TVB Stuttgart

Nötig oder Schwachsinn? Jürgen Schweikardt und Thomas Zeitz zur Handball-EM

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Jürgen Schweikardt, Geschäftsführer des TVB Stuttgart, hält die Handball-EM für wichtig. © Jens Körner
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Thomas Zeitz, Trainer der Zweitliga-Frauen des VfL Waiblingen, hält die Handball-EM für Schwachsinn. © Heiko Potthoff

Die Handball-EM der Männer 2022 läuft völlig aus dem Ruder. Allein im deutschen Team gibt es neun Corona-Fälle. Auch vollgepackte Hallen in Ungarn sorgen für heftige Diskussionen. Welchen Sinn hat dieses Turnier? Für die Sportart einen großen, sagt Jürgen Schweikardt, Geschäftsführer des Erstligisten TVB Stuttgart. Für Schwachsinn hält die EM dagegen der Trainer der Zweitliga-Frauen des VfL Waiblingen, Thomas Zeitz.

Kroatien, Polen, Serbien, Nordmazedonien – wohin man sieht, gibt es positive Tests. Und Deutschland reiht sich ein. Zuerst traf es Julius Kühn und Hendrik Wagner, dann folgten Torhüter Andreas Wolff, Luca Witzke, Timo Kastening, Lukas Mertens sowie Ex-TVB-Spieler Kai Häfner.

Daraufhin nominierte Nationalcoach Alfred Gislason fünf Spieler, darunter Keeper-Legende Jogi Bitter, der in der vergangenen Saison noch das Stuttgarter Tor hütete, nach. Doch am Dienstag, 18. Januar, gab's schon die nächsten Hiobsbotschaften: Auch der zweite Torhüter Till Klimpke sowie Marcel Schiller sind infiziert. Für Letzteren wird nun TVB-Kapitän Patrick Zieker nachrücken.

Jürgen Schweikardt vom TVB Stuttgart hätte Absage der Handball-EM falsch gefunden

Braucht es diese Chaos-EM wirklich? Dazu befragt, findet es TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt zunächst mal gut, dass es in Deutschland eine solche Menge an hervorragenden Spielern gibt, die einspringen können. Trotzdem sei die Situation beim Turnier in Ungarn und der Slowakei insgesamt natürlich „blöd“.

Eine Absage der Europameisterschaft im Vorhinein hätte der 41-Jährige aber keinesfalls unterstützt. Weil er sich um die Zukunft des Sports und insbesondere des Handballs sorgt.

Corona begleite die Menschen nun schon so lange und habe zu vielen Einschränkungen wie dem Ausfall des Jugendtrainings geführt. „Deshalb müssen wir als Gesellschaft aufpassen, dass der Sport in der nächsten Generation nicht an Bedeutung verliert und es zu einem langfristigen Strukturschaden kommt. Es geht um den Nachwuchs. Ohne eine EM gäbe es für ihn im Handball keinen Anknüpfungspunkt.“

Die vollen Hallen in Ungarn geben Jürgen Schweikardt zu denken

Das heißt aber nicht, dass sich Schweikardt keine Gedanken über den Ablauf des Turniers macht. Die Berichterstattung ist überwiegend sehr negativ – und schadet damit dem Handball.

Auch der TVB-Manager muss schlucken, wenn er die Szenen der voll besetzten ungarischen Hallen sieht, in denen niemand eine Maske trägt. „Diese Bilder sind nicht förderlich. In Ungarn läuft das Leben normal weiter.“

Allerdings sei das nicht nur im Handball so. Schweikardt verweist unter anderem auf die jüngste Darts-WM in England, bei der Hygienevorschriften ebenfalls keine Rolle spielten. Trotz aller Bedenken wünscht er sich, dass die Handball-EM nicht abgebrochen wird.

Thomas Zeitz vom VfL Waiblingen pflichtet Schweikardt bei, lehnt die EM aber trotzdem ab

Anderer Meinung ist der Trainer der Zweitliga-Frauen des VfL Waiblingen, Thomas Zeitz. Klar, Schweikardt habe völlig recht, wenn er sage, die EM sei wichtig, um Nachwuchs zu gewinnen. „Der Handball muss jede Präsenzmöglichkeit nutzen, um populär zu bleiben.“ Und nach jedem Großereignis seien die Mitgliederzahlen der Vereine ja auch gestiegen. Aber nur kurzfristig, so Zeitz. „Die Turniere haben unsere Sportart nicht ins Universum katapultiert.“

Die aktuelle Männer-EM hält der VfL-Trainer „von A bis Z für großen Schwachsinn“. Nicht zuletzt wegen einem der Austragungsorte.

Während in der Slowakei coronakonform nur 25 Prozent der möglichen Zuschauerzahlen erlaubt seien, „sind die Hallen in Ungarn zu 100 Prozent voll. Wenn man weiß, wie das in manchen Ländern mit den Hygienemaßnahmen ist und man dann eine EM genau dort stattfinden lässt – dafür fehlt mir jedes Verständnis“. Zumal es noch einige Monate vor dem Turnier ja durchaus möglich gewesen wäre, die Austragung in ein anderes Land zu verlegen.

Sportlich hält Thomas Zeitz die Handball-EM für uninteressant

Und was ist mit dem sportlichen Wert der EM? „Uninteressant“, sagt Zeitz. Wegen der vielen coronabedingt nachnominierten Akteure würden sich die Mannschaften ja ständig verändern. „Irgendwann kann man würfeln, wer am Ende spielt.“ Dennoch werde das Turnier wohl weiter durchgezogen. Es gehe eben vor allem ums Geld.

Doch freilich nicht für die Vereine. Die werden laut Thomas Zeitz nur die Leidtragenden der EM sein. „Sie müssen den ganzen Schmu bezahlen, wenn sie kranke Spieler zurückbekommen.“

TVB-Manager Jürgen Schweikardt verweist auf Infektionen in Deutschland

Dieses Argument sei nicht von der Hand zu weisen, räumt Jürgen Schweikardt ein. Mit Egon Hanusz (Ungarn), Zharko Peshevski (Nordmazedonien), der zuletzt gegen Dänemark mit sechs Toren glänzte, Viggó Kristjánsson (Island), Ivan Pesić (Kroatien) sowie jetzt Zieker und möglicherweise noch Tobias Thulin (dritter schwedischer Torwart) stellt der TVB Stuttgart mehrere EM-Akteure.

Indes, so Schweikardt: „Es gibt auch hier in Deutschland Ansteckungen bei Spielen, im Training oder im privaten Bereich. Es wird allgemein sehr schwer werden, Infektionen zu verhindern.“

Außer natürlich mit einem erneuten Lockdown. Und der würde dem Sport sicherlich noch mehr schaden.

Die Handball-EM der Männer 2022 läuft völlig aus dem Ruder. Allein im deutschen Team gibt es neun Corona-Fälle. Auch vollgepackte Hallen in Ungarn sorgen für heftige Diskussionen. Welchen Sinn hat dieses Turnier? Für die Sportart einen großen, sagt Jürgen Schweikardt, Geschäftsführer des Erstligisten TVB Stuttgart. Für Schwachsinn hält die EM dagegen der Trainer der Zweitliga-Frauen des VfL Waiblingen, Thomas Zeitz.

Kroatien, Polen, Serbien, Nordmazedonien – wohin man sieht, gibt es

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