TVB Stuttgart

Silvio Heinevetter beim TVB: Stabilität im Tor, Emotionen auf dem Spielfeld

TVB Stuttgart-Trainingslager 2022
Emotionen gehören zum Spiel von Silvio Heinevetter. Hier macht er Sebastian Spendier beim Testspiel gegen Schwaz deutlich, was er von einem Kopftreffer hält. © Sandy Dinkelacker

Wie heißt es so schön: Silvio Heinevetter ist ein Mensch, der polarisiert. Anders ausgedrückt: Die einen finden, der Torhüter wirbelt ein bisschen zu viel Staub auf. Andere sehen im 37-Jährigen, der in der kommenden Saison für den Handball-Erstligisten TVB Stuttgart auflaufen wird, eine erfrischende Oase in der bisweilen eintönigen Sportlandschaft. Ist er nun ein Heißsporn und Exzentriker oder ein Vollbluthandballer und Sympathieträger? „Ich bin so, wie ich bin – und bin damit eigentlich auch ganz zufrieden“, sagt Heinevetter im Gespräch mit dieser Zeitung und zuckt mit den Schultern.

Zunächst einmal ist Heinevetter einer, der die Liste der spektakulären TVB-Transfers der vergangenen Jahre erweitert. Vor sechseinhalb Jahren hatten sich die Bittenfelder Jogi Bitter geschnappt, dann Mimi Kraus und Markus Baur. Verpflichtungen mit Strahlkraft, die dem einstigen Dorfclub viel Aufmerksamkeit brachten.

Lieber inkognito bleiben

Und nun also Silvio Heinevetter. 204-facher deutscher Nationaltorhüter, zweifacher Vereinsweltmeister, zweifacher EHF-Cup-Sieger und deutscher Pokalsieger. Die sportliche Vita lässt sich sehen. Der breiten Öffentlichkeit bekannt indes wurde der 37-Jährige durch Fernsehauftritte unter anderem bei „Wer weiß denn so was?“, „Schlag den Star“ und „Ninja Warrior Germany“. Und natürlich hat die langjährige Beziehung zur Schauspielerin Simone Thomalla die Boulevardmedien intensiv beschäftigt.

Privat ist es ruhiger geworden um Heinevetter seit dem Ende der Liaison. Besonders unglücklich über weniger Interesse der Regenbogenpresse scheint er nicht zu sein. Und er hätte nichts dagegen, wenn er sich in Stuttgart „ein bisschen inkognito“ bewegen könnte. Anders als viele seiner Kollegen ist Heinevetter nicht mit einem auffällig beklebten Auto eines TVB-Sponsors unterwegs. Und wo er eine Wohnung gefunden hat, möchte er ungern preisgeben. Nur so viel: „Es war schwieriger als erwartet, aber jetzt passt das ganz gut."

Ein wenig Stress mit Melsungen

Den Stress hätte sich der Torhüter ersparen können, wenn er sich einen anderen Verein ausgesucht hätte als Stuttgart. Anderswo ist der Wohnungsmarkt deutlich entspannter. Heinevetter hätte beispielsweise in Kassel wohnen bleiben und auch in der kommenden Saison für die MT Melsungen spielen können. Das ist auch der Plan gewesen – jedenfalls Heinevetters Plan, der sich in Kassel sehr wohl fühlte und erst vor kurzem zusammen mit einem Kumpel seinen zweiten Gastronomiebetrieb eröffnet hat. Ein Café. „Kaffee ist immer wichtig“, sagt Heinevetter und grinst. „Und bei uns gibt’s den besten in ganz Kassel. Mit Abstand.“

Es kam allerdings anders, und wieder einmal geriet der Torhüter in die Schlagzeilen. Vergangenen Herbst hatten die Melsunger die Verpflichtung des polnischen Nationalkeepers Adam Morawski bekanntgegeben. Sehr zur Verwunderung Heinevetters, der von seiner Vertragsverlängerung ausgegangen war. In einem aufsehenerregenden Interview kritisierte Heinevetter anschließend den Melsunger Manager Axel Geerken für dessen „unehrliche Kommunikation“, was der Verein nicht besonders prickelnd fand. Als Heinevetter bei der Verabschiedung der Melsunger Spieler nach dem letzten Saisonspiel die Gelegenheit bekam, via Mikrofon ein paar Worte an die Fans zu richten, erneuerte er die Kritik.

Heinevetter? Unkompliziert

Längst hat sich Heinevetter im Griechenland- und Spanienurlaub von den mentalen Strapazen der vergangenen Saison erholt. Komplett von der Festplatte gelöscht indes hat der gebürtige Thüringer die Geschichte noch nicht, und natürlich wird er immer noch darauf angesprochen. „Ich will jetzt nicht nachtreten“, sagt er – und muss doch noch einen Satz loswerden. „Ich war mit Melsungen per Handschlag durch, und wenn einem so ins Gesicht gelogen wird ...“

Jedenfalls musste sich der vereinstreue Keeper, in 17 Jahren spielte er lediglich für vier Clubs, einen neuen Arbeitgeber suchen. In aller Gelassenheit, wie er heute sagt. „Ich kenne das Business und wollte mir keinen Stress machen. Ich weiß ja, was ich kann.“ Optionen habe er genügend gehabt. Die beste war offensichtlich – für den einen oder anderen durchaus überraschend – der TVB Stuttgart. Entschieden hat er sich ausgerechnet in der Phase, als den Stuttgartern zum Jahreswechsel das (Abstiegs-)Wasser bis zum Hals stand.

