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Warum der Konflikt weiter eskalieren wird

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Hopp-Anfeindungen
Im Zentrum von Fan-Anfeindungen: Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp. Foto: Roland Weihrauch/dpa © dpa
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Fritz Keller
Fritz Keller, DFB-Präsident. Foto: Roland Weihrauch/dpa/Archivbild © Roland Weihrauch

Der brisante Machtkampf zwischen den Ultras und dem DFB geht in die nächste Runde. Schon bei den Pokalspielen am Dienstagabend könnte das drohen, was in der Bundesliga am Wochenende gerade noch abgewendet werden konnte: der erste Spielabbruch. Sollte es im Pokal-Hit zwischen Schalke und Bayern zu weiteren Schmähungen, Beleidigungen oder Hetze kommen, werden die Königsblauen den Platz nach eigener Ankündigung „verlassen – ungeachtet der Spieldauer, des Resultats oder etwaiger Konsequenzen.“ Dies gelte auch für das Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim am Samstag.

Ein neuer Maßstab, an dem sich der DFB künftig messen lassen muss

Die am vergangenen Wochenende konzertiert vorgetragenen Beleidigungen gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp, die auch ein massiver Protest gegen die Kollektivstrafe für Dortmund-Fans waren, haben das Klima im deutschen Fußball nachhaltig vergiftet. Neben weiteren Unterbrechungen und drohenden Abbruchszenarien stellt sich für den DFB nun die ganz große Frage: Ab wann muss überhaupt eingeschritten werden? Am Wochenende wurde bei Gesängen und verunglimpfenden Plakaten gegen Hopp sofort gehandelt, an diesem Maßstab werden sich der DFB und seine mit immer mehr Pflichten beladenen Schiedsrichter künftig messen lassen müssen.

Der knifflige Punkt: Wann sind Banner oder Fanrufe eine legitime Meinungsäußerung und wann ist die Grenze des Akzeptablen überschritten? Am Montag gab der Verband dazu keine Stellungnahme ab und verwies auf Statements von Präsident Fritz Keller vom Wochenende. Dieser hatte unter anderem gesagt, dass Fans ihre Kritik direkt an den DFB richten sollen anstatt Hopp persönlich zu beleidigen. „Wenn aber ein einzelner Mensch angegriffen wird, der unter diesen Anfeindungen sichtbar leidet, dann muss man sich schützend vor ihn stellen“, sagte Keller, dessen Auftritt im Sportstudio vom Samstag zahlreiche Anhänger noch mehr verärgerte. Der DFB will am Dienstag eine weitere Stellungnahme veröffentlichen.

Das wird auch höchste Zeit, denn dass sich der verfahrene Streit von selbst wieder beruhigt, steht nicht in Aussicht. „Es gibt derzeit keinerlei Anzeichen, dass es sich befriedet. Das alles ist unerträglich - auch für uns“, sagte ProFans-Sprecher Sig Zelt der Deutschen Presse-Agentur am Montag. Vielsagend fügte er an: „Es ist alles offen. Ich persönlich gehe davon aus, dass es weiter eskaliert.“ Eine Rückkehr zu Kollektivstrafen wollen viele Fangruppen partout nicht hinnehmen. Der frühere DFB-Präsident Reinhard Grindel hatte 2017 diese Form der Sanktion eigentlich abgeschafft, bei der Clubs für das Vergehen Einzelner mit Blocksperren, Teilausschlüssen oder Geisterspielen bestraft wurden.

Sowohl in den Pokalspielen Schalke gegen Bayern und Frankfurt gegen Bremen als auch in der Bundesliga, wenn am Wochenende in Gladbach und Dortmund zwei seit Jahren als erbitterte Hopp-Gegner bekannte Fanlager aufeinandertreffen, droht nun die nächste Eskalationsstufe. Gladbachs Sportdirektor Max Eberl appelliert: „Wir müssen jetzt ein Miteinander haben. Diese Kraft haben wir durch unseren Sport. Es muss aber auch die Kraft von der anderen Seite kommen“, sagte Eberl in der Sendung Sky 90. Man könnte nicht einfach so Lösungen finden, sondern müsse miteinander im Dialog bleiben, „um diese zu finden“.

