Handball im Rems-Murr-Kreis

U19 des TV Bittenfeld mischt bei den Großen mit, Trainer Hummel ist stolz

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Ulf Hummel, Trainer der Bittenfelder U 19, ist stolz auf seine Mannschaft. © Ralph Steinemann Pressefoto

Die U-19-Handballer des TV Bittenfeld haben sich mit starken Leistungen bis ins Viertelfinale der deutschen Meisterschaft gekämpft. Erst der Nachwuchs des Erstliga-Tabellenführers SC Magdeburg stoppte den TVB. Im Interview mit Thomas Wagner blickt Ulf Hummel auf die Saison zurück. „Ich habe riesigen Respekt vor den Jungs“, sagt der TVB-Trainer – und formuliert die Ziele für die nächsten Jahre.

Herr Hummel, nachdem Ihr Team im Achtelfinal-Rückspiel gegen den THW Kiel einen Acht-Tore-Rückstand umgebogen hatte, blieb gegen den SC Magdeburg das zweite Wunder von Bittenfeld aus. Hat der schnelle und klare Rückstand dem Team den Stecker gezogen?

Ich denke, wir müssen realistisch bleiben. Wir sind der einzige Verein ohne Internat und mit nebenberuflichen Trainern. Die Konkurrenz hat da ganz andere Strukturen. Wir hätten die Spiele gegen Magdeburg enger gestalten können. Dass es so deutlich wurde, ist schon ein bisschen schade. Auf diesem Niveau reichen eben zehn bis 15 schwache Minuten, und dann passt es nicht mehr. Selbst wenn wir zu Beginn nicht so deutlich in Rückstand geraten wären, hätten wir wohl diese acht Tore nicht aufgeholt. Dazu war Magdeburg an diesem Tag einfach zu clever und individuell zu stark.

Wenn Sie die beiden Rückspiele gegen Kiel und Magdeburg und die gigantische Atmosphäre in der Gemeindehalle vor 500 und 400 Fans noch einmal Revue passieren lassen: Sind das Erlebnisse, die für jeden Spieler, Trainer und auch die Zuschauer unvergessen bleiben?

Ich war ja beim ersten Viertelfinale vor vier Jahren gegen Berlin, in meinem ersten Jahr beim TVB, schon als Co-Trainer dabei. Aber diese Spiele jetzt werde ich nicht mehr vergessen. Ich denke, den Spielern geht es genauso. Die sind 18 Jahre alt, so viel haben sie noch nicht erlebt. Das dürfte schon etwas Einmaliges sein in ihrem jungen Leben. Natürlich ist es unser Ziel, Bundesligaspieler auszubilden. Und für die Jungs geht’s darum, im Leistungssport anzukommen. Aber vor so vielen Leuten zu zeigen, was man gelernt hat, und sich auf diesem Niveau messen zu dürfen, das ist schon super. Ich denke, die herausragende Saison 2021/2022 ist gekrönt worden durch diese beiden Spiele gegen Kiel und Magdeburg in der Gemeindehalle.

Magdeburg war gewarnt vor der Kampfkraft des TVB und hatte Respekt vor den euphorischen Fans. Macht es Sie stolz, wenn der Nachwuchs des Bundesliga-Tabellenführers vor dem Spiel in Bittenfeld von einer Reifeprüfung für das eigene Team spricht?

Jein. Es ist grundsätzlich schön, wenn man vom Gegner respektiert wird. Ich habe mit dem Magdeburger Trainer Julian Bauer die A-Lizenz gemacht. Das ist einer, der Ahnung hat vom Handball. Da nehme ich so ein Kompliment für uns als Verein sehr ernst und freue mich natürlich darüber. Man muss allerdings auch sagen, dass die Tabellenführung der ersten Männer-Bundesliga nicht zwangsläufig etwas aussagt über die Stärke einer A-Jugend. Kiel ist seit Jahren richtig gut, aber der Chef im Jugendbereich in den vergangenen zehn Jahren ist Berlin. Ich denke, es geht eher darum, dass man als Verein in der Handball-Nation – im Jugendbereich – wahrgenommen wird. Wir haben aus Melsungen, Berlin oder Potsdam Glückwünsche und Anerkennung bekommen für unsere tolle Leistung. Das freut uns sehr.

Erstes Ziel des TVB war der Achtelfinaleinzug und damit die Qualifikation für die nächste Bundesligasaison. Welche Auswirkungen hätte das Scheitern fürs Nachwuchsleistungszentrum des TVB gehabt?

