Rems-Murr-Sport

Top-Läufer Marcel Fehr spricht über Corona, Ehrlichkeit und die Systemrelevanz von Leichtathleten

Marcel Fehr
Marcel Fehr im Gespräch über Gott, die Welt und andere (un)wichtige Dinge © Gabriel Habermann

Marcel Fehr (28) aus Welzheim ist seit Jahren einer der erfolgreichsten Mittelstreckenläufer in Deutschland. Wir haben uns mit ihm unterhalten über Corona, Ehrlichkeit und schwächelnde Ministranten.

Herr Fehr, als Läufer braucht man nicht viel Gewicht. Wie viele Kilos schleppen Sie denn mit sich herum?

Im Moment sind es 61,5 Kilogramm bei 1,80 Meter Körpergröße. Normalerweise habe ich aber sogar nur 59 bis 60 Kilo. Ich würde gerne etwas mehr wiegen. In der Sommerpause versuche ich immer, 63 Kilogramm zu erreichen. Aber bisher hat’s noch nicht geklappt. Dabei esse ich sehr viel.

Warum ist Ihnen das Gewicht zu gering?

In der Trainings- und Wettkampfphase ist das eine Gratwanderung. Wenn ich beispielsweise einen Magen-Darm-Infekt erwische, könnte das schon kritisch werden.

Wir leben gerade in ungewöhnlichen Zeiten. Wie haben Sie denn die Corona-Pandemie bisher erlebt?

Mein sportlicher Traum, an Olympia und der EM teilzunehmen, ist in sich zusammengebrochen. Alle Wettkämpfe, einschließlich Olympia und Europameisterschaft, sind abgesagt worden. Ich habe dann vermehrt mit dem Fahrrad trainiert und dabei zumindest gesehen, wie schön es hier doch ist. Die vielen kleinen Badeseen nehmen wir als normal hin, andere aber beneiden uns darum. Es war auch wichtig, mal zu sehen, wer hält eigentlich den Laden am Laufen. Wer sorgt dafür, dass wir täglich einkaufen gehen können, dass die Kranken versorgt werden? Wenn man sich dann aber vor Augen führt, wie diese Leute bezahlt werden und unter welchen Umständen sie arbeiten ...

Lockdown

Was haben wir denn vermisst?

Was ist Ihnen sonst noch aufgefallen?

Corona hat uns vor Augen geführt, was passiert, wenn alles runtergefahren wird. Wenn die Selbstverständlichkeiten im Alltag hinterfragt werden müssen. Muss es immer der Urlaub in den USA sein? Kann es nicht auch sehr reizvoll sein, was es an schönen Flecken im näheren Umkreis gibt? Jeder muss sich doch fragen: Was habe ich eigentlich vermisst im Lockdown? Gefehlt haben doch vor allem die sozialen Kontakte. Ich hoffe, dass Corona zumindest in einigen Lebensbereichen zu einem Umdenken führt, zu etwas mehr Demut.

Leben wir in einer Zeit mit zu wenig Demut, in der viele nur auf ihr Vergnügen oder ihren Vorteil achten?

Teilweise ja. Ich muss mich da auch an die eigene Nase fassen. Da nimmst du dir als Leistungssportler die Freiheit heraus, dich ein Jahr lang nur auf den Sport zu konzentrieren. Und dann sieht man in Kenia Menschen, die nicht wissen, wo sie morgen ihr Essen herbekommen sollen.

Werden Sie mit solcher Kritik konfrontiert?

Ein guter Freund außerhalb des Sports macht das. Als ich noch vom Verband gefördert wurde, hat er einmal zu mir gesagt: Du fliegst um die halbe Welt, gehst in ein Höhentrainingslager, wirst vom Verband in eine Ferienwohnung eingemietet, um dort vier Wochen zu joggen. Mit einem Kostenaufwand von 3000 bis 4000 Euro. Du siehst nichts vom Land, du lernst keine Leute kennen. Du machst das nur, um schneller zu werden, und bläst so einen Riesenapparat auf. Dabei kannst du doch auch hier wunderbar laufen. Und da hat er recht.

Das haben Sie sofort eingesehen?

Nein. Zunächst war ich empört. Aber dann habe ich gesehen: So sieht das also jemand, der mit dem Sport nichts zu tun hat. Ich bin dankbar dafür, dass ich das mal von außen betrachten konnte und mich fragen musste: Wem tust du mit deinem Sport eigentlich etwas Gutes? Findest du, dass deine Zeit sinnvoll investiert ist?