Bei den Verhandlungen musste der TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt dem Keeper parallel ein Angebot für die zweite Liga machen – mit deutlich geringeren Bezügen logischerweise. Lange feilschen, erinnerte sich Schweikardt bei der internen Saisoneröffnung, habe er nicht müssen. Heinevetters Glaube an den TVB und seine Unkompliziertheit hätten ihn beeindruckt, so Schweikardt.

Die Mischung muss stimmen

Doch welche schlagenden Argumente hatte der TVB, Heinevetter an den Neckar zu locken? Er habe sehr lange mit Jürgen Schweikardt und Roi Sánchez telefoniert, sagt Heinevetter. Sie hätten ihm die Ziele des Vereins ausführlich dargelegt. „Sie haben mir gesagt, ich könne im Projekt eine große Rolle mitspielen – und dass sie mich auch als Typen haben wollen.“ Dann habe er sich Gedanken gemacht und sei hier gelandet. „So einfach ist das.“

Brauchte das Team, das sich bisweilen ein bisschen zu brav präsentiert, endlich mal wieder einen Schuss Glamour? Einen, der auf den Tisch haut und ein bisschen wilde Sau spielt? „Es gibt Typen, die sind etwas ruhiger, andere sind geladener“, sagt Heinevetter. Es zeichne eine Mannschaft aus, wenn die Mischung stimme. „Und es kommt nach außen sympathisch rüber“, sagt Heinevetter, überlegt kurz und schiebt hinterher. „Aber ja, es stimmt schon. Du brauchst ab und zu, auch wenn das hart klingt, ein Arschloch in der Mannschaft.“

Der TVB Stuttgart benötigt, möchte er vorankommen, jedenfalls dringend eine gewisse Stabilität auf der Torhüterposition. Vier Keeper beschäftigten die Stuttgarter in der vergangenen Saison – mit überschaubarem Erfolg. Nun also soll „Heine“, zusammen mit dem jungen Miljan Vujovic, für die nötige Verlässlichkeit sorgen. Mit einer spektakulären, unkonventionellen Spielweise, welche die Gegner verunsichern soll. Zumindest in der Hinrunde der vergangenen Saison zeigte Heinevetter, dass er auch mit 37 Jahren seine Gliedmaße noch in sämtliche Himmelsrichtungen bewegen kann. Auch die Kommunikation auf dem Spielfeld funktioniert noch blendend. Für seine Diskussionsfreudigkeit, sei es mit den Schiedsrichtern, den Mit- oder Gegenspielern, wird Heinevetter nicht unbedingt geliebt. Was ihm allerdings einerlei ist. „Ich muss und will mich nicht verstellen.“ Wenn es jemandem nicht passe, wie er sei, müsse er ihm das mitteilen. „Dann kann man darüber reden, das gilt genauso andersrum.“

Er sei motiviert und gierig, sagt Heinevetter. „Ich bringe Erfahrung mit, ab und zu eine gewisse Gelassenheit und auch ein bisschen Pep.“ Sicherlich sei er sich bewusst über die Rolle, die er als Torhüter innehabe. So bedeutend indes sei sie auch wieder nicht. „Noch wichtiger sind ein Spieler, der Tore wirft und einen Plan hat, und ein zentraler Abwehrspieler.“

Keine Chance mit Einzelspielern

Mit Oscar Bergendahl hat der TVB einen der weltbesten Defensivspieler verpflichtet, worüber sich natürlich auch Heinevetter freut. Mit dem Schweden, Samuel Röthlisberger, Adam Lönn, Ivan Sliskovic und Fynn Nicolaus steht für den Mittelblock eine ganze Reihe von guten Spielern zu Verfügung. „Nun gilt’s, an der Abstimmung und am Teamgeist zu feilen.“ Der sei, auch wenn es langweilig klinge, letztlich entscheidend für den Erfolg. „Nur mit Einzelspielern gewinnst du im Handball nichts“, sagt Heinevetter. „Da macht dich jede Mannschaft platt, die zusammenspielt und taktisch was drauf hat.“

Ohne stabile Torhüterleistungen, so viel ist auch klar, wird der TVB seine Ziele nicht erreichen. Möglicherweise profitieren die Stuttgarter auch von den neuen Regeln. Auf das verkürzte Zeitspiel und die Anwurfzone gilt es sich intensiv vorzubereiten – und aufs Überzahlspiel, für das Silvio Heinevetter sorgen könnte. Weil die Schiedsrichter künftig Zeitstrafen bei Kopftreffern gegen Torhüter auch aus dem Spiel heraus und nicht nur nach Siebenmetern verhängen dürfen, sieht der Stuttgarter Trainer sein Team im Vorteil. „Mit Silvio haben wir den besten Torwart der Liga, der so etwas provozieren kann“, sagt Roi Sánchez und grinst. Schließlich fliegt keiner so schön durch den Torraum wie „Heine“. Und für die Schützen dürfte es nicht so leicht werden, Heinevetters Kopf nicht zu treffen.

Wie heißt es so schön: Silvio Heinevetter ist ein Mensch, der polarisiert. Anders ausgedrückt: Die einen finden, der Torhüter wirbelt ein bisschen zu viel Staub auf. Andere sehen im 37-Jährigen, der in der kommenden Saison für den Handball-Erstligisten TVB Stuttgart auflaufen wird, eine erfrischende Oase in der bisweilen eintönigen Sportlandschaft. Ist er nun ein Heißsporn und Exzentriker oder ein Vollbluthandballer und Sympathieträger? „Ich bin so, wie ich bin – und bin damit eigentlich

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