Rems-Murr-Sport

Wie sich das Schorndorfer Unternehmen Remsdale mit seinem besonderen Konzept in der E-Bike-Branche etabliert hat

Remsdale
E-Bikes sind im Trend, die Corona-Pandemie hat die Menschen noch näher zum Fahrrad gebracht. Seit 2009 produziert Till Rydyger in seiner Schorndorfer E-Bike-Manufaktur Remsdale-Fahrräder mit integrierten Akkus und gilt als Vorreiter der Branche. © ALEXANDRA PALMIZI

Eigentlich ist es ein Gesetz der Branche, dass die Großen die Kleinen fressen. Doch es gibt auch Ausnahmen – vorausgesetzt, das Konzept ist einzigartig und pfiffig. Seit dem Jahr 2009 baut Till Rydyger in Schorndorf akkubetriebene Fahrräder – und die Marke Remsdale hebt sich auch in Zeiten des E-Bike-Booms von der Masse ab. Beim Besuch in der E-Bike-Manufaktur spricht der Maschinenbau-Ingenieur unter anderem über Patente, Leichtbau, Tarnungen, Energiedichte in der E-Mobilität und die Zukunft der Pedelecs.

Vorneweg: Es gibt nicht den Erfinder des E-Bikes. Die ersten Experimente mit dem elektrischen Antrieb hat es schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts gegeben. Die Fahrräder indes waren seinerzeit so schwer wie sein erwachsener Fahrer, die Energie reichte gerade einmal bis zum nächsten Bäcker.

Alleinstellungsmerkmal: Akku-Integration

Wer heute die E-Bike-Manufaktur in der Schorndorfer Ulrichstraße betritt, der staunt nicht schlecht: Das leichteste Exemplar aus Till Rydygers Sortiment bringt knapp elf Kilogramm auf die Waage, eine Strecke von 100 Kilometern kann der Radler damit locker zurücklegen. Und dabei ist er sozusagen inkognito unterwegs: Selbst bei genauem Beäugen ist kein Motor zu erkennen an den schlanken Fahrrädern.

Leicht und elegant sollten sie sein, als sich Rydyger im Jahr 2009 dazu entschied, seinen Ingenieurjob bei Daimler gegen seine Vision einzutauschen und akkubetriebene Fahrräder zu entwickeln. In einer Zeit, in der Elektromobilität noch kein großes Thema war. Auf rund fünf Prozent schätzt der 48-Jährige den Marktanteil damals, aktuell dürfte er sich streng auf die 50 Prozent zubewegen. Mit steigender Tendenz, denn immer mehr Hersteller haben den Trend erkannt, der hier und da zum Hype mutiert.

„Dass sich das E-Bike so stark entwickelt, hätte ich nicht gedacht“, sagt Rydyger. Angst, als kleines Unternehmen von den Etablierten geschluckt zu werden, hat er aber nicht. Er setzt auf ein gewisses Alleinstellungsmerkmal von Remsdale. „Wir haben uns von Anfang an die Integration der Akkus in den Rahmen auf die Fahnen geschrieben, und da sind wir immer noch führend.“

Der Akku ist in vier Baueinheiten unterteilt, bei den anderen Herstellern ist er in einer Einheit verbaut. So hat Rydyger mehr Spielraum mit den Rahmenformen und dem Profil der Rohre. Und damit auch einen Gewichts- und Designvorteil. Die Akku-Integration hat sich Rydyger patentieren lassen. „Viele, die versucht haben, uns zu kopieren, haben Rahmen wie Ofenrohre.“

Rydygers Credo: Die Remsdale-Fahrräder sollen nicht nur so elegant wie Fahrräder aussehen, sondern sich auch so fahren lassen – ohne Widerstand. Die Räder anderer Hersteller liefen häufig mit Unterstützung, so Rydyger. „Wir sagen spöttisch, das sind Elektro-Mofas.“