Ist sie das?

Wenn ich zusammen mit Hanna und meinem Trainer Uwe Schneider eine Sportgruppe anleite, die Sport aus gesundheitlichen Gründen macht, dann fühlt sich das gut an. Ich habe aber, als ich 2015 bei der Team-Europameisterschaft in Russland nach meinen Kreislaufkollaps im Krankenhaus aufgewacht bin, auch gedacht: Für wen mache ich das eigentlich? Sport ist eine schöne Nebensache, aber man muss eben auch sagen: Es ist nicht systemrelevant, dass wir im Kreis laufen. In vielen Dingen, nach denen wir streben, wäre es manchmal gut, innezuhalten und zu überlegen: Muss das jetzt sein?

Demut

Welche Werte wichtig sind

In dieser Interviewserie geht es um Gott und die Welt. Wie halten Sie’s denn mit Gott?

Ich war fünf Jahre lang Ministrant in der katholischen Kirche in Welzheim. Insofern habe ich einen engen Bezug zur Kirche gehabt, aber das hat sich vor allem auf die Freizeitaktionen bezogen. Da hat die Auseinandersetzung mit dem Glauben kaum eine Rolle gespielt. Es ging eher um das Aufgehobensein in der Gruppe. Ich habe diese Zeit sehr genossen, obwohl es auch weniger schöne Momente gab.

Welche?

Ich bin damals etwas kreislaufschwach gewesen. Beim Glockendienst kniet man sehr lange und ist dabei sehr nah am Weihrauch. Deshalb haben die Kirchenbesucher zwei-, dreimal gesehen, wie ein kreidebleicher Ministrant umgekippt und erst in der Sakristei wieder aufgewacht ist.

Wie stehen Sie heute zur Kirche?

Ich bin nicht streng katholisch. Ich bin ein durchaus gläubiger Mensch und auch wenn man an der Kirche manches kritisieren kann, vermittelt sie doch viele Werte, nach denen man leben kann, auch ohne in der Kirche zu sein.

Welche Werte sind Ihnen wichtig?

Ein wichtiger Wert ist für mich Offenheit. Offenheit im Sinne von Respekt und Anerkennung für andere Wege, andere Kulturen und Interessen. Auch eine gewisse Demut finde ich wichtig. Als Leistungssportler ärgert man sich über eine verpasste Platzierung oder eine zu schlechte Zeit. Dabei muss man sich doch bewusstmachen, wie gut es uns geht, wie privilegiert wir in Deutschland oder generell in Europa leben. Es gibt ganz andere Lebensrealitäten, und die sollte man auch mal kennenlernen. Auch Ehrlichkeit ist mir wichtig. Ich glaube, dass heute oft geschauspielert wird, um des guten Tons willens. Ich finde es viel besser, mal was Unangenehmes zu sagen oder auch jemanden mit Kritik zu konfrontieren.

Auch wenn die Kritik zu Konflikten führt?

Ja. Es ist selten so, dass man aus einem Konflikt rausgeht und nichts gelernt hat.

Ist das eine Erfahrung aus dem Training? Ihr Trainer Uwe Schneider wird von vielen als schwierig empfunden?

Uwe ist ein sehr direkter Mensch, sagt sehr schnell, was ihm nicht passt oder was er für falsch hält. Aber genau das schätze ich an ihm. Ich selbst dagegen fresse manches eher in mich rein. Wird man kritisiert, fühlt man sich schnell angegriffen. Aber wenn man ehrlich ist, sind das doch die Dinge, die einen weiterbringen im Leben. Jemanden immer nur zu loben, das ist vielleicht heute der gute Ton, aber davon hat man nichts. Ich mag es überhaupt nicht, wenn alles nur toll ist.

Systemfrage

Muss die Wirtschaft wachsen?

Sie haben ein betriebswirtschaftliches Studium hinter sich. Was sagt denn der Betriebswirtschaftler zu unserem Wirtschaftssystem, das nur auf Wachstum baut?

Es gibt immer mehr Menschen, also muss immer mehr Nahrung produziert werden. Es braucht mehr Wohnraum, also muss die Wirtschaft wachsen. Das ist unumgänglich. Ob dabei aber alles gerecht verteilt ist, ist eine andere Sache.

Wo gibt’s Gewinner, wo Verlierer?

