Rems-Murr-Sport

Waiblinger beim härtesten Mountainbike-Rennen der Welt

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Jens Lindenmeier, dreckig zwar, aber offenbar recht entspannt. Das allerdings täuscht. Er und Zoran Netopil kamen bei der Salzkammer-Trophy an ihre Grenzen. © sportfotograf.com
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Zoran Netopil schaffte es als 192. ins Ziel. © Robert Stefaniak/sportfotograf.c
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Das Trio, aus dem im Rennen schnell ein Duo wurde: Von links Zoran Netopil, Daniel Funk und Jens Lindenmeier. © privat

Der Hero Südtirol, ein Radrennen über 86 Kilometer mit 4500 Höhenmetern, nennt sich selbst den härtesten Mountainbike-Marathon der Welt. Jens Lindenmeier aus Weinstadt und Zoran Netopil aus Waiblingen sind ihn gefahren – allerdings nur zum Aufwärmen für ihr eigentliches Ziel: die Salzkammergut-Trophy. Die hat die beiden dann an ihre Grenzen gebracht.

Die Geschichte beginnt allerdings zu dritt. Zusammen mit Daniel Funk (32) aus Hohenacker beschließen Lindenmeier (41) und Netopil (38) im Herbst 2016, sich für die Trophy anzumelden. Schon seit längerem hätten sie daran gedacht. Lindenmeier: „Irgendwann haben wir gesagt: Wir müssen das mal machen, sonst reden wir in zehn Jahren noch drüber.“

Sie alle haben bereits Extremtouren hinter sich (Alpenüberquerung, dreimal den Hero in den Dolomiten), doch die Trophy rund um Bad Goisern flößt ihnen doch Respekt ein: 210,2 Kilometer, 7119 Höhenmeter, Steigungen bis zu 38 Prozent. Nach ausgiebiger Vorbereitung geht es im Mai ins Salzkammergut, um die Strecke „probezufahren“. Innerhalb von zwei Tagen wollen sie die Tour bewältigen, für die sie im Rennen lediglich 16 Stunden Zeit haben. Doch nicht einmal das schaffen sie. „Wir waren geschockt“, sagt Lindenmeier. Worauf haben sie sich da bloß eingelassen? Beim Abendessen ist es ziemlich still. Hätten sie gewusst, was sie zwei Monate später erwartet, wäre wohl auch das Essen unangetastet geblieben.

Fahren im Dauerregen

In der Woche vorher bereits „habe ich nicht mehr richtig schlafen können“, sagt Netopil. Auch tagsüber sei er beständig nervös gewesen, was sich in der Nacht vor dem Rennen nicht bessert. Denn: Es regnet. Und wie! „Dauerregen und zum Teil Starkregen.“ Statt Sommerwetter erwarten die beiden zwölf Grad Celsius im Tal, vier bis sechs Grad auf den Bergen.

Und von denen gibt es hier jede Menge. Zehn Hauptanstiege warten und „viele kleine, die weh tun“ (Netopil). Doch daran denken die drei jetzt nicht. Aufstehen um 3.30 Uhr, frühstücken und fast kommen sie – noch im Dunkeln – zu spät zum Start um 5 Uhr. Über 5000 Mountainbiker aus 40 Nationen sind am Start und machen sich auf acht unterschiedlich lange Strecken.

Lindenmeier, Netopil und Funk haben sich zusammen mit 800 anderen die längste ausgesucht: 210 Kilometer bei Kälte und Regen. 100 der Angemeldeten erscheinen lieber nicht zum Start, wahrscheinlich wegen des ekelhaften, eiskalten Regens, „der lotrecht vom Himmel drischt, um beim Aufprall noch einmal auf Kniehöhe nach oben zu spritzen“, wie es Henri Lesewitz beschreibt, der für das Bike-Magazin mitfährt.

Schon nach einem Kilometer ereilt Daniel Funk das Aus. Pedal kaputt, nicht mehr zu reparieren. Die Kollegen versuchen’s dennoch und sehen jemanden, dem sie auf gar keinen Fall begegnen wollten: den Pacemaker. Jenen Fahrer, der in etwa die Position anzeigt, an der an sechs Stellen im Rennen das Aus droht, wenn die Mindestzeit („Karenzzeit“) überschritten wird. Und jetzt fährt dieser Fahrer, hinter dem man tunlichst nicht herradeln sollte, mit dem Rest des Feldes vorbei. Da komme Panik auf, gesteht Zoran Netopil.

