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Waiblingerin bei Olympia: „Bin bis in die Haarspitzen motiviert“

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Karen Tebar und Don Luis sind das beste Paar im französischen Nationalteam. Ein Platz unter den besten zehn im Einzel ist drin. © Ramona Adolf

Am Mittwoch, 10. August, beginnen bei den Olympischen Spielen in Rio die Wettkämpfe im Dressurreiten. Karen Tebar vom RV Waiblingen wird für die französische Equipe starten. Vor ihrem Abflug hat sich Redakteur Mathias Schwardt mit der Reiterin über Vorbereitungen und Ziele unterhalten. Und über den russischen Dopingskandal. Tebar kritisiert die IOC-Funktionäre.

Frau Tebar, Sie sind als derzeit beste französische Dressurreiterin für die Olympischen Spiele in Rio nominiert worden. Bald geht’s los. Wie groß ist die Vorfreude?

Die Vorfreude ist riesig! Zunächst ist die Freude groß, dass ich an den Olympischen Spielen in Rio teilnehmen darf, denn das ist das höchste Ziel eines jeden Sportlers, so auch meines. Darüber hinaus bin ich wie meine Teamkollegen auch bis in die Haarspitzen motiviert, die in diesem Jahr bereits erreichten Erfolge zu bestätigen und unsere gute Form zu zeigen. Die Vorbereitungen für ein solches Event, besonders auf einem anderen Kontinent, sind sehr umfangreich und gehen nun schon viele Wochen und Monate. Ich kann es also kaum erwarten, endlich nach Rio aufzubrechen.

Für Sie ist es nach 2004 und 2008 bereits die dritte Olympia-Nominierung. Allerdings konnten Sie 2008 nicht in Hongong an den Start gehen, weil Sie wegen einer leichten Verletzung Ihrer damaligen Stute Falada auf die Flugreise verzichteten. Deshalb die Frage: Wie geht es Ihrem jetzigen Turnierpferd Don Luis? Könnte der lange Flug nach Brasilien zum Problem werden?

Don Luis wird regelmäßig tierärztlich überwacht und von meinem Team und mir sehr umsorgt. Er wird gut trainiert, darf aber dennoch täglich auf die Weide und geht auch zum Ausreiten auf die Wiese, er bekommt zusätzliche „Wellness-Behandlungen“ mit Massage und Sonnenbädern. Kurzum, es geht ihm sehr gut. Der Flug ist etwas über elf Stunden lang. Don Luis fliegt mit einer darauf spezialisierten Spedition und wird von seiner Pferdepflegerin begleitet. Er ist zwar noch nie geflogen. Aber meine Springreiterkollegen, die ja sehr oft mit ihren Pferden fliegen, haben mir erzählt, dass die Pferde zwar beim Verladen etwas Stress verspüren, die allermeisten den Flug jedoch besser überstehen als die manchmal sehr langen Fahrten im Lkw.

In Brasilien grassiert das Zika-Virus, das durch Stechmücken übertragen wird. Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, auch, was die Pferde betrifft?

Hier vertraue ich auf die Aussagen unserer Tierärzte. Laut Forschung kann für Pferde Entwarnung gegeben werden, da die Viren eine hohe Wirtsspezifität haben. Es können also nur Menschen und andere Primaten infiziert werden. Dennoch werden unsere Pferde ebenso wie wir Menschen durch Anti-Mücken-Sprays vor Stichen geschützt. Auch die Stallungen werden mit Anti-Mücken-Sprays eingesprüht. Zusätzlich werden spezielle Netzdecken auf die Pferde gelegt, so dass Mückenstiche hoffentlich vermieden werden.

Überschattet werden die Olympischen Spiele von dem Staatsdoping-Skandal in Russland. Das IOC hat jetzt entschieden, dass nun doch einige russische Athleten in Rio antreten dürfen, sollte der jeweils zuständige Internationale Sportverband zustimmen. Was halten Sie von dieser Entscheidung? Wie wird sich der Skandal auf die Spiele auswirken?

