TVB Stuttgart

Urgestein Alexander Heib beendet Karriere beim TVB Stuttgart und blickt zurück

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„Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal in der Bundesliga spielen würde.“ Alexander Heib ist ein Paradebeispiel dafür, wie es ein Spieler mit Talent, Ehrgeiz und großem Einsatz ganz nach oben schaffen kann. © Ralph Steinemann Pressefoto

In der Zeit, als die Bittenfelder Handballer noch mit wehender Mähne und Stirnband übers Spielfeld flitzten, hielt Alexander Heib als Spielmacher die Fäden in der Hand. Mit 17 Jahren feierte er sein Debüt im Regionalligateam. Den Bittenfelder Weg bis in die erste Liga hat er wesentlich mitgeprägt. Mit 35 Jahren ist nun Schluss, der Körper macht nicht mehr mit. Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Thomas Wagner erinnert sich „Heibi“ an Höhepunkte und Fehlentscheidungen seiner Karriere.

Herr Heib, mit 35 Jahren darf ein Handballer ans Aufhören denken. Trotzdem kam Ihr Karriereende überraschend.

Eigentlich wollte ich noch ein Jahr spielen, aber reduzierter. Nun macht mein Körper leider nicht mehr mit. Unter den Umständen ist die aktive Karriere abrupt beendet.

Und wie geht’s jetzt weiter?

Die Karriere nach der Karriere hat jetzt meine volle Aufmerksamkeit. Die Handball-B-Lizenz und die DOSB-Athletiktrainerlizenz habe ich bereits, da bin ich gut ausgestattet. Seit dem 1. Juli erweitere ich meinen Horizont bei der Debeka Krankenversicherung und bin schon fleißig bei der Arbeit. Im März 2023 werde ich voraussichtlich meinen IHK-Versicherungsfachwirt absolvieren. Somit hätte ich ein tolles Paket für die Zukunft.

Was genau ist das Problem mit Ihrem Körper?

Er kommt an seine Grenzen. Die rechte Schulter, die rechte Hüfte und im April kam im rechten Knie ein erneuter Einriss am Außenmeniskus dazu, den ich im Sommer 2014 habe reparieren lassen. Die Pufferfunktion ist entsprechend gering. Jetzt geht es um die Gesundheit, da hat falscher Ehrgeiz keinen Platz. Normaler Freizeitsport sollte aber schon noch möglich sein.

Was ist mit der Schulter?

Trotz Corona-Pause hat sie sich pünktlich zum Saisonstart im Oktober wieder bemerkbar gemacht, im November bekam ich große Probleme. Schleimbeutelentzündung mit möglichen kleineren Einrissen an der Supraspinatussehne war die Diagnose. Ähnlich wie 2015, direkt nach dem Aufstieg, da hatte ich ein Loch in der Supraspinatussehne. Da war sieben Monate nichts mit Handballspielen.

Das war’s aber mit größeren Verletzungen in Ihrer Karriere, oder?

Fast. 2019, eine Woche vor Saisonbeginn, hatte ich einen Adduktorenabriss im rechten Oberschenkel, am Hüftgelenk. Der ist ein bisschen untergegangen wegen Corona und dem Lockdown. Ich hatte fünf Nachoperationen, weil sich am Anker eine Entzündung beziehungsweise Fistel gebildet hatte. Ich war fünf, sechs Monate raus und habe im Januar 2020 zwei oder drei Spiele gemacht, allerdings mit einem kleinen Loch an der Leiste. Selbst in der Corona-Zwangspause heilte die Entzündung nicht aus. Im Januar 2021, also eineinhalb Jahre nach der ersten Operation, hat sich zum Glück ein Spezialist in der BG-Klinik Tübingen gefunden, der das Problem lösen konnte. Das war die letzte Operation. Da dachte ich, es geht nix mehr, es kam alles zusammen.

Sie haben 30 Jahre Handball gespielt. Sind die Verletzungen auf die Dauerbelastung zurückzuführen?

Von 2005 bis 2014 bin ich echt gut durchgekommen. Ein bisschen Glück brauchst du immer. Da ist sicher auch Verschleiß dabei. Dennoch waren die großen Verletzungen alle in einem Pflichtspiel mit Gegnerkontakt. Ein externer Faktor, der sich nicht berechnen lässt. Dazu kommt die Intensität in den Zweikämpfen, da prallen extreme Kräfte aufeinander. Im Grunde könnte man meine rechte Körperhälfte komplett austauschen.

