TVB Stuttgart

So funktioniert die Kommunikation zwischen Spielern und Trainer

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Der TVB-Trainer Markus Baur während einer Auszeit. Sollte sich seine Ansprache in diesem Moment an Teo Coric richten (Nummer 13), ist das nicht optimal: Es gibt keinen Blickkontakt zwischen dem Trainer und dem Spieler. Außerdem lauschen (von links) Simon Baumgarten, Felix Lobedank, Finn Kretschmer und Marian Orlowski. © Ralph Steinemann
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Prof. Dr. Klaus Cachay. © Jens Körner

Sich Fachkompetenz anzueignen, dürfte das kleinste Problem sein für einen Trainer. Die große Kunst indes ist es, sein Wissen in die Köpfe der Sportler zu transportieren. Im Rahmen seiner internen Fortbildungen hat der Handball-Erstligist TVB 1898 Stuttgart ein Seminar angeboten zum Thema „So weit alles klar jetzt? Kommunikative Anforderungen an Trainer im Spitzensport“.

Video: Markus Baur, Trainer des TVB 1898 Stuttgart, über die Kommunikation zwischen Trainer und Spielern im Spitzensport.

Nahezu der komplette Trainerstab des TVB, von den Mini-Betreuern bis zum Erstliga-Coach Markus Baur, hatte sich in den Räumen des TVB-Partners Schnaithmann Maschinenbau in Remshalden versammelt. Auch Bernhard Bauer, Ex-Präsident des Deutschen Handball-Bundes und Ehrenpräsident des Handballverbands Württemberg, wollte sich das Referat eines ehemaligen Göppinger Bundesligaspielers nicht entgehen lassen.

Wie kann sich der Trainer mit den Sportlern richtig verständigen?

Der gebürtige Eislinger Prof. Dr. Klaus Cachay, mittlerweile an der Universität Bielefeld tätig, hat sich gemeinsam mit Prof. Dr. Carmen Borggrefe von der Universität Stuttgart mit dem Thema „Kommunikative Anforderungen an Trainer und Trainerinnen im Spitzensport“ befasst. Anders ausgedrückt: Welche Möglichkeiten haben Trainer, sich mit ihren Sportlern so zu verständigen, dass diese die taktischen und technischen Anweisungen nachvollziehen und umsetzen können?

Wissen in die Köpfe der Sportler transportieren

Im „System Spitzensport“, das keine Fehler verzeihe, spiele die Kommunikation eine bedeutende Rolle, so Cachay. Grundsätzlich habe ein Trainer die Aufgabe, den Erfolg seiner Mannschaft oder seines Athleten zu sichern – und damit auch seinen eigenen Arbeitsplatz. Dazu bediene er sich zunächst einmal seiner Fachkompetenz, seines Wissens in den Bereichen Technik, Taktik, Kondition, Biomechanik und Trainingssteuerung. „Das alleine reicht aber nicht aus“, so Cachay. „Die große Aufgabe ist es, dieses Wissen in die Köpfe der Sportler zu transportieren.“ Hierzu stünden diverse Strategien zur Verfügung.

Groß angelegtes Forschungsprojekt

In einem groß angelegten Forschungsprojekt haben sich Cachay und Borggrefe mit diesem schwierigen, wichtigen und laut Cachay lange Zeit nicht besonders wertgeschätzten Thema der Kommunikation zwischen Trainer und Sportler beschäftigt. In der Studie wurden Trainer verkabelt, Audio- und Videoaufzeichnungen gesammelt, Interviews mit Trainern und Sportlern geführt. Schließlich musste das Material gesichtet und ausgewertet werden. Mit einer ganzen Reihe von Szenenbeispielen wurden die TVB-Trainer beim Vortrag in Remshalden konfrontiert.


„Der Trainer steht zunächst vor dem Problem, wie er die Verständigung sichern kann zwischen sich und dem Sportler“, sagte Cachay. Zunächst einmal müsse er eine „adressatenspezifische“ Sprache wählen: Sportler sprechen unterschiedliche Landessprachen, kommen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und Milieus. Auch das Alter und das Geschlecht spielten bei der Kommunikation eine Rolle.

Kommunikation über die Kommunikation

Im zweiten Schritt müsse der Trainer die Reaktion des Sportlers richtig deuten und sich schließlich mit der „Kommunikation über die Kommunikation“ auseinandersetzen. Sprich: Gibt’s Fragen des Athleten? Muss der Trainer die Ansprache wiederholen? „Dabei ist es ganz wichtig, dass der Trainer die Sportler beobachtet, es muss Blickkontakt bestehen.“

Oft reden die Parteien aneinander vorbei

Im ersten Szenenbeispiel aus der Studie spricht Martin Heuberger, damals Trainer der Junioren-Handball-Nationalmannschaft, während einer Trainingseinheit mit einem Spieler über dessen Führungsrolle im Team. Der Spieler dagegen unterhält sich mit Heuberger über taktische Probleme. Ohne Blickkontakt im Übrigen. Ein typischer Fall von „Aneinander-vorbei-Reden“.