Im Moment sind die Gewinner die oberen ein, zwei Prozent der Gesellschaft. Dazu gibt es ja mehr als genug Studien. Die reichsten zehn Prozent der Welt besitzen zwei Drittel des finanziellen Kapitals. Wenn man sich diese Schere weltweit anschaut, gehören wir in Deutschland zu den oberen fünf Prozent. Macht man sich diese extrem ungleiche Verteilung bewusst, kann man schon überlegen, ob da nicht Änderungen nötig sind. Zwischen einem Vorstandsvorsitzenden und einem normalen Angestellten muss es eine Kluft geben, aber muss die das Hundertfache oder Zweihundertfache betragen?

Das System ist also falsch?

Ich glaube, das System ist nicht im vollen Umfang das richtige, aber wir haben auch keine brauchbaren Alternativen.

Das scheint derzeit auch auf die Demokratie zuzutreffen. Warum ist die Demokratie in der Diskussion?

Wir kämpfen zu wenig für die Demokratie, weil wir sie für selbstverständlich nehmen. Meine Generation und die davor ist von allen schlimmen Dingen verschont geblieben. Wir haben nie einen Krieg erleben müssen, nie danach bei null anfangen müssen. Es ist in der Geschichte einmalig, dass zwei Generationen nacheinander ohne Krieg durchs Leben gehen. Deshalb wirkt Corona auch wie eine Wucht auf uns. Menschen, die die beiden Kriege erlebt haben, würden die Proteste gegen die Einschränkungen wohl kaum verstehen und sagen: Ihr müsst doch nur eine Maske aufsetzen, könnt aber nach wie vor essen und habt ein Dach überm Kopf.

Corona beutelt die Wirtschaft. Die Autoindustrie hat sich zudem noch selbst in die Bredouille gebracht. Müssen wir alle nun unsere Ansprüche zurückschrauben?

Industriell und wirtschaftlich gesehen war’s immer so: Wenn Veränderung nötig war, haben sich neue Dinge aufgetan. Ich glaube nicht, dass es das Ende des Wirtschaftswachstums ist, wenn wir die Kohleindustrie und Autoindustrie hinter uns lassen müssen. Das System bricht nicht zusammen, es verändert sich nur. Ich war in Norwegen. Es hat mich beeindruckt, dass dort jedes zweite Auto, das neu zugelassen wird, ein Elektroauto ist. Dazu gibt es dort einen Nationalpark neben dem anderen. Im Vergleich dazu haben wir noch viel Entwicklungspotenzial.

Angst

Arbeitsplätze und Klima

Wie stehen Sie zum Klimawandel?

Es heißt oft, dass wir uns Maßnahmen gegen den Klimawandel nicht leisten können. Sie sind trotzdem nötig. Es ist ja jetzt schon so, dass viel Entwicklungen nicht mehr umkehrbar sind. Ich höre mittlerweile oft, dass Menschen sagen: Gut, dass wir schon älter sind. Das macht mir Angst.

Die Arbeitgeber führen dagegen immer den Verlust von vielen Arbeitsplätzen ins Feld.

Den wird es sicher geben und es ist schlimm, wenn jemand seinen Job verliert. Aber wenn wir einfach so weitermachen, ist die Erde vielleicht schon in 200 Jahren nicht mehr lebensfähig. Mir fährt auch ein Schauder über den Rücken, wenn ich höre, wie einfach es sich manche Menschen machen: Drei Grad wärmer ist doch prima, da haben wir dann immer Sommer und nicht mehr so kalte Winter. In Norwegen war zu sehen, wo überall Gletscher waren und nun keine mehr sind. Und als Leichtathlet denke ich an die deutschen Meisterschaften in Braunschweig bei 37 Grad im Schatten. Und die Erwärmung liegt im Moment ja nur bei einem Grad. Wenn da bis zum Ende des Jahrhunderts tatsächlich noch mal vier bis fünf Grad dazukommen …

Marcel Fehr (28) aus Welzheim ist seit Jahren einer der erfolgreichsten Mittelstreckenläufer in Deutschland. Wir haben uns mit ihm unterhalten über Corona, Ehrlichkeit und schwächelnde Ministranten.

Herr Fehr, als Läufer braucht man nicht viel Gewicht. Wie viele Kilos schleppen Sie denn mit sich herum?

Im Moment sind es 61,5 Kilogramm bei 1,80 Meter Körpergröße. Normalerweise habe ich aber sogar nur 59 bis 60 Kilo. Ich würde gerne etwas

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