Rems-Murr-Sport

Zurück zu den Wurzeln des Handballsports

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Sprung, Wurf und Tor - der Untergrund ist der einzige große Unterschied zum Hallensport: Feldhandball in Bittenfeld, hier in der Partie HSG Oberer Neckar gegen HSG Ostfildern. © ZVW

Oftmals vergessen, aber noch längst nicht gestorben: Feldhandball, der Vorgänger des heutigen Hallensports, ist in den vergangenen Jahrzehnten weitestgehend von der Bildfläche verschwunden - nicht jedoch in Bittenfeld.

„Der Feldhandball ist tot. Ganz tot? Nein, ein kleines Dorf im Schwabenland leistet erbitterten Widerstand…“. Zugebenermaßen, diese Formulierung ist ein wenig überspitzt. Denn immerhin haben auch die Bittenfelder alias TVB 1898 Stuttgart in ihrer jüngeren Vergangenheit mit großem Erfolg auf den Hallenhandball umgesattelt.

Doch im Rahmen des Most- und Rettichfestes gewährte der TVB der noch selten praktizierten Urform des Handballs am vergangenen Samstag eine publikumswirksame Schaufläche. Neun Herren- und drei Damenmannschaften waren auf dem Großfeld gegeneinander angetreten. Die Hausherren selbst hatten ein „Allstar-Team“ mit ihren Urgesteinen Michael und Jürgen Schweikardt sowie weiteren (ehemaligen) Bundesligaspielern an den Start geschickt.

Den Siegerpokal bei den Männern mussten sie allerdings einem direkten Nachbarn überlassen: Durch einen 12:5-Sieg gegen den TSB Gmünd sicherte sich der Württembergligist SF Schwaikheim den Turniersieg. Knapp 600 Zuschauer hatten das Finalspiel verfolgt und lieferten die Erkenntnis, dass der Handballsport, so wie er einst mal war, immer noch attraktiv sein kann.  

Auch die Erfolgsgeschichte des TV Bittenfeld begann unter freiem Himmel. Genauer gesagt auf jenem Wiesengelände im Ort, welches von tüchtigen Mitgliedern im Jahr 1925 zu einem Turn- und Sportplatz umgebaut wurde. Mit dem Kauf von zwei Latten und dem Bau von zwei hölzernen Toren aus dem Bittenfelder Wald war das Spielfeld komplett. Bereits im folgenden Jahr beteiligte sich die neu gegründete Handballmannschaft am Wettkampf-Spielbetrieb. Wohlgemerkt: Einen Fußballclub sucht man im knapp 4300 Einwohner zählenden Stadtteil bis heute vergeblich.

Feldhandball – vergessen und gestorben?

Deutschlandweit wird der Ball auf dem grünen Rasen mittlerweile fast ausschließlich getreten und nicht mehr geworfen. Aus jetziger Perspektive erscheint es unvorstellbar, dass der Feldhandball nach dem Zweiten Weltkrieg zur zweitwichtigsten Sportart Deutschlands avancierte.

Während das Hallen- und Kleinfeldspiel zwar gesamteuropäisch in der Popularität ganz oben stand, erfreute sich das Spiel auf dem Großfeld zumindest im deutschsprachigen Raum größter Beliebtheit. Im Jahr 1954 wohnten 35.000 bzw. 40.000 Zuschauer den beiden Länderspielen gegen Österreich und Schweden im Augsburger Rosenaustadion bei. Der Sieg über Schweden wurde gar als das „Wunder von Augsburg“ tituliert, in Anlehnung an das „Wunder von Bern“ der Fußballer. 

Es stellt sich automatisch die Frage, warum dem Feldhandball die Zuschauer davonliefen, während die Fußballarenen immer noch wöchentlich „überkochen“, wie die Sportpresse gerne zu schreiben pflegt.

Der Handball ist in die Halle gewandert

Zum Ende der 1960er-Jahre hatte sich das jähe Ende der Popularität abgezeichnet. Die jahrelang unbesiegte BRD-Auswahl errang 1966 den Titel eines „ewigen Weltmeisters“, da das Turnier drei Jahre darauf aufgrund von Teilnehmermangel abgesagt werden musste. Der Trend hin zur Halle war europaweit nicht mehr zu übersehen, insbesondere bei den Skandinaviern. Dies war der Anfang vom Ende für den Feldhandball, der 1972 seinen Todesstoß auf höchster internationaler Ebene verpasst bekam.

Nur der Hallenhandball wurde ins olympische Programm aufgenommen, weshalb sich die meisten nationalen Verbände fortan auf das Hallenspiel fokussierten. Es war zugleich jene Zeit, in der die Kommunen begannen, Sporthallen zu bauen und damit optimale Rahmenbedingungen für den Hallensport stellten. Für die Feldhandballer kamen hausgemachte Gründe hinzu: Eine Vielzahl von Regeländerungen wie zum Beispiel das Abseits oder die Drittelteilung machten die Sportart für die Zuschauer weniger nachvollziehbar und damit unattraktiv.

