Handball im Rems-Murr-Kreis

VfL Waiblingen: Der allzu stille Abschied von Trainer Nicolaj Andersson

Nicolaj Andersson
Der VfL Waiblingen sei für ihn die richtige Wahl gewesen, sagt Trainer Nicolaj Andersson (links, daneben Co-Trainer Adrian Müller, ganz rechts sitzend Aaricia Smits). Er habe sich sehr wohlgefühlt, „doch es gab nicht nur Sonnenschein“. Foto: Steinemann © Ralph Steinemann

Ein junger, unverbrauchter Coach aus Dänemark mit ausbaufähigen Deutschkenntnissen – konnte das gutgehen? Es ist gutgegangen. Nicolaj Andersson hat die Zweitliga-Mannschaft des VfL verbessert, weil er sich selbst stets hinterfragte und weiterentwickelte. Nun wechselt er in die Schweiz und kann sich wegen Corona nicht mal richtig von den Waiblinger Spielerinnen und Fans verabschieden.

„Das ist sehr traurig“, sagt der 32-Jährige. Angesichts der starken Leistungen des VfL vor dem Saisonabbruch, aus 13 Partien gab’s neun Siege, drei Unentschieden und nur eine Niederlage, sei eine noch bessere Saison im Vergleich zum Vorjahr möglich gewesen. Bei Anderssons Debüt waren die Waiblingerinnen mit 32:28 Punkten Sechster geworden. Diesmal holte der VfL aus 22 von 30 Partien schon 29:15 Punkte, die Mannschaft belegt damit in der vorläufigen Abschlusstabelle Rang fünf. Um einen Platz hätte Waiblingen durchaus noch nach oben klettern können, so Andersson.

Am meisten vermisse er den direkten Kontakt zu den Spielerinnen. Es ist nicht einfach so dahergeredet, wenn der Däne sagt: „Die Gruppe finde ich wirklich cool. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht.“ Und er glaube, das beruhe auf Gegenseitigkeit. Der Coach lobt auch die Zusammenarbeit mit dem VfL-Vorstandsmitglied und Sportlichen Leiter Peter Müller. Trotz oft unterschiedlicher Meinungen sei das Verhältnis stets von Offenheit, Loyalität und Respekt geprägt gewesen. Auch insgesamt habe sich der VfL als goldrichtige Wahl erwiesen: „Wir haben uns als Familie wirklich wohl- und immer willkommen gefühlt.“ Das ist sehr schön – es hätte aber auch anders laufen können.

Den unerfahrenen Nicolaj Bredekjær Andersson aus seiner dänischen Heimat zum Zweitligisten Waiblingen zu lotsen, war für beide Seiten ein Risiko. In der Saison 2017/18 hatte der VfL als Aufsteiger eine Achterbahnfahrt hingelegt. Das Experiment mit Jürgen Krause und Kerstin Zimmermann als Trainerduo scheiterte, nach deren Entlassung wurde der VfL mit Interimscoach Rainer Bay noch Achter. Nun sollte Andersson das Team weiter stabilisieren. Und der Verein wollte sein Image, ein Schleudersitz für Trainer zu sein, endlich loswerden.

Der Wechsel in ein anderes Land, die Sprachbarriere, das erste Jahr als hauptverantwortlicher Frauentrainer und das gleich hauptamtlich in der 2. Frauen-Bundesliga: „Das waren viele Herausforderungen für mich“, sagt Andersson. Genau deshalb habe er den Verein aber auch gewählt. „Ich wollte mehr lernen und Erfahrungen sammeln.“ Als größtes Problem sollte sich die Sprache herausstellen.

