Nationalmannschaft

Vorbild Italien: Neuers forsche Töne zum Flick-Start

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Erstes Training
Neuling David Raum (l) beim ersten Training unter dem neuen Bundestrainer Hans Flick. Foto: Tom Weller/dpa © Tom Weller
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Manuel Neuer
Will unter Hansi Flick auch den WM-Titel holen: DFB-Kapitän Manuel Neuer. Foto: Tom Weller/dpa © Tom Weller
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Flicks Helfer
Auftakt beim DFB: Bundestrainer Hansi Flick (M) mit seinen Assistenztrainer Marcus Sorg (l-r) und Danny Röhl, Individualtrainer Mads Buttgereit sowie Torwarttrainer Andreas Kronenberg. Foto: Tom Weller/dpa © Tom Weller
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Bayern-Youngster
Spielte schon beim FC Bayern unter Flick: Youngster Jamal Musiala. Foto: Tom Weller/dpa © Tom Weller

Stuttgart (dpa) - Mit schwarzer Kappe stand Hansi Flick im Regen und schaute dem engagierten Treiben seiner Spieler auf dem aufgeweichten Rasen zu.

Hin und wieder griff der neue Bundestrainer in die Übungen ein, korrigierte und erklärte. Lautstark hallte am Montagnachmittag seine «Tempo»-Forderung über den Trainingsplatz.

Der Neuaufbau der Fußball-Nationalmannschaft begann mit dem Übungsschwerpunkt schnelles Umschalten und einem noch reduzierten Kader. Zehn der 26 Akteure durften noch im Stuttgarter Teamhotel regenerieren und sollen am Dienstag loslegen. Auch Manuel Neuer schonte seinen leicht blessierten rechten Fuß. Der Torwart erklärte sich aber «spielfällig» für die Premieren-Länderspiele unter Flick.

«Möchten große Ziele erreichen»

Angespornt von der triumphalen Sieben-Titel-Zeit Flick beim FC Bayern löschte Neuer den enttäuschenden EM-Sommer einfach aus und erstaunte zum Neustart mit forschen Tönen. «Wir möchten große Ziele erreichen. Deswegen bin ich weiter dabei. Ich möchte Weltmeister werden mit der Mannschaft», sagte der vom Bundestrainer im Amt bestätigte Kapitän.

Neuers große Worte befeuerten die spürbare Aufbruchstimmung beim Nationalteam nach zwei Frust-Turnieren und dem Fußball-Stillstand in der Endphase von Joachim Löw. Neuer legte die Messlatte für den 56-jährigen Flick mit seinen WM-Ambitionen gleich auf Maximalhöhe.

Es soll alles laufen wie in München, wo Flick im Herbst 2019 Niko Kovac als Chefcoach ablöste und in nur 15 Monaten mit den Bayern zum bestaunten Allesgewinner aufstieg. Für Neuer dient die gemeinsame Bayern-Zeit quasi als DFB-Blaupause. «Für mich ist sehr wichtig, dass wir eine Einheit auf dem Platz sind, dass wir eine Ausstrahlung haben, dass wir aktiv sind und eine sehr hungrige Mannschaft haben, die immer siegeswillig ist und versucht, den größtmöglichen Erfolg rauszuholen», sagte Neuer.

«Komische Situation» für Neuer

Rund 15 Monate sind es auch bis zum 18. Dezember 2022, dem Tag des WM-Endspiels in Katar. Nach zwölf Jahren als Nationalspieler und 104 Länderspielen erlebt Neuer erst den zweiten Bundestrainer. Das sei «schon eine komische Situation», einen DFB-Lehrgang ohne Löw zu erleben, bekannte der 35-Jährige. Der Blick geht aber nach vorne auf die Spiele an diesem Donnerstag in St. Gallen gegen Liechtenstein sowie danach gegen Armenien und Island.

