TVB Stuttgart

Letzte Ausfahrt Porsche-Arena: Handball-Legende Petersson beendet Karriere

Rhein Neckar Loewen vs MT Melsungen, LIQUI MOLY Handball Bundesliga, 13.03.2022
Alexander Petersson, einer der weltbesten Handballer, tritt am Sonntag in der Porsche-Arena von der großen Bühne ab. © Eibner-Pressefoto

Wird über ihn gesprochen, dann meist in Superlativen: Musterprofi, Vorbild, Idol, Legende. Zum Saisonfinale der ersten Handball-Bundesliga tritt Alexander Petersson mit der MT Melsungen an diesem Sonntag (15.30 Uhr) in der Porsche-Arena gegen den TVB Stuttgart an. Es wird das letzte Spiel sein für den fast 42-jährigen Letten mit isländischer Staatsbürgerschaft. Im Interview mit Thomas Wagner spricht der Linkshänder über seine besondere Beziehung zu einem Bittenfelder, das schwierige Leben der Spielerfrauen und seine Pläne nach dem Ende der Karriere.

Herr Petersson, wann reifte der Entschluss, die Karriere zu beenden?

Es war schon zu Beginn der Saison klar, dass ich nur noch ein Jahr spielen werde. Das habe ich mit meiner Familie so besprochen.

Hat Ihr Körper die entsprechenden Signale gesendet nach über 20 Jahren Leistungssport oder zieht es die Familie wieder zurück nach Island?

Die Familie ist der Hauptgrund, warum jetzt Schluss ist. Aber ich merke natürlich auch, dass ich nicht mehr auf dem Niveau bin, auf dem ich sein möchte. Das ist nicht mehr mein Anspruch.

Heimisch geworden ist Ihre Familie im Kraichgau, sie blieb auch nach Ihren Wechseln nach Flensburg im Januar 2021 und Melsungen im vergangenen Sommer dort wohnen.

Ja, wir wohnen in Rauenberg in der Nähe von Wiesloch. Ich bin hier in Melsungen alleine und die Familie ist es daheim. Das ist auf Dauer schwierig und macht irgendwann keinen Spaß mehr. Es reicht jetzt.

Ihr älterer Sohn Lúkas ist Torhüter in der U 19 der TSG Hoffenheim. Gibt’s in der Familie Petersson demnächst einen Fußball-Profi?

Klar ist das sein Wunsch. Es ist allerdings nicht so einfach. Dazu braucht es Glück, man muss verletzungsfrei durchkommen und sich auch mental durchkämpfen. Auf den jungen Menschen lastet viel Druck.

Mit seinem Vater hat Lúkas ein perfektes Vorbild. Sie mussten sich auch durchsetzen.

Ich versuche ihm natürlich zu helfen. Ich sage ihm immer, er soll nicht alles so wahnsinnig ernst nehmen und den Spaß behalten. Dann wird man sehen, was dabei herauskommt. Man muss nicht unbedingt Profi werden. Es gibt viele Schattenseiten – vor allem im Fußball. Und als Torhüter hast du noch mehr Druck als die Feldspieler.

Mit 18 Jahren kamen Sie aus Riga nach Island, fünf Jahre später ging’s nach Deutschland. Wir kamen Sie damals in der neuen Umgebung zurecht?

In Island war’s schwierig, ich musste neben dem Handball noch arbeiten. In Düsseldorf lief’s sportlich von Anfang an, ich habe gute Leistungen gebracht. Ich musste mich nur um den Handball kümmern, meist trainierten wir einmal am Tag. Das war einfach – zu einfach vielleicht. Ich habe schnell gemerkt, dass ich mehr machen muss. Ich wollte mehr trainieren, mehr erreichen. Düsseldorf sollte nicht meine Endstation sein.

Wie groß war die sprachliche Hürde?

In Island sprechen alle Englisch, deshalb habe ich dort zuerst besser Englisch gelernt als Isländisch. Auch in den beiden Jahren in Düsseldorf war’s mit Deutsch ein bisschen schwierig, wir haben uns meist auf Englisch unterhalten. Das änderte sich mit dem Wechsel nach Großwallstadt, dort gab’s eine Deutsch-Pflicht. Da habe ich erst richtig angefangen, die Sprache zu lernen.

Der heutige Bittenfelder Daniel Sdunek wechselte 2003, gleichzeitig mit Ihnen, von Tusem Essen nach Düsseldorf. Zu ihm hatten Sie einen besonders guten Draht.

Ja, Daniel hat uns sehr, sehr viel geholfen und uns immer unterstützt. Er hat sich um die Bürokratie gekümmert. Und wenn ich und meine Frau einsam waren, hat er uns zu sich nach Hause eingeladen. Er wusste, dass wir seine Hilfe brauchten. Dafür sind wir ihm sehr dankbar.

Die Freundschaft hält bis heute.

Ja, wir sprechen zwar nicht mehr ganz so oft miteinander. Aber wenn wir uns treffen, dann passt das einfach. Wir müssen uns kein Thema suchen, über das wir reden können. Daniel hat uns auch in Island besucht. Er war mein erster Freund in Deutschland, das ist etwas Besonderes. So etwas bleibt für immer.