Es macht Andersson sehr sympathisch, dass er Fehler eingesteht. Es habe nicht nur Sonnenschein gegeben. In seiner ersten Saison in Waiblingen kriselte es nach starkem Beginn zum Teil heftig in der Mannschaft. Während einer Schwächephase büßte sie reihenweise Punkte ein. Andersson sagt, als Kopfmensch denke er viel über Spielkonzepte nach. Doch es haperte daran, diese zu vermitteln. „Am meisten musste ich lernen, wie ich so kommunizieren kann, dass es keine Missverständnisse gibt.“ Er habe Aussagen von Spielerinnen mangels Sprachverständnis manchmal nicht ernst genug genommen und überdies selbst zu wenig geredet. Anderssons Erfahrung: „Der Unterschied zwischen Männer- und Frauenmannschaften ist, dass bei Frauen der Bedarf, Infos zu bekommen, höher ist.“

Obwohl es zwischen Trainer und Team also auch knirschte, wurde es eine ordentliche Saison. Besonders gut seien die abschließenden sechs Wochen gewesen, so der Coach, der ansonsten von sich sagt, sich manchmal zu wenig über Siege und tolle Spiele zu freuen. Andererseits: Wenn unnötig verlorene Punkte einen Trainer nicht ärgern, ist er fehl am Platz.

Auch in Anderssons zweiter Saison fehlte es dem VfL mitunter an der Konstanz. Nach dem 24:25 in Freiburg am fünften Spieltag schwächelte das Team. Erst im Anschluss an das 29:27 gegen den HC Rödertal am zehnten Spieltag war das Team wieder in der Spur. „Das hat ein, zwei Spiele zu lange gedauert“, räumt Andersson ein. Dennoch gelang Waiblingen bis zum Abbruch eine starke Runde, die herausragende Ann Kynast wurde mit 127 Treffern Sechste in der Liga-Torschützenliste.

Vor allem das Spiel über die Außen wurde beim VfL intensiviert, was Tanja Padutsch, Simona Nikolovska, Alina Ridder und Kyra Teixeira da Silva zu Toren verhalf. „Mehr in die Breite zu agieren hat mit einem verbesserten Spielverständnis der Rückraumspielerinnen zu tun“, so Andersson. „Ich bin nicht der Trainer, der alles ansagt, was passieren soll. Bei den schwierigen offenen Übungsformen im Training haben sich alle Spielerinnen sehr verbessert.“ Das wird Anderssons Nachfolger Thomas Zeitz, der den FSV Mainz 05 in die 1. Bundesliga führte, gerne hören.

Der Vertrag von Nicolaj Andersson beim VfL Waiblingen endet am 30. Juni, wegen Corona bekommt der Coach in den letzten Wochen weniger Gehalt. Wie es danach weitergeht, ist unklar. Der Wechsel zum Schweizer Meister LC Brühl steht längst fest. „Aber es gibt keine Planungssicherheit. Meine Familie und ich wissen noch nicht, wo wir wohnen werden, und der Mannschaftskader ist noch nicht zu 100 Prozent komplett.“ Andersson glaubt, dass sich die Lage bis August normalisieren wird. Doch wenn nicht? Selbst ob ein baldiger Besuch bei Familie und Freunden in Dänemark möglich sein wird, steht derzeit in den Sternen. Andersson bleibt also nichts übrig, als zu hoffen. Auch für die verbleibende Zeit in Waiblingen hat er einen Wunsch: „Ich möchte, dass wir uns noch einmal als Mannschaft treffen und miteinander lachen können.“

Ein junger, unverbrauchter Coach aus Dänemark mit ausbaufähigen Deutschkenntnissen – konnte das gutgehen? Es ist gutgegangen. Nicolaj Andersson hat die Zweitliga-Mannschaft des VfL verbessert, weil er sich selbst stets hinterfragte und weiterentwickelte. Nun wechselt er in die Schweiz und kann sich wegen Corona nicht mal richtig von den Waiblinger Spielerinnen und Fans verabschieden.

„Das ist sehr traurig“, sagt der 32-Jährige. Angesichts der starken Leistungen des VfL vor dem

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