Das neue Vorbild für Deutschland benannte Neuer auch: Es ist der Europameister. «Italien ist eine Einheit gewesen auf dem Platz. Man hat gemerkt, wie aktiv sie waren, wie sie zusammengehalten haben. Es hat wirklich Spaß gemacht, den Italienern zuzuschauen. So muss es bei uns auch werden. Sie haben es uns vorgemacht», sagte Neuer. Es gelte, gegenüber den Fans «etwas gutzumachen». Freude und Spaß an Spielen der Nationalelf sollen wieder «überschwappen in die Wohnzimmer».

Neuer glaubt, dass das fußballerische Können von Flicks Team nur neu aktiviert werden muss. «Ich weiß, welches Potenzial wir wirklich haben in der Mannschaft. Das haben wir bei den letzten Turnieren nicht abrufen können», sagte der Torwart, der die Nummer 1 bleibt.

Flick selbst spricht nicht so offensiv vom WM-Titel. Auch wenn der Auftrag, Deutschland wieder in die Weltspitze zu führen, seinem eigenen Anspruch entspricht. «Ich möchte eine Mannschaft, die lebt, die sich pusht. Wir wollen erfolgreichen, schönen, modernen und aktiven Fußball spielen», sagte er dem ARD-Hörfunk.

Erfolg als Gemeinschaftswerk

Flick sieht Erfolg dabei als Gemeinschaftswerk - und keinesfalls als One-Man-Show. Das belegte gleich der erste Arbeitstag. Flick ist der Chef. Dennoch betont er das «Wir». Und so entsandte er zur ersten Pressekonferenz gleich seinen gesamten Assistentenstab: Also Danny Röhl, den er als Co-Trainer und engen Vertrauten vom FC Bayern mitgebracht hat, Torwartcoach Andreas Kronenberg vom SC Freiburg, den dänischen Standard-Spezialisten Mads Buttgereit sowie als Konstante Marcus Sorg, der schon Löw treu als Assistent diente.

«Hansi legt großen Wert darauf, als Team zu agieren», sagte der 32 Jahre alte Röhl. «Alle, die hier im Boot dabei sind, sind gefragt», betonte Flick, Spieler, Trainer und Betreuer. Beim FC Bayern verfuhr er ähnlich, schuf ein Klima für Erfolg. Flick fühlt sich im DFB-Job an seine Anfänge in München erinnert. Er hat kaum Zeit und muss sofort liefern. «Wir haben hier wenig Tage. Genauso war es bei Bayern München. Da waren es auch zwei Trainingseinheiten bis zum ersten Spiel», erinnerte Flick.

Im November 2019 gelang ihm als Bayern-Chefcoach ein Topstart: Auf ein 2:0 gegen Olympiakos Piräus in der Champions League folgten zwei 4:0-Siege in der Bundesliga gegen Borussia Dortmund und Düsseldorf. Gegen Liechtenstein, Armenien und Island sind nun auch «neun Punkte» die von ihm formulierte Vorgabe. Gelingen soll das mit Fußball, der Spaß machen soll. Röhl formulierte «drei große Schlagworte» für die ersten zehn Flick-Tage mit dem Nationalteam. «Tempo, Intensität und Aktivität» sollen zum Markenkern des Fußballs à la Flick werden.

Drei Neulinge, erfahrenes Gerüst

Auch wenn viele neugierige Blicke beim Neubeginn den erstmals nominierten U21-Europameistern Nico Schlotterbeck (21) vom SC Freiburg, David Raum (23/Hoffenheim) und Torjäger Karim Adeyemi (19) vom österreichischen Serienmeister Red Bull Salzburg gelten, wird Flick erstmal ein erfahrenes Gerüst bilden. Und sich da vor allem beim starken und ihm bestens vertrauten Bayern-Block bedienen, mit Neuer im Tor, Joshua Kimmich und Leon Goretzka als Herzstück im Mittelfeld sowie Thomas Müller als Chef der Offensivabteilung. «Eine Achse ist immer wichtig, für jede Mannschaft», betonte Neuer.

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