Rems-Murr-Sport

Wie Fußballer während der Krise trainieren

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Wenn Fußballer beten, oder was? Maximilian Grau (links) und Yannick Urbitsch beim Yoga. © privat
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Maximilian Grau (links) im normalen Einsatz
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Start zum Waldlauf
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Yannick Urbitsch (rechts) bei dem, was er derzeit viel lieber machen würde: Fußball spielen.

Das Coronavirus zwingt den Fußball momentan in die Knie. Seit Wochen herrscht gähnende Leere auf den Fußballplätzen im Rems-Murr-Kreis. Sport in der Gruppe ist aktuell verboten. Doch wie gehen die Spieler mit dieser Situation um und wie halten sie sich in Zeiten von Corona fit?

Maximilian Grau (23) vom SSV Steinach-Reichenbach wohnt zusammen mit Yannick Urbitsch (22) vom TSV Nellmersbach in Stuttgart. Er berichtet über die Trainingsmethoden in ihrer Bezirksliga-Wohngemeinschaft.

Die Sporttasche bleibt leer – und wir bleiben zu Hause

Sonntagmorgen, elf Uhr im Westen Stuttgarts. Wie immer sitze ich mit Yannick am Frühstückstisch in unserem Wohnzimmer. Normalerweise würden wir uns jetzt über die heutigen Partien in der Bezirksliga austauschen, danach unsere Sporttaschen packen, uns gegenseitig viel Erfolg wünschen, und jeder würde sich auf den Weg zu seinem Spiel machen. Doch heute bleiben wir wie schon in den Wochen zuvor zu Hause.

Unter der Woche herrscht das gleiche Bild: Mannschaftstraining? Fehlanzeige! Die Sportplätze sind abgesperrt, oftmals sogar mit einem Absperrband umzogen worden. Fast wie bei einem Tatort. Dass hier in nächster Zeit wieder der Ball rollen wird? Kaum vorstellbar. Auf unbestimmte Zeit nur zu Hause zu sitzen und keinen Sport zu machen, ist für uns als Vollblut-Fußballer aber schlichtweg unmöglich. Doch wie halten wir uns ohne Ball am Fuß fit?

Tennis im Sitzen, die perfekte Alternative?

Gut, dass mein Mitbewohner kreativ ist. „Ich habe meine alte Nintendo Wii (Spielekonsole) reaktiviert, da können wir in den nächsten Wochen Wii Sports im Wohnzimmer spielen“, meint Yannick mit strahlenden Augen. Dass „Wii Sports“ allerdings wenig mit dem realen Sport zu tun hat, wird uns dann doch schnell klar. Tennis im Sitzen hört sich zwar nett an, ist aber nicht unbedingt zielführend, um sein Fitnesslevel zu halten. Es muss also eine andere Lösung her.

Immerhin sind wir nicht alleine: Unsere Mannschaftskumpels stehen vor der gleichen Problematik. Die beiden Trainer scheinen die Kreativität ihrer Spieler zu kennen und geben über die Whatsapp-Mannschaftsgruppen zumindest die Rahmenbedingungen vor. „Bitte in der Woche dreimal etwas tun: Lauf, Kraft und so weiter“, heißt es von meinem Steinacher Trainer, Jan Demmler. Yannicks Nellmersbacher Trainer, Tim Böhringer, wünscht sich einen ähnlichen Trainingsumfang, kündigt aber bereits an, er werde wöchentlich ein neues Trainingsprogramm vorgeben. Losgehen soll es mit drei Läufen in der ersten Woche. Das trifft sich gut, denke ich mir, als Yannick und ich die „Trainingsvorschläge“ unserer Trainer abgleichen.

Waldläufe bei Sonnenschein und Skippings an der Bank

Wir haben Glück, der Wetterbericht verspricht für die anstehende Woche viel Sonnenschein. Gegen ein paar Waldläufe sollte also nichts einzuwenden sein. Die ersten Meter auf unserer Laufstrecke in den Wäldern in Stuttgart-Vaihingen sind schleppend. Die Beine fühlen sich irgendwie schwerer an als sonst. Liegt wohl daran, dass sie durch das ständige Rumsitzen eingerostet sind.

Nachdem unsere Beine dann doch etwas warmgelaufen sind, kommen wir an unserer „Trainingsbank“ an. Die Sitzbank bietet sich ideal an, um darauf ein paar „Squat Jumps“ und „Skippings“ zu machen.

„Das machen wir! Das bringt Abwechslung zum stupiden Laufen“, versuche ich Yannick zu überzeugen. Synchron springen wir eine ganze Minute immer abwechselnd die Bank herauf und wieder herab. Mit jedem weiteren Sprung wird mein Stand wackliger, die Intensität hält sich allerdings noch in Grenzen. Blöd nur, dass ich die Rechnung ohne die nächste Übung gemacht habe.

