Rems-Murr-Sport

„Wir können nicht mehr alle Spiele besetzen“

Fußball spielen ohne Schiedsrichter?_0
Nah dran, aber möglichst nicht auffallen – so stellt man sich einen Schiedsrichter vor. Markus Seidl (hier in Aktion) fürchtet aber, dass so manches Spiel in Zukunft ohne ausgebildeten Schiri auskommen muss. © Ralph Steinemann

Fußballer können so schlecht spielen, wie sie wollen, am meisten gemeckert wird in der Regel über den Schiedsrichter. Das ändert sich womöglich bald. Warum? Weil kein Schiedsrichter mehr kommt.

Dieses Szenario ist zwar zugespitzt, in Einzelfällen aber schon jetzt Realität. An jedem Wochenende, so Markus Seidl, Obmann der Schiedsrichtergruppe Waiblingen, können im Bezirk zehn Jugendspiele nicht mit Schiedsrichtern besetzt werden. Und auch in den Kreisligen B erhalten Vereine zuweilen Anrufe: Wir haben für euer Aktivenspiel niemanden. Ihr müsst das selbst regeln.

Betroffen davon sind nur Spiele von zweiten Mannschaften. Bisher. Die Situation allerdings, da ist sich Seidl sicher, wird sich verschärfen. In anderen Bezirken, beispielsweise Enz/Murr, sei es bereits gang und gäbe, dass pro Wochenende zehn Kreisligaspiele der Aktiven nicht mit Schiedsrichtern besetzt werden. Im Bezirk Rems-Murr werden es von jetzt an die Jugendabteilungen zu spüren bekommen. Seidl: „Wir haben bisher auch Feldturniere und Vorbereitungsspiele besetzt, von nun an aber nicht mehr.“

Manche Referees leiten drei bis vier Spiele am Wochenende

Die Situation bei den Schiedsrichtern wird seit Jahren immer schlechter. „Wir haben in unsere Gruppe vor zehn Jahren 20, 30 Leute mehr gehabt als jetzt.“ Um die knapp 3300 Spiele pro Saison besetzen zu können, pfeifen 35 der rund 120 Referees in der Waiblinger Gruppe 45 und mehr Spiele pro Saison. Vorgeschrieben sind 20. Fünf Gruppenmitglieder bringen es sogar auf 120 bis 140 Spiele pro Saison. Das heißt: drei bis vier Spiele an jedem Wochenende. Fußballer bestreiten in der Regel nur eines.

Seine Schiedsrichter, meint der Obmann, würden eindeutig zu stark belastet. Unter anderem weil sie zu gutmütig sind. „Da pfeift einer die D-Jugend, für die C-Jugend ist keiner eingeteilt. Weil der Verein ihn bittet, pfeift er das Spiel eben auch noch.“ Und muss sich womöglich noch anhören, dass er zu wenig laufe. „Die Leute wissen ja nicht, dass das schon sein drittes oder viertes Spiel ist.“

Vier Spiele am Wochenende ist zwar nicht der Standard, aber zwei durchaus. Zumindest für 80 Prozent seiner Leute. Würden sie das nicht tun, blieben bereits jetzt viel mehr Spiele unbesetzt.

Seit Jahren versuchen die Schiedsrichter, auf die Misere aufmerksam zu machen – mit wenig Erfolg. Vor kurzem erst hat Seidl die Vereine bei einer Infoveranstaltung mit Zahlen gefüttert: Nicht jeder Verein stellt Schiedsrichter, viele stellen weniger als sie müssten. Nur wenige haben mehr als gefordert: TSV Nellmersbach und TSV Leutenbach liegen mit fünf über Soll an der Spitze.

Die Diskussion sei gut gewesen, auch wenn nur die Hälfte der Vereine einen Vertreter geschickt hatten. Kein einziger habe bisher auf das Angebot reagiert, dass die Waiblinger Schiedsrichter vorbeikommen, um für ihre Arbeit zu werben.

Spieler werden nach Karriereende nur noch selten Schiedsrichter

Seidl kann das aber auch nachvollziehen. Die Arbeitsbelastung der Funktionäre sei auch so schon hoch. Alle kämpfen mit dem Problem, Mitarbeiter zu finden. „Früher sind aktive Spieler später Schiedsrichter oder Jugendtrainer geworden.“ Heute sagen sie: Ich bin jetzt lange genug auf dem Sportplatz gestanden.

Seidls Verständnis ändert jedoch nichts an der Situation. Es werden immer mehr Spiele unbesetzt bleiben. Älterer Schiedsrichter hören auf, andere wollen sich die Belastung nicht mehr zumuten, wieder andere den Beleidigungen vor allen von den Zuschauern.

In der Pflicht sieht Seidl die Vereine. „Die Schiedsrichtergruppe braucht die Schiedsrichter nicht, die Verein brauchen sie.“ Denn so abgedroschen der Spruch auch ist: Ohne Schiedsrichter geht es nicht.


Immer weniger Schiedsrichter, immer mehr Aufwand

  • Die Zahl der Schiedsrichter geht kontinuierlich zurück – nicht nur in der Gruppe Waiblingen. Auch die der Neulinge. Dagegen nimmt die Zahl der Neulinge, die bald wieder aufhören zu: In der Gruppe Waiblingen gab es von 2014 bis ‘18 62 neue Referees, nur 47 sind noch im Einsatz.
  • Sie hören unter anderem auf, weil Angriffe und Beleidigungen zunehmen. Der Bezirk Rems-Murr steht zwar, was die Gewalt angeht, gut da, aber die Schiris leiten auch Spiele in anderen Bezirken.
  • Bis einem Verein mitgeteilt werde, dass kein Schiedsrichter kommt, seien, so Seidl, „bestimmt zehn Schiedsrichter angefragt“ worden.
  • Viel zu verdienen gibt es als Schiri nicht, für Jugendliche aber könne das zusätzliche Taschengeld durchaus lukrativ sein. Beispiel: 25 Euro für ein Kreisligaspiel, 12 Euro für ein D-Junioren-Spiel. Außerdem gibt es auf allen Plätzen freien Eintritt, auch bei Bundesligaspielen.
  • Wer Schiedsrichter werden möchte, kann sich melden bei Robin Hechler unter hechler@srg-waiblingen.de.