Es wäre eine absolute Katastrophe und für die Außendarstellung verheerend gewesen, wenn wir es nicht geschafft hätten. Ein gewisser Druck ist immer da. Deshalb waren wir nach den Spielen gegen Oftersheim auch sehr erleichtert. Wir wollen jedes Jahr in der Bundesliga spielen. In diesem Jahr hatten wir eine Mannschaft mit vorwiegend Spielern des älteren Jahrgangs. Ich glaube zwar, dass wir auch für die nächste Saison wieder eine schlagkräftige Truppe zusammenkriegen. Aber angesichts der kurzen Zeit bis zur Quali wäre es schon knüppelhart geworden mit unserer jungen Mannschaft. Für uns muss, wie für andere Top-Teams auch, die Bundesliga selbstverständlich werden. Wir möchten unter die ersten vier oder fünf Teams in Süddeutschland kommen, was die Nachwuchsarbeit angeht. An den Rhein-Neckar Löwen gibt’s aktuell und kurzfristig kein Vorbeikommen.

Zum zweiten Mal in den vergangenen vier Jahren hat es der TV Bittenfeld unter die letzten acht Mannschaften in Deutschland geschafft. Wie wichtig ist das fürs Image? Schließlich hat die A-Jugend als TV Bittenfeld die Wurzeln des Vereins wieder bekannter gemacht. Die Republik nimmt den Verein ja mittlerweile meist als TVB Stuttgart wahr.

Das Thema Image ist für uns sehr wichtig. Man muss sehen, dass der Wettbewerb bei uns im Süden riesengroß ist. Im Umkreis von 50 Kilometern gibt’s eine ganze Reihe von Vereinen, die eine sehr gute Jugendarbeit machen. Bietigheim, Pforzheim, Göppingen, Kornwestheim, jetzt kommt Jano Filder dazu. Rund um Magdeburg gibt’s nur Berlin – und das ist 150 Kilometer weg. Wir müssen erfolgreich sein, damit die Talente zu uns kommen. Auf der anderen Seite ist unser Erfolg für die anderen Vereine ein Problem. Aber wir investieren auch sehr viel. Wir haben beispielsweise Schulkooperationen, können zweimal am Vormittag trainieren, die Integration in die zweite Männermannschaft funktioniert sehr gut. Einige Spieler nehmen in der BW-Oberliga eine tragende Rolle ein.

Was hat den TVB in dieser Saison ausgezeichnet?

Diese Frage ist relativ einfach zu beantworten: Wir haben keinen Nationalspieler im Kader und mit klaren Strukturen ein Team zusammengebastelt, in dem sich jeder für den anderen zerrissen hat. Wir hatten viele knappe Partien, in denen wir in der Schlussphase noch gewonnen oder einen Punkt geholt haben. Das funktioniert nicht, wenn ich 14 Einzelspieler habe. Es geht nicht nur um die zehn, die viel spielen, sondern auch um die vier, die meist auf der Bank sitzen. Die sieben auf dem Spielfeld wissen, dass sie sich auch mal fünf oder zehn Minuten eine Pause nehmen können, weil einer reinkommt, der für sie in die Bresche springt. Beispielsweise hat Hannes Schönemann, der noch der B-Jugend angehört, Sören Winger phasenweise ersetzt. Die Mannschaftsleistung ist sicherlich eine Benchmark bei uns für die kommenden Jahre. Ich habe für mich als Trainer in dieser Saison wieder mitgenommen, dass das Mannschaftsgefüge immer vor dem Individualerfolg stehen muss. Nur dann ist das Team auch erfolgreich. Ob es aber funktioniert, hängt letztendlich natürlich auch vom Charakter der Jungs ab.

In welchen Bereichen hat sich die Mannschaft am meisten weiterentwickelt?

Ich denke, wir sind im Angriff cleverer geworden. Wir haben oft so lange gespielt, bis wir die beste Chance hatten – egal, von welcher Position. Und ich finde, wir haben schnell und attraktiv gespielt.

Nach der langen Corona-Pause standen Sie der Fortsetzung der Saison zunächst eher kritisch gegenüber, Sie befürchteten eine Überlastung der Spieler. War’s im Nachhinein doch die richtige Entscheidung?

Im Nachhinein war’s natürlich die richtige Entscheidung – für den Handball in Deutschland und für die Entwicklung der Jungs. Die Konzepte haben gezogen, die Vereine haben sich an die Vorschriften gehalten. Pech mit Corona hatte nur Oftersheim. Sicherlich war ich im Vorfeld ein wenig skeptisch, wir hatten uns auch immer mal wieder auf andere Situationen eingestellt. Zu einem Spiel gegen die Rhein-Neckar Löwen sind wir nicht angetreten und haben dafür eine Strafe kassiert. Der DHB hat der Spielverlegung nicht zugestimmt, obwohl wir eigentlich nicht spielfähig waren. Wir hätten mit B-Jugendlichen auffüllen können. Wir wollten aber keinen Corona-Herd und keine Verletzungen riskieren für ein Spiel um die Ananas.

