TVB Stuttgart

TVB-Trainer Markus Baur über die kommende Saison

BauerM6_0
Trainer Markus Baur vom TVB 1898 Stuttgart. © Leonie Kuhn

Ein Weltmeister im Tor, einer im Rückraum und einer im Regie-Sessel: Johannes Bitter, Michael Kraus und der Trainer Markus Baur sollen dafür sorgen, dass der TVB 1898 Stuttgart auch die zweite Saison in der ersten Handball-Bundesliga übersteht. „Es darf keiner glauben, dass wir jetzt in anderen Sphären schweben“, sagt Baur. „Wir werden gegen den Abstieg kämpfen.“

Video: Markus Bauer über die kommende Saison.

Emotionale Momente hat Markus Baur  in seiner langen Karriere viele erlebt. Höhepunkt war zweifellos der Weltmeistertitel 2007 im eigenen Land, für Gänsehaut sorgte auch sein Abschiedsspiel zwei Jahre später in der ausverkauften Porsche-Arena. So gesehen, schließt sich am Sonntag in einer Woche der Kreis für den 45-Jährigen: An gleicher Stätte wird er gegen den THW Kiel sein Punktspiel-Debüt als Trainer des TVB 1898 Stuttgart feiern.

TVB ist "interessante Aufgabe"

Für den einen oder anderen mag diese Liaison eine kleine Sensation sein, für Baur nicht. „Ich habe schon vor einiger Zeit zu meiner Frau gesagt, Stuttgart wäre eine interessante Aufgabe“, sagt er. „Ich fand das von Anfang an ein super Projekt.“

Baur wurde mit dem TVB 1898 Stuttgart schon in Verbindung gebracht, als die Trennung von Trainer Thomas König – zumindest offiziell –, noch kein Thema war beim Aufsteiger des Vorjahres. „Das ist normal, wenn ein Trainer frei ist wie in meinem Fall“, sagt Baur.

Baur trainierte zuvor die deutsche Junioren-Nationalmannschaft

Wobei: Wirklich verfügbar war Baur nicht. Der Schweizer Erstligist Kadetten Schaffhausen hatte zwar Ende 2015 die Zusammenarbeit mit ihm beendet, arbeitslos indes war Baur nicht. 2012 hatte er die deutsche Junioren-Nationalmannschaft übernommen, der Vertrag war bis 2018 datiert. Der TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt klopfte trotzdem bei seinem „Wunschtrainer“ an, der wiederum nicht abgeneigt war.

Der DHB signalisierte, dass er Baur vorzeitig freigeben würde, falls er in die Bundesliga zurückkehren wolle. Eine Doppel-Anstellung als Vereins- und Nationaltrainer, wie während Baurs Engagement in der Schweiz, stand von vorneherein nicht zur Debatte, weil es die Regularien nicht zulassen: Ein DHB-Trainer darf nicht gleichzeitig für einen deutschen Erstligisten verantwortlich sein. Eine Ausnahme machten die Funktionäre einst beim Männer-Trainer Dagur Sigurdsson, der parallel die Füchse Berlin trainierte.

Konflikt: EM und Vorbereitung

Der Zusammenarbeit zwischen Baur und dem TVB stand demnach nichts mehr im Weg, doch der Coach steckte in einer Zwickmühle. „Für mich war’s kein Thema, sofort aufzuhören beim DHB“, sagt er. Schließlich stand die Junioren-Europameisterschaft im Juli und August in Dänemark vor der Tür. Die EM überschnitt sich damit zu großen Teilen mit der Vorbereitung des TVB, unter anderem mit dem Trainingslager in Südtirol. „Wir mussten schauen, wie wir die Kuh vom Eis bringen“, so Baur. Er instruierte seinen Co-Trainer Karsten Schäfer, der in Baurs Abwesenheit die Verantwortung hatte. „Ich bin mit einem guten Gefühl zur EM gefahren und habe mich voll auf diese Aufgabe konzentrieren können.“

Beinahe hätte es in Dänemark zum großen Wurf gereicht, im Finale gegen Spanien musste sich die DHB-Auswahl erst in der Verlängerung mit 29:30 geschlagen geben. Baur ist trotzdem stolz auf sein Team, das einen „attraktiven und erfolgreichen“ Handball gespielt habe.

Ziel ist der erneute Ligaverbleib

Ansehnlichen Sport und ausreichend Punkte wünschen sich auch die Verantwortlichen des TVB 1898 Stuttgart. Jürgen Schweikardts Vertrauen in den neuen Trainer ist groß, er lobt ihn in den höchsten Tönen. Baur sei ein exzellenter Fachmann und Kenner der Handballszene und verfüge zudem über hervorragende Kontakte, sagt der Geschäftsführer. Der neue Coach soll den TVB zunächst auf die nächste Ebene hieven. Primäres Ziel ist der erneute Ligaverbleib, verbunden jedoch mit einer sichtbaren Weiterentwicklung der Mannschaft. Schließlich soll der TVB 1898 Stuttgart zum festen Bestandteil der besten Handball-Liga der Welt werden.

Etat wurde aufgestockt

Um hier mithalten zu können, ist eine gewisse finanzielle Grundlage vonnöten. Jürgen Schweikardt und sein Team haben dafür ordentlich geschuftet: Der Etat wurde von 2,5 auf über 3,5 Millionen aufgestockt. Mit der Fellbacher Firma Wohninvest hat der TVB zum ersten Mal einen Co-Sponsor, insgesamt zählt der Sponsoren-Pool mittlerweile über 200 Partner. Dass die Euphorie im Umfeld groß ist, zeigt auch der Dauerkartenverkauf: 1950 Fans haben sich im Vorfeld ihre Tickets gesichert, 450 mehr als in der vergangenen Saison.

