Rems-Murr-Sport

Verlorener Weltrekord als Motivation

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Niko Kappel hat die EM abgehakt und neue große Ziele. © Fotoagentur Camera4

Das erhoffte Triple aus Paralympics-, Welt- und Europameistertitel war Niko Kappel zwar nicht vergönnt. Dass er von der EM lediglich mit einer Silbermedaille zurückkehrte, bedeutet für den 23-Jährigen rückblickend aber eher Zusatzmotivation als Ärgernis.

„Es wäre viel mehr drin gewesen“, sagt Niko Kappel mit einigen Wochen Abstand. Nach Rio 2016 und dem WM-Titel 2017 wollte er bei den European Games in Berlin unbedingt erneut Gold holen. Doch ausgerechnet zum Höhepunkt der Wettkampfsaison war er nicht in Topform und blieb mit 12,60 Metern weit hinter seinen Erwartungen zurück.

Umso bitterer, dass sein polnischer Dauerrivale Bartosz Tyszkowski Europameister wurde und zugleich Kappels erst im Juni aufgestellten Weltrekord von 14,02 Meter um weitere zwei Zentimeter überbot.„So eng war es in der Weltrangliste zum Jahresende noch nie“, betont Niko Kappel. Im Rückblick aber sei ihm die Tatsache, dass er von Tyszkowski letzten Endes deutlich distanziert wurde, sogar lieber, als „wenn es auf Biegen und Brechen noch einmal gutgegangen wäre“. Denn dieser erste Rückschlag in seiner bislang so steil nach oben verlaufenen Karriere sei umso motivierender für die Zukunft. Kappel gibt sich kämpferisch und sagt: „Ich möchte mir den Weltrekord so schnell wie möglich zurückholen.“

Kappel, der Profisportler: Alle Konzentration auf den Sport

Seit Jahresbeginn ist der 23-Jährige offiziell Leichtathletik-Profi. Darauf arbeiten viele Sportler hin, doch nur den allerwenigsten gelingt dieser Schritt wirklich. „Rein emotional ist das eine Riesengeschichte“, so Niko Kappel. Der gelernte Bankkaufmann wurde von seinem Arbeitgeber für die kommenden zwei Jahre freigestellt, hat aber die Zusage, jederzeit zurückkehren zu können. „Das gibt mir eine riesengroße Sicherheit“, sagt Kappel. Er ist dankbar für die breite Unterstützung und spricht von einem „großen und komplexen Grundgerüst, das mir all das in dieser Form erst ermöglicht“.

Neben den zahlreichen Sponsoren aus der Region seien insbesondere die hervorragenden Trainingsmöglichkeiten beim VfL Sindelfingen sowie am Olympiastützpunkt Stuttgart unverzichtbar für den sportlichen Erfolg. Insbesondere das gemeinsame Training in einer Gruppe mit den Kugelstoßern Alina Kenzel und Tobias Dahm sei für einen paralympischen Sportler keine Selbstverständlichkeit.

Nico Kappel hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Der veränderte Tagesablauf hat große Umstellungen, hat aber auch einige Vorteile mit sich gebracht. „Ich kann all das nachholen, was in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen ist“, berichtet der amtierende Weltmeister. Konkret meint er damit die Möglichkeit, effektiver zu trainieren sowie bewusster zu regenerieren. Oder kurz gefasst: seinen Trainingsalltag zu professionalisieren.

Weil die festen Arbeitszeiten in der Volksbank Welzheim wegfallen, ist Kappel zeitlich flexibler. Das ist bei der Vielzahl an Aktivitäten auch nötig. Kappel gehört als CDU-Mitglied dem Welzheimer Gemeinderat an, ist Athletensprecher der paralympischen Sportler und referiert in Betrieben oder Universitäten zum Thema Inklusion.

Terminstress: Training, Sponsoren und Vorträge

Kappel steht wie kein anderer für den lockeren Umgang mit einer körperlichen Behinderung. Dennoch muss das Aushängeschild des deutschen Parasports darauf achten, seinen umfangreichen Trainingsbetrieb nicht zu vernachlässigen. „Es ist Wahnsinn, was er alles macht“, hatte sein Trainer Peter Salzer nach der ersten Enttäuschung über EM-Silber gesagt.

Benötigt sein Schützling mehr Fokus auf das Wesentliche, um wieder ganz oben auf dem Podest zu stehen? Nein, meint Niko Kappel selbst. „Ich muss mir in dieser Hinsicht sicherlich keinen Vorwurf machen.“ Wenn er einmal einen Sponsorentermin oder eine Einladung nicht wahrnehmen kann, dann sei das zwar schade, aber eben nicht vermeidbar.

„Das Training steht immer im Vordergrund und darf nicht unter anderen Einflüssen leiden.“ Allerdings betont Kappel, dass Öffentlichkeitsarbeit „in einem gesunden Mittelmaß“ notwendig sei, um Werbung für den paralympischen Sport und die Leichtathletik zu machen.

Denn der Paralympic-Sieger ist sich trotz aller Erfolge bewusst, dass seine gute Situation als Profisportler weiterhin eine Ausnahme darstellt. Nur die allerbesten Parasportler können von ihrem Sport leben. Kappels Wunsch ist es, die Para-Leichtathletik in sportlicher und professioneller Hinsicht weiter voranzubringen. Die Entwicklung gehe jedenfalls in die richtige Richtung, meint Kappel. Vor zehn Jahren sei von den Leistungen bei den Paralympics in Peking fast gar nichts in Deutschland angekommen. In diesem Jahr wurde die Para-EM sogar erstmals live im Fernsehen übertragen. „Dabei ist es absolut unüblich, dass außerhalb vom Fußball Sendezeit hinzukommt.“ Auch die sportlichen Leistungen sind immer besser geworden, was die jüngst gebrochene Weltrekordmarke des Welzheimers einmal mehr unterstreicht.

Große Ziele: Olympia und ein neuer Weltrekord

Seine persönlichen Fernziele sind die WM 2019 in Katar sowie die Paralympics 2020 in Tokyo. Im Optimalfall soll für den Leichtathletik-Profi Kappel beide Male die Titelverteidigung herausspringen. Über allem schwebt zugleich die Frage, ob er noch einmal den paralympischen Weltrekord brechen kann.

Damit das klappt, will Kappel die Winterpause nutzen und mit der Hilfe von Physiotherapeuten seinen Beschwerden in Knie und Hüfte auf den Grund gehen. Knapp zwölf Monate vor der Weltmeisterschaft verspricht er: „Ich werde neu angreifen und meine Wurfleistung wieder verbessern.“ An Motivation mangelt es ihm jedenfalls nicht.


Das ist Niko Kappel

Geboren ist Niko Kappel am 1. März 1995 in Schwäbisch Gmünd, aufgewachsen ist er in Welzheim.

Der kleinwüchsige Kugelstoßer trainierte zunächst bei den TSF Welzheim, seit 2014 trägt er das Trikot des VfL Sindelfingen.

Internationale Erfolge: Paralymics-Sieger in Rio de Janeiro 2016, WM-Gold 2017 in London, EM-Silber 2016 und 2018.

In den vergangenen beiden Jahren wurde Kappel jeweils als Behindertensportler des Jahres ausgezeichnet.

Seit Januar 2018 ist Kappel von seinem regulären Beruf freigestellt und offiziell Profisportler.