Remsdale hat sich längst am Markt etabliert, an den schwierigen Start erinnert sich Rydyger aber noch sehr gut. „Das war eine harte und energiezehrende Zeit, sich als No-Name zu etablieren. Viele kaufen ein Rad eben nach Marke beziehungsweise Bekanntheitsgrad.“ Messen wie die Eurobike in Friedrichshafen oder die CMT in Stuttgart boten und bieten Remsdale die Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen. Das Internet hilft natürlich auch. „Wir leben aber in erster Linie von Weiterempfehlungen.“

Imagewandel bei E-Bikes

Wer die Suchmaschine bedient und gezielt ein leichtes E-Bike sucht, stößt unweigerlich auf Remsdale – und findet hier selbst Rennräder. Radsport-Puristen schlagen dabei die Hände über dem Kopf zusammen. „Wir haben dafür viele Anfeindungen bekommen, als wir vor fünf, sechs Jahren als Erste unsere Rennräder vorgestellt haben“, sagt Rydyger – und kann nicht verstehen, weshalb.

Zu den Kunden im Rennrad-Sortiment zählten in erster Linie Rennrad-Senioren, die gerne in einer Gruppe fahren, in der auch deutlich Jüngere dabei seien. Mit dem Pedelec könnten sie noch jahrelang mit ihren Kumpels unterwegs sein und hätten sozialen Anschluss. „Das ist auch ein Stück weit Lebensqualität.“ Auch Pärchen legten sich ein Pedelec zu, „wenn einer oder eine nicht mehr richtig mitkommt“. Das sei keinesfalls verwerflich.

Grundsätzlich habe sich das Image „kolossal“ geändert. „Wenn du vor zehn Jahren mit dem E-Bike irgendwo aufgetaucht bist, wurdest du blöd angemacht, ob du jetzt mit dem Rad des Opas da seist.“ Mittlerweile sind auch viele junge Leute mit dem E-Bike unterwegs – was Rydyger teilweise auch kritisch sieht.

In den Bike-Parks in den Alpen setzten sie sich mit den E-Mountainbikes in den Lift, rasten den Berg hinunter und bräuchten den Akku nur für den Weg zurück ins Hotel. „Oder sie lassen sich vom Motor den Berg hochziehen. Dabei sollten sie sich besser ein bisschen anstrengen.“

Apropos anstrengend: Das sei die Corona-Zeit auch für die Fahrradhändler. Wobei die Branche eigentlich zu den Gewinnern zählt, weil plötzlich gefühlt jeder mit dem Bike unterwegs ist. „Sicherlich ist die Nachfrage gestiegen, wir kriegen aber auch die andere Seite mit.“ So sei die Logistik mehr oder weniger zusammengebrochen. Rydyger hat Probleme, Teile zu beschaffen – zu einem vernünftigen Preis und in einer vertretbaren Zeit. Die Lieferzeiten hätten sich deutlich verlängert, auch Stornierungen habe es gegeben bei Remsdale. „Ohne Corona wäre es einfacher gelaufen. Es bleibt weniger hängen, aber wir überleben gut.“ Die Verkaufszahlen seien in den vergangenen fünf Jahren konstant geblieben. Wie viele Remsdale-Fahrräder die Manufaktur verlassen haben, möchte Rydyger nicht verraten.

Er ist guter Dinge, dass die Nachfrage groß genug bleiben wird. „Wir haben die ideale Unternehmensgröße.“ Drei Mitarbeiter beschäftigt Rydyger derzeit, die Hauptarbeit steht in der Werkstatt an. Die Fahrräder, die Rahmen und Komponenten bezieht Remsdale größtenteils aus Asien, würden speziell an die Kunden angepasst und nach deren Wünschen aufgebaut. „Drei Tage Handarbeit dauert’s, bis ein Rad montiert und aufgebaut ist.“

