Stuttgart & Region

Alarmstufe Rot in Esslingen: Maskenpflicht verkündet

Einfahrt zum Corona-Abstrich-Zentrum
Ein Schild weist die Einfahrt zum Corona-Abstrich-Zentrum. Foto: Sebastian Gollnow/dpa © Sebastian Gollnow

Stuttgart (dpa/lsw) - Mit verschärften Auflagen will der Kreis Esslingen gegen die stark ansteigenden Corona-Infektionen in der Region ankämpfen und eine Eskalation der Lage noch abwenden. Ab Freitag müssen im ersten baden-württembergischen Corona-«Hotspot» auf öffentlichen Plätzen wie in der Fußgängerzone oder auf Wochenmärkten Masken getragen werden, wenn kein ausreichender Abstand eingehalten werden kann. Das verkündete Landrat Heinz Eininger am Donnerstag auf einer spontan anberaumten Pressekonferenz in Esslingen. Außerdem sind private Feiern in öffentlichen oder angemieteten Räumen nur noch erlaubt, wenn höchstens noch 25 Menschen teilnehmen. In privaten Räumen dürfen nicht mehr als zehn Menschen zusammenkommen.

Im ganzen Land bleibt die Pandemielage angespannt. Die Zahl der nachgewiesenen Coronavirus-Infektionen stieg am Donnerstag im Vergleich zum Vortag um 584 Fälle. Insgesamt haben sich nun 52 806 Menschen nachweislich mit dem Erreger Sars-CoV-2 angesteckt. Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus blieb konstant bei 1898.

Der Kreis Esslingen lag am Donnerstag weiter über der Kennziffer von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen. Der Wert stieg sogar auf 54,6, wie die Gesundheitsbehörden mitteilten. Die Landeshauptstadt Stuttgart bewegt sich mit 43,7 weiter auf diese kritische Marke zu. Ansonsten lag kein Landkreis über der Vorwarnstufe von 35 - mehrere aber knapp darunter, wie der Kreis Göppingen mit 34,9.

In Esslingen greift angesichts der hohen Infektionszahlen nun auch das Beherbergungsverbot. Die Länder hatten am Mittwoch mehrheitlich beschlossen, dass Menschen aus Orten mit sehr hohen Corona-Infektionszahlen nur dann beherbergt werden dürfen, wenn sie einen höchstens 48 Stunden alten negativen Corona-Test haben. Greifen soll dies für Reisende aus Gebieten mit mehr als 50 Neuinfektionen je 100 000 Einwohnern binnen sieben Tagen - also auch für den Kreis Esslingen. Fünf Bundesländer hatten zu dem Beschluss aber abweichende Erklärungen abgegeben.

Nach Angaben Einingers ist einer der Infektionsherde im Kreis ein Frachtzentrum der DHL in der Gemeinde Köngen. Dort arbeiteten Flüchtlinge, die in Gemeinschaftsunterkünften in der Nähe wohnten. Insgesamt seien zudem mindestens 26 Schulen, fünf Kindertagesstätten und neun Flüchtlingsheime von Ausbrüchen im Landkreis betroffen, sagte Eininger. Aus Pflegeheimen sei kein Fall bekannt.

Die im Paketzentrum positiv getesteten Mitarbeiter sowie deren Kontaktpersonen hätten sich unmittelbar nach Bekanntwerden der Infektionsfälle in Quarantäne begeben, teilte ein DHL-Sprecher mit. «Derzeit gibt es übrigens keine abschließenden Erkenntnisse darüber, ob sich Mitarbeiter im beruflichen Umfeld infiziert haben oder im privaten Umfeld.» Man habe in sämtlichen Bereichen des Betriebs frühzeitig Vorkehrungen getroffen, etwa Hygienekonzepte oder den Einsatz von Luftfiltern in Paketzentren.

Landrat Eininger führt die steigenden Corona-Zahlen vor allem auf Reiserückkehrer aus den Balkanstaaten und aus der Türkei zurück, die das Virus in ihren hier lebenden Familien verbreiteten. «Und aus den Familien heraus wird es dann in die Kitas, Schulen und Betriebe getragen», sagte Eininger. In der Türkei werde Corona von der Staatsführung eher verharmlost, von dort kämen die Menschen zurück in die Region. Der Ausländeranteil im Kreis liege bei etwa 27 Prozent, sagte der Landrat. «Vor dem Hintergrund ist das, denke ich, auch erklärbar, dass wir hier mehr als in anderen Landkreisen einen stärkeren Aufwuchs der Fallzahlen im Augenblick sehen.» Der Landkreis sei zudem «hochdichtbesiedelt».

Nach wie vor gebe es ein diffuses Infektionsgeschehen, so der Landrat. Zwei Drittel der Infizierten seien zwischen 20 und 40 Jahre alt und hätten viel mehr Kontakte. 50 Mitarbeiter aus anderen Bereichen des Landratsamtes unterstützten bei der Nachverfolgung von Kontakten.

Der Kreis will nun mehr Menschen auf Corona testen. Im bestehende Abstrichzentrum in Nürtingen ließen sich wieder mehr Menschen testen, sagte Christian Baron aus dem Landratsamt. Dort könne man pro Tag 600 Tests durchführen. Mit einem zweiten Abstrich-Zentrum, das nun auf der Messe wieder eröffnet werden soll, könne man täglich mehr als 1000 Menschen testen. Im Kreis leben 530 000 Einwohner.

Landrat Eininger berichtete, dass wieder mehr Menschen mit schwerem Krankheitsverlauf stationär in Kliniken aufgenommen werden müssten. So befänden sich etwa in Kirchheim unter Teck drei Patienten auf der Isolationsstation. In Nürtingen seien fünf Patienten isoliert - zwei davon auf der Intensivstation. Sie müssten beatmet werden. In Ruit wird ein Patient auf der Intensivstation versorgt.

Der Kreis Esslingen hatte am Vortag als erste Region im Land die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen überschritten. Er gilt nun offiziell als einer von aktuell rund zehn innerdeutschen «Hotspots». «Und der Kreis Esslingen lag bislang immer 14 Tage vor den anderen», sagte Eininger.

Trotz der ansteigenden Infektionszahlen klagte die FDP-Fraktion über Alarmismus und kritisierte erneut das Vorgehen der Landesregierung. «Wir fordern die Landesregierung auf, von ihrer Zahlenfixierung der positiven Laborergebnisse bei COVID-19 weg zu kommen», teilten der Fraktionsvorsitzende Hans-Ulrich Rülke und der gesundheitspolitische Sprecher, Jochen Haußmann, mit. So müssten etwa schwere Krankheitsverläufe berücksichtigt werden. «Ein Alarmismus anhand von unreflektierten Zahlen trägt jedoch nur zur Verunsicherung bei.» Ein Wettlauf um die Einschränkung von Freiheitsrechten helfe nicht weiter.