TVB Stuttgart

TVB Stuttgart verpasst die Sensation nur knapp

HANDBALL 2016/17: THW Kiel - TVB 1898 Stuttgart
Enttäuschte Gesichter: Der TVB Stuttgart war in Kiel nah an der Sensation und sitzt nun doch mit leeren Händen da. Jogi Bitter muss seine Mitspieler trösten. © Sascha Klahn

Der Handball-Erstligist TVB 1898 Stuttgart hat die Sensation hauchdünn verpasst: Vor 10 285 Zuschauern musste sich das abstiegsgefährdete Team von Trainer Markus Baur am Sonntagnachmittag beim THW Kiel mit 24:25 geschlagen geben. Der Rekordmeister zitterte sich im über 60 Minuten spannenden Spiel gegen den starken TVB mit etwas Glück ins Ziel.

Nach dem furiosen Einzug ins Viertelfinale der Champions League bei den Rhein-Neckar Löwen am Donnerstag waren die Fans des THW Kiel vor dem Spiel gegen den TVB in prächtiger Feierlaune. In der Liga hatten die Zuschauer einen relativ entspannten Nachmittag erwartet gegen den krassen Außenseiter aus Stuttgart. Am Ende mussten die Kieler jedoch froh sein, beide Punkte im hohen Norden behalten zu haben. Der TVB setzte dem THW bis zur letzten Sekunde ordentlich zu und hätte sich um ein Haar einen Bonuszähler geklaut: Der finale Wurf von Mimi Kraus zwei Sekunden vor der Schlusssirene fand nicht den Weg ins Tor zum 25:25-Ausgleich.

Bitter in den ersten 30 Minuten überragend 

Der TVB startete selbstbewusst in die Partie gegen den THW, der auf die angeschlagenen Steffen Weinhold und Domagoj Duvnjak verzichtete. Zweimal bediente Kraus am Kreis Simon Baumgarten, dazwischen traf Dominik Weiß. Und der in den ersten 30 Minuten überragende Torhüter, Jogi Bitter, hielt den Siebenmeter von Marko Vujin. Nach drei Minuten führten die Gäste mit 3:1.

TVB auf Augenhöhe 

Aus dem Feld heraus zeigte sich Vujin treffsicherer. Der Rückraumspieler und der Kreisläufer Ilija Brozovic drehten die Partie zum 6:5 nach neun Minuten. Es entwickelte sich ein flottes Spiel, in dem sich der TVB überraschenderweise auf Augenhöhe bewegte. Der TVB blieb auch nach dem 9:7 von Christian Sprenger (13.) dran, bereitete dem Heimteam mit einer konzentrierten und aggressiven Deckungsarbeit und guter Abschlussquote große Schwierigkeiten. Nach einer Viertelstunde bat der Kieler Trainer Alfred Gislason seine Spieler zur Auszeit und brachte im Tor Niklas Landin für Andreas Wolff, der das Duell gegen Bitter bis dahin klar verloren hatte.

Favorit traf acht Minuten lang nicht 

Die Unterbrechung indes fruchtete nicht – im Gegenteil: Mit einem Doppelschlag markierte Michael Schweikardt den 9:9-Ausgleich (19.), und nach dem 10:10 durch Patrick Wiencek verlor der Favorit völlig den Faden. Acht Minuten gelang den Kielern kein Treffer mehr. Schweikardt bediente Kraus per Kempatrick, der zum 11:10 für den TVB traf. Bitter parierte auch den Siebenmeter gegen Raul Santos. TVB-Coach Baur schickte fortan den siebten Feldspieler auf den Platz, womit der THW seine liebe Müh’ und Not hatte. Bobby Schagen und Kraus brachten den TVB mit 13:10 in Führung (28.). Diesen verdienten Drei-Tore-Vorsprung verteidigte das Team beim 15:12 zur Pause.

Kiel nach der Halbzeit stark

Der Kieler Trainer Alfred Gislason hatte seinem Team in der Halbzeit vermutlich ordentlich die Leviten gelesen, jedenfalls kehrten seine Spieler deutlich entschlossener aufs Spielfeld zurück. Landin musste seinen Platz im Tor wieder für Wolff räumen. Und die Nummer eins der deutschen Nationalmannschaft sollte zum entscheidenden Faktor für sein Team werden. Der TVB, im ersten Spielabschnitt mit einer starken Trefferquote von 80 Prozent, scheiterte nun gleich reihenweise am Keeper. Binnen sechs Minuten schnappten sich die Kieler mit einem 6:1-Lauf beim 18:16 die erste Zwei-Tore-Führung.