Corona, Abitur-Stress und Konzentration auf die Spiele um die deutsche Meisterschaft: Wie groß ist der Respekt vor Ihren Spielern?

Ehrlich gesagt, finde ich dafür kaum Worte und habe riesigen Respekt. Zunächst einmal schreiben unsere sechs, sieben Jungs ihr Abitur in Baden-Württemberg, und das ist bekanntermaßen eines der härtesten in Deutschland. Wir haben keine Internatsstruktur. Einer unserer Spieler hat in einer Woche gleich drei Prüfungen geschrieben. Und dann soll ich von ihm verlangen, dass er mir abends noch in der Videoanalyse zuhört, konzentriert im Training arbeitet oder samstags in Magdeburg wie ein Profi immer Höchstleistungen bringt? Man muss sich immer wieder daran erinnern, dass die Jungs 18 Jahre alt sind, ihre Kumpels genießen derweil das Leben. Wir sehen das durch unsere Leistungssportbrille. Aber wenn wir einen Schritt zur Seite machen und die Situation von außen betrachten, kann man nicht zu hoch hängen, was die jungen Männer hier leisten.

Für viele in der Mannschaft war das Spiel gegen Magdeburg das letzte in ihrer Jugendzeit. Wer bleibt dem TVB fürs Team der Baden-Württemberg-Oberliga der Männer erhalten, wer verlässt den Verein?

Von den 14 Spielern, die im Kader waren, dürfen drei auch nächste Saison noch in der A-Jugend spielen. Von den übrigen elf bleiben sechs bei uns: Fabian Bauer im Tor, Fabian Lucas im linken Rückraum, Joe Traub auf Linksaußen, Luca Mauch im rechten Rückraum, Sören Winger am Kreis und Nico Bacani auf Rechtsaußen. Verlassen werden uns Joshua Scheiner, Joey König, Niklas Thierauf und Finn Klein.

Gibt’s Spieler, denen Sie höhere Aufgaben zutrauen – sprich den Sprung in den Erstliga-Kader?

Fabian Lucas und Luca Mauch trainieren ja jetzt schon immer mal wieder bei Roi Sánchez im Bundesligateam mit. Wie die ehemaligen A-Jugendlichen Maurice Widmayer und Yannick Wissmann. Alle, die bei Roi waren, haben einen guten Schritt nach vorne gemacht. Von seinem spielerischen Potenzial und seiner Lernfähigkeit her würde ich es Nico Bacani auch zutrauen. Allerdings fehlen ihm für die erste Bundesliga möglicherweise die körperlichen Voraussetzungen.

Wie sehen die Planungen für die nächste Saison aus? Wie viele Spieler rücken aus der B-Jugend auf? Gibt es externe Zugänge?

Zwei Spieler aus unserer B-Jugend sind ja schon regelmäßig bei uns dabei, acht weitere werden nachrücken. Dazu kommen ein bis zwei externe Neuzugänge. Den einen oder anderen Spieler haben wir im Blick, die Planungen sind noch nicht ganz abgeschlossen.

Sind die Saisonziele bereits formuliert?

Ziel ist die Direktqualifikation für die Bundesliga. Auch wenn wir wissen, dass es knüppelhart werden wird. Ich denke nicht, dass wir die Meisterrunde erreichen werden. Das ist ein hochambitioniertes Ziel, im Fall der Fälle nehmen wir es aber gerne mit. Wir kehren wieder in den alten Modus mit insgesamt 40 Mannschaften zurück. Jeder hat zunächst neun Spiele in der Vorrunde. Die ersten vier Mannschaften gehen in die Meisterrunde, die anderen sechs spielen den DHB-Pokal aus. Da möchten wir dann mindestens ins Halbfinale kommen.

Die U-19-Handballer des TV Bittenfeld haben sich mit starken Leistungen bis ins Viertelfinale der deutschen Meisterschaft gekämpft. Erst der Nachwuchs des Erstliga-Tabellenführers SC Magdeburg stoppte den TVB. Im Interview mit Thomas Wagner blickt Ulf Hummel auf die Saison zurück. „Ich habe riesigen Respekt vor den Jungs“, sagt der TVB-Trainer – und formuliert die Ziele für die nächsten Jahre.

Herr Hummel, nachdem Ihr Team im Achtelfinal-Rückspiel gegen den

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