Dortmund gegen Wolfsburg

Wankender BVB unter Zugzwang - «Einiges wiedergutmachen»

Michael Zorc
Der Dortmunder Sportdirektor Michael Zorc hofft auf einen Sieg gegen den VfL Wolfsburg. Foto: Friso Gentsch/dpa © Friso Gentsch

Dortmund (dpa) - Michael Zorc wirkte ähnlich ernst wie Politiker bei der Neujahrsansprache. Aus Frust über die dürftigen Leistungen des Teams in den vergangenen Wochen fand der Sportdirektor von Borussia Dortmund gleich am ersten Tag des Jahres in einem Interview mit dem clubeigenen TV deutliche Worte.

«Wir müssen versuchen, einen neuen Geist auf den Platz zu bringen. Mit dem fünften Rang sind wir hier alle nicht zufrieden. Da hinken wir unseren Ansprüchen hinterher», sagte er voller Hoffnung auf einen Sieg im Spiel am Sonntag (15.30 Uhr/Sky) gegen den zwei Punkte besseren VfL Wolfsburg.

Der Auftritt von Zorc macht Sinn. Schließlich läuft der noch vor der Saison als Titelaspirant gehandelte BVB Gefahr, dass die gerade in der Corona-Krise wichtige Einnahmequelle Champions League versiegt. Zudem stehen allein im Januar schwere Partien gegen die Topteams aus Wolfsburg, Leipzig, Leverkusen und Gladbach an. «Das ist ein ganz wichtiger Monat, das sind richtungsweisende Spiele», kommentierte der Sportdirektor und fügte hinzu: «Wolfsburg ist nicht umsonst Vierter. Das wollen wir am besten sofort am Sonntag ändern.»

Dass die Partie in Dortmund stattfindet, scheint derzeit eher ein Nachteil zu sein. Kaum ein anderes Team leidet mehr unter der tristen Geisterspiel-Atmosphäre. Das von den Gegnern einst gefürchtete größte Bundesliga-Stadion ist zu einem Selbstbedienungsladen geworden. Von saisonübergreifend acht Partien ohne Zuschauer gingen sechs verloren. Aus den vergangenen drei Heimduellen mit dem FC Bayern (2:3), 1. FC Köln (1:2) und VfB Stuttgart (1:5) verbuchte die Borussia keinen Punkt. Dagegen hatte der BVB im Beisein von Fans unter der Regie des mittlerweile freigestellten Trainers Lucien Favre in 32 Partien nur einmal verloren. Die verloren gegangene Heimstärke ist für Zorc ein Indiz für «eine Abwärtsdynamik».

Ein Erfolg über Wolfsburg könnte helfen, die Verunsicherung zu vertreiben. Erstmals seit seinem Amtsantritt am 13. Dezember hatte der Favre-Nachfolger Edin Terzic mehr Zeit, sein Team auf ein Spiel vorzubereiten. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit ging es fünf Tage lang um die Aufarbeitung der Defizite. «Wir wissen, wir müssen einiges wiedergutmachen», sagte der 38 Jahre alte Coach, «jetzt geht es darum, sich um die Tabelle zu kümmern und deutlich mehr Spiele zu gewinnen. Das fängt am Sonntag an.»

Das Comeback von Erling Haaland schürt die Zuversicht. Der norwegische Torjäger, der sich Anfang Dezember einen Muskelfaserriss zugezogen hatte, könnte die Flaute im Angriff beenden. Ohne den 20 Jahre alten Norweger, der in seinen bisherigen acht Bundesliga-Partien zehnmal traf, tat sich der BVB in der Offensive schwer. «Er ist für uns ein extrem wichtiger Spieler - nicht nur wegen seiner Tore, sondern auch durch seine Präsenz auf dem Platz», schwärmte Terzic am Samstag, «wir sind guter Dinge, dass er morgen wieder performen kann.»

Dagegen muss der BVB auf das 16 Jahre alte Sturmtalent Youssoufa Moukoko (Knie) verzichten. «Er wird nicht rechtzeitig fit. Aber wir hoffen, dass es für nächste Woche reicht», sagte Terzic. Der Einsatz des ebenfalls leicht angeschlagenen Mittelfeldspielers Jude Bellingham ist fraglich.

Zorc hofft derweil bei aller Rivalität auf einen Klassenerhalt des FC Schalke 04. «Grundsätzlich wünsche ich schon, dass Schalke 04 die Klasse hält. Diese Konkurrenz in unmittelbarer Nachbarschaft hat Tradition. Das wünschen wir uns auch für das nächste Jahr», sagte der einstige BVB-Profi. Der Erzrivale der Dortmunder aus Gelsenkirchen rangiert in der Fußball-Bundesliga derzeit auf einem Abstiegsplatz.

Zorc kommentierte Medienberichte über einen möglichen Wechsel von Fußball-Nationalspieler Julian Brandt nach England. «Ich habe das auch gelesen. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Es hat sich niemand gemeldet, es liegt nichts auf dem Tisch», sagte er mit Bezug auf Meldungen, wonach der FC Arsenal eine Verpflichtung des zuletzt formschwachen Brandt schon für diesen Winter erwägt.

Nach Aussage von Zorc hat der BVB für die aktuelle Transferperiode eigentlich «keine großen Pläne». Gleichwohl seien Kader-Veränderungen denkbar. «Meine jahrelange Tätigkeit hat mich gelehrt, dass ich am Anfang der Transferperiode nichts ausschließe.»

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