TVB Stuttgart

Der TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt zieht Bilanz

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Rasch musste der TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt nach dem verpatzten Saisonstart das Saisonziel revidieren. © Ralph Steinemann Pressefoto

Kein Trainer-Stress mehr an der Seitenlinie, volle Konzentration auf die Aufgaben als Geschäftsführer des Handball-Erstligisten TVB Stuttgart: So hatte sich Jürgen Schweikardt die Saison vorgestellt. Die indes war nervenaufreibend. Im Interview mit Thomas Wagner spricht der 42-Jährige über sein Vertrauen in Trainer Roi Sánchez, das Torhüterproblem und die Pläne des TVB.

Herr Schweikardt, vor der Saison hatten Sie einen ziemlich entspannten Eindruck gemacht, schließlich waren Sie Ihre Doppelbelastung als Trainer und Geschäftsführer los. Der Start ging mit 0:8 Punkten in die Hose. Hatten Sie zu diesem Zeitpunkt schon das Gefühl, dass der TVB vor einer schwierigen Saison stehen könnte?

Ich war tatsächlich entspannter und habe mich auf die Runde gefreut, aber wir sind ziemlich schnell unter Druck geraten. Spätestens nach dem Spiel gegen Hamburg war klar, dass wir vor einer schweren Saison stehen werden. Da haben wir bereits unser Ziel vom komfortablen Klassenverbleib zum Klassenverbleib zurückgeschraubt.

Zur EM-Pause im Januar trennte den TVB lediglich das bessere Torverhältnis vom Abstiegsrang, neun Punkte standen auf dem Konto. Kritik wurde laut, natürlich auch am Trainer. Sie zweifelten aber nicht an Roi Sánchez. Was machte Sie so sicher, dass er der richtige Mann für den TVB ist?

Wir haben mit Roi zusammen die Hinrunde analysiert. Er hat selbst gesagt, dass vor allem im Abwehrsystem ein paar Anpassungen vorgenommen werden müssen. Das hat er gemacht. Er beharrt also nicht auf seinem Konzept, sondern schaut sich an, was am besten zur Mannschaft passt. Ich denke, das Jahr 2022 mit den 15 Punkten hat gezeigt, dass sich diese Anpassungen gelohnt haben.

Probleme hatte der TVB vor allem auf der Torhüterposition. Tobias Thulin wirkte verunsichert, auch Primoz Prost lief hinter seiner Form her. Mit Ivan Pesic und Miljan Vujovic holten Sie gleich zwei neue Keeper. Prost verließ den TVB, übrig blieben drei Keeper. War der Konkurrenzkampf im Tor nicht eher leistungshemmend als -steigernd?

Es gab sicher sehr viel Unruhe auf der Torhüterposition durch die Verpflichtungen und Abgänge. Letztlich glaube ich aber doch, dass der Konkurrenzkampf leistungssteigernd war – wenn auch nicht sofort. Gegen Ende der Saison waren die Torhüterleistungen besser. Und die brauchten wir auch, um den Klassenverbleib zu schaffen.

Ist es nicht besser, eine klare Nummer eins im Tor zu haben?

Das hängt vom Verein ab, aber auch von den Charakteren der Spieler. In Flensburg sind Buric und Møller auf einem Niveau, in Kiel dagegen ist Landin die klare Nummer eins. Da gibt es keinen Königsweg, es muss einfach passen.

Vor der Saison war viel vom spanischen Stil die Rede, den Roi Sánchez dem TVB implantieren wollte. Ist das Experiment gescheitert oder braucht es einfach mehr Zeit?

In unserem Spiel sind nach wie vor viele Dinge von Rois Spielphilosophie drin. Aber eben nicht Eins-zu-eins. Nicht so, wie er das am Anfang geplant hatte. Ein guter Trainer braucht einen Plan, ein Konzept. Und er passt es an, wenn er merkt, anders funktioniert es besser. Und das hat Roi gemacht.

Die Personalplanungen deuten darauf hin, dass der TVB weiterhin auf Tempohandball setzt. Für die Außenpositionen kommen zwei schnelle Spanier. Der Kreisläufer Oscar Bergendahl ist abwehrstark, so dass weniger gewechselt werden muss. Passen da Spieler wie Djibril M’Bengue, der als Kristjánsson-Nachfolger im Gespräch war, nicht ins Konzept?

Tempohandball haben wir in der Rückrunde deutlich kontrollierter gespielt als in der Hinrunde. Ich glaube auch nicht, dass Roi daran Grundlegendes ändern wird. Allerdings wird das Spiel als solches mit den Regeländerungen noch schneller. Durch den neuen, größeren Anwurfkreis wird es viel weniger Abwehr-Angriff-Wechsel geben. Deshalb sind Spieler sehr wichtig, die auf beiden Seiten spielen können, wie Oscar Bergendahl oder Fynn Nicolaus. Dass es mit Djibi nichts geworden ist, hatte andere Gründe. Er ist Nationalspieler geworden und hatte andere, sehr gute Angebote. Unter anderem eben vom Bergischen HC.