"Das war viel schlimmer, als wir und das vorgestllt haben"

Schließlich machen sich er und Lindenmeier wieder auf den Weg. „Eigentlich fährt man ja lieber alleine, seinen eigenen Rhythmus“, sagt Lindenmeier. „Aber wir wollten zusammenbleiben, und das hat geklappt.“

Zudem ist es psychologisch wichtig, wenn auch die beiden das Feld – und den Pacemaker – nach und nach wieder einsammeln. Lindenmeier: „Man puscht sich gegenseitig, vor allem bei dem schlechten Wetter. Das war viel schlimmer, als wir uns das vorgestellt haben.“

Der Regen sorgt für Pfützen, „da tauchst du ein, das halbe Fahrrad ist weg“, erinnert sich Jens Lindenmeier. Und Zoran Netopil erzählt, „beim Runterfahren habe ich gezittert vor Kälte“. Und das bei Abfahrten bis zu 20 Minuten Länge. „Da war man sogar froh, wenn es endlich wieder hochging.“ Und dass man die Abfahrt unfallfrei hinter sich gebracht hat. „Die Trailabfahrten waren grenzwertig: grobe Steine, matschig, schlammig, zum Teil lebensgefährlich.“ 2010 ist ein Teilnehmer tödlich verunglückt.

Schieben in Schangenlinien

Die Aufstiege sind nicht besser und nicht ganz identisch mit jenen, die die drei im Mai getestet haben. „Da haben sie sich noch ein paar kernigere Teile einfallen lassen: weniger Schotter, viel mehr Schlamm“, sagt Netopil. Aber auch auf Asphalt ist es nicht viel besser. Einen Aufstieg mit 38 Prozent kann Netopil mit seinen Fahrradschuhen nicht einmal geradeaus schiebend bewältigen. Weil er immer wieder wegrutscht, muss er Schlangenlinien gehen.

Der Regen ist bis zur Mittagszeit ständiger Begleiter, doch „die verrückten Fans“, die schon um 7 Uhr am Morgen verkleidet als Dinosaurier, Rakete oder Teufel (Trophy-Motto: Einmal Hölle und zurück) die Fahrer anfeuern (Netopil: „Da habe ich Gänsehaut gehabt“), treiben sie vorwärts. Gegen 12.30 Uhr kämpft sich schließlich die Sonne durch, bis zum Ziel sind es aber immer noch rund sieben Stunden.

Lindenmeier verlässt am vorletzten Berg „ein bisschen die Kraft“. Krämpfe in den Beinen drohen. Netopil: „Ich hab versucht, langsamer zu fahren, aber das hat nur noch mehr wehgetan.“ Also trennen sie sich.

Zoran Netopil erreicht das Ziel als 192. nach 14:23:13 Stunden, Jens Lindenmeier als 228. nach 14:34:48 Stunden. Von der guten Platzierung sind beide überrascht, nicht aber davon, dass Kollege Funk bereits mit zwei Bier im Ziel wartet. Allerdings: Es schmeckt nicht wirklich. Und das, obwohl er, so Lindenmeier, zwischendurch immer wieder „Bierträume“ hatte.

Alles geht unter in einem Übermaß an Glücksgefühlen, die Strecke – endlich – bewältig zu haben. Netopil: „Ich war den Tränen nah.“

Nie mehr. Oder vielleicht doch?

Im Ziel ist sich der Neustädter ganz sicher, und das teilt er Daniel Funk auch sofort mit: „Kamerad, ich fahr das nicht wieder.“

Zwei Wochen später ist er sich schon nicht mehr sicher. Obwohl sowohl er als auch Lindenmeier noch vier Tage lang Muskelkater haben, sich Netopil alles andere als gut fühlt und Lindenmeier an Tag fünf schließlich krank wird, keimt in Netopil schon wieder ein Gedanke.

2018 findet die Salzkammergut-Trophy auch wieder statt.


Die Trophy:

Die Trophy-Strecke verläuft entlang öffentlichen Straßen, Forststraßen sowie Bike- und Wanderwegen.

Es gibt acht verschiedene Strecken von 32,2 (1180 Höhenmeter) bis 210,2 Kilometer (7119 Höhenmeter). Die längste Strecke teilt sich auf in Asphalt (24,7 Prozent), Schotter (64 Prozent) und Trails (11,3 Prozent).

30 Prozent der Fahrer haben in diesem Jahr das Ziel nicht erreicht.