Fußball im Rems-Murr-Kreis

Umberto Guancialino (81): Der strenge Schiri mit der Sonne Italiens im Herzen

Umberto Guancialino
Umberto Guancialino ist heute noch auf den Sportplätzen unterwegs - mehr als nur einmal die Woche. © Alexander Becher

Gegen die Bezeichnung "Bunter Hund" hat er nichts einzuwenden. „Das ist so. Ich treffe immer jemanden, den ich kenne“, sagt Umberto Guancialino mit verschmitztem Lächeln. Glauben kann man ihm das wohl. Denn der 81-Jährige spielt nicht nur seit seinem elften Lebensjahr Fußball, sondern war lange Zeit als Trainer und ist noch länger als Schiedsrichter im Bezirk aktiv. Seit 56 Jahren nämlich fällt er die Entscheidungen auf den Rasenplätzen.

An diesem sonnigen Nachmittag sitzt er an seinem Esstisch in seinem Backnanger Mehrfamilienhaus, das er selbst über die Jahre renoviert und nach seinen Vorstellungen gestaltet hat. Unter dem bunt gepinselten Landschaftsbild und hinter einem saftigen Stück Erdbeerkuchen erzählt er bei einer Tasse Kaffee. Viele Fragen braucht es nicht, denn der 81-jährige Italiener kommt ins Erzählen. „Der Umberto redet gerne“, sagt seine Frau Renate, die noch einen Schluck Kaffee nachgießt.

Von den Dreharbeiten des letzten James-Bond-Streifens, die in seiner Heimatstadt Matera in Süditalien stattgefunden haben. Von Weltmeistern, vom Spielen mit der Viererkette und Raumdeckung und von gutem Wein.

Erst wollte er nicht zum Schiri-Kurs, dann fand er seine Leidenschaft

Doch an diesem Tag soll es nur um ihn gehen. Seine Fußballjahre. Als Spieler, Trainer und Unparteiischer. Aus einer Schublade holt er Bilder, Zeitungsartikel und - seinen Kalender. Mindestens zweimal in der Woche stehen Spiele drin, die es für ihn in dieser Saison zu leiten galt. „1966 habe ich angefangen. Und ich kam zum Schiedsrichter wie Maria zum Kinde.“ Seine Kameraden von der Viktoria Backnang überredeten ihn, auch mit zum Schiri-Kurs zu kommen. Er ging mit. Der Rest ist Geschichte. „Von den anderen, die mit mir dort waren, haben alle schon aufgehört.“ Stolz ist er auf das, was er da tut. Und das, was er getan hat.

Er war unter anderem Trainer in Welzheim, beim VfR Murrhardt oder dem FC Viktoria Backnang. Sein Markenzeichen: einwandfreie Technik. „Bei mir hat gespielt, wer Leistung bringt.“ Einsatz, Engagement und ein gutes Ballgefühl waren seine Voraussetzungen. Ob in der Jugend oder den Männermannschaften, die er trainierte.

An seine Ankunft im Ländle, genauer in Weissach, kann sich Guancialino noch gut erinnern. Er kam mit dem Bus aus Rothenburg ob der Tauber, wo er mit seinem Bruder zusammengelebt und -gearbeitet hatte. „Ich trug das rot-blaue Wolltrikot des FC Genua, hatte einen Koffer und meine Fußballtasche von Inter Mailand dabei.“ Mit wenig Deutsch kam er trotzdem ans Ziel: Über einen Bekannten bekam er eine Stelle als Mechaniker in der Rombold-Fabrik. Über die Arbeit fand er eine neue Heimat und den Zugang zum Sport. Für den SV Unterweissach bestritt er seine erste Saison in Deutschland mit einem offiziellen Pass.

