TVB Stuttgart

Der TVB vor dem Schwaben-Derby gegen Balingen

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Im Hinspiel bissen sich Michael Kraus (gelbes Trikot, mit Ball) an der Balinger Deckung die Zähne aus (von links Sascha Illitsch, Davor Dominikovic, Jannik Hausmann). In der Porsche-Arena braucht der TVB mehr Ideen im Angriffsspiel. © Heiko Potthoff

Wenn der Drittletzte der ersten Handball-Bundesliga an diesem Freitag den zwei Punkte besser platzierten Fünftletzten empfängt, gibt’s keine zwei Meinungen: Der TVB 1898 Stuttgart muss, der HBW Balingen-Weilstetten sollte punkten. Nie war das schwäbische Derby bedeutsamer, entsprechend verbissen dürfte es in der ausverkauften Porsche-Arena zur Sache gehen.

Video: Die Pressekonferenz vor dem Spiel TVB 1898 Stuttgart gegen HBW Balingen-Weilstetten.

Für die einen ist das Schwaben-Derby ein vorweggenommenes Abstiegsendspiel, andere reden gar von einem Schicksalsspiel oder Existenzkampf. Ganz gleich, wer in der Porsche-Arena an diesem Freitag jubeln wird: Erst zwei Drittel der Saison sind vorüber, deshalb kann von einer Vorentscheidung im Abstiegskampf nicht die Rede sein. Andererseits: Sollte der TVB erneut leer ausgehen, hätte er ziemlich schlechte Karten angesichts des strengen Restprogramms.

Seit Wochen keine Tickets mehr 

Der Rummel rund um das Spiel der Gallier von der Alb bei den Wild Boys in Stuttgart ist enorm. Seit Wochen gibt es keine Tickets mehr, 6211 Fans werden das Derby verfolgen. „Wir hätten sicher 8000 Karten verkaufen können, vielleicht sogar an die 10 000“, sagt der TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt. „Das zeigt, welchen Stellenwert der Handball in der Region hat.“ Und damit das so bleibt, sollte der TVB den Abstieg unter allen Umständen vermeiden.

Angespannte Stimmung bei der Pressekonferenz

Angesichts dieser prekären Ausgangslage war die Stimmung bei der Pressekonferenz zum Spiel recht entspannt. Möglicherweise lag’s auch daran, dass bis zum Anpfiff noch drei Tage Zeit waren. Aus organisatorischen Gründen hatten die Bittenfelder die Pressekonferenz früher als gewöhnlich angesetzt: Wolfgang Strobel hatte an diesem Tag einen anderen Termin in der Gegend. So musste sich der Balinger Geschäftsführer nicht zweimal durch die verstopften Straßen quälen.

„Ich glaube, wir müssen uns erst gar nicht gegenseitig die Favoritenrolle oder irgendeine Drucksituation zuschreiben“, sagte er. Der Blick auf die Tabelle reiche schon aus, beide Mannschaften bewegten sich auf Augenhöhe und seien in derselben Situation. Ein entsprechend enges Derby erwartet Strobel auch an diesem Freitag. „Ich denke, es wird erst ganz am Schluss entschieden - wie fast immer in den vergangenen Jahren.“

„Es ist ein Duell gegen einen direkten Konkurrenten, und wir spielen zu Hause“

Auch der TVB-Trainer Markus Baur sieht kein Team im Vorteil. „Es ist ein Duell gegen einen direkten Konkurrenten, und wir spielen zu Hause“, sagte er. „Also sollten wir die Punkte behalten.“ Die Konstellation sei eindeutig. „Natürlich könnten wir uns die Situation schönreden und sagen, wir haben zwei Spiele weniger und sind nur zwei Zähler hinter Balingen dran.“

War die lange Pause gut? 

Baur und sein Trainerteam hatten ausgiebig Zeit, sich mit dem kommenden Gegner auseinanderzusetzen: Gleich drei Wochen Pause bescherte der Spielplan dem TVB, weil die Partien gegen den Meister Rhein-Neckar Löwen und die SG Flensburg-Handewitt in den Mai verlegt wurden. Ob die lange Pause letztlich gut oder schlecht war, das werde sich am Freitag zeigen. „Wir haben gut trainiert und die Zeit genutzt“, so Baur. Unter anderem mit ausgiebigen Videoanalysen, in denen besprochen worden sei, wer was in welcher Situation zu tun habe. „Wenn dann einer in der 52. Minute vergisst, was vorher besprochen worden ist, kann dies gutgehen – oder auch nicht.“


 

Mit 1:11 Punkten, wesentlich schlechter als der TVB (6:6), waren die Balinger in die Saison gestartet. Mittlerweile hat der HBW den TVB in der Tabelle überholt – und dabei für die eine oder andere Überraschung gesorgt. Zuletzt mussten sich die Balinger zwar gegen das Schlusslicht HSC Coburg beim 24:24 mit einem – äußerst glücklichen – Punkt zufriedengeben. Davor indes setzten sie sich mit 29:26 in Hannover durch. Schon im Hinspiel hatte das favorisierte Team von Trainer Jens Bürkle den „Galliern“ beim 27:30 die Punkte überlassen müssen.