Auch die Feldhandball-Bundesliga der Männer (1967 - 73) konnte sich nicht etablieren. Der letzte deutsche Meistertitel, ausgespielt in einer Pokalendrunde aller Regionalligameister, wanderte 1975 zur TSG Haßloch in die Pfalz. Danach wurde die Sportart Feldhandball national für beendet erklärt, es wurden höchstens noch regionale Meisterschaften von geringer Bedeutung ausgespielt. Die Bittenfelder sicherten sich 1999 immerhin noch den Titel des württembergischen Feldhandballmeisters, ehe in der Halle der steile Aufstieg bis hin zur Bundesliga begann.

Auf dem Weg der Ballwerfer unter das Hallendach spielte auch die Abhängigkeit vom Wetter eine gewichtige Rolle. Bei Regenwetter geriet der Wettkampf im Feldhandball häufig zum Glücksspiel. Insbesondere im Norden Europas wurde die Verbreitung des Rasensports dadurch deutlich gehemmt. Der Hallenhandball hingegen bot nicht nur gesicherte Bedingungen, sondern ist durch seinen kleineren Spielraum viel schneller und spannender geworden. Das ebenso abwechslungs- wie auch trickreichere Spiel boomte insbesondere bei der Weltmeisterschaft 2007 in Deutschland.

Nicht nur Bittenfeld hält den Feldhandball am Leben

Beinahe ein halbes Jahrhundert nach seiner Glanzzeit ist Feldhandball aber nicht völlig verschwunden. Er lebt zumindest im Freizeitbetrieb weiter. Der Löwencup in Duisburg gilt mit 200 teilnehmenden Mannschaften und rund 2500 Aktiven als das größte Feldhandballturnier in Deutschland.

Auch beim Traditionsverein TuS Nettelstedt-Lübbecke, der sich nach dem verlorenen Finale 1975 vom Feld verabschiedet hatte und in der Halle fortan drei europäische Pokalsiege feiern konnte, wurde im nunmehr vierten Jahr in Folge ein Großfeldturnier ausgetragen. Mittlerweile sei in allen Teams der Trend zu erkennen, dass immer mehr jüngere Spieler Spaß am Ur-Handball Gefallen finden, berichtet Organisator Thorsten Möller: „Das lässt uns hoffen, dass diese Form des Handballs nicht ausstirbt.“

Die wenigen Versuche, das Spiel auf dem Feld wieder als Leistungssport zu etablieren, sind wiederholt gescheitert. Seinen früheren Stellenwert wird der Handball-Urtyp auf dem Feld wohl niemals wieder erreichen.

Großfeldturniere bieten ihren Teilnehmern die Möglichkeit, in den Sommermonaten der Handball-Leidenschaft auch einmal unter freiem Himmel nachzugehen. Der Wettbewerbscharakter spielt dabei eine deutlich geringere Rolle als der Spaßfaktor. Der Feldhandball ist noch ein ganzes Stück von seinem Aussterben entfernt, solang er weiterhin begeistert ausgeübt wird - wie zuletzt in Bittenfeld gesehen. 


Kleine Regelkunde: Feldhandball

Die Vorgänger des heutigen Hallenhandballs besteht in zwei Varianten: Während auf dem Kleinfeld ohnehin kein offizieller Wettbewerbssport mehr stattfindet, wird auf dem Großfeld nur noch vereinzelt gespielt. Die Regeln bieten einen bunten Mix aus dem Regelwerk von Fußball und Handball: Zwei Mannschaften mit zehn Feldspielern sowie einem Torwart treten auf einem rund 100 Meter großem Rasenplatz gegeneinander an, der Ball muss mit der Hand in ein Fußballtor befördert werden.

Vor dem Gehäuse befindet sich in 13 Metern Abstand ein halbkreisförmiger Torraum, welcher lediglich vom jeweiligen Tormann betreten werden darf. Zudem wird das Spielfeld mit acht Fahnen an den Seitenlinien in zwei Torraumabschnitte und einen Mittelabschnitt eingeteilt. Die beiden Torraum-Spielfelddrittel dürfen nur mit höchstens sechs Spielern einer Mannschaft betreten werden. Den wohl wichtigsten Unterschied zum Hallenhandball betrifft die Prellregelung beim Ballführen: Im Gegensatz zur Regel in der Halle darf der Ball zwischen dem Prellen gefangen werden und anschließend wieder weiter geprellt werden. Die Zeitstrafen betragen fünf oder zehn Minuten.