Handball im Rems-Murr-Kreis

Von der Landesliga in die Bundesliga: Caren Hammer, Aufstiegsexpertin beim VfL

Hammer
Viel Zeit zum Entspannen wird Caren Hammer in den kommenden Monaten nicht haben. Der Terminkalender der ersten Handball-Bundesliga ist prall gefüllt. Los geht’s am kommenden Samstag, 10. September, um 17.30 Uhr zu Hause gegen Neckarsulm. © Heiko Potthoff

Fünf Aufstiege von der Landesliga bis in die erste Handball-Bundesliga: Das ist die Bilanz von Caren Hammer. In der höchsten deutschen Klasse möchte die 29-jährige Kapitänin des VfL Waiblingen das tun, was ihr seit Jahren großen Spaß macht: die Gegnerinnen ärgern. So sehr, dass es zum großen Ziel reicht, dem Ligaverbleib. „Ich möchte in meiner Vita keinen Abstieg lesen“, sagt sie und lacht.

Natürlich macht es riesigen Spaß, den gegnerischen Torhüterinnen die Bälle um die Ohren zu ballern und nach einem Tor jubelnd abzudrehen. Caren Hammer indes ist beim VfL auch dafür zuständig, dass möglichst wenige Bälle auf den Waiblinger Kasten fliegen. „Ich spiele gerne Abwehr“, sagt sie. Sie mag’s, wenn die Gegenspielerinnen „am Verzweifeln“ sind.

Aufstieg noch nicht realisiert

In der vergangenen Spielzeit hat das so gut funktioniert, dass der VfL förmlich durch die Liga geflogen ist. Im letzten Spiel fegte er den TV Aldekerk mit 43:25 aus der Rundsporthalle und machte den Aufstieg perfekt.

„Wir haben zwar die Meisterschale überreicht bekommen und ein bissle gefeiert, aber an dem Abend habe ich das gar nicht richtig realisiert.“ Richtig verstehen werde sie es vermutlich im ersten Ligaspiel – „wenn ich gegen Neckarsulm auf dem Feld stehe und merke, es ist kein Trainingsspiel, sondern es geht um zwei Punkte“.

Mit fünf Jahren begann Caren Hammer mit dem Handball – als Torhüterin. Bis zum ersten Jahr C-Jugend spielte sie beim EK - heute HC - Winnenden. „Das war eine tolle Zeit, wir machten auch Ausfahrten mit der ganzen Familie.“ Die Eltern waren auch Handballer, Vater Hartmut trainiert heute die Torhüterinnen des Erstliga-Aufsteigers. „Mit meiner Mutter habe ich sogar zusammen in einem Team gespielt“, sagt Caren Hammer und grinst. „Mit 16 Jahren in der ersten Mannschaft.“ Inzwischen allerdings beim SC Korb, und nicht mehr im Tor.

„Ich wollte aufs Feld, am liebsten an den Kreis, doch der war besetzt.“ Also spielte Caren Hammer, unter den Trainerinnen Britta Küchler und Heike Kranacher, im Rückraum. „Von ihnen habe ich megaviel gelernt, wir hatten auch einen super Zusammenhalt.“ Mäggie Wössner und Dieter Gramer waren die nächsten Trainer beim SCK, ehe im Jahr 2014 Jürgen Krause das Team in der Baden-Württemberg-Oberliga übernahm. Mit ihm ging’s rasant bergauf, die Korberinnen schafften den Durchmarsch in die 3. Liga und in der Saison 2016/2017 den Aufstieg in die 2. Liga.

Schock: Aufstiegsverzicht

Theoretisch, denn der SC Korb verzichtete. Nur sieben Spielerinnen waren bereit für die 2. Liga. Hinzu kam die Unsicherheit, ob der Club den Aufstieg finanziell würde stemmen können. In die 2. Liga ging’s für Caren Hammer dennoch – auf Umwegen: Die Lizenz ging mit Hilfe der Gründung der Frauenspielgemeinschaft Waiblingen/Korb an den VfL, für die Hammer und fünf Mitspielerinnen fortan aufliefen.

