Wimbledon

«Unfassbar»: Niemeier und Maria fiebern Duell entgegen

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Im Viertelfinale
Hat sich im Achtelfinale durchgesetzt: Jule Niemeier in Aktion. © John Walton
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Stark gespielt
Tatjana Maria steht in Wimbledon im Viertelfinale. © Alberto Pezzali

London (dpa) - Tatjana Maria genoss ihren nächsten Gänsehaut-Coup mit geschlossenen Augen, Jule Niemeier warf ungläubig ihren Schläger auf den Boden. Die beiden deutschen Tennis-Überraschungen haben ihre Sensationsläufe in Wimbledon fortgesetzt und treffen nun im Viertelfinale aufeinander.

Von Rivalität war trotz des bevorstehenden Aufeinandertreffens keine Spur. «Das hätten wir beide unterschrieben, als wir hergeflogen sind», sagte Niemeier beim Pay-TV-Sender Sky. «Ich freue mich extrem zu wissen, dass auf jeden Fall eine deutsche Spielerin im Halbfinale ist.» Es sei «super für Deutschland, dass wir zwei gegeneinander spielen, das hätte am Anfang keiner gedacht», sagte auch Maria voller Freude.

Durch eine große Energieleistung bezwang die zweifache Mutter im Alter von 34 Jahren die an Nummer zwölf gesetzte Jelena Ostapenko mit 5:7, 7:5, 7:5. Keine 30 Minuten später bejubelte die 22 Jahre alte Niemeier vor den Augen von Legenden wie Björn Borg ihr souveränes 6:2, 6:4 auf dem Centre Court gegen die britische Lokalmatadorin Heather Watson. Maria und Niemeier kassieren für ihre Achtelfinal-Erfolge umgerechnet jeweils 360.000 Euro und stehen erstmals überhaupt bei einem Grand Slam unter den besten Acht.

In ihrer bisherigen Karriere hatte Niemeier insgesamt noch nicht so viel verdient. «Es tut mir leid, dass ich heute eine Britin rauswerfen musste», sagte die Dortmunderin entschuldigend mit einem Wimbledon-Handtuch über den Schultern. «Ich bin super-stolz auf mich selbst.»

Sie kenne Niemeier noch gar nicht richtig, berichtete Maria. Zwar spielten beide zusammen beim Tennisclub Bredeney in Essen dieses Jahr in der Bundesliga. «Ich habe sie aber nie wirklich spielen gesehen», sagte Maria.

Im zweiten Satz gegen Ostapenko wehrte sie zwei Matchbälle ihrer Gegnerin ab und holte sich nach 2:07 Stunden den größten Erfolg ihrer Karriere. Nur 15 Monate nach der Geburt ihrer zweiten Tochter Cecilia ist sie im 35. Anlauf so gut wie nie zuvor bei einem Grand-Slam-Turnier. «Es macht mich so stolz, eine Mutter zu sein. Das ist das Beste auf der Welt», sagte sie in ihrer Dankesrede. «Ich liebe meine zwei Kinder.»

Einzug in den elitären «Last 8 Club»

Durch den Erfolg erhalten Maria und Niemeier auch Einzug in den elitären «Last 8 Club» von Wimbledon. Darin sind alle Einzel-Viertelfinalisten und erhalten unter anderem lebenslang Tickets für das prestigeträchtigste Turnier der Welt. «Wow wow wow», bejubelte die deutsche Damen-Chefin Barbara Rittner das deutsche Viertelfinale und attestierte Maria «eine weitere taktische und kämpferische Meisterleistung».

Vor der Partie standen zahlreiche Ex-Champions wie Roger Federer, Stefan Edberg, Chris Evert und auch Angelique Kerber bei der 100-Jahres-Feier des Centre Court auf dem Rasen. «Ich wollte die Show nicht schauen, weil ich ziemlich nervös war», gestand sie. Niemeier fehlen nun nur drei Siege zur absoluten Sensation.

Nach einer ausgeglichenen Anfangsphase gewann die Dortmunderin einen der spektakulärsten Punkte des gesamten Turniers. Nach einer gelungenen Rückhand aus dem Zurücklaufen nach einem Lob riss die Dortmunder beide Arme nach oben, der Punkt zum 2:2 begeisterte auch Legenden wie Billie Jean King und Björn Borg auf der Ehrentribüne.

Mit ihrem starken Aufschlag, der schnellen Vorhand und variablem Spiel dominierte die Weltranglisten-97. das Geschehen. Per feinem Vorhandstopp sicherte sie sich nach nur 27 Minuten den ersten Satz. Der zweite Durchgang geriet enger, doch abgeklärt behielt Niemeier stets die Nerven und nutzte den dritten Matchball.

Der entscheidende Durchgang wurde zur Nervenprobe

Maria hatte deutlich mehr Mühe. Die frühere French-Open-Siegerin Ostapenko kam zu Beginn zwar noch mit der unorthodoxen Spielweise der Deutschen nicht zurecht. Maria blieb mit hoher Laufintensität lange in den Punkten, spielte die Bälle mit unangenehmem Unterschnitt. Langsam gewann die 25 Jahre alte Ostapenko aber an Sicherheit und auch den ersten Satz.

«Ich weiß, dass es eine toughe Gegnerin ist, sie spielt die Bälle sehr, sehr schnell», hatte Maria ihre Kontrahentin vor der Partie analysiert. Beim Stand von 4:5 im zweiten Satz wehrte sie nervenstark die beiden Matchbälle ihrer Gegnerin ab. Ostapenko, die häufig Probleme mit der Konstanz hat, kam aus dem Tritt. Mit einem lauten Schrei feierte Maria das Break zum 6:5, ihr Ehemann und Trainer Charles-Edouard jubelte auf der Tribüne mit beiden Fäusten - wenig später machte sie zu Null den Gewinn des zweiten Satzes perfekt.

Der entscheidende Durchgang wurde zur Nervenprobe. Wieder startete Ostapenko besser, schwankte aber zwischen den Extremen. Wieder kam Maria zurück. Beim Stand von 5:4 und einem Break vor schlug sie zum Matchgewinn auf, Ostapenko glich aus und tippte sich an die Stirn. Maria schaffte erneut das Break - und durfte schließlich jubeln.