Rems-Murr-Sport

Turnen – ist das bieder, muffig, konservativ?

Gislind Gruber-Seibold aus Alfdorf kandidiert für den Vorsitz im Turngau Rems-Murr
Gislind Seibold-Gruber ist seit einem Jahr Präsidentin des Turngaus Rems-Murr. © Privat

Gislind Seibold-Gruber ist seit einem Jahr Präsidentin des Turngaus Rems-Murr. Sie begegnet im Interview Vorurteilen, sieht im Turnen ein Angebot für alle Altersschichten mit vielen Chancen.

Turnen, dabei denken viele an bieder, muffig, konservativ. Zu Recht?

Das liegt sicher auch an Begriffen wie Gau und Wart, das hört sich für viele Ohren erstaunlich an. Man muss jedoch auch sehen, dass sich diese Namen schon vor dem Nationalsozialismus entwickelt haben. Aber: Ein Verband, der so in der Mitte unserer Gesellschaft steht, der nicht nur das Ziel hat, Bewegung zu fördern, sondern auch mitzuhelfen, dass allen Menschen ein gutes Sportangebot ermöglicht wird, kann nicht konservativ sein, es sei denn, man spricht über Wertkonservatismus. Ich möchte für die Turnerinnen und Turner schon in Anspruch nehmen, dass vor allem sie es sind, die Konzepte entwickeln. Etwa das Konzept „Babys in Bewegung - mit allen Sinnen“ der Turnerbünde, das für die Kleinsten einen prima Start in ein Leben mit Bewegung ermöglicht und gleichzeitig auch die Integration von Eltern mit Migrationshintergrund hinkriegt.

Was zeichnet Turnen aus?

Turnvereine führen Menschen zusammen, vom Breitensport über den Gesundheitssport bis bin zum Spitzensport. Sie sind Garant dafür, dass alle – jedes Alters und jeder Herkunft – ein qualitativ hochwertiges Turn- und Sportangebot erhalten können.

Es gibt deutlich mehr Turnerinnen als Turner. Warum?

Wir schaffen es oft nicht, junge Buben nach dem klassischen Kinderturnen beim Turnen zu halten. Andererseits ist es auch in Ordnung, wenn viele eine größere Affinität zum Ballsport oder zur Leichtathletik haben.

Nennen Sie uns drei Argumente, warum Turnen nicht nur für ältere Damen und Herren interessant ist.

Turnen bietet sportliche Bewegung vom Babyalter bis ins späte Seniorenalter an. Bewegung tut einfach gut und gemeinsam macht es mehr Freude. Wenn man die erschreckenden Zahlen über Bewegungsmangel und Bewegungsunfähigkeit bei Kindergarten- und Schulkindern liest, wünscht man sich viele Angebote, wie sie die Turner bieten. Dass Bewegung von Anfang an für die geistige Entwicklung wichtig ist, ist bekannt. Man weiß heute jedoch auch, dass turnerische Aktivitäten Depressionen vorbeugen können und einen wichtigen Anteil an der psychischen Gesundheit haben.

Wie sieht die Zukunft des Turnens und des Turnvereins aus?

Der Turnverein der Zukunft wird noch mehr Bewegungsprogramme für alle Bevölkerungsschichten anbieten. Im klassischen Übungsbetrieb, aber noch stärker auch als Kursangebote. Und er wird es schaffen, noch mehr Angebote in die Kindergärten und Schulen hineinzutragen. Wachsen wird auch der Bereich des Gesundheitssports. Um junge Menschen zu erreichen, wird es mehr Angebote bei Trendsportarten geben müssen. Viele Vereine werden mehr hauptamtliche Mitarbeiter haben und noch mehr Vereine werden zu großen Sportzentren wachsen.

Wo hapert es noch?

Es wäre toll, wenn es in vielen Städten und Gemeinden gelänge, den Weg weiterzugehen, mehr Bewegungsangebote auf die Straße zu bringen - beziehungsweise in den Stadtpark oder den Bewegungsgarten. Ich hoffe auch darauf, dass die Kooperationen mit Firmen zunehmen werden. Daneben muss es gelingen, die Qualität im Spitzensport zu halten. Und das geht nur mit einer Basisarbeit im Wettkampfsport in unseren Vereinen.