Hopp als Symbol für einen größeren Konflikt

Der oft geschmähte und diesmal flächendeckend beleidigte Hopp wischte einen solchen Austausch schnell beiseite. „Ich hatte im Jahr 2010 schon mal ein solches Gespräch, bei dem rein gar nichts herauskam, weil die Herren ihre vorgefertigte Meinung vertraten und sich nicht einen Millimeter bewegen wollten“, sagte Hopp. Er sehe keinen Sinn darin, sich „mit Menschen auseinanderzusetzen, denen ich noch nie etwas getan habe, die mich seit Jahren grundlos massiv beleidigen und gar keinen Konsens wollen.“ Bayern-Trainer Hansi Flick, der nach seinem eigenen Kurven-Einsatz vom Samstag an diesem Dienstag schon wieder betroffen sein könnte, rügte noch einmal das Verhalten der eigenen Anhänger: „Die sportliche Leistung meiner Mannschaft ist letztendlich durch eigene Fans, durch Menschen, die normalerweise zum Verein stehen sollten, verdorben worden mit einer Aktion, die ich nicht gutheißen darf.“

Seither stellen sich die Fragen: Wie weit treiben die Fans ihre Machtprobe noch? Und: Wie kann der DFB deeskalierend auf die Anhänger einwirken? Michael Gabriel, Chef der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), befürchtet eine weitere Verschlimmerung des Zustandes. „Ich glaube, dass alle Beteiligten schauen müssen, dass man diese Spirale stoppt“, sagte Gabriel. In den Schmähungen gegen Hopp sieht er weniger persönliche Attacken auf den 79-Jährigen. „Da geht es meiner Meinung nach auch nicht um die Person Dietmar Hopp, sondern er ist hier Symbol eines größeren Konflikts“, fügte Gabriel an. Ob Hopp auch in dieser Woche das Symbol bleibt, ist offen. DFB-Boss Keller machte aber bereits klar, dass der Drei-Stufen-Plan „für Hassplakate jeglicher Art, auch Rassismus und Antisemitismus“ gelte.


Was passiert, wenn Fußball-Spiele abgebrochen werden?

Das kuriose Ballgeschiebe von Hoffenheim und Bayern als Zeichen gegen Hass und Ausgrenzung stellt auch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) vor neue Herausforderung. Bisher kam es in mehreren Spielen zu den ersten beiden Stufen des sogenannten Drei-Stufen-Plans, die dritte Stufe wäre ein Spielabbruch. Wie würden solche Partien gewertet werden? Der DFB beschreibt dazu in seinen Regeln sowie in der Rechts- und Verfahrensordnung mehrere Konstellationen:

Fall 1: „Wird ein Bundesspiel ohne Verschulden beider Mannschaften vorzeitig abgebrochen, so ist es an demselben Ort zu wiederholen.“

Beispiel: Im April 2008 wurde die Bundesliga-Partie zwischen Nürnberg und Wolfsburg wegen zu starken Regenschauers abgebrochen. Eine Wiederholung erfolgte wenige Tage später ebenfalls in Nürnberg.

Fall 2: „Trifft eine Mannschaft oder ihren Verein oder beide Vereine ein Verschulden an dem Spielabbruch, ist das Spiel dem oder den Schuldigen mit 0:2 Toren für verloren, dem Unschuldigen mit 2:0 Toren für gewonnen zu werten.“

Beispiel: Dieser Fall ist jüngst im Nachwuchsfußball eingetreten, als eine B-Jugend von Hertha BSC geschlossen das Feld verließ, nachdem sie eine rassistische Beleidigung von einem ihrer Spieler beklagten. Das Spiel wurde gegen die Hauptstädter gewertet. Ähnliches hätte wohl auch dem FC Bayern gedroht, wenn die Hassplakate gegen Mäzen Dietmar Hopp am Samstag für einen Abbruch gesorgt hätten. Dass Bayern zu dem Zeitpunkt 6:0 in Führung lag, spielt deswegen keine Rolle, weil die Bayern-Fans sich das Fehlverhalten erlaubten. Markant: Laut der Rechtsordnung kann es demnach auch zwei Verlierer geben, wenn beide am Spielabbruch schuld sind.

Fall 3: „Hat der Unschuldige im Zeitpunkt des Abbruchs ein günstigeres Ergebnis erzielt, so wird dieses Ergebnis gewertet.“

Beispiel: Dies wäre am Wochenende eingetreten, wenn beispielsweise Verfehlungen von Hoffenheim-Fans zu einem Spielabbruch geführt hätten. Die Partie wäre dann nicht mit 2:0, sondern mit 6:0 für den FC Bayern gewertet worden. In den Fußball-Regeln des DFB heißt es zum Spielabbruch, dieser solle „nur erfolgen, nachdem alle zumutbaren Mittel, das Spiel fortzusetzen, erschöpft sind“. Gemäß Drei-Stufen-Plan, der in Sinsheim am Samstag und bei Union Berlin gegen Wolfsburg am Sonntag bis zu Stufe zwei angewandt wurde, löst ein solches Szenario die Stufe drei aus.