Sind Sie stolz auf Ihre Karriere?

Um ehrlich zu sein, schon. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Bundesliga spielen würde – und mit dem TVB schon gar nicht. Ich habe viel Zeit und Arbeit reingesteckt und das Glück etwas erzwungen. Wenn ich zurückdenke, kommt mir immer wieder der Name Günter Schweikardt in den Kopf. Er hat die jungen Spieler stets gefördert und unterstützt. Auch in schwierigen Zeiten. Das wäre heutzutage nicht mehr machbar.

Wie sah die Unterstützung im Detail aus?

Wir hatten damals den Vorteil, dass wir in der Regionalliga spielten. Günter hat immer zwei, drei Kaderplätze frei gelassen für die eigenen Talente. Das war super. Ich glaube, ohne ihn hätte es für die meisten von uns nicht gereicht. Du brauchst einfach einen, der dir vertraut und dir Zeit gibt.

Talent mussten die jungen Spieler aber mitbringen.

Wir waren alle handballverrückt und jeden Tag in der Halle. Mein Vater hat viel, wenn nicht sogar alles für mich möglich gemacht. Er hat mich mittwochnachmittags nach Göppingen ins Training gefahren, unterwegs haben wir noch den Schöbinger eingepackt. Er hat sich jede Trainingseinheit angeschaut und die Inhalte im Vereinstraining in Bittenfeld am Abend wiederholt. Es war eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Wir hatten einfach ein geiles Umfeld beim TVB, eine tolle Truppe. Ich habe nur mit Kumpels zusammengespielt– auch später bei den Aktiven. Jürgen Schweikardt war damals mit meinem Vater zusammen mein Jugendtrainer, dann habe ich mit ihm zusammengespielt. Er hat den Laden und die Mannschaft immer zusammengehalten. Natürlich mussten wir in unserer Freizeit auf vieles verzichten. Spontane Urlaube oder Tagesausflüge waren nicht möglich. Das war manchmal schwierig, aber alles einem Ziel untergeordnet.

Können Sie sich noch an ihr Debüt in der ersten Mannschaft erinnern?

Klar, das war 2004 in der Regionalliga in Köndringen. Wir haben verloren, es war ein hitziges Spiel. Ich musste einen Spieler manndecken. Der hat mich ein paarmal verarscht, das war nicht so toll. Nach und nach hat es sich aber entwickelt. Lustigerweise habe ich in Köndringen auch mein letztes Spiel mit dem Oberligateam gemacht.

Gab’s so etwas wie ein Schlüsselspiel?

Ja, auf alle Fälle. In der Qualifikationsrunde 2005/2006 in der Regionalliga Süd. Wir sind gerade so in die Aufstiegsrunde reingerutscht. Das Spiel gegen Bayreuth war, denke ich, der Knackpunkt auch in meiner Karriere. Gino sagte vor dem Spiel, heute sollen es die Bittenfelder richten, die richtig Bock hatten. Ich durfte anfangen. Wir sind durch einen grandiosen Zehn-Tore-Sieg in die Aufstiegsrunde gekommen und haben da kein Spiel mehr verloren. Zusammen mit Jürgen Schweikardt, Patrick Rothe, Simon Baumgarten und Florian Schöbinger gehörte ich zum Stamm. Da habe ich gespürt: Es ist noch Luft nach oben.

Und dann kam der Aufstieg in die zweite Liga.

Gino hat uns immer gesagt, wenn wir uns ein Jahr halten, dann seid ihr richtige Zweitligaspieler – und wir haben es glücklicherweise im letzten Spiel geschafft. Man vergisst das immer ein bisschen. Aber ich denke, das war im Nachhinein wichtiger als der Aufstieg.

Warum?

Am Anfang der Saison lief es fast zu gut, dann sind wir an unsere Grenzen gestoßen. Es hat kaum noch Spaß gemacht. Wir waren so eine Negativ-Serie nicht gewohnt, die Jahre davor ging es ja fast nur bergauf. Es war schwierig, mit der schlechten Stimmung umzugehen. Es am letzten Spieltag zu packen, das war auch Schicksal. Wer weiß, was passiert wäre mit dem TVB, wenn es runtergegangen wäre. Es gibt einige Beispiel von Vereinen, die nicht mehr hochgekommen sind. Auch ist es fraglich, ob wir zusammengeblieben wären. Auch die Qualifikation zur eingleisigen zweiten Liga war wichtig. Damals waren die Mittel noch andere. Der Verein hat weiterhin vorwiegend auf die eigenen Spieler gebaut, mit gut ausgesuchten Ergänzungen. Man hat dem Projekt Zeit gegeben.