Der junge Fynn Nicolaus kam nach seiner Verletzungspause bärenstark zurück. Wie oft haben Sie sich auf die Schenkel geklopft, dass Sie den Vertrag mit ihm vorzeitig verlängert haben?

Fynn kommt aus unserer eigenen Jugend und wir möchten ihn langfristig bei uns behalten. Wir haben schon vor zwei Jahren an ihn geglaubt und deshalb einen Vertrag bis 2024 mit ihm abgeschlossen. Wir haben jetzt mit Zarko Peshevski nicht verlängert, um Fynn weiter zu fördern. Und wir hoffen natürlich auch, dass in zwei Jahren die Zusammenarbeit noch nicht endet.

Nach der Trennung von Dominik Weiß ist der Platz neben Adam Lönn im linken Rückraum vakant. Gibt’s noch einen Königstransfer für die Königsposition?

Weder Heinevetter, Bergendahl oder die offene Position im linken Rückraum ist ein Königstransfer. Ich glaube, dass wir mit diesen Verpflichtungen überall ein paar Prozent besser werden. Und die sollen in der Summe auch sichtbar werden in der Leistung und im Voranschreiten der Mannschaft. Die Saison hat gezeigt, dass wir im linken Rückraum eine Alternative zu Adam brauchen, wenn er mal verletzt oder nicht in Form ist. Dominik hat uns vor allem in der Abwehr sehr geholfen. Da haben wir nun Alternativen mit Bergendahl und Nicolaus. Jetzt suchen wir einen, der uns im Angriff mehr Impulse geben kann.

Mit dem Klassenverbleib hat der TVB sein Minimalziel erreicht. Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass es in der nächsten Saison eine Stufe nach oben gehen wird?

Klar wollen wir uns weiterentwickeln und eine bessere Saison spielen. Die genauen Saisonziele werden wir aber zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgeben.

Sportlich tummelte sich der TVB in der hinteren Tabellenregion, im Zuschauer-Ranking dagegen schnupperte er mit Rang sieben sozusagen an den internationalen Plätzen. Im Schnitt sahen 3222 Fans die 17 Heimspiele in der Porsche-Arena. Wie zufrieden sind Sie mit der Zuschauerresonanz?

Ich glaube, über 3200 Zuschauer im Schnitt sind herausragend. Studien zeigen, dass erst 70 Prozent der Leute, die vor Corona zum Indoor-Sport gegangen sind, das jetzt wieder tun. Man muss auch bedenken, dass wir vor Corona keinen Regelspielbetrieb in der Porsche-Arena hatten, sondern zehnmal im Jahr vor 2500 Leuten in der Scharrena spielten. Das heißt, es war doppelt schwer. Deshalb muss ich auch unserem Team auf der Geschäftsstelle ein großes Kompliment machen, das viel dafür arbeitet, dass wir so einen Zuschauerzuspruch haben. Ich glaube im Übrigen, dass wir so schnell nicht mehr an die alten Zahlen hinkommen werden. Aber wenn um die 4000 Fans da sind, haben wir eine richtig gute Atmosphäre. Natürlich ist es nicht einfach, das zu finanzieren. Wir machen viel übers Sponsoring und kämpfen darum, dass die Einnahmen aus dem Ticketverkauf wieder steigen.

Wird die Scharrena irgendwann wieder ein Thema?

Wir werden auch in der nächsten Saison in der Porsche-Arena spielen. Handball ist die Hallensportart Nummer eins in Deutschland, die Liga und die Etats vieler Vereine entwickeln sich super. Wenn wir da mithalten wollen, gibt’s keine Alternative zur Porsche-Arena.

In der neuen Spielzeit wird’s eine Premiere geben: Nach dem Aufstieg der VfL-Frauen ist Waiblingen als einzige Stadt in Deutschland mit zwei Handballteams in der ersten Liga vertreten. Wie gefällt Ihnen das?

Ich kann mich erinnern, dass sich FA Göppingen oder Bietigheim mal auf die Fahnen geschrieben haben, Deutschlands Handball-Hauptstadt zu sein, weil sie sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen eine Mannschaft in der ersten Liga hatten. Aktuell sind das Waiblingen und Bittenfeld.

Kein Trainer-Stress mehr an der Seitenlinie, volle Konzentration auf die Aufgaben als Geschäftsführer des Handball-Erstligisten TVB Stuttgart: So hatte sich Jürgen Schweikardt die Saison vorgestellt. Die indes war nervenaufreibend. Im Interview mit Thomas Wagner spricht der 42-Jährige über sein Vertrauen in Trainer Roi Sánchez, das Torhüterproblem und die Pläne des TVB.

Herr Schweikardt, vor der Saison hatten Sie einen ziemlich entspannten Eindruck gemacht,

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