Im Grunde also für den Konkurrenten aus der Nachbarschaft. „Das war für mich kein Problem“, sagt Hammer. „Ich hab’s nicht so mit Rivalitäten. Mir geht’s ums Handballspielen, und das war hier möglich.“ Hin und wieder habe es ein paar Diskussionen gegeben darüber, welche Spiele in welcher Halle ausgetragen werden. „Am Ende hat es aber ganz gut funktioniert.“

Weniger gepasst dagegen hat die Zusammenarbeit mit den gleichberechtigten Coaches Kerstin Zimmermann und Jürgen Krause, für beide war nach der Saison 2017/2018 Schluss. Die vier Jahre unter Krause bleiben Caren Hammer nachhaltig in Erinnerung. „Jürgen hat in jeder Spielerin etwas gesehen, was man fördern, wo er einen hinbringen kann.“ Und er habe ein besonderes System in den Spielen gehabt. „Nach zehn Minuten bist du rausgekommen und nach weiteren zehn wieder rein. Du hast immer das Vertrauen gespürt, dass du die Chance bekommst, es besser zu machen. Das fand ich sehr gut.“

Um ein Haar hätten sich die Wege von Hammer und Krause schon vorher gekreuzt. Mit 17 Jahren lud Krause, damals Trainer beim Drittligisten TV Mögglingen, die Rückraumspielerin ins Probetraining ein. „Ich denke, das hätte mir gefallen und ich hätte bestimmt sehr viel gelernt“, sagt sie. „Aber das Team in Korb war so cool.“ Sie entschied sich für die Heimat und studierte später in Stuttgart Soziale Arbeit im Gesundheitswesen.

Auf Krause folgte in Waiblingen der ruhige Nicolaj Andersson. „Das war etwas ganz anderes, er hat den Spielerinnen viel Eigenverantwortung übertragen“, sagt Hammer und schmunzelt. Anderssons erste Ansage sei gewesen, dass Alkohol tabu sei und alle achtsam mit ihrem Körper umgehen müssten. „Da haben wir uns erst mal alle angeschaut.“ Nach zwei Jahren trennte sich der Verein von Andersson, es übernahm Thomas Zeitz. Der fand offensichtlich den richtigen Schlüssel und führte den VfL im zweiten Jahr in die erste Liga. Ein riesiger Erfolg für den Verein, aber natürlich auch für Caren Hammer, die damit ihre erstaunliche Karriere krönte.

Keine Profis im Team

Auch wenn von der Fusionsmannschaft nur noch Vanessa Nagler dabei ist, genießt die Kapitänin die Zeit mit ihrem Team. „Natürlich ist viel Bewegung im Kader, aber wenn es mir es keinen Spaß machen würde und ich mich ins Training quälen müsste, würde ich das nicht machen.“

Die Spielerinnen müssten sich untereinander austauschen können, schließlich seien sie viele Stunden beisammen. „Aber es ist auch normal, dass man sich mit der einen Mitspielerin mehr und der anderen weniger unterhält.“ Der Teamgedanke stehe beim VfL nach wie vor an erster Stelle. Es sei keine in der Mannschaft, die 20 Tore werfe in einem Spiel. „Wir brauchen jede Einzelne, deswegen kann man sich als Team sehr gut entwickeln.“

Das muss es sich auch in der kommenden Spielzeit noch, um in der höchsten deutschen Liga zu bestehen. Zumal der VfL auf Profis verzichtet und die Spielerinnen den Sport mit dem Studium oder Beruf unter einen Hut bringen müssen. Caren Hammer ist einer besonderen Belastung ausgesetzt: Im Zentrum für Psychiatrie (ZfP) in Winnenden ist sie unter anderem für die Netzwerkarbeit, Außenberatung, Unterstützung bei der Pflegeheimsuche und die Installation gesetzlicher Betreuer zuständig. „Wir sind da, wenn es brennt“, sagt Hammer. „Das ist schon eine anstrengende Arbeit.“

Da taugen die sieben bis acht Trainingseinheiten plus Spiele am Wochenende wohl kaum als Entspannungsprogramm? In gewisser Weise schon, sagt Hammer. „Meist gelingt es mir, nichts von der Arbeit mit in den Feierabend zu nehmen.“ Dabei helfe ihr der Handball. „Wenn 15 andere Personen erwarten, dass ich voll da bin, habe ich keine Zeit, mir irgendwelche andere Gedanken zu machen.“

Nach dem Training sei der Akku allerdings leer. „Ich habe das Glück, dass mein Mann kocht, wenn ich nach Hause komme“, sagt Caren Hammer und lacht. „Wir unterhalten uns ein bisschen, dann gehe ich gefühlt drei Stunden vor ihm ins Bett.“

Fünf Aufstiege von der Landesliga bis in die erste Handball-Bundesliga: Das ist die Bilanz von Caren Hammer. In der höchsten deutschen Klasse möchte die 29-jährige Kapitänin des VfL Waiblingen das tun, was ihr seit Jahren großen Spaß macht: die Gegnerinnen ärgern. So sehr, dass es zum großen Ziel reicht, dem Ligaverbleib. „Ich möchte in meiner Vita keinen Abstieg lesen“, sagt sie und lacht.

Natürlich macht es riesigen Spaß, den gegnerischen Torhüterinnen die Bälle um die Ohren zu

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