Ringen im Rems-Murr-Kreis

Unruhen in Kasachstan: ASV-Ringer Assetuly reist wagemutig nach Schorndorf

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Nach der langen Reise stand Sultan Assetuly erstmals im Achtelfinal-Rückkampf für den ASV Schorndorf auf der Matte – und gewann. © Günter Schmid

Deutlich über 200 Opfer haben die gewaltsamen Unruhen in Kasachstan laut Behördenangaben gefordert. Menschen fürchteten um ihr Leben und ihre Existenz. Dennoch nahm ein junger Ringer eine abenteuerliche Reise auf sich, nur um dem Bundesligisten ASV Schorndorf in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft zu helfen. Vereinsstratege Sedat Sevsay erzählt die Geschichte von Sultan Assetuly.

Geschafft: Zusammen mit Teamkollegen lebt der 20-Jährige derzeit in einer von einem ASV-Sponsor gestellten Wohnung in Welzheim. „Sultan hat gleich eine kasachische Flagge über dem Bett aufgehängt“, sagt Sevsay. Der Kasache, der in der Gewichtsklasse bis 66 Kilogramm Griechisch-Römisch sensationell Asienmeister wurde, fühle sich pudelwohl und fotografiere und filme ständig mit seinem Handy.

Wochenlange Unruhen in Kasachstan

Der beschauliche Rems-Murr-Kreis bietet Assetuly eine Verschnaufpause vor dem Chaos in seinem Heimatland. Wochenlang hatten Unruhen Kasachstan in Atem gehalten. Wegen exorbitant gestiegener Gaspreise, so berichteten westliche Medien, demonstrierten Tausende Menschen auf den Straßen. Schließlich gab es gewaltsame Proteste gegen die Regierung.

Um seine Macht zu sichern, erteilte Präsident Kassym-Jomart Tokajew den Schießbefehl gegen militante Demonstranten. Telefon- und Internetverbindungen wurden über Wochen immer wieder unterbrochen.

Ein Militärbündnis unter russischer Führung schickte auf Tokajews Bitte hin 2000 Soldaten, um die Unruhen niederzuschlagen. Das scheint nun gelungen zu sein, die Truppen sind wieder abgezogen.

Der erst 20 Jahre alte Sultan Assetuly wagt ein Abenteuer 

Sultan Assetuly hatte noch während der Aufstände einen für einen 20-Jährigen exorbitanten Mut gezeigt. Unbedingt wollte er bei den Play-offs um die deutsche Meisterschaft erstmals für seinen neuen Verein antreten und setzte sich deshalb mehrtägigen – von den Schorndorfern finanzierten – Reisestraspazen aus. Auch Sedat Sevsay und seine Mitstreiter vom ASV haben einen derartigen Einsatz noch nie erlebt.

Ursprünglich gebucht worden war ein Flug von Assetulys Heimatstadt Almaty. „Aber der Flughafen wurde eingenommen“, erzählt Sevsay. „Und dann waren Internet und Telefon weg, und ich konnte Sultan sechs Tage nicht erreichen.“ Dann geschah etwas Merkwürdiges.

Eines Nachts wachte das ASV-Vorstandsmitglied auf, „weil ich eine Eingebung hatte“. Prompt klingelte um 3 Uhr das Telefon, „aber ich habe zu spät abgenommen, und der Anruf war schon wieder weg“. Doch kurz darauf meldete sich Assetulys Schwester und beschrieb den neuen, ausgesprochen abenteuerlichen Reiseplan des Ringers: eine eineinhalbtägige Busfahrt in die kasachische Hauptstadt Nur-Sultan, gefolgt von einem Flug nach Istanbul und einem erneuten nach Stuttgart.

Sultan Assetuly schläft nach Strapazen eineinhalb Tage lang 

Die Schorndorfer machten sich ans Werk und buchten. Und tatsächlich: „Nach drei Tagen war Sultan in Istanbul. Dort übernachtete er im Hotel und landete dann am vierten Tag in Stuttgart“, sagt Sevsay. Die Schorndorfer fuhren den 20-Jährigen zur Wohnung nach Welzheim. „Dort hat er erst mal anderthalb Tage geschlafen.“

Seine Klasse demonstrierte Assetuly bei seinem ersten Einsatz für den ASV im Achtelfinal-Rückkampf gegen den TuS Adelhausen (32:3). Der Kasache feierte in der Schorndorfer Sporthalle Grauhalde trotz der in den Knochen steckenden Reise einen 6:1-Punktsieg über Manrikos Theodoridis.

Sultan Assetuly ist Nachfolger von Abdolmohammad Papi

Verpflichtet worden war Sultan Assetuly, den Sevsay per Livestream bei einem Turnier in Italien bewundert hatte, vor der Bundesliga-Saison als Nachfolger für den zu den Red Devils Heilbronn zurückgewechselten Abdolmohammad Papi.

Mit Hilfe sozialer Medien nahm der ASV Kontakt zum Riesentalent auf. Weil es nur Russisch spricht, half dem Verein der ebenfalls aus Kasachstan stammende Jugendtrainer Paul Schäfer. Nach einigem Zögern und dem Gewinn der Asienmeisterschaft sagte Assetuly zu.

Eine Nasen-OP verhindert eine frühere Anreise des 20-Jährigen

Eigentlich hätte er schon zum Rückrundenbeginn nach Schorndorf kommen sollen. Das wäre noch kein Problem gewesen. Doch eine Nasen-OP verhinderte zunächst die Reise des Griechisch-Römisch-Spezialisten.

Nun aber steht er dem ASV endlich zur Verfügung. Im Viertelfinal-Hinkampf zuletzt am Samstag, 22. Januar, gegen den SC Kleinostheim wurde Assetuly aus taktischen Gründen nicht eingesetzt. Der ASV gewann in heimischer Halle mit 14:8.

Trainer Volker Hirt ist nicht nur zuversichtlich, dass das kleine Punktepolster reichen wird, um ins Halbfinale einzuziehen. Er ist sogar vom erneuten Schorndorfer Sieg im Viertelfinal-Rückkampf am Samstag, 29. Januar (19.30 Uhr), in Kleinostheim überzeugt.

In Kleinostheim könnte Assetuly zum Einsatz kommen

Wie immer lassen sich die Schorndorfer bei der Aufstellung nicht in die Karten schauen. Es ist aber gut möglich, dass auch Sultan Assetuly zum Einsatz kommen wird. Es wäre die erneute Belohnung für die lange Anreise aus Kasachstan.

Mit Sprachproblemen hat der junge Ringer in Schorndorf kaum zu kämpfen. Unterhalten kann er sich sowohl mit Paul Schäfer als auch unter anderem mit ASV-Legende Eugen Friesen. Wie lange Assetuly in Deutschland bleiben wird, steht laut Sevsay noch nicht fest. Immerhin: Die Rückreise wird Stand jetzt deutlich angenehmer sein.

Deutlich über 200 Opfer haben die gewaltsamen Unruhen in Kasachstan laut Behördenangaben gefordert. Menschen fürchteten um ihr Leben und ihre Existenz. Dennoch nahm ein junger Ringer eine abenteuerliche Reise auf sich, nur um dem Bundesligisten ASV Schorndorf in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft zu helfen. Vereinsstratege Sedat Sevsay erzählt die Geschichte von Sultan Assetuly.

Geschafft: Zusammen mit Teamkollegen lebt der 20-Jährige derzeit in einer von einem ASV-Sponsor

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