TVB ließ sich nicht abschütteln 

In dieser Phase hatte der TVB der Wucht und individuellen Klasse der Kieler nur wenig entgegenzusetzen. Nach Nikola Bilyks Doppelschlag zum 22:18 (46.) schien die Partie in die erwartete Richtung zu laufen. Der TVB zeigte jedoch sein großes Kämpferherz und ließ sich, trotz weiterhin mäßiger Wurfquote, nicht abschütteln. Trainer Baur setzte weiterhin auf die Taktik des siebten Feldspielers. Der THW zeigte nach der 23:20-Führung (50.) noch zweimal vom Siebenmeterstrich gegen Bitter Nerven. Nach zwei Toren von Marian Orlowski waren die Gäste beim 23:22 wieder dran – und der Favorit musste sieben Minuten vor dem Ende zittern.

Die Schlussphase

In der Schlussphase durften sich die Kieler bei Wolff und dem ebenfalls starken Vujin bedanken – und hatten auch das Glück auf ihrer Seite. Vujins 24:22 beantwortete Weiß mit dem 24:23 (57.). Im folgenden Angriff landete Vujins Wurf in Wembley-Manier an der Latte und von dort offensichtlich knapp hinter der Linie zum 25:23 im Tor. Felix Lobedank hielt beim 25:24 die Hoffnung auf einen Punkt am Leben.

45 Sekunden vor dem Ende legte Gislason erneut die Grüne Karte. Nachdem Bitter beim letzten Wurf zur Stelle war, blieben dem TVB bei einem Freiwurf noch zwei Sekunden. Der Pass landete bei Kraus, dessen Wurf vom Block des THW so abgefälscht, dass er ungefährlich wurde.

Starke Leistung macht Hoffnung im Abstiegskampf

So schrammte der TVB 1898 nach einer couragierten Vorstellung nur knapp an der großen Überraschung vorbei. Die über weite Strecken starke Leistung macht aber Hoffnung im Abstiegskampf.

So wurde gespielt: 

TVB 1898 Stuttgart: Bitter, Mathes; Schimmelbauer (1), Lobedank (2), Weiß (3), Schagen (3/1), Schweikardt (3), Kraus (5), Coric, Baumgarten (3), Fotache, Kretschmer, Orlowski (2), Celebi (2).

THW Kiel: Landin, Wolff; Toft Hansen (1), Lackovic, Sprenger (2/1), Dissinger, Wiencek (3), Zeitz, Dahmke (3), Brozovic (3), Vujin (6), Bilyk (4), Nilsson (3), Santos.

Ausschnitte vom Spiel gibt es auf zvw.de/sportvideos

 

Das sagen die Trainer: 

Alfred Gislason, Trainer des THW Kiel: „Das war heute so ein Spiel von uns, wie ich es befürchtet habe. Man hat schon gemerkt, dass einige Spieler sehr müde waren. Bis zur Halbzeit haben wir keinen Zugriff auf den Angriff der Stuttgarter bekommen. In der zweiten Halbzeit haben wir einige leichte Tore gemacht und hatten einen starken Torhüter.“

Markus Baur, Trainer des TVB 1898 Stuttgart: „Wir wussten, dass der Zeitpunkt vielleicht ganz gut ist, heute hier zu spielen. Ich fand’s von meiner Mannschaft einen Riesenauftritt. Wir waren sehr engagiert und kampfstark und haben den Gegner permanent unter Druck gesetzt. Die erste Halbzeit war, was die Quote betrifft, mit das Beste, was wir abgeliefert haben in dieser Saison. Da waren so gut wie keine Fehler drin. In der zweiten Halbzeit hat Kiel gezeigt, dass es nicht lange braucht, ein Spiel zu drehen. Da ging’s für uns zu schnell, dass wir zwei, drei Tore hinten waren. Trotzdem hatten wir einmal oder zweimal die Chance den Ausgleich zu machen.“