Zunächst ist das eine extrem schwierige Situation für alle Sportler. Jene, die sich an die Regeln halten, werden von dopenden „Kollegen“ betrogen und erhalten teils erst nach Jahren die verdiente Medaille, weil die Dopingtests erst viel später ausgewertet wurden. So wird der Sportler um den Lohn seiner jahrelangen Trainingsarbeit betrogen, hat also nicht die entsprechende Anerkennung und den verdienten Ruhm bekommen. Auch finanziell ist das ein Desaster für viele Sportler, da die Einnahmen aus Werbeverträgen ein wichtiger Grundstein fürs weitere Leben bedeutet hätten.  Ganz schlimm finde ich den nun nachgewiesenen systematischen Betrug, der mit hoher krimineller Energie zum Beispiel in Sotschi betrieben wurde. So kommt zum bitteren Beigeschmack bei den Sportlern auch noch die negative Imagewirkung auf den Sport insgesamt bei der breiten Öffentlichkeit hinzu. Die ehrlichen Sportler fühlen sich betrogen und unter Generalverdacht gestellt. Bei jeder außergewöhnlichen Leistung kommt ja sofort auch die Frage auf, ob diese mit ehrlichen Mitteln geschafft wurde – ein Offenbarungseid! Sicherlich auch mit Folgen für die junge Generation, die nicht mehr so ohne weiteres an die Ideale des Sports glauben kann, sondern lernt, dass es immer wieder zwei Wahrheiten gibt.  Die Sportfunktionäre haben sich wieder mal vor einer klaren Entscheidung gedrückt und geben nicht die Sicherheit, wirklich entschlossen gegen Doping vorzugehen. Der Gipfel: Die Whistleblowerin Stepanowa, die so mutig war, das staatlich organisierte und überwachte russische Dopingsystem an die Öffentlichkeit zu bringen, darf nun doch nicht unter olympischer Flagge an den Start gehen, weil das ethisch nicht zu vertreten sei. Die Folge: Chaos, Rechtsunsicherheit und ein ganz schlechter Beigeschmack!

Zurück zum Sport: Das Ziel mit der französischen Dressur-Nationalmannschaft lautet in Rio, im Teamwettbewerb unter die besten sechs zu kommen. Wir realistisch ist das?

Das Ziel ist nicht ganz einfach zu erreichen, da laut Weltrangliste etwa sieben bis acht Teams hart um diese sechs ersten Plätze kämpfen werden. Wir haben uns mit Bedacht ein hohes Ziel gesetzt, das nur zu erreichen ist, wenn alle aus dem Team ihr Bestes geben. Denn wir wollen kämpfen. Letztes Jahr hat übrigens niemand damit gerechnet, dass das französische Team die Qualifikation zur Olympiade schafft. Bekanntlich haben wir das erreicht (lacht).

Was ist für Sie und Don Luis im Einzelwettkampf drin?

Wenn wir gesund bleiben, streben wir die Teilnahme im Finale, der Kür, an. Nach den guten Ergebnissen in Rotterdam, wo meine Kür sehr gut ankam und Don Luis richtig Spaß am Tanzen hatte [Platz 5 im Grand Prix Kür], würde ich mich sehr freuen, wenn wir es unter die besten zehn schaffen.

Info

Die Olympischen Spiele in Rio werden am Freitag, 5. August, eröffnet. Alles Wissenswerte über die Wettbewerbe, Ergebnisse, Medaillen, Hintergründe – alles rund um die Spiele finden Sie immer aktuell bei uns unter www.zvw.de/rio16.

Steckbrief Karen Tebar

Geboren am 19. September 1964 als Tochter der Dressurreiter Gerhild und Willy Schetter. Seit 50 Jahren Mitglied im RV Waiblingen.

2003 nimmt Karen Tebar, die mit einem Franzosen (Christophe, gemeinsamer Sohn Maxim) verheiratet ist, die französische Staatsangehörigkeit an.

2004 mit Stute Falada auf Platz 21 bei den Olympischen Spielen in Athen.

2008 verzichtet Tebar auf einen Start beim olympischen Turnier in Hongkong aufgrund einer Verletzung von Falada.

Seit 2015 tritt Tebar mit dem Rappen Don Luis bei großen Turnieren an. Das Paar holt im selben Jahr die französische Meisterschaft, das Team Frankreich belegt bei der EM Platz sechs im Grand Prix.