2012 verabschiedeten Sie sich vom TVB und unterschrieben beim Drittligisten Stuttgarter Kickers. Warum eigentlich?

Das war im Nachhinein vielleicht die einzige dumme und schlechte Entscheidung, die ich getroffen habe. Ich hatte damals 2011 im August ein BA-Studium Fitness-Ökonomie in Stuttgart angefangen. Ich musste 36 Stunden arbeiten. Doch der Handball war zwischenzeitlich professioneller geworden. Sechsmal Training, wir reisten durch ganz Deutschland. Ich hatte mir das Pensum nicht zugetraut, ich konnte mich eigentlich ganz gut einschätzen. Und bei allem Ehrgeiz: Weniger trainieren und trotzdem spielen, das konnte ich noch nie leiden. Privat war’s eine gute Entscheidung, allerdings hätte ich vielleicht mit dem Betrieb zu Beginn absprechen sollen, etwas weniger zu arbeiten. Sportlich war’s ein Rückschritt. Ich wollte zwei, drei Jahre weniger machen und danach wieder angreifen. Weniger, aber eigentlich nicht zu wenig. Es sollte schon noch Leistungs-Amateursport sein. Ich war da ja erst 25 Jahre alt.

Sie haben für die Kickers kein Spiel gemacht, der Club ging insolvent.

Ich war nicht ein einziges Mal im Training, nicht mal im Probetraining. Ich habe mit dem Trainer Mike Wolz zweimal und einmal mit Seppo Seitner telefoniert, der wie Philipp Schöbinger, Dennis Saur, Benjamin Röhrle und Marcel Lenz bei den Kickers spielte. Das war eine richtig coole Mannschaft. Es hätte sicher Spaß gemacht.

Wie ging’s weiter?

Ich stand blöd da. Ich hatte eine eigene Wohnung und damit gewisse Fixkosten. Ich hätte entweder wieder nach Hause ziehen können oder ich musste einen Verein finden. Und wie gesagt, es sollte auch ein Ziel geben. So bin ich über Umwege zum VfL Waiblingen gekommen, da war das Ziel, Aufstieg in die Oberliga.

Als Bittenfelder zum VfL Waiblingen: Das ist ziemlich mutig.

Das war für beide Seiten nicht ganz einfach. Mit Steffen Leßig, Thomas Schmid und Jörg Heinz hatte ich ein gutes Verhältnis. Auch die Mannschaft hat mich gut aufgenommen. Trotzdem war’s irgendwie ein komisches Gefühl. Dass wir in der Vorrunde gegen den TVB II verloren haben, war auch kein schönes Erlebnis. Wir hatten eine gute Mannschaft, aber es waren definitiv nicht die besten Monate in meiner Karriere.

Nach der Hinrunde war Schluss in Waiblingen, und plötzlich wurden Sie zum Erstligaspieler. Wie kam’s zum Wechsel zum TV Neuhausen/Erms?

An Weihnachten kam es über Umwege zu einem Telefonat mit dem Trainer Markus Gaugisch. Philipp Seitle verließ die Neuhausener im Winter. Also brauchten sie einen neuen Mittelmann. Daraufhin war ich zweimal zum Probetraining, es hat für beide Seiten gepasst. Markus Gaugisch hat mir offen gesagt, dass er mir keine Spielanteile versprechen könne, aber ein top motiviertes und geiles Team. Ich habe ihm gesagt, mir ist es egal, wie viel ich spiele, ich komme.

Neuhausen liegt nicht eben um die Ecke.

Zwischen 55 Minuten bis eineinhalb Stunden habe ich gebraucht von Bittenfeld. Der Verein war in der Entwicklung, das Krafttraining am Vormittag habe ich meist in Winnenden in einem Studio gemacht. Es war eine gute Zeit, wir hatten eine coole Mannschaft. Ich machte meine ersten Schritte in der ersten Liga. Das erste Spiel gegen Minden haben wir gewonnen, ich habe ein paar Minuten gespielt. Die Woche drauf habe ich in Hannover mein erstes Tor erzielt, und das Tor in Kiel war natürlich ein Höhepunkt. Insgesamt waren die Spielanteile okay. Ich habe bis heute Kontakt zum einen oder anderen Spieler.

