Kreative Lösungen gefragt

Sport in der Corona-Falle: «Kann existenzbedrohend werden»

Coronavirus
Das Coronavirus wirkt sich auch stark auf den Profisport aus. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa © Hauke-Christian Dittrich

Berlin (dpa) - Immer mehr positiv getestete Profis vom Zweitliga-Handballer bis zu Fußball-Star Serge Gnabry, sich häufende Quarantänefälle und Spielausfälle verschärfen die prekäre Situation im deutschen Profisport.

Nachdem die Corona-Pandemie schon im März die Ligen gestoppt hatte, ist die Lage in allen Vereinen mit Berufssportlern ohnehin äußerst angespannt. Nun gibt es neue Alarmzeichen: Die Basketball-Bundesliga musste die für Anfang November angesetzte Pokal-Endrunde verschieben, nachdem gleich sechs positive Corona-Tests bei Titelverteidiger Alba Berlin den geplanten Spielplan über den Haufen werfen.

«Das ist das, womit wir jetzt rechnen müssen. Das gilt für alle Sportarten», sagte Alba-Manager Marco Baldi, machte aber zugleich deutlich: «Das Wesentliche ist, dass alle gesund werden.» Einigen der Betroffenen gehe es nicht gut, berichtete er, ohne Einzelheiten zu nennen. Längst ist von Wissenschaftlern und Ärzten bestätigt, dass Covid-19 auch bei jungen und trainierten Menschen zu gesundheitlichen Problemen führen kann, wenn auch nur in Ausnahmefällen. So ist die Mitteilung des FC Bayern zum infizierten Gnabry keinesfalls nur eine Randnotiz: Dem Nationalspieler «geht es gut».

Mit ausgeklügelten Hygienekonzepten, die auch ungeliebte Zuschauerbeschränkungen einschließen, sucht der Sport einen Weg aus der Corona-Falle. Es gehe jetzt weniger um Nachholtermine, sondern generell darum, den sportlichen Wettbewerb aufrechtzuerhalten, betonte Baldi. Dabei sei viel Kreativität und Flexibilität gefragt. «Wir wissen ja auch nicht, wie oft das noch vorkommt», sagte der Alba-Manager mit Blick auf die Unwägbarkeiten durch die Pandemie. «Wir dürfen nicht jammern, sondern müssen die Situation so annehmen, wie sie ist», sagte Hertha-Trainer Bruno Labbadia. Der Berliner Fußballclub war bereits mehrmals von Quarantänemaßnahmen und zuletzt von der Corona-Infektion von Neuzugang Mattéo Guendouzi betroffen.

Wie nah dran an einem totalen K.o. gerade die Sportarten nach dem Fußball sind, zeigt besonders deutlich die Deutsche Eishockey-Liga. Angesichts der fehlenden Zuschauereinnahmen, die für die Vereine die wirtschaftliche Grundlage darstellen, ist noch nicht einmal der Termin des Saisonstarts sicher. Und Michael Evers, Chef der Volleyball-Bundesliga, sagte: «Die Situation ist extrem angespannt und kann existenzbedrohend werden.» Die Clubs hätten nicht nur einen großen Mehraufwand, sondern die große Unsicherheit, «ob und wie ihre Spiele ausgetragen werden können.»

Schon zahlreiche Ligaspiele mussten verlegt werden. In der Frauen-Bundesliga wurden kurzerhand Gegner getauscht. Als der Spitzenclub Schweriner SC wegen eines Corona-Falls bei NawaRo Straubing nicht spielen konnte und das Team des MTV Stuttgart komplett in Quarantäne musste, wurde kurzerhand das Spiel beim SC Potsdam vorgezogen. «Wir alle müssen versuchen, darauf flexibel zu reagieren. Es geht darum, die Liga, den Spielbetrieb und unsere Sportart am Leben zu erhalten», betonte Felix Koslowski, der Schwerin und zugleich die deutsche Frauen-Nationalmannschaft trainiert.

«Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass weitere Spielabsagen kommen werden», sagte Sportdirektorin Kim Renkema vom MTV Stuttgart: «Ob der Terminkalender dadurch soweit durcheinander gerät, dass die Saison irgendwann abgebrochen werden muss, weiß ich nicht. Wirtschaftlich wäre das für uns aber sicher der Genickbruch.»

Problematisch ist offenbar vor allem die Häufung der Reisen ins Ausland, vielfach in Corona-Krisengebiete. Der aufgeblähte internationale Spielplan wie etwa im Handball oder Basketball lässt wenig Terminalternativen zu. Aufgrund aller Unwägbarkeiten hatten im Saisonvorfeld die MHP Riesen Ludwigsburg und Fraport Frankfurt auf ihre Teilnahme am Basketball-Europapokal verzichtet, um die wichtigere nationale Liga zu sichern. Andere Clubs wählten einen anderen Weg. Allerdings sagte Alba-Manager Baldi auch deutlich: «Es ist nicht die Zeit, Schuldige zu suchen.»

Kaum nachvollziehbar ist bei Fans der Umgang mit positiven Testergebnissen. Im Fall Gnabry, der am Dienstagvormittag noch gemeinsam mit seinen Münchner Teamkollegen trainierte, soll das Champions-League-Spiel der Bayern gegen Atlético Madrid ohne tiefgreifende Auswirkungen bleiben. Das erste Spiel der Rhein-Neckar Löwen in der neuen European League der Handballer wurde wegen eines Corona-Falls beim Gegner RK Trimo Trebnje kurzfristig abgesagt. Beim Fußball-Zweitligisten VfL Osnabrück wurden nach einem positiven Test bei zwei Spielern gleich 18 Akteure in Quarantäne geschickt, die erst am Mittwoch endete. Diskutieren wollte das Trainer Marco Grote nicht: «Ich habe kein Interesse daran, jetzt andauernd Taschentücher rauszuholen und uns zu bedauern.»

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