Ralf Rangnick löste ihn als Trainer in Backnang ab

Das alles liegt nun 60 Jahre zurück. Seitdem haben viele Spieler die Schule des Trainers mit der A-Lizenz durchlaufen. Darunter Ralf Rangnick oder Uli Ferber, um nur zwei zu nennen. Umberto Guancialino erzählt, kennt Geschichten über Spieler, erinnert sich an feurige Duelle und Egoisten auf dem Platz, an Streitigkeiten und große Feiern. Aus seiner Schublade im Wohnzimmerschrank zieht er eine Autogrammkarte seines ehemaligen Schützlings, der auf der Karte ein VfB-Trikot trägt. „Ralf und ich verstehen uns heute noch gut.“ Der eine hat den anderen nicht nur trainiert, Rangnick übernahm 1983 von Guancialino das Amt als Spielertrainer und machte den Aufstieg in die Landesliga perfekt.

„In Sachen Erfahrung macht mir keiner was vor“

Heute ist Umberto Guancialino der Mann an der Pfeife für den Großen Alexander Backnang, für den er früher an den Ball getreten ist: „In Sachen Erfahrung macht mir keiner was vor!“ Sein erster Einsatz? „Das war ein Spiel der C-Jugend. Großaspach gegen Unterweissach.“

Nach 56 Jahren als Unparteiischer ist sein Anspruch an sich selbst nicht kleiner geworden. „Ich versuche, möglichst viel zu laufen während des Spiels.“ Er will sich nicht nachsagen lassen, er sei zu alt für die Sache. Nicht nur deshalb, sondern auch für seine Fitness macht er jeden Morgen Dehnübungen. „Bis vor kurzem hat er jeden Tag auch Liegestützen gemacht“, seine Frau Renate fügt hinzu, was der redselige Italiener vergisst zu erzählen. Das mit den Liegestützen gehe jetzt nicht mehr, die Schulter. Seit dem Sturz bei der Gartenarbeit ist er da vorsichtig geworden. „Aber schau her“, sagt er und steht von der Eckbank auf. „Ich stehe nicht auf wie ein alter Mann mit Ah und Oh. Ich bin gut drauf. Bewegung hält fit.“

Kein Feind und Freund

Bewegung, die ihm sein liebstes und wahrscheinlich längstes Hobby regelmäßig gibt. Das Hobby, bei dem nicht nur Fitness, sondern auch Köpfchen gefragt ist. Auf dem Platz müsse er manchmal hart durchgreifen, erzählt er. Streng sei er, was man bei seiner herzlichen und offenen Art gar nicht recht glauben will. „Ich bin ein lustiger Typ. Bis ich mit der Pfeife den Platz betrete. Dann gibt es für mich keinen Feind und keinen Freund“, betont er.

Viel habe sich verändert im Fußball. Es gebe weniger Kameradschaft in den Mannschaften, weniger aufrichtige Spieler, dafür mehr Memmen. „Das schauen sie sich bei den Großen im Fernsehen ab.“ Manche Spieler würden immer bestimmender und fordender werden. Die aber weist Guancialino schnell in ihre Schranken. „Solche Spieler muss man mit ihren eigenen Waffen schlagen.“

Ans Aufhören hat der 81-jährige Backnanger schon oft gedacht. Er will dem Nachwuchs Platz machen. Aber so einfach lassen den ehrgeizigen und treuen Schiedsrichter seine Kollegen nicht gehen. Ein bisschen verabschiedet sich Guancialino aber doch. Nach Italien. Nach Familie, Strand und Meer. Doch kein Grund zur Sorge für die Schiedsrichtergruppe Backnang - er geht nur über den Sommer.

Gegen die Bezeichnung "Bunter Hund" hat er nichts einzuwenden. „Das ist so. Ich treffe immer jemanden, den ich kenne“, sagt Umberto Guancialino mit verschmitztem Lächeln. Glauben kann man ihm das wohl. Denn der 81-Jährige spielt nicht nur seit seinem elften Lebensjahr Fußball, sondern war lange Zeit als Trainer und ist noch länger als Schiedsrichter im Bezirk aktiv. Seit 56 Jahren nämlich fällt er die Entscheidungen auf den Rasenplätzen.

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An diesem sonnigen Nachmittag sitzt

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