Sie haben in Deutschland, bis auf Kiel, bei allen Top-Clubs gespielt. Ist das Ausland nie ein Thema gewesen?

In meiner Zeit beim TV Großwallstadt kam eine Anfrage aus Barcelona. Aber da hatte ich noch einen Vertrag. Später hatte ich noch ein ziemlich seriöses Angebot aus Kielce. Wir haben uns aber entschieden, in Deutschland zu bleiben wegen der Kinder. Als ich bei den Löwen war, gab’s zwei interessante Anfragen aus Dänemark. Zu der Zeit spielte unser älterer Sohn schon in Hoffenheim, und der jüngere ist in Rauenberg aufgewachsen. Deshalb haben wir uns gegen einen Wechsel entschieden.

Nachdem Sie Ihr Karriereende bekanntgegeben hatten, unter anderem in den sozialen Medien, war die Resonanz überwältigend. Hatten Sie damit gerechnet?

Ich habe tatsächlich noch nie so viele Likes und Kommentare bekommen. Es ist schon eine gute Sache, wenn man so viel Anerkennung und ein schönes Feedback bekommt. Ich habe auch keinen einzigen Hass-Kommentar bekommen, das macht mich sehr stolz. Da kann man in Ruhe aufhören.

Am Sonntag ist es so weit: Das Spiel mit der MT Melsungen in der Porsche-Arena gegen den TVB Stuttgart wird Ihr letztes sein in Ihrer Karriere. Welche Gefühle beschleichen Sie?

Das ist schwer zu beschreiben. Zunächst ist es einfacher, weil wir auswärts spielen. Als Gastspieler kriege ich nicht so viel Aufmerksamkeit. Ich denke, das wird nichts Dramatisches. Es ist wie nach jeder Saison: Man freut sich schon auf den Urlaub. Vielleicht kommen die Gefühle, wenn die Vorbereitung wieder anfängt. Dann frage ich mich vielleicht, was ich jetzt machen soll, wenn ich keine Aufgaben mehr habe. Jetzt gehe ich erst mal in den Urlaub und mache mir darüber keine Gedanken.

Gibt’s schon Pläne, was nach der Handball-Karriere kommt?

Ich lasse das alles auf mich zukommen, genieße erst mal die Ruhe. Wir haben weder Stress noch Zeitdruck. Irgendwann, vielleicht im nächsten Frühling, gehen wir zurück nach Island. Wir möchten alles langsam vorbereiten. Der ältere Sohn soll hier noch ein Jahr zur Schule gehen. Er ist jetzt 18 geworden, aber wir möchten ihn noch ein bisschen begleiten. Dann überlege ich zusammen mit meiner Frau, was wir tun. Wir haben ein paar Projekte im Kopf. Entweder in Island, wo wir immer willkommen sind, oder hier in Deutschland. Es gibt aber noch nichts Konkretes.

Was werden Sie vermissen, wenn es vorbei sein wird mit dem Handball?

Ich denke, die Gesellschaft und den Spaß, den ich mit den Jungs habe, die Auswärtsreisen. Die großen Hallen mit der geilen Stimmung, die Atmosphäre, das werde ich alles natürlich vermissen. Eben alle diese Dinge, die man im normalen Leben nicht erlebt. So etwas kannst du dir nicht kaufen. Natürlich werde ich weiter für mich trainieren. Golf spielen sowieso, Krafttraining machen und viel Fahrrad fahren. Vielleicht werde ich in zwei, drei Monaten fitter sein als jetzt. Zurzeit hat man ja gar keine Zeit dafür, weil man ständig spielen muss.

In Flensburg und Melsungen haben Sie ausgeholfen, als die beiden Clubs Verletzungssorgen plagten. Vielleicht braucht auch der TVB mal wieder Unterstützung.

Im Moment habe ich keine Lust mehr. Aber wer weiß, was in einem halben Jahr oder einem Jahr ist.

Möglicherweise hat Ihre Frau auch bald genug von ihrem Handball-Rentner und ist froh, wenn Sie wieder spielen.

Genau, vielleicht sagt sie, es war besser, als du nur am Wochenende da warst. Im Ernst: Sie wird öfter nach Island fliegen und dort etwas mehr Zeit verbringen. Wir sind halt schon weit weg von zu Hause und können nicht in vier Stunden ins Nachbarland fahren. Sie sagt zu Recht, dass wir jetzt 20 Jahre mein Leben hier in Deutschland leben. Die Eltern und Freunde werden älter, und meine Frau hat viel Zeit mit ihnen verpasst. Sie möchte sich jetzt mehr kümmern und nicht nur hinter mir herlaufen. Es wird unterschätzt, aber für die Spielerfrauen ist das sehr schwierig.

Wird über ihn gesprochen, dann meist in Superlativen: Musterprofi, Vorbild, Idol, Legende. Zum Saisonfinale der ersten Handball-Bundesliga tritt Alexander Petersson mit der MT Melsungen an diesem Sonntag (15.30 Uhr) in der Porsche-Arena gegen den TVB Stuttgart an. Es wird das letzte Spiel sein für den fast 42-jährigen Letten mit isländischer Staatsbürgerschaft. Im Interview mit Thomas Wagner spricht der Linkshänder über seine besondere Beziehung zu einem Bittenfelder, das schwierige Leben

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