Leichtathletik Rems-Murr

Winterbacher Marathon-Läufer Hans Kutzias im Club der Hunderter

Kutzias
Vom kalten Wetter, fünf Zentimeter Schnee und zwei Grad beim Start ließ sich Hans Kutzias in Freiburg nicht unterkriegen. © Privat

Willkommen im „Club der Hunderter“, Hans Kutzias. Vor ein paar Wochen hat der Winterbacher in Freiburg seinen 100. Marathonlauf absolviert – mit zwei Jahren Verzögerung. Wegen der Corona-Pandemie hatten viele Veranstaltungen ausfallen müssen. Gelaufen ist der 57-Jährige natürlich trotzdem. Abgesehen von einer fünfwöchigen Zwangspause im vergangenen Jahr. Bei einem Motorradunfall hatte er sich neun Rippen gebrochen.

Ist einer, der sein halbes Leben lang mehrmals die Woche stundenlang durch die Gegend rennt, süchtig nach Langstreckenläufen? „Das bin ich schon oft gefragt worden“, sagt Hans Kutzias und überlegt kurz. „Was ist Sucht? Tatsache ist, dass mir ohne das Laufen, die frische Luft und das Naturerlebnis etwas fehlen würde.“

Laufen geht immer

Sportlich unterwegs war der Winterbacher schon immer, früher als Fußballer und Eishockeyspieler. Dann kamen die Kinder auf die Welt. „Ich wollte nicht mehr dreimal die Woche ins Training und am Wochenende bei Spielen unterwegs sein.“ Kutzias brauchte einen Sport mit flexiblen Trainingszeiten. „Und Laufen geht immer“, sagt er und grinst. „Gelaufen bin ich auch nachts schon, wenn ich nicht schlafen konnte.“

Kutzias’ erster Wettkampf war ein Triathlon in Plüderhausen vor 32 Jahren. Fortan konzentrierte er sich aufs Laufen, trat dem Lauftreff Winterbach bei. Die Streckenlängen steigerten sich nach und nach. Zehn Kilometer, Halbmarathon. Bei seinem Marathon-Debüt in Frankfurt lief er nach 3:08 Stunden ins Ziel. „Irgendwann machst du den zweiten, den dritten, den vierten. Und du willst immer schneller werden. Ich will nicht sagen, du wirst Sklave der Uhr, aber die Zeiten sind schon ein Ansporn.“

Tempoläufe tun weh

Bei 2:39,10 Stunden liegt Kutzias’ Bestzeit – und mehr scheint nicht drin zu sein. Um noch besser zu werden, müssten mehr Tempoläufe im Trainingsplan stehen. „Und die tun einfach nur weh.“ Kutzias wich auf längere Strecken aus. Er lief Ultramarathons, die ihm dieselbe Befriedigung gaben. „Wenn ich in Zermatt nach 3800 Höhenmetern ins Ziel komme, zwei Weizenbier trinke und quasi das Matterhorn anfassen kann, dann kriege ich eine Gänsehaut.“

Nach einem Rennen spüre er eine innere Stärke. „Bei einem Lauf über 100 Kilometer musst du so viele Schweinehunde überwinden. Ich glaube, nach 30 Kilometern findet eine Art Selbstheilung des Körpers statt.“ Der Körper könne viel aushalten, der Kopf nicht. „Den bekomme ich durchs Laufen frei, das ersetzt mir den Psychologen.“

Marathon vor der Haustür

Ärztlichen Beistand brauchten Kutzias und seine Lauffreunde während des Lockdowns nicht – aber gute Ideen. Offizielle Marathonveranstaltungen wurden gestrichen, der Bewegungsdrang und die Lust am Laufen indes waren immer noch da. Ein Kollege vom Lauftreff Winterbach bastelte Startnummern, Kutzias räumte seine Garage aus und funktionierte sie zur Verpflegungsstation um. Mit dem Fahrrad fuhr Kutzias die improvisierte Marathonstrecke ab. Auf den 42 Kilometern ging’s fünfmal an der Garage vorbei, um die Speicher aufzufüllen. „Das hat riesig Spaß gemacht“, sagt Kutzias.

Insgesamt 14 Marathons lief der Winterbacher zwischen dem eigentlichen Jubiläumslauf im März 2020 und dem Nachholtermin am 3. April dieses Jahres. Das erklärt auch die Nummer 114 auf seinem Trikot. Als Fünfter seiner Altersklasse M 55 und auf Gesamtrang 159 von 890 Startern kam Hans Kutzias nach 3:24,14 Stunden ins Ziel.

Erbsentrick funktioniert nicht

Nach dem 100. offiziellen Marathon ist natürlich noch nicht Schluss – wobei die Zahl schon nicht mehr stimmt: Eine Woche nach Freiburg startete Kutzias in Lichtenwald – und muss „zugeben, dass ich die Beine danach schon ein bissle gespürt habe“. Was im Grunde ein gutes Zeichen ist, wie er findet. Deutlichere Spuren als Marathonläufe in meist eher flachem Gelände hinterlassen Trailläufe mit vielen Höhenmetern. „Da muss ich schon mit Muskelkater rechnen und kann die Treppe nur noch rückwärts runter oder rauflaufen“, sagt er und lacht. „Aber so merke ich, dass ich etwas getan habe.“ Zudem ist das Landschaftserlebnis bei solchen Veranstaltungen garantiert.

Mit monotonem Laufen hat Kutzias so seine Probleme. Eine Zeit lang hat der Lauftreff im Winter auf der Bahn trainiert, was bei Kutzias zu einer mathematischen Überforderung führte. Beim Rundenzählen hat auch der Erbsenstrick nicht funktioniert: Nach jedem Durchlauf ließ Kutzias eine Erbse fallen. „Irgendwann wusste ich aber nicht mehr, ob ich jetzt eine Erbse weggeworfen habe oder nicht.“

In der Rente noch mal angreifen

Längst haben die Lauftreffler eine Strecke ausgetüftelt, die auch im Winter ausreichend Licht bietet. Dienstags und donnerstags trainiert die Gruppe, ein Teil zusätzlich samstags. Lauftreffleiter ist – Hans Kutzias. Er genießt dabei nicht nur die Gesellschaft, den Zusammenhalt und die gemeinsamen Unternehmungen. Er sorgt auch als persönlicher Lauf-Coach für Erfolgserlebnisse der Kollegen und vor allem der Neulinge. „Und wenn sie sich über Fortschritte freuen, macht mich das auch glücklich.“

Kutzias selbst giert nicht mehr nach Bestzeiten. „Ich schätze es, dass ich gesund bin, es mir gutgeht und ich laufen kann.“ Ein kleines Ziel indes hat er noch vor Augen. „Irgendwann möchte ich im Marathon noch mal unter die drei Stunden kommen“, sagt er und lacht. „Wenn ich in Rente bin.“

Willkommen im „Club der Hunderter“, Hans Kutzias. Vor ein paar Wochen hat der Winterbacher in Freiburg seinen 100. Marathonlauf absolviert – mit zwei Jahren Verzögerung. Wegen der Corona-Pandemie hatten viele Veranstaltungen ausfallen müssen. Gelaufen ist der 57-Jährige natürlich trotzdem. Abgesehen von einer fünfwöchigen Zwangspause im vergangenen Jahr. Bei einem Motorradunfall hatte er sich neun Rippen gebrochen.

Ist einer, der sein halbes Leben lang mehrmals die Woche stundenlang

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper