deutsche Meisterin und Zehnte bei der Weltmeisterschaft in Hongkong.