Kein Verkauf über den Einzelhandel

Das bedeutet, eine Massenproduktion kommt nicht infrage für Remsdale. Auch nicht der Weg über den Einzelhandel. Rydyger hat einst Testkäufer losgeschickt und „schnell festgestellt, dass das eine Nullnummer ist“. Der Einzelhändler verkaufe lieber Fahrräder, bei denen am meisten für ihn hängenbleibe. „Und das ist für uns dann nicht rentabel.“

Wo die Entwicklung bei den E-Bikes hingeht, kann Rydyger schwer einschätzen. Er geht aber davon aus, dass sie jeden Trend mitgehen wird, der auch bei gewöhnlichen Bikes aufkommt: Elektroschaltung, Digitalisierung, ABS, ESP. „Es ist aber immer die Frage, inwieweit das der Kunde oder Hersteller auch will. „Wir jedenfalls möchten weiterhin ein autonomes Produkt herstellen und kein Computerspiel einbauen.“

Rydyger freut sich, dass sich Elektrofahrräder in fast allen Industrieländern durchgesetzt haben – und das ohne politische Förderung. Was die Energiedichte angehe, sei das Fahrrad ein klarer Gewinner gegenüber dem E-Auto. „Wenn ich 85 Kilogramm wiege und ein 15-Kilo-Rad bewege, habe ich 100 Kilogramm Systemgewicht. Mit einem Zwei-Kilo-Akku komme ich etwa 100 Kilometer.“ Ein SUV wiege 2000 Kilogramm, der Akku 800 Kilogramm. „Da habe ich das Zehnfache vom Fahrergewicht als Energieträger im Auto. Das kann niemals funktionieren.“

Die E-Mobilität werde bei diesen schweren Autos von der Politik weltweit gefördert, was jedoch keinen Sinn mache. „Die Energiedichte ist viel zu gering. Bei den Fahrrädern dagegen ist das anders.“

Problem: Diebstahl

Das Einsatzpotenzial bei den E-Bikes sieht Rydyger noch längst nicht ausgeschöpft. Sie müssten noch häufiger als Transportmittel zur Arbeit eingesetzt werden. „Man tut so was für die Umwelt und seinen Körper.“ Ein Hindernis indes sei das Diebstahlproblem. Nicht nur komplette Fahrräder seien beliebt, sondern auch teure Komponenten. Der Diebstahl enge die Verbreitung des Fahrrads im Alltag stark ein, „man muss es sicher abschließen oder verstauen können“.

Bestenfalls in der Firma. Oder in Parkhäusern – allen voran in Bahnhofsnähe. Die seien kostengünstiger als eigens gebaute Fahrrad-Parkhäuser, die vielleicht gar nicht genutzt würden. „Warum baut man nicht einfach eine Kammer in bestehende Parkhäuser ein und noch eine Überwachungskamera?“ Häufig sei auch noch ein Pförtner angestellt. Dann könne jeder mit dem Rad zum Bahnhof fahren und es ruhigen Gewissens abstellen.

Vorausgesetzt, der Radler kann sich stressfrei bewegen und findet sein Ziel. Die Radwegstruktur und die Beschilderung müssten dringend verbessert werden, sagt Rydyger. Für jeden, der sich nicht auskenne, sei’s beispielsweise ein Abenteuer, mit dem Fahrrad nach Stuttgart zu kommen.

Eigentlich ist es ein Gesetz der Branche, dass die Großen die Kleinen fressen. Doch es gibt auch Ausnahmen – vorausgesetzt, das Konzept ist einzigartig und pfiffig. Seit dem Jahr 2009 baut Till Rydyger in Schorndorf akkubetriebene Fahrräder – und die Marke Remsdale hebt sich auch in Zeiten des E-Bike-Booms von der Masse ab. Beim Besuch in der E-Bike-Manufaktur spricht der Maschinenbau-Ingenieur unter anderem über Patente, Leichtbau, Tarnungen, Energiedichte in der E-Mobilität und die Zukunft

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