Neuverpflichtung bei den Balingern 

Dass die Balinger im Abstiegskampf alle Register ziehen, zeigte auch eine Neuverpflichtung Mitte Februar: Aus Minsk holten sie kurz vor dem Ende der Wechselfrist die Nummer eins im Tor der weißrussischen Nationalmannschaft, Viachaslau Saldatsenka. Der 22-Jährige zeigte bei der EM 2016 und WM 2017 sehr gute Leistungen. Mit dem schwedischen Nationalkeeper Peter Johannesson und dem tschechischen Auswahltorhüter Tomas Mrkva hat der Balinger Trainer Runar Sigtryggsson nun die Qual der Wahl.

„Wir haben sieben Spieler im Kader, die noch nie etwas mit dem Abstiegskampf zu tun hatten“

Beim TVB dagegen ist Jogi Bitter die klare Nummer eins, auf seine Routine setzen die Bittenfelder auch im Derby. Bei einem Sieg könnten sie der große Gewinner des Spieltags werden. Sollte der TBV Lemgo am Sonntag gegen den Deutschen Meister Rhein-Neckar Löwen verlieren, würde der TVB nicht nur die Lemgoer, sondern auch die dann punktgleichen Balinger aufgrund der besseren Trefferdifferenz in der Tabelle überholen. Die Balinger dagegen machten bei einem Erfolg in Stuttgart einen großen Schritt in Richtung Klassenverbleib. „Wir dürfen uns aber nicht darauf verlassen, dass es – wie in den vergangenen Jahren – auf jeden Fall reichen wird“, sagt Wolfgang Strobel. Er glaubt nicht, dass die Erfahrung der Balinger im Abstiegskampf einen Vorteil bringt. „Wir haben sieben Spieler im Kader, die noch nie etwas mit dem Abstiegskampf zu tun hatten.“ Am Ende würden einzelne Spiele oder gar einzelne Szenen den Ausschlag geben. „Oder vielleicht auch die eine oder andere Entscheidung der Trainer.“

Beide Mannschaften kennen sich sehr gut 

Eine zündende Idee oder ein taktischer Kniff könnten auch an diesem Freitag den Ausschlag geben. Schließlich kennen sich beide Mannschaften sehr gut. „Natürlich versuchen wir, uns auf die Spezialitäten des Gegners einzustellen“, sagt Markus Baur. „Der Gegner wird das aber auch machen. Am Ende geben Nuancen den Ausschlag.“

Nichts vorwerfen lassen dürfe sich sein Team in Sachen Einsatzwillen. Er habe seinen Spielern deutlich gemacht, wie die Körpersprache auszusehen habe. „Wenn ich merke, dass einer nicht richtig mitmacht, kann ich ihn in so einem Spiel nicht brauchen.“ Zumal die „Gallier“ als nicht gerade zimperliche Zeitgenossen gelten.

Schlechte Erinnerungen an das Hinspiel 

Schlechte Erinnerung hat der TVB an das Hinspiel, das er mit 19:23 verlor und dabei über weite Strecken mutlos agierte. „Das war schon bitter, dass wir ausgerechnet in diesem Spiel unsere Leistung nicht auf die Platte gebracht haben“, sagt Baur.

Im Hinspiel mussten die Balinger ohne die verletzten Felix König und Pascal Hens auskommen, beide sind wieder einsatzfähig. Dafür fehlt Martin Stegefelt: Der schwedische Nationalspieler hat sich im Länderspiel gegen Deutschland am Wochenende an der Wirbelsäule verletzt. Beim TVB ist der Einsatz von Felix Lobedank fraglich. Die lädierte Schulter ist zwar wieder einigermaßen hergestellt, dafür plagte den Linkshänder unter der Woche eine Magen-Darm-Grippe. Mittlerweile indes hat der TVB mit den fast wieder vollständig genesenen Can Celebi und Djibril M’Bengue im rechten Rückraum wieder Alternativen.

Elite-Schiedsrichter und Spieler-Party

Das Derby wird vom erfahrenen Schiedsrichter-Gespann Christoph Immel und Ronald Klein geleitet, das dem DHB-Elitekader angehört. Immel/Klein pfiffen in dieser Spielzeit lediglich eine Partie mit Beteiligung des TVB: das Saisonauftaktspiel gegen den THW Kiel (22:27), ebenfalls in der Porsche-Arena.

Nach dem Derby steigt in der benachbarten Sportsbar Palm Beach von 21.30 Uhr an die Player’s Party.

Wie sieht es bei den Abstiegskonkurrenten aus?

Nicht gepunktet haben die Abstiegskonkurrenten des TVB in den Spielen am Mittwoch: Der HSC Coburg hielt zwar gegen FA Göppingen lange mit, musste sich aber mit 25:29 beugen. Auch der VfL Gummersbach muss nach der 23:30-Pleite gegen die MT Melsungen weiter zittern.

In der Torschützenliste führt Robert Weber (SC Magdeburg) mit 149 Toren vor Philipp Weber (HSG Wetzlar/141) und Johannes Sellin (MT Melsungen/139).