Nach einer kurzen Pause machen wir das Gleiche nämlich mit „Skippings“, wieder eine Minute Belastung, versteht sich. Zehn Sekunden vor dem Ende habe ich das Gefühl, dass meine Wadenmuskulatur, wenn der Schmerz noch länger anhalten sollte, reißen wird. Doch geschafft. Der iPhone-Timer erlöst uns. Nach zwei Durchgängen beider Übungen haben wir erst einmal genug und entscheiden uns, lieber noch eine Runde zu joggen. Dieses Programm immer und immer wieder in den kommenden Wochen? Hoffentlich nicht.

„Home-Work-out“ in den eigenen vier Wänden

Zwei Tage später stehen ein paar Kräftigungsübungen bei uns zu Hause auf dem Programm. An Trainingsvorschlägen dafür mangelt es uns definitiv nicht. In den sozialen Netzwerken zeigen prominente Sportler und „Influencer“ aktuell täglich, wie ihr perfektes „Home-Work-out“ aussieht. Wir entschließen uns, einem Trainingstipp von Tim Böhringer zu folgen: ein 30-minütiges, mit einem Youtube-Video angeleitetes Kraftausdauer-Programm.

Während der gesamten halben Stunde wird in sogenannten „Supersätzen“ trainiert: Abwechselnd werden immer zwei unterschiedliche Muskelgruppen jeweils 30 Sekunden lang belastet. Das Ganze dreimal nacheinander, ohne Pause zwischendrin.

Überraschend stellen wir fest, dass uns das Programm sogar ein wenig Spaß macht. Die knackigen Einheiten sind zwar intensiv, aber eben auch sehr abwechslungsreich. In den 30 Minuten wird keine Muskelgruppe vernachlässigt: Beine, Rücken, Brust, Schultern, Arme und Bauch, alles ist dabei. Erst während der letzten fünf Minuten, dem „Sixpack-Finish“ erinnern wir uns wieder, warum wir solche Übungen sonst eigentlich verabscheuen. Yannick scheint aber Gefallen daran gefunden zu haben: Am nächsten Morgen will er mit Bauchmuskelübungen direkt „nachlegen“, wie er sagt.

„Na dann viel Spaß“, denke ich mir nur.

Yoga wie BVB-Youngster Erling Haaland

Durch die Aussetzung des Fußballs haben wir aktuell viel freie Zeit. Warum also nicht einmal etwas Neues ausprobieren? Ich persönlich wollte schon länger einmal Yoga machen. Spätestens seitdem der junge BVB-Stürmer, Erling Haaland, mit seinem „Yoga-Jubel“ exzessiv Werbung für die Sportart gemacht hatte, ist jeder - also zumindest ich - im „Yoga-Fieber“. Yannick ist dabei. In Youtube suchen wir nach „Yoga für Anfänger“ und stoßen auf eine Vielzahl von angeleiteten Yoga-Übungen.

Wir sind amüsiert und erschrocken zugleich, wie unbeweglich wir beide im Vergleich zu den Trainerinnen in den Videos sind. Dass es Luft nach oben gibt, ist uns aber recht, immerhin haben wir in den kommenden Wochen noch viel Zeit, uns zu verbessern.

Yannick und ich haben daher ein kleines Programm in unsere alltägliche Routine aufgenommen. Uns überzeugt, dass bei der Ausführung der unterschiedlichen „Asanas“ (Yoga-Übungen) der gesamte Körper beansprucht wird – darunter auch Muskelgruppen, von deren Existenz wir vorher nichts wussten. Zudem stellt es für uns den idealen Mix aus Kräftigung, Stretching und Meditation dar und eignet sich daher perfekt als Ausgleich an einem bewegungsarmen Tag. Mir persönlich gefällt dabei der meditative Part am besten: Da kann ich mir den Ball am Fuß zumindest gedanklich vorstellen.

Nicht für alle geeignet: Die „TSV Nellmersbach Challenge“

Neben den vielen Challenges, die aktuell in den sozialen Medien für Unterhaltung sorgen, hat Tim Böhringer beim TSV Nellmersbach eine eigene Challenge ins Leben gerufen. Das Ziel: seine Spieler gleichzeitig fit und bei Laune halten.

Spieler und Trainer wurden dafür in sechs Gruppen eingeteilt. Alle paar Tage muss ein Mitglied einer Gruppe sich eine Fitnessübung ausdenken. Die anderen Gruppenmitglieder müssen diese dann nachmachen. Als Beweis muss jeder einzelne ein Video von seiner Ausführung machen und in der Whatsapp-Mannschaftsgruppe teilen.

Ich bin schon mal gespannt, was Yannick sich überlegt, wenn er dran ist. Ich als Steinacher werde dann entspannt von der Couch aus zuschauen.