Von Ironie rät Cachay grundsätzlich ab

In einem weiteren Beispiel versucht es ein Hockey-Trainer mit Ironie. „Davon rate ich grundsätzlich ab“, sagte Cachay. Ironie verstehe nicht jeder, sie sorge lediglich für Verunsicherung. „Manche Menschen können damit umgehen, andere nicht.“

Bei der Video-Analyse wird der Sportler oft nicht mit einbezogen

Ein weiteres Instrument, in Kommunikation zu treten, ist die Video-Analyse. „Hier wird der Athlet allerdings häufig nicht mit einbezogen“, so Cachay. Wie im Beispiel, das einen jungen Turner im „Austausch“ mit seinem Trainer zeigt. „Der Trainer liefert viel zu viele Infos, er labert den Athleten quasi tot.“


Einen anderen Ansatz wählt ein Hockey-Trainer: Er versucht, in der Mannschaftssitzung seine Spieler mit ins Boot zu holen. Er spricht ein Problem an und lässt es in der Gruppe diskutieren. „Dafür muss ein Trainer allerdings die Fähigkeit haben zu moderieren“, so Cachay. „Trainer und Spieler suchen in diesem Fall gemeinsam nach einer Lösung.“

Fünf Steuerungsmedien

Für den Trainer stellt sich die Frage, wie er das Verhalten der Sportler steuern kann. Unterschieden werden fünf so genannte „Steuerungsmedien“:

  • Macht – nicht besonders erfolgversprechend nach Ansicht von Cachay. Eine Ansage wie „wer nichts riskiert, sitzt draußen“ sei eher kontraproduktiv. „Sie können richtiges Entscheiden nicht befehlen.“
  • Moral – auch von moralischen Steuerungsversuchen hält der Referent eher wenig. „Das ist ein schmaler Grat.“ Ansagen wie „Wenn du den Bundes-Adler auf der Brust hast, musst du alles geben“ nützten sich rasch ab. Übermäßige Kritik ließen Sportler meist über sich ergehen und schalteten ab. Rundumschläge, wenn die erwünschte Leistung nicht erreicht wurde, richteten eher Schaden an, als dass sie nützten.
  • Vertrauen – nach Ansicht von Cachay extrem wichtig. Mit einer persönlichen Bestärkung wie „Du bist mein Mann, du kannst das“ bringe ein Trainer seine Wertschätzung zum Ausdruck.
  • Sympathie – sei immer hilfreich, so Cachay. „Jemanden, den man mag, möchte man nicht enttäuschen und hängt sich besonders rein.“ In der Beziehung zwischen Trainern und Sportlern sei die gesamte Bandbreite vorhanden – „von Kumpel bis Magath“.
  • Wahrheit/Wissen – für viele Sportler sei die Fachkompetenz des Trainers wichtig. Viele Spieler glaubten, ein Trainer müsse auch hochklassig gespielt haben, um Inhalte richtig zu vermitteln, so Cachays Beobachtung. Anderen sei das nicht so wichtig. Für manchen spielten auch gemeinsame Erfolge eine Rolle.

Beschäftigen sollten sich Trainer auch mit der Frage, wie sie mit Konflikten und Widerspruch umgehen. Hierbei werden nach Cachay drei Konfliktebenen unterschieden: Beim Sachkonflikt streiten Trainer und Sportler – wie es der Name schon sagt – über eine Sache. „Jeder darf argumentieren, jeder darf ausreden. Als Ergebnis steht im günstigen Fall ein Konsens.“

Beziehungs- und Machtkonflikte

Missachtung, Antipathie und Verletzung von Personen sind Merkmale von Beziehungskonflikten. Ein Machtkonflikt ist durch die Hierarchie begründet, am Ende bricht die Beziehung auseinander.

Sachkonflikte fördern

Cachays Empfehlung an die Trainer ist eindeutig: „Trainer sollten Sachkonflikte fördern und Macht- und Beziehungskonflikte vermeiden.“ Und: Die Trainer sollten Widersprüche auf Sachebene ernst nehmen. „Im Handball gibt es eine Kultur, nicht zu diskutieren.“ Die sei nicht unbedingt zielfördernd.

Kein allgemeingültiges Konzept

Grundsätzlich gebe es nicht einen, richtigen Weg in der Kommunikation mit den Sportlern. „Wir wollen den Trainern verschiedene Möglichkeiten aufzeigen, wie sie mit schwierigen Situationen umgehen können“, so Cachay. „Es gibt kein allgemeingültiges Konzept“ – und auch nicht die eine, zielführende Einflugschneise in die Köpfe aller Sportler. „Das weiß jeder, der zwei Kinder hat.“