Das Projekt TVB 1898 Stuttgart scheint also zu gedeihen, und der neue Mann in der Schaltzentrale soll das zarte Pflänzchen kräftig und nachhaltig düngen. Markus Baur freut sich „riesig“ auf seine neue Aufgabe, die zugleich eine große Herausforderung ist.

Der TVB muss deutlich zulegen

„Im zweiten Jahr nach dem Aufstieg darf keiner glauben, dass wir jetzt in anderen Sphären schweben“, sagt er. „Wir wissen sehr wohl, dass es schwer wird mit dem Ligaverbleib.“ Der TVB müsse deutlich zulegen, sagt Baur – und erinnert daran, dass das Team in der ersten Saison ohne den Absturz des HSV abgestiegen wäre. „Für viele Spieler war die erste Liga Neuland, sie haben sich mit der Umstellung schwergetan.“ Mit der mageren Ausbeute von 14 Punkten jedenfalls, da ist sich der Coach sicher, wird der TVB sein Ziel dieses Mal nicht erreichen. Die Aufsteiger Coburg, Minden und vor allem Erlangen schätzt er stark ein, und eine erneute Insolvenz sei nicht zu erwarten. „Wir müssen gegen unsere sechs, sieben direkten Konkurrenten zu Hause gewinnen. Wir brauchen mehr Konstanz in unseren Spielen – und wahrscheinlich mindestens 20 Punkte.“

Dafür sorgen sollen unter anderem die Göppinger Neuzugänge Felix Lobedank (32) und Michael Kraus (32). „Das sind gestandene Spieler, die schon alles mitgemacht haben.“ Kraus und Baur teilten sich bei der WM 2007 die Spielmacherrolle, sie kennen sich also bestens. „Ich weiß, dass Michael große Lust hat auf dieses Projekt. Er muss aber damit umgehen lernen, dass jetzt viele Leute auf ihn schauen.“

Jogi Bitter: Ein wichtiger Faktor

Sehr gefreut hat sich Baur über die Vertragsverlängerung eines anderen Nationalmannschafts-Weggefährten, der im Januar vom insolventen HSV Hamburg zum TVB kam. „Jogi Bitter wird im Tor ein wichtiger Faktor sein – vorausgesetzt, die Abwehr funktioniert.“ Auf die Stabilisierung der Defensive hat Baur in der Vorbereitung viel Zeit verwendet. Grundformation wird 6:0 sein, „wir haben genügend Spieler mit Masse und Körper“. Aus dieser Grundformation soll’s zügig nach vorne gehen.

Die physischen Voraussetzungen für ein Abwehrbollwerk hatte der TVB auch in der vergangenen Saison, es wirkte bisweilen jedoch etwas schwerfällig. „Die Spieler müssen nicht nur schnell auf den Beinen sein, sondern auch im Kopf“, so Baur. Im Grunde sei’s recht einfach: Wer frühzeitig die Räume klein mache, müsse nicht so viel laufen.

Variationsmöglichkeiten trotz Ausfällen

„Ich denke, wir haben eine gute Mischung und etliche Variationsmöglichkeiten“, sagt Baur. „Wir müssen sehen, was am besten zusammenpasst.“ Zum Saisonstart indes wird zumindest der Rückraum nicht so aufgestellt sein, wie ihn sich der neue Trainer vorstellt: Lobedank hat sich im Saisoneröffnungsspiel gegen die Löwen den Daumen gebrochen und wird vier bis sechs Wochen fehlen. Glück hatte Kraus, der nach seiner Knieverletzung wahrscheinlich wieder rechtzeitig genesen sein wird. Dasselbe gilt für Michael Schweikardt (Muskelfaserriss). Das größte Sorgenkind ist Djibril M’Bengue. Wann der wurfgewaltige Linkshänder sein Comeback feiern wird, ist ungewiss. Er hat nach wie vor Probleme mit der entzündeten Patellasehne. Fit sind die beiden anderen Neuen, Marian Orlowski im linken Rückraum und Bobby Schagen, die in der Vorbereitung einen guten Eindruck hinterlassen haben.

Entscheidend: Die Psyche

Entscheidend für eine erfolgreiche Saison sei, so Baur, dass jeder Spieler seine Rolle kenne und sich auf seine Fähigkeiten konzentriere. Und: Die Spieler müssten den Abstiegskampf annehmen. „Die Psyche ist ganz wichtig.“ Etliche Spieler hätten jahrelang um den Aufstieg gespielt. „Das ist jetzt eine andere Situation, und die ist gar nicht so einfach.“

Markus Baur

  • Markus Baur (45) ist in Meersburg am Bodensee geboren, verheiratet und Vater einer Tochter und zweier Söhne.
  • Mit dem Handballspielen begann er beim TSV Mimmenhausen, erste Profi-Station war der VfL Pfullingen. Es folgten die SG Wallau-Massenheim, der TV Niederwürzbach, die HSG Wetzlar und der TBV Lemgo, mit dem Baur 2003 Deutscher Meister wurde.
  • In 228 Länderspielen erzielte der zweimalige Handballer des Jahres Deutschlands 712 Tore. Mit der Nationalmannschaft wurde er 2003 Vize-Weltmeister, 2004 Europameister sowie 2007 Silbermedaillengewinner bei den Olympischen Spielen und Weltmeister im selben Jahr.
  • Als Trainer arbeitete Markus Baur bei Pfadi Winterthur (Spielertrainer 2007), TBV Lemgo (2008 bis 2009), TuS Nettelstedt-Lübbecke (2010 bis 2012) und Kadetten Schaffhausen (2013 bis 2015).
  • Von 2012 bis August 2016 coachte Baur die deutsche Junioren-Nationalmannschaft, mit der er im August in Dänemark Vize-Europameister wurde.