Neuhausen fehlte ein Punkt zum Ligaverbleib, und auch für Sie war das Abenteuer erste Liga wieder zu Ende.

Neuhausen war eventuell noch eine Option, aber da wäre ich vielleicht dritter Mann auf der Mitte gewesen. Dann wurde der TVB wieder ein Thema. Ich sollte zusammen mit Michael Schweikardt die Rückraummitte-Position besetzen. Es war die richtige Entscheidung. Es waren zwei sehr schöne Jahre. Wir hatten eine tolle Mannschaft, es hat alles gepasst. Mit Platz vier sind wir knapp am Aufstieg gescheitert.

Dann hat’s ja doch noch geklappt.

Ich konzentrierte mich im Aufstiegsjahr komplett auf den Handball, weil ich meinen Bachelor gemacht hatte. Der Aufstieg war das Highlight. Wobei’s für mich persönlich ein bisschen komisch war.

Warum?

Ich hatte schon im Winter Probleme mit der Schulter. Wir beschlossen gemeinsam, die Saison irgendwie durchzuziehen. Das war ein schmaler Grat. Im Fußball, bei einem 28-Mann-Kader, kann man so eine Verletzung auskurieren. Wenn sich bei uns Micha verletzt hätte, wäre keiner mehr da gewesen.

Die Operation nach der Saison war aber unumgänglich.

Ja, das Loch war leider größer geworden. Mir war klar, dass es für mich schwierig werden würde, noch mal Fuß zu fassen. Neuer Trainer, erstes Jahr Bundesliga und Abstiegskampf: Das ist kein Wunschkonzert. Ich hatte in der Rückrunde ein paar Einsätze. Es war irgendwie komisch. Ich hätte gerne gezeigt, was ich kann und wollte herausfinden, ob ich es auch im Oberhaus draufhabe. Ich wurde nie weggeschickt, nie fallengelassen. Das zählt für mich jetzt natürlich mehr.

Durchgestartet sind Sie nicht mehr.

Nein. Irgendwann musste ich entscheiden, ob ich noch einmal etwas anderes probiere oder mit der zweiten Mannschaft etwas aufbaue. Ich hatte den einen oder anderen Gedanken, etwas Verrücktes zu machen, vielleicht in die Schweiz oder so zu gehen und den Horizont erweitere. Andererseits wollte ich auch wertschätzen, was der Verein für mich gemacht hat und etwas zurückgeben. Es waren tolle Jahre mit den Jungs aus der zweiten Mannschaft, wir sind in die Oberliga aufgestiegen. Das war etwas Besonderes für uns. Die Wege werden sich nie ganz trennen. Ich werde dem TVB erhalten bleiben, so lange ich etwas beitragen kann. Ich bleibe im Trainerteam der zweiten Mannschaft und bei der U 15 und meinem Trainerkollegen Manuel Steffan.

Welchen Rat geben Sie einem talentierten Jugendspieler mit auf den Weg?

Gas geben und nie aufgeben. Es ist harte Arbeit und kostet viel Zeit. Aber es lohnt sich, an seine Grenzen zu gehen, um zu sehen, was rauskommt. Nur wenige schaffen direkt den Übergang zu den Aktiven. Die Spieler kommen mit gewissen Erwartungen aus der A-Jugend-Bundesliga und spielen dann in der Oberliga. Vielen Talenten fehlt die Geduld, die Gelassenheit, es über diesen Zwischenschritt zu versuchen. Konstante Leistungen, egal in welcher Liga, müssen das Ziel sein. Ein sehr gutes Beispiel ist aktuell Fynn Nicolaus. Er ist sich für nichts zu schade und wird seinen Weg machen. Solche Typen gibt es selten.

In der Zeit, als die Bittenfelder Handballer noch mit wehender Mähne und Stirnband übers Spielfeld flitzten, hielt Alexander Heib als Spielmacher die Fäden in der Hand. Mit 17 Jahren feierte er sein Debüt im Regionalligateam. Den Bittenfelder Weg bis in die erste Liga hat er wesentlich mitgeprägt. Mit 35 Jahren ist nun Schluss, der Körper macht nicht mehr mit. Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Thomas Wagner erinnert sich „Heibi“ an Höhepunkte und Fehlentscheidungen seiner

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